Polzer | Das Verhängnis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Polzer Das Verhängnis


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-2178-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-7407-2178-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An einem strahlenden Frühlingstag, inmitten blühender Obstbäume, heiratet Sibylle Kolb Karl Wegener. Sie, eine erfolgreiche Journalistin, er ein bekannter Chirurg, Erfinder und Unternehmer am Ende seiner Karriere. Nach einer Zeit überschäumender Freude ziehen Gewitterwolken auf. Sibylle war achtzehn, als sie ihren Sohn Stefan sofort nach dessen Geburt zur Adoption freigab. Der Vater des Kindes, ein Draufgänger und Rennfahrer, verunglückte tödlich. Die Familie verweigerte ihr jede Unterstützung und Sibylle konnte sich ein Leben als allein erziehende Mutter nicht vorstellen. Stefan wurde von Karl Wegeners Schwägerin adoptiert, ohne dass Sibylle etwas davon ahnt, als Karl sie zur Frau nimmt. Es beginnt ein verhängnisvoller Tanz, bei dem Familien zerbrechen und Leben neu justiert werden. Der Roman zeichnet das Bild einer Frau von großer Schönheit, die alles gewinnt, Liebe und Reichtum, um am Ende alles zu verlieren. Er handelt von einer Gesellschaft wo das Geld die Messlatte von Erfolg ist, und in der sich jeder selbst genügt. Von Menschen, deren Träume zerstieben, und sich von einander entfernen. Und anderen, die ihr Leben in die Hand nehmen und glücklich werden.

Eckhard Polzer, geboren 1943 in der Tschechoslowakei, wuchs in Deutschland auf. Er arbeitete in den USA, Asien und Afrika. Seit 2003 ist Polzer freier Schriftsteller. Er ist verheiratet, lebt in München. Er hat Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende und mehrere Kurzgeschichten geschrieben.
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Sibylle


Als er ans Rednerpult tritt, weicht das Summen im Saal gespannter Erwartung. Karl Wegener ist der Star am deutschen Medizin-Firmament. Er spricht flüssig, routiniert, sogar witzig, trotz der trockenen Materie, die er präsentiert.

Sibylle Kolb erkennt ihn sofort. Das Material, das sie über ihn gefunden hat, ist umfassend. Sie mag große, schlanke Männer mit markanten Gesichtszügen. Ende fünfzig vermutlich, denkt sie, das Haar noch dunkel, an den Schläfen schon leicht ergraut. Er hält seinen Körper in Schuss, wirkt durchtrainiert. Seine übertriebene Neigung zum englischen Country-Look stört sie, weil sie diese Art Kleidung auch bei anderen Nicht-Engländern als aufgesetzt empfindet.

Trotz ihrer achtunddreißig Jahre wirkt sie, schön und elegant, noch jung. Ein Lichtschein unter all den Anzugträgern auf dem Ärztekongress. Eine Geschichte hinter der Geschichte soll das Interview mit Wegener erbringen.

Nach dem abgebrochenen Medizinstudium hat sie Journalismus studiert, und ihre Fähigkeit sich in andere Personen hinein zu denken hat sie zur Spezialistin für VIP’s gemacht. Kleine, manchmal auch komplexe Kolumnen, die die Leser ihres Journals mögen, sind ihr Markenzeichen. Vor allem die Leserinnen versprechen sich mehr über die Person, die sie für ihre Kolumne interviewt. Sie suchen die Person hinter der Person.

Sibylle zieht Männer vor, bei Frauen gelingt es ihr weniger, sie aus der Reserve zu locken. Doch mit der Zeit wachsen die Zweifel, ob das Interesse der Interviewten nicht doch eher ihrem attraktiven Busen gilt, als ihren intelligenten Fragen. Vielleicht ist es auch mein strohblondes Haar, das sie anzieht, denkt sie. Simonetta, Botticellis Braut, haben sie mich an der deutschen Schule in Rom genannt.

