E-Book, Deutsch, 376 Seiten
Polzer Dunkle Wahrheiten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-9355-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 376 Seiten
ISBN: 978-3-7407-9355-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eckhard Polzer hat Luft- und Raumfahrt in München studiert. Er hat viele Jahre im Ausland gearbeitet u.a. in Afrika und den USA. Er schreibt seit 2003 und hat mehrere Romane veröffentlicht: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, Die im Schatten sieht man nicht. Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in München.
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1 Lagos - 1987
Schwaden von Bier und Rauch hängen in der Luft. Lucy Fiawo setzt sich und betrachtet die ineinander verschlungenen Körper auf der Tanzfläche. Liegt mir jetzt nicht, denkt sie, zu heiß, zu gepackt. Als ihr die Bässe die Ohren zudröhnen, will sie wieder gehen. Sie ist groß und schlank, anders als die meisten Nigerianerinnen. Milchschokolade haben sie die Kinder in der Schule genannt. Seit ein paar Tagen hat sie die Haare auf Streichholzlänge gekürzt und die schweren Ohrringe betonen ihren langen Nacken. Die Bewegung, mit der sie sich die Schweißperlen von der Stirn tupft, hat sie von ihrer weißen Mutter geerbt, doch das kann sie nicht wissen.
Am Nebentisch sitzt eine Gruppe Schweizer. Botschaft oder Swiss Air, denkt Lucy. Beiläufig bekommt sie mit, wie sie über die ewigen Staus auf den Zufahrtsstraßen zur Innenstadt reden. Einer aus der Gruppe blickt, zufällig zuerst, dann immer häufiger zu ihr herüber. Schließlich steht er auf und stellt sich vor: „Leonhard Rueti. Möchtest du tanzen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Lieber nicht, ich wollte gerade gehen.“
Doch er lässt nicht locker. „Was machst du? Ich habe dich noch nie gesehen. Ich kenne die meisten Mädchen hier.“ Er setzt sich ungefragt an ihren Tisch und taxiert sie ungeniert.
Zu aufdringlich, denkt sie. „Du kannst dich ja gleich auf meinen Schoß setzen.“
„Die Musik ist zu laut, ich verstehe dich nicht. Was treibst du, der Schuppen hier scheint nicht gerade deine Umgebung zu sein.“
„Bestimmt keine weißen Männer anmachen, falls du das meinst. Ich schreibe.“
Er lächelt und sieht sie etwas aufmerksamer an. „Journalistin? Bei deinem Aussehen könntest du alles machen.“
„Hört sich seltsam an, aber Journalistin trifft es ganz gut.“
Er steht auf und nimmt, ohne zu fragen, ihre Hand: „Komm, an der Bar ist es ruhiger.“
Mit einem Achselzucken folgt sie ihm. „Und was machst du?“
„Ich bin der Schweizer Botschafter“, lacht er und winkt dem Barkeeper. „Zwei Cognac, ok?“
„Ok, aber jetzt sag schon, was du machst.“
„Ich arbeite wirklich an der Schweizer Botschaft. Irgendwer muss sich ja um den Papierkram kümmern. Ob mich das zu etwas Höherem qualifiziert, kann ich noch nicht sagen. Meine Mutter meint, das Papier gehöre nun mal zum diplomatischen Dienst.“
„Was macht deine Mutter, ist sie auch Diplomatin?“
Er grinst. „Nein, sie lebt in der Schweiz, trifft regelmäßig ihre Bridge Freunde, und denkt, dass ich mitten in einem großen Abenteuer stecke.“
„Warum sagst du ihr nicht, wie es wirklich ist?“
„Und, wie ist das?“
„Dreckig, stickig, korrupt, das ist doch eure gängige Meinung, oder?“
„Hm, Journalistin! Sind die alle so? Wo hast du das Schild: Vorsicht, bissiger Hund.“
„Ich kann ja gehen.“
„So war es nicht gemeint. Du hast recht, einige denken so. Zuviel Verbrechen, zu viel Korruption, schnelles Geld, alles was wir Schweizer nicht mögen.“ Rueti zieht, wie zur Entschuldigung, die Schultern hoch. „Aber jetzt erzähl du mir, weshalb du hier bist. Tanzen scheint es nicht zu sein.“
Warum ich hier bin, denkt sie, weil mich der Artikel nervt und ich keinen Schritt voran komme, so einfach ist es. „Mein Chef hat mir eine Serie über den Alltag in Südafrika aufgetragen, weil er glaubt, dass dort die Karten neu gemischt werden. Aber das Apartheidregime kotzt mich an. Ich will nicht darüber schreiben, wie Schwarze andere Schwarze abschlachten und die Weißen tatenlos zusehen. Wahrscheinlich glaubt der Chef, dass es mir leicht fällt über dieses verwundete Land zu schreiben. In seinen Augen bin ich wohl ähnlich zerrissen, weil ich eine weiße Mutter habe.“
Journalistin, denkt Rueti. „Vor ein paar Tagen wurde auf der Straße nach Ikeja ein Schweizer Geschäftsmann überfahren. Keiner hat sich um ihn gekümmert, seine Leiche blieb einfach liegen, bis ihn ein Kollege eher zufällig fand. Das hat nicht geholfen unser Bild von Lagos aufzuhellen.“
„Ich hab davon gelesen. In dem Viertel, wo er überfahren wurde, werden jeden Tag ein bis zwei Menschen ermordet, davon steht nichts in der Zeitung. Was hatte er dort zu suchen? Was denkst du?“
„Du meinst, ich denke anders?“
„Vielleicht…?“ Sie nimmt ihr Glas und dreht es gedankenverloren zwischen Daumen und Zeigefinger, während ihr Blick über die Tanzfläche schweift. Für einen Moment scheint sie Rueti vergessen zu haben. „Meine Mutter lebt in der DDR“, sagt sie leise.
