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E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Polzer Grenzgänger

Schau nicht zurück
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7407-2319-4
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-7407-2319-4
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann und seine Geliebte sind auf dem Weg durch Nordafrika. Er, auf der Suche nach seiner Vergangenheit als junger Mann, sie getragen vom Wunsch, die Wüste kennenzulernen, in der ihr Vater umkam. In Fez stirbt der Mann an einem geplatzten Aneurysma, doch zuvor will er noch, dass seine Frau aus Deutschland einfliegt, um die letzten Angelegenheiten zu regeln. Er wünscht sich, dass seine Asche im Atlantik vor Casablanca, seinem Sehnsuchtsort, verstreut wird. Auf einmal sind zwei Frauen, eine Ärztin und eine Journalistin, in einem fremden Land zusammengeschweißt. Verbunden durch die Erinnerung an einen Mann, den sie beide einmal geliebt haben. Es gelingt ihnen die Asche im Atlantik zu verstreuen, nicht in Casablanca, doch weiter im Süden Marokkos. Dort werden sie von einer Einheit der Polisario gekidnappt. Im Lager der Aufständischen befindet sich auch ein Flüchtling, ein ehemaliger Lehrer aus dem Senegal, der auf der Fahrt durch die Sahara gefangen wurde. Mit der Zeit bilden die beiden Frauen und der Flüchtling eine Schicksalsgemeinschaft, die ihnen das Überleben unter extremen Bedingungen ermöglicht. Das Buch ist eine Geschichte über Liebe, Verlust, Verrat und der Stärke unter schwierigsten Umständen zu überleben. Am Ende sind sich die Menschen nicht mehr sicher, welche Gefühle sich in ihnen regen. Sie auszusprechen erscheint ihnen wie Verrat, so schweigen sie lieber. Sie sind Opfer und Henker zugleich, Kameraden und Gegner, hybride Wesen, die nicht benennen können, wem ihre Loyalität gilt. Trotz allem ist die Geschichte getragen von der Hoffnung auf eine bessere Welt.

Der Autor ist Deutscher, wohnt heute in München und hat jahrelang im Ausland, den USA, Afrika und Indien gelebt. Seit 2003 hat er mehrere Romane geschrieben: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende, Das Verhängnis. Mehrere Kurzgeschichten und Aufzeichnungen, von 1965 bis in die Gegenwart, sind in Arbeit.
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1


Der Brenner liegt schon eine Weile hinter ihnen, nur das Wummern der Räder auf den Betonplatten der Fahrbahn dringt ins Auto. Im Tal eilt der Adige der Ebene entgegen, während sich am Hang ein Viadukt ans andere reiht. Konzentriert hält Alban Bremmer den großen Wagen in der Spur, doch die vielen Kurven gehen ihm auf die Nerven. Die scharfen Lichtkontraste an den Tunnelausfahrten schmerzen ihn. Hat mich alles früher nie gestört, denkt er.

„Wie weit willst du heute noch kommen?“, fragt Sara, die entspannt die Burgen an den Hängen des Tals betrachtet.

„Bis zum Argentario, Porto Ercole, ein schöner, kleiner Hafen. Ist weit, aber zu schaffen, wenn wir uns ranhalten.“

Für einen Moment fährt er zu nahe auf. Er bremst scharf und sieht aus den Augenwinkeln wie Sara verkrampft. Lächelnd legt er die Hand auf ihr Knie. „Tut mir leid, ich war in Gedanken woanders.“

„Wo denn, mein Lieber?“

„Bei dir, bei uns. Zu viele Gedanken, zu wenig Aufmerksamkeit.“

In dem Moment entlädt sich die Gewitterwolke, die sich seit einiger Zeit über ihnen verdichtet hatte. Regentropfen prallen auf die Windschutzscheibe, gehen über in einen Sturzbach und hüllen das Auto in eine Wand aus Wasser. Die Rücklichter des Vordermanns verschwinden in einem Nebel aus Gischt. Alban schaltet zurück und stellt die Wischer auf maximale Geschwindigkeit.

„Nicht gerade einladend das Wetter. Du siehst ja fast nichts?“, sagt Sara.

