Polzer | Die im Schatten sieht man nicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 572 Seiten

Polzer Die im Schatten sieht man nicht


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-3602-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 572 Seiten

ISBN: 978-3-7407-3602-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Bar in Lagos Nigeria. Die Journalistin Christina Araba verliebt sich in einen Schweizer Spion. Sie will, dass er ihr hilft, den Mörder ihres Vaters zu finden. Jahre zuvor ist Thomas Sutter als Waffenhändler im Biafrakrieg reich geworden. Kofi Araba, Christinas Vater, Freund und Partner Sutters, scheitert an der Unvereinbarkeit seiner moralischen Grundsätze mit den brutalen Regeln des Waffenhandels. Kofi versucht auszubrechen und wird ermordet, Sutter gerät unter Verdacht. Christina konfrontiert Sutter mit seiner Vergangenheit und bringt dabei sein ganzes Finanzimperium ins Wanken. Ist Sutter wirklich der Mörder seines besten Freundes? Der Roman beginnt im Kalten Krieg und endet mit den Unwägbarkeiten der Finanzkrise in 2008. Er ist eine packende Geschichte und literarisches Gemälde von Zerrissenheit, Freundschaft und Lebenszwängen. Gleichzeitig ein Text über die Macht hinter den Mächtigen, Geldwäsche und die Vernetzung einer modernen globalen Welt.

Studium der Luft und Raumfahrt an der TU München. Verschiedene Praktika in Ghana, Südafrika und Indien. Nach Studienabschluss Projektmanagement in Zaire und Nigeria. In den achtziger Jahren Leiter eines Verbindungsbüros in Washington DC und Aufbau einer Medizintechnikfirma in Atlanta Georgia. Berater, Aufsichtsrat und Gründer verschiedener High Tech Start-ups, finanziert durch Risikokapital. Seit 2000 verschiedene Unterhaltungsromane und Kurzgeschichten. Der Autor lebt in München, ist verheiratet mit einer US-Amerikanerin und hat zwei Töchter, in Berlin und Johannesburg Südafrika.
Polzer Die im Schatten sieht man nicht jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1 Lagos 1987


Schwaden von Bier und Rauch hängen in der Luft. Auf der Tanzfläche wabern Körper in einer dampfenden Menschenmasse. Christina Araba setzt sich in eine Ecke und beobachtet das Treiben. Liegt mir nicht, denkt sie, zu viel Schweiß, zu heiß, zu gepackt.

Als ihr die Bässe die Ohren zudröhnen und der Körper eher widerstrebend im Rhythmus zu schwingen beginnt, will sie wieder gehen, doch die Müdigkeit klebt wie Melasse an ihr. Sie ist groß und schlank, anders als die meisten Nigerianerinnen. Ihre Haut trägt die Farbe von Milchschokolade. Seit ein paar Tagen hat sie die Haare auf Streichholzlänge gekürzt und die schweren Ohrringe betonen ihren langen Nacken. Die Bewegung, mit der sie sich die Schweißperlen von der Stirn tupft, hat sie von ihrer weißen Mutter geerbt, doch das kann sie nicht wissen.

Am Nebentisch sitzt eine Gruppe Schweizer. Botschaft oder Swiss Air, denkt Christina. Mit halbem Ohr bekommt sie mit, wie sie sich über die ewigen Staus auf den Zufahrtsstraßen zur Innenstadt Lagos’ unterhalten. Einer aus der Gruppe blickt, zufällig zuerst, dann immer häufiger absichtlich zu ihr herüber. Schließlich steht er auf und fragt sie, ob sie tanzen möchte.

„Keine Lust“, sagt sie kurz angebunden.

Doch er lässt sich nicht abwimmeln. „Was machst du?“, fragt er beharrlich weiter. „Ich habe dich hier noch nie gesehen, obwohl ich die meisten Mädchen deines Alters, die hierher kommen, kenne. Man trifft sich und geht wieder auseinander.“ Er tut, als verrate er ein Geheimnis, setzt sich ungefragt an ihren Tisch und taxiert sie wie ein Wesen, das er neu entdeckt hat.

