E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Polzer Das Kuvert
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-0056-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Politthriller
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7407-0056-0
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eckhard Polzer hat Luft- und Raumfahrt in München studiert. Er hat viele Jahre im Ausland gearbeitet u.A. in Afrika und den USA. Er schreibt seit 2003 und hat mehrere Romane veröffentlicht: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, Die im Schatten sieht man nicht, Dunkle Wahrheiten. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in München.
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2 Viktors Dilemma
Viktor Paulsen hat am Tag zuvor seinen Vater, Martin Salger, im Krankenhaus besucht, wo der ihn bat, ihn nach Südafrika auf seine Farm zu bringen. Es war kein gutes Gespräch gewesen, weil er spürte, wie wenig ihm Salger vertraute, obwohl er sich die Nächte um die Ohren schlug, um dessen Finanzimperium zu retten.
Er steht vor dem Haus seiner Mutter im Münchner Süden und fragt sich, ob es ein Fehler war zu kommen. Es hat die ganze Nacht geregnet, doch jetzt, unter dem tiefen Blau des bayrischen Himmels, erscheint die Natur wie frisch gewaschen. Vor Jahren waren seine Mutter und Jonas, sein Stiefvater, von einer Reise nach Japan zurück gekehrt und hatten das Haus in eine fernöstliche Insel verwandelt. Holzpaneele und Schiebetüren aus Reispapier, ein ganzes Zimmer zur Meditation mit Tatamimatten ausgelegt. Als Teenager fand Viktor das ganze Getue übertrieben. Aus Protest gegen diesen Purismus, wie er es nannte, strich er die Wände seines Zimmers knallrot und bekleisterte sie mit den Heroen seiner Musik.
Er kramt den Hausschlüssel hervor und ist dabei abzulegen, als Inka aus der Küche tritt.
„Du bist schon da?“, fragt sie erstaunt, als hätte sie ihn noch nicht erwartet.
„Ja, die Autobahn war frei, es ging schneller als ich dachte. Und ich hab sogar meinen Hausschlüssel gefunden.“ Er lacht und hält einen Schlüsselbund in die Höhe. „Ein schönes Bild.“ Mit einem Nicken zeigt er auf den Heckel an der Schmalseite der Wohnzimmerwand.
„Finde ich auch. Jonas’ Anflug von Großzügigkeit. Du hast es immer gemocht, schon als kleiner Junge. Sogar als Teenager noch und das hieß schon etwas.“ Mit einer flüchtigen Geste streicht sie ihm übers Haar und küsst ihn. „Ein schöner Kontrast zu unserer minimalistischen Umgebung. Willst du etwas trinken, essen? Ich hab eine Kleinigkeit vorbereitet. Oder willst du lieber ausgehen?“
„Lass uns hier bleiben. Ein Glas Wein zur Einstimmung wäre schön. Bist du allein?“
„Ja, Jonas ist auf einem Kongress in den USA.“
„Immer noch voll im Saft ihr beide. Wird es dir nicht langsam zu viel?“
„Sollen wir herumsitzen und Händchen halten?“ Inka lächelt, hebt die Schultern und geht zurück in die Küche. Kurz darauf kehrt sie mit einem Tablett zurück, darauf zwei Gläser und eine Flasche Rotwein. „Schön, dass du an mich gedacht hast. Am Telefon hast du dich ziemlich gestresst angehört.“
„Nicht verwunderlich. Salger hat mir einen riesigen Saustall übergeben. Wenn er nicht mein Vater wäre, würde ich einfach hinschmeißen.“
„Wie geht es ihm? - Machst du bitte die Flasche auf.“
Viktor sieht sie bewundernd an. Der Duft ihres leichten Parfums hängt in der Luft und er fragt sich, woher sie diese Souveränität nimmt. Sie ist nicht mehr jung, aber vielleicht gerade deshalb. Ihr erfolgreiches Leben gibt ihr Sicherheit, auch wenn sie ihre Männer gelegentlich durcheinander brachte. „Besser, er lässt dich grüßen“, erwähnt er beiläufig, auch wenn es Salger mit keinem Wort erwähnt hat. „Der Besuch im Krankenhaus war nicht gerade erbaulich. Er ist ein durch und durch misstrauischer Mensch, das bin ich nicht gewöhnt. Ich dachte, als ich dich anrief, dass du mehr von Salger weißt, was mir helfen könnte, den Mann zu verstehen. Als noch unklar war, ob er den Selbstmordversuch überlebt, war es nicht so wichtig, aber jetzt, wo er mir seine ganze Vergangenheit aufgeladen hat, ist es wohl besser ich fange an nachzufragen.“
„Bist du deshalb hier?“
„Ja, und um dich mal wieder zu sehen, natürlich. Das letzte Mal, wann war das? Vor ein paar Monaten“, gibt er sich selbst die Antwort, „war das eher unerfreulich. - Halt dich bitte nicht zurück, und möglichst emotionslos, wenn es geht.“
Sie betrachtet ihn neugierig, zieht die Augenbrauen hoch und schiebt das Weinglas weg von der Kante des Couchtischs.
„Wie geht es ihm?“, wiederholt sie ihre Frage, ohne auf seine versteckte Anschuldigung einzugehen.
