Polzer | Aufzeichnungen IV; 2002 - 2014 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 4, 404 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

Polzer Aufzeichnungen IV; 2002 - 2014

Neuanfang und Schreiben
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7407-4208-9
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Neuanfang und Schreiben

E-Book, Deutsch, Band 4, 404 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

ISBN: 978-3-7407-4208-9
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den Aufzeichnungen IV verändert sich die Welt. Das Amerikanische Zeitalter scheint vorbei und geht über in eine multipolare Welt. Für uns als Familie, sind die privaten Veränderungen dramatisch. In 2014 annektiert Russland klammheimlich die Krim. Der Westen sieht der territorialen Ausdehnung des neuen Zarenreichs, die bereits in Tschetschenien, Armenien und Georgien begonnen hatte, klammheimlich zu. Weil Europa uneins, Amerika mit sich selbst beschäftigt ist, und Russland als verlässlicher Energielieferant unangreifbar erscheint. Nur Angela Merkel und Francois Holland versuchen mit dem Minsker Abkommen zu retten, was zu retten ist. Doch der Brexit zeichnet sich ab, und das Amerika des Donald Trump zeigt sich bereits als Wetterleuchten am Horizont. Derweil vertraut Deutschland, traumwandlerisch auf die Marktmechanismen des Welthandels, was es in immer größere Energieabhängigkeit von Russland bringt. In 2004 besucht unsere Familie erneut der Tod und raubt uns den Glauben an die Unverwundbarkeit. Kurt, Günther, Gerhard, Susans Eltern sterben, und hinterlassen Leerstellen, die mit vier wunderbaren Enkeln gefüllt werden.

Der Autor ist Deutscher, wohnt heute in München und hat jahrelang im Ausland, den USA, Afrika und Indien gelebt. Seit 2003 hat er mehrere Romane geschrieben: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, The Village, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende, Das Verhängnis, Grenzgänger. Die Aufzeichnungen von 1965 bis in die Gegenwart sind in Arbeit.
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2003


31. Januar: Welch ein grandioses und zutiefst beunruhigendes Welttheater, in dem die Regierungen wie in einer Schmierenkomödie aufeinander einprügeln. Amerika ein Heerlager mit ausgesperrter Opposition, die sich nicht traut den Mund zu öffnen, aus Furcht unpatriotisch zu erscheinen. Kaum mehr eine Stimme der Kritik, Erinnerung nur für ein paar Jahre. Die Politiker als Marionetten der Öl- und Waffenkonzerne. Die Bevölkerung gebeutelt von den Nachrichten über gefälschte Bilanzen, erschwindelte Wahlen, dem ängstlichen Blick auf die bodenlos fallenden Börsenkurse. Ja, es ist furchtbar, was Amerika in New York am 11. September angetan wurde. Aber wenn das Land glaubt, es könne nicht schlimmer werden, so täuscht es sich gewaltig.

Und Europa, eine einzige Kakofonie. Deutschland gesegnet mit einem Kanzler, der auf jeder Dorf-Wahlveranstaltung immer absurdere Sprüche klopft, um auch den letzten Stammtisch-Strategen von seiner Unfähigkeit als Staatsmann zu überzeugen. Talkmaster sollte Schröder werden, er würde bedeutend mehr verdienen, und könnte sich gelegentlich beim Bier entspannt mit Lafontaine über ihre Pausenhof-Streiche in der Politik unterhalten. Aber der Mann tut uns nicht den Gefallen abzudanken, noch nicht, weil er sich, wie jeder Machtpolitiker, für unersetzlich hält.

Dann Chirac, dessen Freundschaft mit Saddam Hussein auf allen Kanälen glänzt. Wie gekonnt er sich hinter den deutschen Diplomaten-Tölpeln verbergen, um sein eigenes Netz zu spinnen?

Derweil Blair in Englands Empire Robe schlüpft, um Europa, in altenglischer Manier zu spalten, und so leichter zu kontrollieren. Nur diesmal nicht zum Nutzen des eigenen Landes, sondern zur Stützung des großen atlantischen Bruders. Aber er muss aufpassen, dass ihm sein Spalt-Brief von gestern nicht um die Ohren fliegt.

Aznar im Ausscheiden, eine lahme Ente, nur in Konservativismus mit Amerika verbunden, mit einer Bevölkerung im Rücken, die keinen Irakkrieg will.

Berlusconi, auch er gegen sein Land. Wer will denn schon mit einem faschistoiden Lügenbold, wäre er auch noch so reich an zusammengeklauten Firmen-Imperien, arbeiten. Dann Polen, Tschechien (mit der Unterschrift Havels, drei Tage vor seinem Ausscheiden erschlichen), und Ungarn. Ein Treppenwitz der Geschichte. Amerika braucht den alten Ostblock, um das ‚alte Europa’ in die Pflicht nehmen zu können. In eine Pflicht, die bedingungslos und kritiklos ist. Die sich aus den Hypotheken des Kalten Krieges ableitet, und die Europa vor Augen hält, dass es nichts anders ist als ein quakender Krämerladen.

