Polzer | Aufzeichnungen VI; 2020-2023 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 6, 620 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

Polzer Aufzeichnungen VI; 2020-2023

Am Beginn einer neuen Weltordnung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7407-6100-4
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Am Beginn einer neuen Weltordnung

E-Book, Deutsch, Band 6, 620 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

ISBN: 978-3-7407-6100-4
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir wissen, dass wir ein Problem in der Zukunft haben, deshalb klammern wir uns an die Gegenwart, wie ein Ertrinkender, der das Wasser nicht erkennen kann. Alles um uns herum besteht aus Erzählungen, die nicht zu Ende geführt werden können, weil sich die zugrunde liegende Geschichte schneller verändert als wir denken können. Da sind Technologien, die immer schneller, immer komplexer werden - Energieerzeugung, Carbon Capture, Digitalisierung, und die Art wie wir leben - Kommunizieren, Fliegen, Arbeiten, sogar wie Politik gemacht wird. Wir erleben den Beginn der hybriden Kriegsführung, wo ein Vasallenstaat Russlands, Belarus, Menschen dazu benützt, Europa zu destabilisieren. Und wir erleben, wie sich Konzerne, gestützt auf ihre Algorithmen, zu Weltherrschern aufschwingen, weil ihre Kunden, Nutzer, oder wie immer sie heißen mögen, sich wissentlich in Abhängigkeit begeben. Und so entsteht eine neue, vernetzte Erzählung, die sich nur langsam aus dem Nebel schält. Noch ist sie unvollständig, weil sie immer wieder neu geschrieben wird. Vor allem aber von jedem Einzelnen neu interpretiert wird. Doch einige Protagonisten dieser Zukunftserzählung stehen bereits fest: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Medizin, die Künstliche Intelligenz, die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und dem Sudan, die das Potential haben, die Welt zu verändern. Und über allem schwebt der Schleier des Klimawandels, dessen Auswirkungen wir ahnen, aber nur schwer in den Griff kriegen. Immerhin sind die alternativen Energien auf dem Vormarsch. Sie könnten zum Schlüssel in eine bessere, zumindest sauberere Welt werden.

Eckhard Polzer hat Luft und Raumfahrt an der Teechnischen Universität München studiert. Er hat lange im Ausland, u. A im Zaire, Nigeria, Indien und den USA gearbeitet. Seit 2003 hat er mehrere Bücher geschrieben. Mit seiner Frau Susan lebt er in München.
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2021


Am 6. Januar stürmt ein wild gewordener Mob unter den Anfeuerungsrufen des abgewählten Präsidenten das Kapitol in Washington DC. Ein unerhörter, unvorstellbarer Akt, die Welt kriegt vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Stimmen werden laut, Trump noch vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit aus dem Amt zu entfernen. In der N.Y.Times plädiert Paul Krugman für ein Ende der Toleranz, zu lange hätte man die Faschisten im Land gewähren lassen. Und der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, General Milley, versichert seinem Gegenpart in China, dass die USA nicht beabsichtigten China anzugreifen. Gleichzeitig wächst weltweit das Gefühl, dass mit Joe Bidens Wahl zum Präsidenten, die Demokratie sich doch als stärker erwies, als die radikalen und autoritären Kräfte.

Und der Westen beginnt sich zu hinterfragen. Fragen vor allem zum Kapitalismus, wie er in den USA praktiziert wird. Thomas Friedman meint, es wäre die Gier und die Globalisierung, die uns auf den Weg ins Disaster brächten. In der ZEIT vom 9. Juli machen sich sieben Ökonomen Gedanken, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum aussehen könnte. Und der Wirtschaftswissenschaftler Scott Galloway flippt in einer namhaften Talkschau aus: „Was wir heute sehen, ist kein Kapitalismus…. Das was wir sehen, ist Vetternwirtschaft, die schlechteste aller Welten…“. Und, wie um sich seiner selbst zu versichern, erinnern die namhaften Zeitungen an Churchills Rede vor 80 Jahren: „Wir werden uns niemals ergeben“, eine der bedeutendsten Reden in der Geschichte der Demokratie. Hitler hatte zumindest einen übermächtigen Antagonisten abgegeben, es war ein teurer Preis.

