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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 476 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

Polzer Aufzeichnungen

1965 - 1979
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7407-2339-2
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

1965 - 1979

E-Book, Deutsch, Band 1, 476 Seiten

Reihe: Aufzeichnungen

ISBN: 978-3-7407-2339-2
Verlag: TWENTYSIX EPIC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Ich gehöre einer Generation an, die in gewisser Weise singulär in der Geschichte ist. Menschen vor mir haben große Umbrüche erlebt, ich aber sah und erlebte, wie die Felder mit Sensen per Hand gemäht wurden, wie Heuwagen, von Pferden gezogen in die Scheune eingefahren wurden. ... Ich sah den Übergang in die industrielle Landwirtschaft auf riesigen Feldern imn amerikanischen Westen..", schreibt Werner Herzog in seinem Buch "Jeder für sich und Gott gegen alle", und gibt damit einem Gefühl Ausdruck, das uns Kriegskinder ein Leben lang begleitet hat. Verlorenheit und Entwurzelung beschreibt es wohl am besten, ein Gefühl, das auch in den Aufzeichnungen vorherrscht.

Der Verfasser dieser Zeilen wohnt mit seiner amerikanischen Frau in München. Er hat jahrelang in den USA, Afrika und Indien gelebt. Nach einer erfolgreichen Karriere als Konzernmanager und Firmengründer hat er mehrere Romane geschrieben: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende, Das Verhängnis, Grenzgänger. Die Aufzeichnungen, ein mehrbändiges Projekt über die Zeit von 1965 bis in die Gegenwart, sind in Arbeit
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Vorwort


Nichts was in den steht ist wirklich neu, über alles wurde in irgendeiner Form geschrieben, nachgedacht und möglicherweise verworfen. Gültige Thesen, Jahrzehnte alte Wahrheiten, abgelöst durch den Verlauf einer neuen Krise irgendwo auf dem Erdball. Schmetterlings Effekt mit realen Auswirkungen auf unser aller Leben.

Der entscheidende Impuls für mich, den Stift immer wieder in die Hand zu nehmen, war die Verwunderung über die Vielfalt der Welt. Nichts, was das Fass zum Überlaufen brachte, einfach nur ein weiterer Anstoß, eine Kladde nach der anderen zu füllen. So entstand ein Konvolut aus Bildern und Eindrücken gesammelt und beobachtet über einen Zeitraum von mehr als sechzig Jahren. Während einer Zeit, die später möglicherweise von den Historikern als entscheidend angesehen wird, wenn sich die Menschen fragen, wie, wann und warum sind wir unwiederbringlich in die Katastrophe geschliddert, oder es gelungen ist, das Klima doch noch so zu stabilisieren, dass die Erde lebenswert bleibt.

Während ich das schreibe finden in England die Feierlichkeiten zum Tod Elisabeths II statt. Manche nennen ihre Regentschaft bereits das zweite Elisabethanische Zeitalter, nachdem die erste Elisabeth England von einer zweitrangigen europäischen Macht in eine formidable Seemacht verwandelt hatte. Es war der Grundstein für ein weltumspannendes Imperium. Und dieses Mal? Ist es wohl tatsächlich das Ende des ‚Empire‘, und einer langen Epoche, die Werner Herzog als eine gewaltige für die Menschheit bezeichnet:

All das war mir auch vergönnt. Und dann flog Nixon 1972 nach China, um Mao Tse Tung zu treffen. Es war der Beginn eines unvergleichlichen Aufschwungs einer uralten Kultur zu neuer Weltmacht. Gleichzeitig fuhr ich mit Susan monatelang durch Indien, das sich schon damals durch China herausgefordert fühlte. Zwei Jahre zuvor saß ich am Akosombo Damm in Ghana, in Nkrumahs Augen das Symbol für die neu erlangte Unabhängigkeit des Landes. Und flog weiter in ein Südafrika der Apartheid, wo das Massaker in Sharpville vom 21. März 1960 noch im Gedächtnis brannte, und die Ermordung der Schulkinder Sowetos noch bevorstand.