Zu nah, denkt sie, zu aufdringlich. „Du kannst dich ja gleich auf meinen Schoß setzen.“

„Ich wollte nicht brüllen müssen. Die Musik ist ziemlich laut. Du könntest mir trotzdem sagen, was dich umtreibt, der Schuppen hier scheint nicht gerade deine Umgebung zu sein.“

„Bestimmt keine weißen Männer anmachen, falls du das meinst. Ich bin Journalistin, meine Redaktion liegt gleich um die Ecke.“

Er sieht sie einen Tick aufmerksamer an und verzieht die Mundwinkel. „So jung. Journalistin? Bei deinem Aussehen könntest du alles machen.“

„Ein Kompliment? Hört sich eher vergiftet an.“

„Nein, warum? Komm, an der Bar ist es ruhiger. Ein Drink könnte uns gut tun.“ Ohne zu fragen nimmt er ihre Hand und zieht sie, bevor sie nein sagen kann, durch die Tanzenden an eine aus rohen Brettern gezimmerte Theke.

Mit einem Achselzucken folgt sie ihm. „Und was machst du?“, ruft sie hinter ihm her.

„Ich bin der Schweizer Botschafter“, sagt er, lacht fröhlich und winkt dem Barkeeper. „Was nimmst du?“

„Ist mir egal, das gleiche wie du.“

„Zwei Cognac dann, ok?“

„Ok, jetzt sag schon, was du machst.“

„Ich arbeite an der Schweizer Botschaft und schaufle Papier von einer Seite des Schreibtischs zur anderen. Ob mich das zu etwas Höherem qualifiziert, kann ich noch nicht sagen. Eigentlich finde ich es nur entsetzlich langweilig, aber meine Mutter meint, auch das gehöre zum diplomatischen Dienst.“

„Die Langeweile oder das Schaufeln von Papier?“ Sie versucht sarkastisch zu klingen, doch sie kann ihre Neugierde nicht ganz verbergen. „Was macht deine Mutter, ist sie auch Diplomatin?“

Er grinst, bevor er zu einer Antwort ansetzt. „Sie residiert in der Schweiz, trifft regelmäßig ihre Bridge Freunde, und denkt, dass ich mitten in einem großen Abenteuer stecke.“

„Warum sagst du ihr nicht, wie es wirklich ist?“

„Und, wie ist das?“

„Dreckig, stickig, korrupt, das ist doch eure gängige Meinung, oder?“

„Hm, Journalistin! Sind die alle so? Wo hast du das Schild: Vorsicht bissiger Hund.“

„Ich kann ja gehen, der Cognac geht auf Deine Rechnung.“

Schweigend betrachtet er sie für einen Moment, irgendetwas scheint in ihm geklickt zu haben. „So war es nicht gemeint. Du hast Recht, einige denken so. Zuviel Verbrechen, zu viel Korruption, schnelles Geld, alles was wir Schweizer nicht mögen.“ Juni zieht, wie zur Entschuldigung, die Schultern hoch. „Aber jetzt erzähl du mir, weshalb du hier bist. Tanzen scheint es nicht zu sein.“

Sie zögert, als wäge sie ab, ob es Sinn hat ernsthaft mit ihm zu reden. Warum bin ich überhaupt hier, fragt sie sich. Weil mich der Artikel nervt und ich keinen Schritt voran komme, denkt sie, so einfach ist es. „Mein Chef hat mir eine Serie über Südafrika aufgetragen, weil er glaubt, dass dort die Karten neu gemischt werden. Aber das Apartheidregime kotzt mich an. Ich will nicht darüber schreiben, wie Schwarze andere Schwarze abschlachten und die Weißen tatenlos zusehen.