Das Klima meldet sich zurück, trotz Corona. Buschfeuer und Überflutungen sind Warnung genug, um endlich Maßnahmen zu ergreifen, die CO 2 Emissionen drastisch zu reduzieren. Im deutschen Ahrtal fegt eine Flut durch das enge Tal, reißt Häuser und Brücken nieder und tötet über siebzig Menschen.

Angela Merkel hält sich aus dem Wahlkampf heraus und geht stoisch ihren Geschäften als scheidende Kanzlerin nach. Sie hat es verstanden sich einem Spiel von Intrigen, Demütigung und Rache zu verweigern. Dafür gebührt ihr weltweiter Respekt und Anerkennung. Derweil wechselt in Israel die Regierung, eine 5 Parteien Koalition übernimmt, und Netanjahu übt als Oppositionsführer eine Rolle, die er innerlich verschmäht, während die Hamas ihn bereits vermisst, denn beide haben es verstanden sich gegenseitig über Jahre die Macht zu erhalten.

Der Historiker Edmund Fawcett schreibt über Konservativismus und bezeichnet Orban und Kazinski als Autokraten, die ihre Sozialisierung im Osten Europas geformt hat. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass sich Europa bereits in einem neuen Zeitalter des Hasses befindet. Im Internet und auf den Straßen wird gehetzt, und Deutschland sollte einen Blick auf die Zeit der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre werfen, damit Ähnliches nie mehr passiert.

Ayad Akhtar spekuliert in der ZEIT, dass die Menschheit kaum noch Chancen hat, der digitalen Manipulation zu entkommen. Nur Elon Musk bewahrt die Zuversicht und glaubt, dass das Überleben der Menschheit von einem letzten Gefecht abhängt, das im Kampf gegen die Technik mithilfe der Technik entschieden wird.

In Deutschland nimmt eine Dreierkoalition von SPD, Grünen und FDP die Regierungsgeschäfte auf. Die Erwartungen und Anforderungen sind hoch. Die CDU muss unter Schmerzen in die Opposition.

Ende August marschieren die Taliban in Kabul ein und übernehmen damit ganz Afghanistan. Die Regierungstruppen, immerhin 350000 Mann stark auf dem Papier, versickern einfach in der Bevölkerung. 20 Jahre westlicher Dominanz und Hilfe gehen im Chaos zu Ende.

1. Januar: Das neue Jahr, kaum dass es begonnen hat, wird bereits mit überzogenen Erwartungen beladen. Besser muss es werden als 2020, aber warum eigentlich? Denn ganz so schlimm, Corona außer Acht lassend, war es gar nicht, als dass es 2021 unbedingt überbieten müsste. In 2020 wurde immerhin Trump abgewählt, obwohl er das in seinem narzisstischen Selbstverständnis ganz anders sieht. Und das gegen jede Vernunft als Betrug bezeichnet, bloß weil die Mehrheit der Wähler ihn nicht mehr sehen und hören konnte (nach 4 Jahren Genöle).

Und der Brexit ist endlich geschafft. Nicht dass ich den Engländern Böses wünsche, sie gehören zu unserem Kontinent und haben Großes geleistet, aber die Trennung von der EU auf Basis eines Lügengebildes gehört sicher nicht dazu.

Vor allem aber ist das Bewusstsein für den Klimawandel gewachsen. Investoren beginnen sich umzuorientieren, weg von der Kohle, vom Öl, hin zu den erneuerbaren Energien. Und die Politik redet nicht mehr nur. Die EU gibt sich das Ziel aus, 55 % CO 2 einzusparen. Joe Biden will zurück ins Pariser Klimaabkommen und sogar China ist bereit, seine Wirtschaft (bald die größte weltweit) massiv umzubauen.

Und doch ist noch nichts erreicht. In Australien brennt der Busch ungebremst. In Kalifornien nicht weniger, am schlimmsten brennt der Amazonas. Es wird noch viel Veränderung bedürfen, bis alle davon überzeugt sind, dass wir uns, wenn wir so weitermachen wie bisher, die Existenzgrundlage zerstören. Dem Klima und der Erde ist es egal, sie wird sich erholen. Aber uns, den Homo Sapiens, wird es dann nicht mehr geben. Willkommen bei den Dinosauriern.

