E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Polzer Suchende
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-1993-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-7407-1993-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eckhard Polzer, geboren 1943 in der Tschechoslowakei, wuchs in Deutschland auf. Er arbeitete in den USA, Asien und Afrika. Seit 2003 ist Polzer freier Schriftsteller und lebt in München. Er hat mehrere Romane und Kurzgeschichten geschrieben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Im Koma
Der Schnee zeigt Spuren von Hundepisse und hat längst die Farbe von Zink angenommen, als Lukas Born den Wagen zum Seiteneingang des Klinikums steuert. Warum Leute ihre Tiere ausgerechnet hier ihren Dreck abladen lassen, denkt er irritiert. Die Vorstellung mit den Wildlederschuhen im Matsch zu versinken ist ihm ein Graus. Er sucht eine trockene Stelle, verschließt das Auto und springt aufs Trottoir. Gut, denkt er, keine Schneeränder, keine nassen Füße.
„Wenn du sie noch einmal sehen willst, solltest du kommen“, meinte Simon am Telefon, nachdem Carla in ihrem Haus auf Ibiza gefunden worden war. Es gab keine schlüssige Diagnose, also wurde sie nach Deutschland geflogen, und seither lag sie in München-Großhadern im Koma.
Um einen lebenden Leichnam zu sehen, dachte Lukas im ersten Moment, sagte dann aber ein paar Termine ab, und buchte den nächsten Flieger nach München. Dabei fragte er sich die ganze Zeit, welchen Sinn es hatte Carla beim Sterben zuzusehen. Wenn sie gehen wollte, sollte man sie lassen, dachte er.
Vor Jahren, als er mit Carla nach Bali flog, um dort Simon zu treffen, wollten sie eigentlich nur reden und die Wärme genießen. Das Hotel, das Essen, alles war gut, aber sie merkten schnell, dass sie sich eigentlich nichts mehr zu sagen hatten. Manchmal saßen sie einfach nur da, drei ältere Menschen, die sich fragten, was sie noch verband.
Dabei hätte es Vieles gegeben, das er sie fragen wollte. Warum es nach Indien nicht mehr geklappt hatte zwischen ihnen. Warum sie erneut nach Pondicherry gegangen und dann innerhalb weniger Monate wieder zurück nach Deutschland gekommen war, in ein Land, das ihr eigentlich nichts bedeutete. Und ob sie nun wirklich mit denen zusammengearbeitet hatte, die Leute umbrachten, weil sie glaubten, dadurch den verhassten Staat aus den Angeln heben zu können. Aber er hatte nicht gefragt. Sie sprachen lieber über seine Karriere, seine Zeit in den USA, in Afrika, das fanden sie unverfänglicher.
Simon hatte von ihrer Tour auf dem Zaire erzählt. Wie einen Gaudi-Trip hatte er es dargestellt, dabei wäre er ums Haar ertrunken, weil er auf den versifften Planken ausrutschte und in den Fluss fiel.
Carla sprach kaum über sich, als gäbe es Zeiten, in denen sie nicht gelebt hatte. Erst nach dem Attentat brach es aus ihr hervor, als hätte der Terror eine Tür in ihr geöffnet, die sie glaubte für immer verschlossen zu haben.
In Kuta konnten sie nicht länger bleiben. Simon hatte es plötzlich sehr eilig gehabt wegzukommen, und auch Carla schien es nicht zu bedauern, früher als geplant zurück zu fliegen. Am Frankfurter Flughafen verabschiedeten sie sich mit einem Kuss, wie zwei Menschen auf der Durchreise, er auf dem Weg nach Berlin, sie nach München. Seither hatte er nichts mehr von ihr gehört. Und als die Streitereien um seine Anteile an der Endoskop AG begannen, blieb ihm sowieso kein anderer Gedanke, als zu retten, was noch zu retten war.
Am Telefon sagte Simon: „Die Ärzte meinen, es müsse ein Unfall gewesen sein. Natürlich, was sonst. Warum hätte sie sich umbringen sollen, wenn sie gerade ein Ticket nach München gekauft hatte.“
Wie kann er das wissen, hatte Lukas gedacht, vermutlich sitzt er an ihrem Bett und hält ihre Hand. Kann er Gedanken lesen? Haben Menschen im Koma überhaupt noch Gedanken? Warum hat mich das Krankenhaus nicht angerufen, ich war jahrelang mit ihr zusammen, wollte sie heiraten? „Was machte sie denn auf Ibiza, aus der Partyzeit ist sie schließlich heraus. Ihrem Haus, hast du gesagt. Seit wann hat sie ein Haus?“
„Geerbt, von ihrem Vater, ausgerechnet von ihm, der sie nie haben wollte. Ich dachte, du weißt das.“
„Nein, von Ibiza habe ich noch nie gehört. Ist ja auch egal, ich komme so schnell ich kann.“
Als er das Klinikum betritt, versucht er Simon auf dem Handy zu erreichen. „Ich bin auf der Besucherstraße, wo genau liegt Carla?“
„In der Neurochirurgie, Bereich D, im zehnten Stock, Zimmer 106. Ich hatte dich noch nicht erwartet.“
„Ich hab einen früheren Flieger gekriegt. - Neurochirurgie? Warum das? Es hört sich nach Gehirnschlag an.“
„Sie sagen, sie wollen alles durchchecken.“
Auf dem Weg in Richtung Block D beginnt es zu regnen. Dicke Tropfen prasseln frontal gegen die Scheibe und werden in schrägen Bahnen nach unten gedrückt. Carla hat Regen nie gemocht, denkt Lukas, sie hat vieles nicht gemocht, am wenigsten, jemand ausgeliefert zu sein.
