E-Book, Deutsch, Band 5, 508 Seiten
Reihe: Aufzeichnungen
Polzer Aufzeichnungen V; 2015-2019
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7407-4255-3
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 5, 508 Seiten
Reihe: Aufzeichnungen
ISBN: 978-3-7407-4255-3
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eckhard Polzer hat Luft- und Raumfahrt studiert, eine große Medizitechnik Firma geführt und geholfen mehrere Start-up Firmen zu gründen. Er hat jahrelang in Afrika, Asien und den USA gearbeitet. 2003 hat er zu schreiben begonnen und inzwischen mehrere Romane, Kurzgeschichten und die Aufzeichnungen I-V im Selbstverlag veröffentlicht. Polzer ist verheiratet und lebt in München. Er hat zwei Töchter und fünf Enkel.
Autoren/Hrsg.
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2016
5. Januar: Sie sind wieder weg. Tara, Momo und Maru gestern Abend nach Johannesburg. Inzwischen sind sie gut angekommen. Elena, Jens, Fedor und Kasia schon am Sonntag zurück nach Berlin. Eine lange Bahnfahrt, müde, aber auch gut angekommen. Und wir, Susan und ich, erstmal erleichtert, dass das Experiment mit neuen Personen, davon vier kleine Racker, ganz gut gelaufen ist.
Jetzt hoffe ich, dass sich meine Prellung des Brustkorbs nicht als Bruch einzelner Rippen erweist. Es war am letzten Tag, endlich ein Hauch von Schnee, rutschen auf Plastikplanen am Hang bei St. Sylvester. Die Jungs jubeln, und ich habe die falschen, rutschigen Schuhe an. Der Rest ist zwangsläufig. Den Hang hinunter, mehr rutschend als rennend, dann unten im Flachen mit voller Wucht frontal auf den Boden. Sofort gewusst, dass ich überzogen hatte. No game for old men. Danach ist man immer schlauer.
11. Januar: Elisabeth, meine Nichte, hatte ein Aneurysma im Gehirn. Thaddäus konnte gerade noch rechtzeitig den Notarzt rufen, aber sie ist immer noch im Koma. Edda meint, die Vitalfunktionen seien da, aber was heißt das. Ihre Stimme zeigt Besorgnis und Müdigkeit. Sie ist 77, da macht es keinen Spaß mehr mit der Erziehung eines 16-jährigen beauftragt zu werden. Aber wer sonst könnte es tun? Sie muss durchhalten. Parolen, die nichts nützen. Glück brauchen wir, dass Elisabeth überhaupt, und dann so bald wie möglich wieder auf die Beine kommt.
Drei junge Mütter, erste Kinder, schreiendes Baby, trauriger Hund, zu viel Lärm. Das Occam Deli kann auch schrecklich sein.
11. Januar: Wir schaffen das, kehrt sich gerade um. Dilettantismus bei der Polizei, planerischer Notstand immer noch in Berlin und Hamburg, (Elbphilharmonie), wachsende Kriminalität bei einigen Flüchtlingen, denen das gelobte Land versprochen wurde, zumindest haben sie es so verstanden, ein Gehalt, Häuser, das Paradies. Und jetzt die Schulden an die Schleuser, das Drängen auf Hilfe von den zurück gebliebenen, der wachsende Druck aus der Bevölkerung sich anzupassen, ohne dass die jungen Kerle verstehen, was von ihnen erwartet wird. Also machen sie halt weiter, so, wie sie in Syrien oder ihren Heimatländern aufgehört haben. Gelegenheitsjobs, Frauenverachtung, Machogetue ohne jede Basis. Was soll da zu schaffen sein? Sprache lernen, Job annehmen, anpassen? Da ist es bedeutend leichter den Versprechungen krimineller Gruppen zu lauschen, und schließlich nachzugeben. Sie sprechen ihre Sprache, kennen die Verhältnisse, finden den Ton, der einen verunsicherten Teenager aus der Reserve lockt, und ihm sein Selbstwertgefühl zurückgibt.