„Es klart gleich wieder auf, ist nur ein Aprilschauer. Sobald wir das Etschtal hinter uns haben wird das Wetter besser.“ „Sicher?“

„Du kannst dich darauf verlassen. - Vor Jahren, auf dem Rückweg aus Italien, geriet ich hier schon einmal in einen Gewittersturm. Hagelkörner groß wie Taubeneier. Mein Auto bekam lauter kleine Dellen, dem Vordermann hat es sogar die Rückscheibe zertrümmert. Ich konnte zusehen, wie es die Glassplitter ins Auto drückte. Eine halbe Stunde später schien wieder die Sonne. - Hast du dich erschreckt?“

„Nur im ersten Moment. Hephaistos, dachte ich, wie er mit dem Hammer auf uns einprügelt. Ich mag keine nassen Straßen, ein Freund hat sich mit dem Motorrad bei Regen totgefahren. - Was siehst du, wenn du durchs Etschtal fährst?“, wechselt sie das Thema, als wolle sie schnell von dem toten Freund ablenken.

Hephaistos, denkt Alban, wie kommt sie darauf? - Der Freund muss ihr etwas bedeutet haben. Als ich mit Jonas auf der Steige zum Walchensee in den Straßengraben flog, war die Straße trocken. Es hat trotzdem nichts genützt. „Berge, kurz vor Trento Obstplantagen. Jetzt nur Gischt und verschwommene Rücklichter. Warum fragst du?“

„Die Klarheit des Chirurgen“, lacht sie. „Den Oleander zwischen den Leitplanken hast du vergessen. Im Sommer, wenn er blüht, ist er besonders schön. Und manchmal sehe ich in den endlosen Autokarawanen Horden von Germanen, die über den Brenner pilgern.“

„Moderne oder alte?“, lacht Alban. „Über dem Internat, das mich für den Rest meines Lebens geprägt hat, thronte eine mittelalterliche Burg. Sie gehörte Frundsberg, einem Heerführer, der mit seinen Söldnern nach Italien zog, um dort zu kämpfen. Condottiere hießen diese gekauften Krieger.“

„Heißen sie immer noch“, sagt Sara trocken.

„Ja, komisch, dass mir das jetzt einfällt. Vielleicht wegen der vielen Burgen, die hier überall herumstehen. - Einmal, ich war noch mitten im Studium, ertrug ich München nicht mehr. Es war März und der Winter wollte einfach nicht weichen. Die Kälte, das ewige Grau, die dreckigen Schneereste am Straßenrand, alles ging mir fürchterlich auf die Nerven. Wahrscheinlich hatte ich eine Prüfung vermasselt und suchte einen Schuldigen, aber natürlich nicht bei mir.“ Alban grinst, und zeigt auf das vorbei gleitende Tal, das mit jedem Kilometer gen Süden grüner wird. „Da wollte ich hin, also bat ich eine Freundin, mich nach Rom zu begleiten. So eine Art Flucht, aber Italien im März war dann auch nicht viel besser. Es goss und wir froren entsetzlich. Wir hatten wenig Geld und die Pension, eine Absteige hinter dem Forum Romanum, die wir uns so gerade noch leisten konnten, besaß keine Heizung, also blieben nur die Kirchen. Zwangsgläubige seien wir, meinte die Freundin auf ihre trockene Art.“

„Warum erzählst du mir das?“, fragt sie mehr aus Höflichkeit. Freundinnen, nicht schon jetzt, denkt sie, am Ende der Reise werde ich wissen, wer er wirklich ist.

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht aus Angst, dass nicht alles so läuft, wie wir uns das vorstellen. Wir sind noch nie zusammen verreist, und jetzt gleich mehrere Wochen.“

„Bereust du es schon?“

„Nein, ich bin glücklich.“

Die Straße trocknet schnell, und Alban bittet Sara eine CD einzulegen.