Wahrscheinlich glaubt der Chef, dass es mir leicht fällt über dieses zerrissene Land zu schreiben. In seinen Augen bin ich wohl ähnlich zerrissen, weil ich weißes Blut in den Adern habe. Er täuscht sich.“

Journalistin, denkt Juni, und umschifft das heikle Thema Südafrika, indem er eine andere Geschichte erzählt. „Vor ein paar Tagen wurde hier ein Schweizer Geschäftsmann überfahren. Keiner hat sich um ihn gekümmert, seine Leiche blieb einfach auf der Straße liegen, bis ihn ein Kollege eher zufällig fand. Das hat nicht geholfen unser Bild von Lagos aufzuhellen.“

„Ich hab davon gelesen. In dem Viertel, wo er überfahren wurde, werden jeden Tag ein bis zwei Menschen ermordet, davon steht nichts in der Zeitung. Was hatte er dort zu suchen?“ Sie atmet tief durch, als hätte sie die ewig gleiche Litanei über Afrika, als Hort des Verbrechens und der Unberechenbarkeit, gestrichen satt. „Und was denkst du?“

„Du meinst ich bin anders?“

„Nur so ein Gefühl. Die Art wie du mich angesehen hast.

Vielleicht…?“ Sie nimmt ihr Glas und dreht es gedankenverloren zwischen Daumen und Zeigefinger, während ihr Blick über die Tanzfläche schweift. Für einen Moment scheint sie Juni vergessen zu haben. „Meine Mutter ist Deutsche, sie lebt in der DDR“, sagt sie leise.

„Dann haben wir ja etwas gemeinsam. Meine ist Deutsch-Amerikanerin und lebt irgendwo, meist in teuren Hotels. Mein Vater war Schweizer, das hat mir den Pass mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund eingebracht. Aber er ist schon lange tot“, fügt er hinzu, als müsse er sich dafür entschuldigen.

„Wie alt warst du, als er starb?“

„Fünf, glaube ich. Es hat mich nie besonders interessiert. Außer Fotos kenne ich nichts von ihm.“

„Noch etwas gemeinsam. Ich war sieben, als mein Vater starb. In Lagos, nicht weit von hier.“

„Was hat ihm gefehlt?“

„Er wurde ermordet.“

Sie sagt es in einem Ton, der jede Nachfrage verbietet. Gleichzeitig fragt sie sich, weshalb sie es überhaupt erwähnt hat. Es ist so lange her, denkt sie. Aber irgendwie fühlt sie sich zu diesem Jean Juni hingezogen. „Du magst deine Mutter nicht besonders? Es klingt so komisch, wenn du von ihr sprichst.“

Er kippt sein halb volles Glas in einem Zug hinunter und bestellt eine neue Runde, ohne sie zu fragen. „Ist wohl eher umgekehrt. Sie konnte es nicht ertragen einen Versager als Sohn zu haben. Passt nicht in ihr Weltbild.“

„Bist du abgehauen?“

„So ähnlich. Ist aber schon besser geworden. Du siehst ja, ich gehöre zur Botschaft, eine Art Aufstieg, zumindest in ihren Augen“, meint er sarkastisch.

„Für dich anscheinend nicht. Zumindest hörst du dich nicht so an, als würde dir der Job gefallen.“

„Nur für die Ohren einer Journalistin. An was schreibst du gerade?“, versucht er das Gespräch, weg von sich, in eine andere Richtung zu lenken.

Sie trinkt ihr erstes Glas aus und schiebt es zum Barmann. Mit dem neuen Glas prostet sie Juni zu. „Wäre nicht nötig gewesen. Ich muss gehen“. Sie nimmt einen kleinen Schluck, stellt das Glas zurück auf den Tresen und schiebt es demonstrativ von sich.

„Schade“, sagt er, „ich wollte dich nicht vertreiben.“

„Tust du nicht“, sie reicht ihm die Hand, zögert einen Moment und gibt sich einen Ruck. „Du kannst mich erreichen, wenn du willst. Am Chronicle, frag dich durch.“

„Mach ich, ganz bestimmt. Ein Name würde helfen.“

„Christina Araba, und deiner?“

„Jean Juni, Schweizer Weltverbesserer, damit findest du mich immer. Wir könnten zusammen essen gehen.“

„Mal sehen“, aber das hört er nur noch verschwommen unter den Klängen der aufbrausenden Musik.

Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine stürmische Freundschaft, und nach ein paar Wochen ist er der erste Weiße mit dem sie schläft. Eigentlich tut sie es mehr aus Neugierde, aber dann gefällt ihr seine behutsame Art beim Sex. Am meisten aber gefallen ihr die offenen, manchmal stundenlangen Debatten mit ihm. Sie mag seine...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.