Wie deprimierend das alles ist. Wie schnell die Euphorie der 90er Jahre einem grenzenlosen Katzenjammer gewichen ist. Jetzt fehlt nur noch der Volkstribun, der Menschen-Verhetzer, getrieben von maßlosem persönlichem Ehrgeiz, und schon lauert die nächste große Katastrophe in den Kulissen.

Dänemark und Portugal sind auch noch bei den Europäern, die in devoter Kritiklosigkeit den Amerikanern huldigen, damit sie mit Hurra im Irak einmarschieren können. In ein paar Tagen wird die Lage noch verwirrender, dann sind die Landtagswahl in Hessen und Niedersachsen gelaufen, vermutlich mit einem gewaltigen Dämpfer für die SPD, deren Kanzler sich grandios verschätzt haben wird, und für die nächsten Monate erstmal genug haben dürfte von markigen Sprüchen. Denn so falsch ist seine Position ja gar nicht, nur dass er sie permanent mit Posaunen ins Land bläst ist dumm und ärgerlich.

Europa hat Schaden genommen, Schaden durch seine egomanischen Politiker. Für Jahrzehnte lastete die Bedrohung der Sowjetunion wie ein Klotz auf dem europäischen Handeln, und zwang sie in eine gemeinsame Richtung. Jetzt ist der Klotz weg, und es zeigt sich der alte, streitsüchtige, eingebildete, und sich selbst überschätzende Kontinent, der er immer war. Dabei sind die Partnerschaften völlig unberechenbar. Ein alter Franco Anhänger - Aznar- verbindet sich mit einem britischen Reformer - Blair - gegen Europa. Oder ist es gegen Schröder/Chirac, Deutschland/Frankreich. Dabei nehmen sie alle gern das Geld aus Brüssel, das nicht unwesentlich aus Nettozahlungen Deutschlands besteht. Der Frust sitzt tief und wird noch lange schwelen. Das Misstrauen gegenüber den Neuen aus dem Osten wächst erst einmal, die anscheinend Europa als den Hinterhof Amerikas betrachten. Sie wollen vor allem Brüssels Geld, und die Sicherheit der NATO, der Rest ist lästiges, mit Geschichte überfrachtetes Beiwerk. Na, ob das mal gut geht.

Solange sich nirgends auch nur ein halbwegs passabler Staatsmann abzeichnet, wird nichts besser werden. Wir haben jetzt die Früchte einer jahrzehntelangen Parteiendemokratie, die sich ihre Kader aus den eigenen Reihen nachzieht. Aber alles, was dabei herauskommt, sind Kurzzeit-Sprücheklopfer, um die nächste Wahl zu gewinnen. Schröder hat eine historische Chance, ob er sie nutzen kann, darf bezweifelt werden.

1. Februar: In ein paar Monaten bin ich 60 Jahre alt. Habe ich das begriffen? Nur unvollständig. Susan nimmt die Hürde in zwei Wochen. Sie staunt immer noch darüber, das überhaupt geschafft zu haben. Es gab einige Prognosen in ihrem Leben, die das nicht erwarten ließen.

Aber was bedeutet das? Ein Einschnitt, gravierende Veränderungen? Ich weiß es nicht. Das Einzige, was ich weiß, ist meine Sucht weiterzuarbeiten und zu kämpfen. Ich könnte aufhören und mich zur Ruhe setzen. Nur, was heißt zur Ruhe setzen, wenn das Innere alles andere als ruhig ist. Vieles hat sich in mir angesammelt über die Jahre an Erfahrung. Manches war verschüttet durch die letzte Zeit bei Dornier. Der große Vorsitzende hatte sich auf eine Lebensinsel zurückgezogen, und begann sich und seine Umgebung immer enger zu sehen. Das ist jetzt weg, aber ich bin müde geworden, und manchmal zweifle ich daran, ob ich managen noch in der ganzen Breite kann und will. Und doch lade ich mir die Sache in Berlin noch einmal auf, so uns denn die Finanzierung gelingt. Erneut, wie so oft zuvor, weiß ich nicht genau, warum ich das tue. Ist es das Geld? Wohl auch ein wenig. Es erleichtert den Blick auf das Finanzierungsmodell der nächsten Jahre, bis 63, und hilft den Mädchen über die Beteiligung, so ich das Unternehmen richtig in Schwung bringen kann. Das ist es wohl, das Gefühl noch einmal etwas in Schwung bringen zu wollen, und davon überzeugt zu sein, das auch zu können.

Susan hat gut reagiert, als ich ihr die Berlin Sache erklärte. Sie wird mitmachen, wie immer zuvor. Es ist gut einen verlässlichen Partner zu haben. Die Mädchen stützen das sowieso. Sie sind Arbeitstiere und voller Verständnis für das Bedürfnis etwas zu ‚machen’.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob alles nur eine Illusion ist, die mit einem Anruf zerstiebt. Wenn die Finanzierung der MFH (Magnetic Fluid Hyperthermia) klappt, wird es...



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