„Im Handschuhfach liegt John Klemmers , vielleicht gefällt dir das Stück.“

Sara schiebt die Diskette ein und dreht die Lautstärke höher. Die lang gezogenen Läufe des Tenorsaxofons füllen den ganzen Innenraum des Autos. „Woher hast du das? Klemmer“, liest sie vom Cover der CD. „Es gefällt mir, sehr sogar. Ich finde es hört sich an, als würde das Saxofon lachen und weinen zugleich.“ „Vor ein paar Jahren, auf einem Kongress in Washington DC, ging ich in einen Buchladen, unten am Potomac, da spielte dieses Stück im Hintergrund. Diese quälenden, manchmal schreienden, dann wieder ins Nichts abdriftenden Töne. Ich war gefangen und hab die Platte gleich gekauft.

Später fand ich auch die CD. Schön, dass sie dir gefällt.“

Nach einer Weile, während der sie ihren Gedanken nachhängen, nimmt er den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf. „In letzter Zeit beschleicht mich manchmal ein Gefühl von Hilflosigkeit, wenn ich dich betrachte.

Dann frage ich mich, weshalb du dich ausgerechnet mit einem alten Mann abgibst. Du könntest jeden haben.“ Schalk, gepaart mit Neugierde liegt in ihren Augen, als sie ihn von der Seite betrachtet. „Was wird das? Suchst du Komplimente, oder kommt jetzt eine Beichte?“

Soll ich ihr den Blick der Assistentin beschreiben, als sie den Schallkopf abwischte und auf die Halterung steckte. Auch du bist verwundbar, hieß das wohl. Nicht der Gott, für den dich alle halten. Du bist ein Mensch, mit den gleichen Defekten, wie wir anderen auch. „Sie sollten sich genauer untersuchen lassen“, meinte sie nach einigem Zögern, „es könnte ein Aneurysma sein. Genau kann ich es nicht erkennen.“ - Wenn ich es Sara erzähle, möchte sie, dass wir umkehren, denkt er, aber ich will das nicht.

„Warum bist du mitgekommen?“, fragt er, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.

„Ich dachte, das hätten wir schon geklärt. Ich mag dich, sehr sogar.“

„Das ganze Paket?“

„Ja, alles. Und du, was würdest du wählen, wenn du dich entscheiden müsstest, Kopf oder Sex?“

„Was für eine Frage!“

„Stell es dir vor.“

„Geht nicht, es lässt sich nicht trennen.“

„Versuch es trotzdem.“

„Gut, dann würde ich mich für den Kopf entscheiden.“

„Du lügst“, lacht sie laut auf.

„Stimmt.“

Er lächelt, während er sie beim ersten Treffen vor sich sieht. Sie arbeitete als Redakteurin für ein Wissenschaftsjournal und hatte um ein Interview gebeten, weil er gerade an einer namhaften Universitätsklinik zum Chef der Chirurgie ernannt worden war. Das Gespräch lief nicht gut, er fand ihre Fragen zu direkt, zu persönlich, doch er mochte ihre zeitlose Schönheit. Die blonden Haare, ein weiches Nest aus Locken. Die von der Sonne gebräunte Haut, ihre grünen Augen. Es passt alles nicht ganz zusammen, dachte er. Als er sie zum Essen einlud, akzeptierte sie ohne zu zögern.

„Beides, ich mag beides“, sagt er, und nickt zur Bestätigung. „Was hältst du von einer Tasse Kaffee. Nach so einer fundamentalen Betrachtung der wesentlichen Dinge des Lebens brauche ich einen doppelten Espresso.“

„Gute Idee, da gibt es sicher auch eine Toilette. Du bist vorhin ausgewichen, als ich dich nach der Beichte fragte. Vielleicht das falsche Wort, abrechnen wollte ich eigentlich sagen. Bist du schon an dem Punkt, wo du beginnst abzurechnen?“

„Ich wüsste nicht mit was. Mit mir? Vielleicht? Noch sind es nur Gedanken, die kommen und gehen.“ Abrechnen! Was für ein treffendes Wort, denkt er. Der Chirurg, der an die Fälle denkt, die ihm missglückt sind. Ein Handwerker, der sich im Schatten der Neurologen, oder der Kunst der Mikrobiologen deucht. Der im Grunde seines Herzens die Radiologen verachtet, weil sie sich dem Geld verschrieben haben, und dadurch zu Knechten der Technologie wurden. Dabei klopft die künstliche Intelligenz auch an unsere Tür, die Roboter haben wir längst eingelassen. Ist es das, was ich...



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