Während des Studiums in München probierte sie verschiedene Rollen, die angepasste Studentin oder die aufmüpfige Rebellin, Party-Girl oder Spießerin, zynische Feministin oder Verführerin. Die Rollen funktionierten ein paar Tage, manchmal Wochen oder sogar Monate, dann fielen sie von ihr ab wie zerschlissene Kleider. Übrig blieb eine Frau, die keine Überzeugungen besaß, keinen Glauben und keine Ideen von einer besseren Welt.

Als sie Wegener nach dessen Vortrag daran erinnert, dass er ihr am Telefon ein Interview versprochen hat, erinnert er sich nicht, stimmt aber zu, vorausgesetzt es lässt sich gleich an Ort und Stelle erledigen.

Das Interview verläuft dann nicht so, wie sie es sich wünscht. Die Umgebung stimmt nicht, ein Ecktisch am Rand der Hotellobby. Leute, die Wegener kennen, gehen vorbei, er grüßt sie, und jedesmal ist die Konzentration weg. Es ist laut und nach einiger Zeit hat er genug. Neben dem, was er bereits während seines Vortrags über sich gesagt hat, hat er wenig preisgegeben.

Am Ende des Interviews, beginnt er, sie mit anderen Augen zu betrachten. Sie nimmt es sofort wahr, kann es aber nicht deuten. Es ist nicht die Anmache eines alternden, erfolgreichen Mannes, der ein Abenteuer sucht, eher das Prüfen von Einem, der etwas finden will in seiner Vergangenheit. Dem die Erinnerung aber nur Bruchstücke liefert, die kein vollständiges Bild ergeben. Schließlich, fragt er, wo sie wohne, ihr Tonfall höre sich leicht bayrisch an. Als sie München bestätigt, eher zurückhaltend, um keine falschen Hoffnungen zu wecken, lädt er sie zum Essen ein. Möglichst gleich am nächsten Abend, so lange sie noch in London seien. Er hasse Konferenzen und würde sich freuen, den Abend in anderer Gesellschaft zu verbringen, als mit seinen ärztlichen Kollegen. Der Termin mit einem Freund vom Groote Schur Krankenhaus in Kapstadt hätte sich zerschlagen und er wäre zu haben, sagt er lachend.

Also doch Anmache, denkt sie, und willigt ein, hoffend, in einer anderen Umgebung mehr über ihn zu erfahren, als das, was er in der Hotellobby zu geben bereit ist.

Zum Essen, im Dachrestaurant des Tate-Modern, mit Blick auf das pulsierende London und die Paulskirche, erscheint er mit einer weißen Rose. Sie solle nicht um die Bedeutung rätseln, es wäre nur so eine Regung gewesen, als er an dem Blumenladen vor dem Museum vorbeiging. Er dachte, sagt er, als er ihr die Blume überreicht, es könne vielleicht das Eis zwischen ihnen brechen, aber vielleicht gäbe es da ja auch gar kein Eis.

Sie wundert sich nur kurz, dann gefällt ihr die schüchterne Geste. Sie geht aber nicht weiter darauf ein, nur sein Blick am Ende des Interviews in der Hotellobby, kommt ihr wieder in den Sinn.

Im Laufe des Abendessens beginnt er von Botticelli zu sprechen, wie sehr er dessen Malerei bewundert. Seine Bilder in der Sixtinischen Kapelle gefielen ihm besser als , für das der Maler so geliebt werde. Die Frau in der Muschel, sein Modell, habe Simonetta geheißen, erwähnt er ganz beiläufig. Botticelli müsse sie verehrt haben, und sie wohl auch ihn, meint er. Anders wäre der fordernde Blick, mit dem sie den Maler betrachtet, nicht zu erklären.

Bis zu diesem Punkt verlief das Gespräch entspannt und locker. Sie erzählte ihm, dass sie als Teenager in Rom zur Schule ging, weil ihr Vater dort an der Deutschen Botschaft arbeitete. Wegener sprach über seine Zeit in Südafrika noch während der Apartheid. Dass er dort Fälle operieren konnte, Schusswunden und Messerstiche, die er in dieser Häufigkeit in Deutschland nie zu Gesicht bekommen hätte. Doch als Karl, ohne große Überleitung Botticelli, und dann auch noch Simonetta erwähnte, merkte sie auf. Vor Jahren hatte sie schon einmal ein Arzt Simonetta genannt.