Wenn es total schief geht, könnte Merkel über ihrem Willkommensgruß stürzen. Noch ist es nicht soweit. Aber die Isolation Deutschlands in Europa wächst. Leute wie Seehofer bekommen Oberwasser, und die Rechtsradikalen lachen sich ins Fäustchen.
13. Januar: Gestern ist Elisabeth endlich aufgewacht, sagt Edda, was das bedeutet ist noch unklar. Immerhin sind ihre Vitalfunktionen intakt.
Seltsam, jedes dieser Worte hat Bedeutung, und doch sagen sie fast nichts über Elisabeths wahren Zustand. Vital? Heißt das, normal leben können, oder ist es nur der Reflex auf Stimulation? Intakt? Heißt das, spontan, auf dem sich aufbauen lässt, oder reicht es gerade mal um zu überleben, die künstliche Beatmung einzustellen, die Augen zu öffnen, etwas wahrzunehmen, menschliche Regungen? Alles offen.
Aber ist es nicht überall dasselbe? Wir werden von Wörtern erschlagen, meist nichtssagende politische Floskel, um zu beruhigen. Das geht eine Weile gut, wie seit Monaten in der Flüchtlingsfrage, und dann passiert etwas, das alle vorherigen Beschwichtigungen über den Haufen wirft. Und auf einmal wirkt alles glasklar. Die Angreifer sind Marokkaner, junge Kerle, von der Familie ins gelobte Land Europa entsandt, um so viel Geld wie möglich zusammenzukratzen, bevor sie zurückgeschickt werden. Alles bekannt, doch nie thematisiert, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Und wie kommen sie ans Geld? Bestimmt nicht, indem sie erstmal die Sprache lernen, die Art zu leben, sich über Jahre zu integrieren versuchen. Nein, sie gleiten in die Kleinkriminalität, stehlen und grapschen, was ihnen in die Finger kommt. Ein paar Arschbacken oder Griffe in den Schritt fallen da schon nicht mehr ins Gewicht. Dachten sie? Oder haben sie recht? Denn alles was jetzt passiert, sind ein paar verschärfte Paragrafen mehr, die nur die Verunsicherung und Hilflosigkeit der Politiker widerspiegeln.
Und alles fängt mit den Wörtern an. Sie müssen die Realität so gut es geht beschreiben. Kein Verschleiern, kein darum herumdrücken. Wir sind keine gelenkte Demokratie mit gefälschten Wahlen, in der die Presse sich freiwillig einen Maulkorb anlegt, weil sie ihre Rolle verwechselt. Nicht Steigbügelhalter der Politik sind die Journalisten, auch nicht das Korsett der Gesellschaft, die es zu bewahren gilt. Nein sie vermitteln Informationen, und zwar möglichst genau und unabhängig.
Und das Recht? Sind die Richter noch frei, wenn ihnen der Wind wie jetzt ins Gesicht bläst? Geht doch nicht, sie sind ein Teil des Ganzen, ob ihnen das gefällt oder nicht. Das heißt nicht, dass wir einen neuen Freisler brauchen. Aber abwiegeln und verzögern hilft auch nicht weiter. ‚Mit aller Härte des Gesetzes’, was soll das heißen, wenn sich die Verfahrensberge häufen, was zum Kollaps der Gerichte führt.
Na und, was geht es mich noch an? Mich interessiert eher, ob der Mund bei 50-Jährigen Frauen sich zum Rechteck verformt, wenn sie lachen, oder doch eher zum Oval. Ob ihr schriller Schrei vor dem eigentlichen Lachen Unsicherheit signalisiert, oder doch eher Befreiung. Ob Großeltern sich im Alter wieder auf das Niveau ihrer Enkel begeben, oder nur auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren. Und was tun alle dazwischen? Hoffen und bangen, warten auf den Tod, das Leben strecken, wie ein Gummiband, bis es birst. Seit Jahrtausenden geht das so, nur die Kulissen ändern sich ständig.
18. Januar: Jenny Erpenbeck berichtet durch die Augen ihres Protagonisten, Richard, in dem Deklinationsroman, , lapidar über ihre Sicht auf die Flüchtlinge. Vor allem von ihrer großen Verwunderung über die Welt außerhalb des gewohnten Berlins. Und da zeigt sich, wie wenig die Szene...