Im Frühjahr 1979 sind wir mit zwei kleinen Kindern und einem großen Luftfrachtkarton nach Washington DC gezogen, in ein kleines Haus in Virginia, am Lake Barcroft. Das Haus war leer, die Wände weiß und verlangten danach bedeckt zu werden. Als ich Hammer und Nagel in die Hand nahm, merkte ich, dass sich hinter der glatten Oberfläche eine andere Welt verbarg. Keine Ziegelwand, wie gewohnt, sondern Gipspappe auf Holzkonstruktionen. Ein Studium der Luft- und Raumfahrt, Reisen nach Afrika und Indien hatten mich gelehrt von außen auf die Dinge zu sehen, aber jetzt wurde mir klar, dass ich hinter die Oberfläche sehen musste, um wirklich zu verstehen.

Dies ist keine Familienchronik, auch keine Abrechnung mit dem Schicksal, am wenigsten ein Hadern mit dem, was unserer Familie widerfuhr. Im besten Fall ein Rückblick voller Verwunderung, was Menschen in Extremsituationen zu leisten in der Lage sind.

Wir waren einmal eine tief verwurzelte Sippe, Bauern, Handwerker und wohl auch Tagelöhner, die sich hochgearbeitet haben, indem sie die Scholle, auf die es sie verschlagen hatte, fruchtbar machten.

Seit Beginn der Rekatholisierung um 1600 in Mähren ist das Leben der dortigen Menschen in Kirchenbüchern, (heute in Regensburg, Bayern), gespeichert. Ein erster Polzer, Johann, erscheint um 1635, bald darauf eine Marina Polzer in 1655 bereits in Dittersdorf, wo die Familie bis ans Ende des Zweiten Weltkriegs lebte. Ab da wurden die vormals fest Verwurzelten zu einem Volk von Nomaden, das über die gesamte Welt verstreut wurde. Ich bin einer davon.

Als mir meine Schwester Edda, an Weihnachten 2012, Fragmente an Erinnerungen zuschickte, zusammen mit Kopien der letzten Briefe meines Vaters, die ein freundlicher Mensch aus dem Sütterlin übertragen hatte, damit ich sie lesen konnte, meinte sie: „Mit den Briefen unseres Vaters wirst du ihn wohl nicht ‚kennenlernen’, aber vielleicht machst du dir ein Bild davon, was er für ein liebevoller Mann war.“

Nach vier Jahren an der Front im Osten schrieb mein Vater, Franz Polzer, geboren am 21. Januar 1910, an seine Frau Olga Polzer, geborene Nather, am 30. August 1914, seinen Abschiedsbrief, ohne zu wissen, dass es der letzte war. Vater galt lange als vermisst, starb aber vermutlich in den verlustreichen Kämpfen in Ostpreußen, als die Rote Armee begann Hitler-Deutschland zu vernichten.

Unser Haus in Dittersdorf

Vater vor unserem Haus in Dittersdorf

Meine Mutter verließ Anfang 1945 in einem Viehwaggon, zusammen mit ihren drei kleinen Kindern, den Schwiegereltern und einem alten, gebrechlichen Onkel, Dittersdorf, Sudetenland. Über ein Zwischenlager gelangten sie nach Bayern. Mutters einzige Bitte war, in einem Ort mit Eisenbahnanschluss einquartiert zu werden, an dem die Kinder zur Schule gehen konnten. Sie war von einem Tag auf den anderen eine arme Frau geworden, deren Alltag durch Not und Hunger geprägt war. Der Vater blieb lange vermisst, was eine trügerische Hoffnung nährte, die von Jahr zu Jahr fraglicher wurde. Mitte 1955, nachdem Adenauer den Sowjets ein Kontingent von 15000 Kriegsgefangenen abgekauft hatte, und Vater nicht dabei war, gab Mutter auf. Sie hat ihn für Tod erklärt. Es war nur noch ein Verwaltungsakt, die Liebe hatte sich längst in Schmerz verwandelt.

Mutter blieb eine gute Erzählerin, deren Geschichten uns Kindern und Enkeln Trost und Vertrauen spendeten. Manche waren wie kleine Abenteuer, Cameos voller Spannung, erlebt in einer Zeit größter Umwälzungen.

Am Ende des letzten Jahrhunderts diktierte sie den folgenden Brief an ihren Großenkel Berhard Brey, aufgenommen von ihrer Tochter Inge.



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