Sie war siebzehn und vom Vater aus Rom zu seiner Schwester nach München verfrachtet worden. Eine Verbannung aus dem Paradies in Sibylles Augen. Die Familie wollte, dass sie die Beziehung zu Jonas, ihrem italienischen Freund, beendete. München schien ihnen weit genug entfernt zu sein. Sibylle hasste die Stadt, sie fühlte sich entwurzelt und einsam.

Eines Abends ging sie allein in eine Bar, um ihren Frust zu ertränken. Im Halbdunkel saß ein junger Mann vor einem Glas Bier. Sie setzte sich zu ihm und meinte, er sähe aus, wie eine verlorene Figur auf einem Edward Hopper Gemälde.

, sagte er, und bot ihr einen Stuhl an. „Eine Kopie hing lange in meinem Zimmer, ich mochte das Gefühl von Einsamkeit, aber jetzt habe ich ja Gesellschaft“, lachte er. Dann erzählte er, dass er hier sei, um eine gelungene Operation zu feiern, alleine, weil sonst keiner mitkommen wollte. Zu viel Arbeit im Krankenhaus.

Er befand sich auf dem Sprung nach Kapstadt ans Groote Schur, und erzählte wunderbare Geschichten, kleine Cameos, wie sie fand. Seine Souveränität, die Klarheit seiner Ansichten über alles, was ihr eher verschwommen erschien, beeindruckte sie. Nach der zweiten Flasche Sekt, sie fühlte sich großartig, erwachsen und respektiert, der Vergleich mit Botticellis berühmtem Bild machte sie stolz, nahm er sie mit in seine Wohnung. Nur vage konnte sie sich daran erinnern, dass sie miteinander schliefen. Danach hörte sie nie wieder etwas von ihm. Es war ihr auch egal, denn ein paar Tage später verunglückte ihr italienischer Freund tödlich an einem Alleebaum. Sie war überzeugt, dass sein Tod mit ihrem Fehltritt zu tun hatte.

Bald darauf begann die Morgenübelkeit, das würgende Erbrechen, das sie vor der Tante nicht mehr verbergen konnte. Der Arztbesuch ergab, dass sie schwanger war. Ihr Vater schlug vor, den Jungen gleich nach der Geburt zur Adoption freizugeben, und sie stimmte zu. Die Vorstellung mit achtzehn, als alleinerziehende Mutter leben zu müssen, erschien ihr unerträglich.

Danach driftete sie durchs Leben, wie ein Schmetterling der von einer Blüte zur nächsten flog. Es gab einige Männer, Mittzwanziger, noch unfertiger als sie, mit denen sie das Spiel ‚Feste Beziehung’ ausprobierte. Und einmal reichte es sogar für eine Ehe, die noch schneller in die Brüche ging als manch andere Beziehung zuvor. Übrig blieb eine Frau, die keine Überzeugungen besaß und innerlich zutiefst verunsichert war. Manchmal dachte sie sogar an ihren Sohn, den sie verloren hatte.

Der Glockenschlag von St. Paul, auf der anderen Seite der Themse, reißt sie aus ihren Gedanken. Warum erwähnt er Simonetta, denkt sie, und betrachtet ihn genauer, misstrauisch eher. Sie überlegt, ob sie gehen soll, entschließt sich dann aber nachzufragen. „Ist Botticelli Ihre Überleitung zur Eroberung einer Frau?“, fragt sie einen Tick zu scharf. „Zuerst die Blume, dann mit gebührendem Abstand die Kunst, als Überleitung auf ein weites Feld an Möglichkeiten.“

„Erobern?“, fragt er. Die Lachfalten um die Augen vertiefen sich, und um den Mund formt sich ein stilles Lächeln. Auf einmal gleicht er einem großen Jungen, der zu schnell gewachsen ist. „Das gilt nur für Territorien.“

„Ich dachte, Ihre Generation denkt so. Kinder des Vietnamkriegs, oder so ähnlich. Da wollte ich die richtige Formulierung treffen.“

„Touché. Aber ich hatte keine Zeit zu demonstrieren. Und manch einer in meiner Generation lebt auch mit einem Bein im Jetzt. Wie heißt es...



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