„Er kämpft, lernt wieder zu sprechen, aber es geht noch nicht gut. Ich glaube sein Kopf ist noch ganz schön durcheinander. Und misstrauisch ist er, wie gesagt. Er will mir partout nicht sagen, warum er es getan hat. Die Ärzte meinen, er könnte wieder auf die Beine kommen. - Sag schon, wer ist Salger in deinen Augen?“
Sie zieht die Beine auf die Couch und umfängt die Knie mit beiden Armen, ohne Viktor aus den Augen zu lassen.
Wie ein kleines Mädchen, denkt der.
„Emotionslos, wie soll das gehen, du bist mein Sohn, er ist dein Vater. - Am Telefon klangst du ziemlich verwirrt. Private Equity, ein Fonds der seit Jahren in den Miesen ist und nur durch Waffengeschäfte gestützt wurde. Tarnfirmen auf den Caymans. Lauter Sachen von denen ich nichts verstehe. Was hat Salger dir von mir erzählt?“ Sie stellt die Beine zurück auf den Boden und nimmt einen Schluck Wein. Dabei schwappen ein paar Tropfen auf den Tisch. Mit einer flüchtigen Bewegung der Serviette wischt sie sie weg.
„Nicht viel. Dass es eine magische Nacht war, als ihr mich gemacht habt. Dass er dich eigentlich nie vergessen konnte, oder so ähnlich. Was man halt so sagt, wenn man nicht weiß, wie man mit seinem neu gefundenen Sohn umgehen soll. Vermutlich wollte er mir nur das Gefühl geben, dass ich kein reines Zufallsprodukt bin. Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Ich habe mich auf ein gefährliches Spiel eingelassen, das merke ich jeden Tag mehr, und ich weiß nicht, ob ich es hinkriege, dass mir nicht alles um die Ohren fliegt. Vor allem will ich nicht, dass du auch noch hinein gezogen wirst.“
„Mach dir wegen mir keine Sorgen. Es geht nur um dich und um Salger. Der hat sein Leben lang allein gekämpft und muss wohl erst lernen, mit einem Sohn umzugehen. War es überhaupt ein Selbstmordversuch?“
Viktor zuckt nur mit den Schultern.
„Kannst du offen mit ihm reden?“
„Er ist halbseitig gelähmt, das Sprechen fällt ihm schwer. Manchmal kommt er mir vor wie Konrad im Endstadium, den hatte ich auch kaum noch verstanden.“
„Wir können nicht aussuchen, was uns aufgebürdet wird.“
Wie treffend, denkt Viktor. „Ich hoffe, du meinst nicht mich, dass ich dir ein Leben lang eine Bürde war.“
Sie sieht ihn lange schweigend an. Es arbeitet in ihr. Sie versucht es zurückzuhalten, aber dann bricht es doch aus ihr heraus. „Immer noch die beleidigte Leberwurst. Niemand hat dir je das Gefühl gegeben, eine Bürde zu sein. Jonas hat dich wie seinen Sohn behandelt, obwohl du schwierig warst. Dir hat nichts, aber auch gar nichts gefehlt. Wie oft haben wir dich aus irgendeiner Bredouille befreit, in die du dich wegen deiner unsäglichen Teenager-Arroganz hinein manövriert hattest. Und jetzt….“
„Ist gut, Mutter, ich bin nicht gekommen, um mit dir zu rechten. Das ist längst vorbei. Ich will nur deinen Rat.“
„Rechten? Wir sind weit gekommen.“
„So war es nicht gemeint.“
„Aber gesagt. Das ist schlimmer.“
Viktor verzieht das Gesicht, als ginge ihm ihre Empfindlichkeit auf die Nerven. „Erzähl mir lieber, was dich damals geritten hat, mit einem wildfremden Mann zu schlafen, der sich heute mein Vater nennt, und dem ich den ganzen Schlamassel zu verdanken habe.“
„Was spielt das noch für eine Rolle“, sie schüttelt den Kopf, weigert sich für einen Moment darauf eingehen, tut es dann aber doch. „Ich habe dich ohne diesen wildfremden Mann, wie du ihn nennst, groß gezogen. Aber natürlich können wir über die damalige Zeit reden, wenn es dir hilft.“ Sie überlegt eine Weile, irritiert über das, was ihr durch den Kopf zu gehen scheint. Dann zupft sie die Bluse zurecht und lehnt sich zurück. „Mein Vater war ein Despot, ich wollte so früh wie möglich weg von Zuhause, aber Berlin blieb mir lange fremd. Eines Abends, Konrad und ich hatten uns zuvor fürchterlich gezankt, ging ich in eine politische Diskussion, die es in den Achtundsechzigern zuhauf gab. Neben mir saß ein junger Mann, der mich zum Essen einlud, als die Veranstaltung aus dem Ruder lief. Ich willigte ein, weil ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Er kam aus Bayern, lebte aber in Nigeria und erzählte faszinierende Geschichten. - Kurzum wir verbrachten die Nacht zusammen. Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört. Zwei Monate später merkte ich, dass ich schwanger war. Es war kein ordinärer one night stand. In dieser Nacht wäre ich mit diesem Mann überall hingegangen, aber er hat mich nicht gefragt. Ich habe ihn nie vergessen.“ Inka wartet ab und betrachtet Viktor, der gedankenverloren vor sich hinstarrt.
„Du hast es erst erfahren, nachdem er bei der Mikro System einstieg?“
„Ja.“
„Warum sagst du, du hättest ihn nie vergessen. Macht es das leichter? Weil es mich gab, der dich täglich an ihn erinnerte?“
„Nein, ich will nicht, dass du glaubst,...