„Meine ist Deutschamerikanerin und lebt irgendwo, meist in teuren Hotels. Mein Vater war Schweizer, er ist tot“, fügt er hinzu, als müsse er sich dafür entschuldigen.
„Wie alt warst du, als er starb?“
„Fünf, außer Fotos kenne ich nichts von ihm.“
„Ich war sieben, als mein Vater starb. In Lagos, nicht weit von hier.“
„Was hat ihm gefehlt?“
„Er wurde ermordet.“ Ihr Ton verbietet jede Nachfrage. Gleichzeitig wundert sie sich, weshalb sie es überhaupt erwähnt hat. Es ist so lange her, denkt sie. „Du magst deine Mutter nicht besonders?“
„Ist wohl eher umgekehrt.“
„Bist du abgehauen?“
„So ähnlich. Der Job an der Botschaft ist eine Art Aufstieg in ihren Augen.“
„Anscheinend nicht für dich.“
Er zieht die Schultern hoch. „An welchem Punkt bist du gerade?“
„Südafrika?“
„Ja.“
Sie lächelt, nimmt ihr Glas und prostet ihm zu. „Ich muss gehen.“
„Schade, ich wollte dich nicht vertreiben.“
„Tust du nicht“, sie reicht ihm die Hand und gibt sich einen Ruck. „Du kannst mich erreichen, wenn du willst, beim ‚Chronicle’.“
„Ein Name würde helfen.“
„Lucy Fiawo, und deiner?“
„Wie gesagt, Leonhard Rueti, Schweizer Weltverbesserer. Wir könnten miteinander essen gehen.“
„Mal sehen.“
Nach ein paar Wochen ist er der erste Weiße mit dem sie schläft. Als sie es sich in seiner Achselhöhle bequem gemacht hat, erzählt sie vom Tod ihres Vaters Kwame. Sie erzählt von Cléo, ihrer Stiefmutter, die dachte, dass Kwame hingerichtet wurde. „Cléo meinte, dass Martin Salger, Vaters damaliger Geschäftspartner, seine Hand im Spiel gehabt hat. Wenn das stimmt, will ich mich an ihm rächen, falls er noch lebt.“
„Rächen“, sagt Rueti, „rächen ist ein großes Wort.“
Vielleicht bin ich über’s Ziel hinaus geschossen, denkt sie. Warum ziehe ich ihn in meine Angelegenheiten hinein, nur weil wir miteinander schlafen? „Du hast nie über dich gesprochen, Leonhard. Was zählt für dich?“
„Das kann ich nicht im Bett beantworten“, er küsst ihre nackte Schulter und steht auf. „Lass uns an den Strand fahren, ich kenne dort eine kleine Bar, sie ist nicht so laut und wir können etwas essen. Die Wellen schwappen bis an den Fuß der Terrasse, das Geräusch entspannt mich. Brauche ich, wenn du mich unbedingt in die Niederungen meiner traurigen Existenz begleiten willst.“
„Fährst du?“, fragt sie, während sie sich anzieht.
„Ja.“
In der Bar steuert Leonhard direkt auf einen freien Tisch auf der Terrasse zu. Per Handzeichen bestellt er zwei Bier. „Ist dir doch recht, oder?“, fragt er Lucy, die nur nickt. Er weist auf das Panorama der hell erleuchteten Schiffe in der Lagune. „Sie liegen schon seit Monaten dort, aber die Regierung schafft es nicht den Hafen auszubauen. Willst du immer noch, dass ich von mir erzähle?“
Sie nickt. „Natürlich, die Geschichte von da draußen kenne ich bereits. Ich habe über die Piraten berichtet, die Nacht für Nacht mit ihren Schnellbooten herumflitzen, um die Besatzungen der Schiffe auszunehmen. Bei der Recherche wurde ich mit dem Messer angegriffen, weil ich wohl zu beharrlich nach den Hintermännern gefragt hatte. Ohne meinen Kameramann wäre ich womöglich gar nicht hier. Ich weiß also eine Menge über Piraten, aber von dir weiß ich nichts.“
„Ich dachte du schreibst nur?“
„Nein, ich kann mir nicht aussuchen, wie ich mein Geld verdiene. Erzählst du jetzt?“ Misstrauen hat sich in ihre Stimme geschlichen.
Abwehrend hebt er die Hände. „Du denkst, ich will nicht, aber das stimmt nicht.“ Er drückt den Rücken durch und atmet tief ein. „Dass mein Vater starb, als ich ein kleiner Junge war, habe ich dir bereits erzählt…“
„Deine Mutter hat sich einen reichen Schweizer gesucht?“
„Fast getroffen. - Wollen wir nicht erst bestellen?“
„Na gut, aber du entkommst mir nicht“, lacht sie.
Er ruft den Kellner, bestellt zwei...