7. Januar. Gut möglich, dass der gestrige Tag in die Annalen Amerikas als einer der schlimmsten seit der Unabhängigkeit eingeht. Seit 1813, als die Briten das Capitol niederbrannten, wurde dieses Symbol der Demokratie nicht mehr so attackiert.

Was ist das nun, fragt einer der zunehmend hilflosen Kommentatoren auf CNN? Ist es das Ende von etwas, der Regierung Trump, oder ist es der Beginn eines unterschwelligen Bürgerkriegs, der jederzeit auch offen ausbrechen kann, weil die aggressive Grundstimmung der Wahlverlierer immer wieder aufs Neue angefacht wird. Eine Stimmung, die von Lügen, Verdrehungen und inzwischen auch Drohungen gegen den Staat bestimmt ist. Der Präsident, einen Titel den er schon lange nicht mehr verdient, scheint unfähig zu regieren. Er wühlt nur noch in unbewiesenen Verschwörungstheorien, wie ein Schwein im Schlamm. Genüsslich türmte er Lüge um Lüge übereinander, bis in den Köpfen seiner Anhänger Misstrauen und Verachtung für Andersdenkende entstand, die sich nach weiterem Zündeln Trumps, mitten in den Hallen des Kapitols entlud. Das Land ist vergiftet, auch weil es Trump gelang, ein Kabinett aus Schleimern und Ja-Sagern um sich zu scharen, die sich nicht trauten ihm zu widersprechen. Und so fühlte er sich bestätigt in seinem fiktiven Alternativ-Universum. Da könnte er noch brüten - es sind nur noch zwei Wochen bis zum Machtwechsel - hätte er nicht immer noch die Schlüssel zur Macht in der Hand. Wie gefährlich er dadurch ist, bewies er gestern, als er die National Guard daran hinderte einzuschreiten, um gegen den Mob - den er getreue Patrioten nennt - vorzugehen. Das Ergebnis ist eine veritable Staatskrise, die nicht so genannt wird, weil er als „lame duck“ angesehen wird, unfähig größeren Schaden anzurichten. Aber stimmt das wirklich? Was passiert, wenn ein iranischer Hardliner die Gunst der Stunde nutzt und am Persischen Golf eine Rakete abfeuert, die einen amerikanischen Stützpunkt zerstört. Löst der prompt von Trump befohlene Gegenschlag einen flächendeckenden Krieg aus, der Bidens Amtsantritt erschwert? Oder findet Trump sogar noch einen aktiven Flynn, der für ihn den „Ernstfall“ auslöst? Die „Pueblo“ lässt grüßen. Man hat erst Jahre später herausgefunden, dass der Zwischenfall im Golf von Tonkin inszeniert war. Aber da war Amerika längst im Sumpf des Vietnamkriegs versunken.

Und was machen die Republikaner? Sie sollten sich umbenennen in Stiefellecker Partei. Das Schauspiel, das sie bis zuletzt mitgespielt haben, ist nicht mehr zu überbieten. Egal was Trump tat, sagte, so abstrus es auch sein mochte, es wurde von Senatoren und Kongressabgeordneten wiederholt, weitergeleitet und verbreitet. Das wahre Ausmaß der Schuld, die diese Partei in ihrer blinden Gefolgschaft für einen durch und durch autokratischen Führer auf sich geladen hat, wird wohl erst nach dem Regierungswechsel klar werden.

Ist Amerika am Ende? Erdrückt unter der Last von 400 000 Corona Toten, der Wut und Verachtung bewaffneter Milizen, die jede Form der Regierungsgewalt ablehnen. Die getragen von einem unsäglichen Freiheitsbegriff auch bereit sind zur Waffe zu greifen. Nach gestern Abend ist nichts mehr ausgeschlossen. Ein Gutes hat die von Trump ausgelöste Mob-Attacke. Jeder weiß jetzt wer Trumps wirkliche Anhänger sind - nämlich Hassprediger, Waffennarren und Verschwörungstheoretiker. Nicht zu reden von Rassisten und Kreationisten, für die die Erde immer noch flach ist. Und jeder, der jetzt immer noch zu Trump hält, wird sich fragen lassen müssen für was er steht. Demokratie oder Führerkult. Denn die Parallelen sind unübersehbar, eine...



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