E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Polzer Casablanca
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-6911-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stories II
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-8192-6911-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor wohnt in München und hat jahrelang im Ausland, den USA, Afrika und Indien gelebt. Er hat mehrere Romane geschrieben: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, The Village, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende, Das Verhängnis, Grenzgänger. Die Aufzeichnungen, sechs Bände über die Zeit von 1965 bis in die Gegenwart, sind eine umfassende Sicht auf die politischen und technologischen Veränderungen im Westen und in der Welt. Okavango und Casablanca, sind eine Reihe von Kurzgeschichten.
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Casablanca
Mit lautem Knall entlädt sich die Gewitterwolke, die seit dem Brenner über ihnen hing. Schwere Regentropfen prallen auf die Windschutzscheibe und ersticken das Schlagen der Räder auf den Betonplatten der Autobahn. Karl stellt die Wischer auf maximale Geschwindigkeit.
„Nicht gerade einladend das Wetter. Du siehst ja fast nichts?“, sagt Nora.
„Die Rücklichter des Vordermanns reichen mir. Es ist nur ein Aprilschauer, du wirst sehen, das Wetter bessert sich sobald wir das Etschtal hinter uns haben. Vor Jahren, auf dem Rückweg aus Italien, geriet ich hier schon einmal in einen Gewittersturm. Hagelkörner groß wie Taubeneier prasselten auf das Auto, danach sah es aus, als hätte es die Pocken. - Hast du dich erschreckt?“
„Nur kurz, als das Wasser wie ein Hammer auf die Scheibe knallte. Ich mag keinen Regen beim Autofahren. Vor Jahren kam ein Freund von mir auf nasser Straße zu Tode. Wie weit willst du heute noch fahren?“, wechselt Nora schnell das Thema.
„Bis Porto Ercole, dort gibt es ein kleines Hotel direkt am Hafen. Ich denke, es wird dir gefallen.“ Drei Wochen, ein Wunder, dass wir es überhaupt geschafft haben uns frei zu machen. Die Diagnose kurz vor der Abfahrt, nichts Neues. Es wird schon noch eine Weile halten, denkt er.
Für einen Moment fährt er dem Vordermann zu nah auf. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie sich Nora verkrampft. Lächelnd legt er die Hand auf ihr Knie. „Tut mir leid, ich war in Gedanken woanders.“
„Wo denn, mein Lieber?“
„Bei dir, bei uns. Wie wenig ich von dir weiß, und wie glücklich ich bin, dich bei mir zu haben.“
„Ich fahre gern mit dir. - Was siehst du, wenn du durchs Etschtal fährst?“, sagt sie, als wolle sie dem Gespräch eine andere Richtung geben.
Er überlegt kurz, was sie meinen könnte: „Berge. Kurz vor Trento, Obstplantagen. Jetzt nur Gischt. Aber eigentlich verstehe ich die Frage nicht. - Was siehst du?“
Er antwortet wie ein Chirurg, denkt sie. Einer der sich über seinen Patienten beugt und nur auf das Wesentliche konzentriert. „Ich mag den Oleander zwischen den Leitplanken. - Und manchmal sehe ich Horden von Germanen, die über den Brenner pilgern, weil es bei uns zu kalt ist“, schiebt sie lachend hinterher.
Karl drosselt die Geschwindigkeit, die Gischt vor ihm ist zu dicht geworden. Er lacht. „Moderne oder alte Germanen? Manche Italiener betrachten uns vermutlich immer noch als Invasoren.“
„Tun sie das?“
„Keine Ahnung, ist wohl eher Geschwätz.“
Für eine Weile hängen sie ihren Gedanken nach, bis Karl den Gesprächsfaden von vorhin wieder aufnimmt. Der Regen hat nachgelassen, und er braucht sich nicht mehr ausschließlich auf die Straße zu konzentrieren. „Habe ich dir schon gesagt, dass mich in letzter Zeit häufig ein Gefühl von Hilflosigkeit beschleicht, wenn ich dich betrachte. Du scheinst nicht zu altern, ich dagegen kann zusehen, wie ich langsam verwittere.“
„Was ist das, eine Beichte?“, lacht sie.
„Eher nicht.“ Soll ich es ihr sagen, denkt er, den Blick der Assistentin im Kopf, als sie den Schallkopf abwischte und auf das Gerät steckte. „Warum bist du mitgekommen? Du hast keinen Moment gezögert, als ich dich darum bat, mich zu begleiten.“
„Ich dachte, das hätten wir schon geklärt. Ich mag dich, sehr sogar.“
„Das ganze Paket?“
„Ja, alles. Und du, was würdest du wählen, wenn du dich entscheiden müsstest, Kopf oder Brust?“
„Was für eine Frage!“
„Stell es dir vor.“
„Geht nicht, sie lassen sich nicht trennen.“
„Versuch es trotzdem.“
„Gut, dann nehme ich den Kopf.“
„Du lügst“, lacht sie laut auf.
„Stimmt.“ Er schmunzelt, sieht sie beide vor sich, als sie sich das erste Mal trafen. Sie arbeitete als Redakteurin für eine Arztzeitschrift und hatte um ein Interview gebeten, weil er gerade zum Chef der Chirurgie einer namhaften Universitätsklinik ernannt worden war. Der jüngste in Deutschland. Das Gespräch lief nicht gut, sie schien ihn nicht zu mögen. Doch als er sie zum Essen einlud, akzeptierte sie ohne zu zögern. „Ich mag sie beide“, sagt er nach kurzem Nachdenken. „Was hältst du von einer Pause? Nach so einer fundamentalen Diskussion über die wesentlichen Dinge des Lebens brauche ich dringend einen doppelten Espresso.“
„Gute Idee, da gibt es sicher auch eine Toilette. - Du hast vorhin lange gezögert, als ich dich nach der Beichte fragte. Vielleicht war es das falsche Wort. Abrechnen wollte ich eigentlich sagen. Bist du schon an dem Punkt, wo du beginnst abzurechnen?“
„Ich wüsste nicht mit was. Mit mir? Vielleicht? Noch sind es nur Gedanken, die kommen und gehen. - Die Raststätte dort sieht gut aus, einverstanden?“
„Ja, gern.“
Er parkt das Auto direkt vor dem Eingang. Als sie zwischen all den Verkaufsständen voller Billigkram den Weg zur Toilette gefunden hat, schwingt er sich auf einen der Hocker vor der Bar und bestellt einen doppelten Espresso. Er zündet sich eine Zigarette an und handelt sich den strafenden Blick der Bedienung ein, doch er ignoriert sie.
„Ich wusste gar nicht, dass du rauchst“, sagt Nora, zurück, und wendet sich auf Italienisch an die Bedienung. „Für mich bitte auch einen Espresso. Sie hätten ihm das Rauchen verbieten sollen.“ Ihr Italienisch klingt perfekt, doch die Bedienung antwortet nur mit einem Schulterzucken, als wäre ihr völlig egal, was der Mann macht.
„Ich dachte: Wir fahren nach Casablanca, da wird es Zeit meine Humphrey Bogart Posen aufzupolieren. Der Kerl hat ununterbrochen geraucht in dem Film“, sagt Karl, als wäre das eine ausreichende Begründung für sein Rauchen.
Nora schüttelt den Kopf, nimmt ihm die Zigarette aus der Hand, zieht daran, und drückt sie aus. Sie gießt sich ein Glas Wasser ein, und trinkt den Espresso in einem Schluck. „Fahren wir weiter?“
„Ja, wenn wir vorankommen wollen.“ Bevor sie gehen, schiebt Karl noch ein saftiges Trinkgeld über den Tresen. „Für die Zigarette“, meint er lächelnd.
„Wie lange wird es dauern bis Porto Ercole?“, fragt Nora auf dem Weg zum Auto.
„Drei Stunden etwa, es hängt davon ab, wie wir über den Apennin kommen. Im April schneit es dort manchmal noch.“
„Wir übernachten und fahren gleich weiter am nächsten Tag?“
„Dachte ich. Aber wir könnten auch einen Abstecher auf die Südseite des Argentario machen. Dort gibt es eine exzellente Trattoria mit freier Sicht auf die Insel Giglio. Wir könnten gucken, wie weit sie mit der Bergung der Costa Concordia gekommen sind. Was für ein größenwahnsinniger Kapitän.“
„Er war verliebt, da tut man verrückte Sachen“, sagt sie, und gähnt. „Ich bin todmüde, stört es dich, wenn ich im Auto ein paar Stunden schlafe. Ich hatte eine kurze Nacht, weil ich noch einen Artikel wegschicken musste.“
„Schlaf, solange du willst, ich kenne die Strecke wie meine Westentasche.“
*****************
Im Apennin, als die Kurven enger, und die Licht- und Schattenspiele der Tunnel-Durchfahrten intensiver werden, wacht Nora auf. Sie reibt sich die Augen und drückt den Rücken durch. „Hier liegt ja noch Schnee“, sagt sie verwundert. „Wie lange war ich weg, wo sind wir?“
„Oben auf dem Kamm. In einer Stunde etwa sind wir in Florenz. Du hast durch die ganze Po-Ebene geschlafen. Wie geht es dir?“
„Ich brauche frische Luft. Könntest du einen Moment anhalten?“
„Natürlich, da vorne in der Bucht. Zieh dir etwas an, es ist kalt hier oben.“
Nora verschwindet hinter einem Felsbrocken. Als sie zurückkommt, atmet sie tief durch. „Jetzt geht’s mir besser. Hast du einen Schluck Wasser?“ Sie weist ins Tal, in dem sich das erste Grün zeigt. „Es dauert wohl noch eine Weile mit dem Frühling.“
„Ab Florenz sind wir mitten drin. Der Ginster müsste bereits in voller Blüte sein“, meint Karl, und reicht ihr eine Flasche Wasser.
Sie spült sich den Mund aus und spuckt das Wasser auf den Boden. „Wir können weiter. - Soll ich eine Strecke fahren, nicht, dass du zu müde wirst.“
„Vielleicht ab Siena.“
Bald öffnet sich die Landschaft, wird weicher, farbiger, mit ockerfarbenen Villen, davor Zypressen und Zedern. In der Ferne glänzt der Florentiner Dom, doch Karl bleibt auf der Autobahn und umfährt die Stadt. „Florenz zeige ich dir ein andermal, außer du kennst die Stadt bereits in- und auswendig.“
„Nein, ich war noch nie dort. Auch nicht in der Toskana. Die Sprüche der deutschen Achtundsechziger Granden über ihre renovierten Bauernhäuser gingen mir auf die Nerven. Ihr Geschwätz von einem Glas Rotwein auf der Terrasse unter silbernem Mond - bei jedem...