Sein Mobiltelefon klingelt und Simons Stimme reißt ihn aus den Gedanken: „Wo bist du jetzt?“
„In Richtung Block D. Ist die reinste Fabrik hier.“
„Ja, aber sie scheinen zu wissen, was sie tun. Carla ist jetzt ansprechbar, sagen die Ärzte. Noch etwas desorientiert, aber ansonsten klar. Sie hat nach dir gefragt. Nimm den Aufzug am Ende der Besucherstraße in den zweiten Stock. Wenn du rauskommst, liegt rechts der Eingang zur Intensivstation.“
„Ich bin gleich dort.“
„Glaubst du, sie hat es selbst getan?“, fragt Lukas, noch bevor er Simon umarmt.
„Keine Ahnung, ich konnte sie nicht fragen.“
„Egal, sie würde es vermutlich sowieso nicht sagen. - Wie geht es dir? Du musst völlig fertig sein.“
„Müde bin ich und die Hilflosigkeit macht mir zu schaffen.“
„Kann ich verstehen. Wie lange bist du schon bei ihr?“
„Kurz nachdem sie eingeliefert wurde riefen sie an. Das war vor fünf Tagen. Sie fanden meine Nummer in ihrem Geldbeutel. Anfangs wollten sie mich gleich wieder wegschicken, aber die Vorstellung, dass sie aufwacht und keiner ist da, fand ich unerträglich. Ich nahm ein Zimmer in der Nähe und blieb. Es war immer ihr Albtraum, allein sterben zu müssen.“
Mir hat sie das nie erzählt, denkt Lukas. „Wann ist sie aufgewacht?“
„Gerade eben, ich hab dich gleich angerufen. Anfangs dachte ich, sie wäre völlig normal, aber dann begann sie zu halluzinieren. Sie spricht von Bali und sie spricht von dir.“
„Vielleicht hat sie das Attentat doch nicht so leicht verkraftet. Sie hat geschossen, und jetzt kommt alles wieder hoch.“
Simon fährt sich durch die halblangen Locken, die spärlicher und an den Schläfen grau geworden sind. „Die Ärzte vermuten auch, dass es mit ihrem Unterbewusstsein zu tun hat“, sagt er schließlich. „Wenigstens ist sie jetzt wach. Anscheinend bringst du ihr Glück.“ Er denkt an den Tag, als er Carla erstmals richtig wahrnahm. Sie spielte die Hauptrolle in ‚Maria Stuart’. Ein Stück, das die Theatergruppe ihrer Schule aufführte. Sie war in der Klasse unter ihm und hatte bis dahin nicht für ihn existiert. Es war im November 1971, dem Jahr, als er zusammen mit Lukas das Abitur machte. Seine Familie war vor drei Jahren, im Prager Frühling, nach Deutschland umgesiedelt. Es dauerte, bis er sich nicht mehr wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte. Nur die Musik und Lukas halfen ihm über die Runden.
In der zwölften Klasse gab Carla als Maria Stuart eine berührende Vorstellung, anders als die machtversessene katholische Königin, wie sie im Geschichtsunterricht gelehrt wurde. Carlas Interpretation war voller Kraft, keine von Elisabeth verfolgte Heilige. Einfach nur eine starke Frau. - Nach der Vorstellung bewunderte er Carla mit der Inbrunst des Achtzehnjährigen, obwohl er wusste, dass die Tochter des Richters für ihn, den jüdischen Adoptivsohn zweier in Deutschland gestrandeter Tschechen, unerreichbar war. So dachte er. Doch als Carla sein Saxofonspiel hörte, war sie begeistert und bereit, in seiner Band zu singen. Er liebte ihre helle, klare Stimme, die sich eigentlich nicht für Jazz eignete, aber trotzdem gut bei den Leuten ankam. Doch dann entschied sie sich für Lukas.
„Was grinst du so dämlich?“, fragt Lukas.
„Ich hab an die Zeit gedacht, als wir Abitur machten. Sie hat in meiner Band gesungen, du erinnerst dich vielleicht noch. Und jetzt scheint sie dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein.“
Das sagt sich so leicht, denkt Lukas, der nur mit halbem Ohr zugehört hat. Vielleicht hat sich der Tod nur kurz schlafen gelegt und kommt gestärkt zurück. Ihn berechenbar machen, wäre schön, aber er ist nun mal keine Ware, die man kaufen und verkaufen kann. Der Kerl ist schlau und lässt sich nicht ins Regal stellen, wie ein Buch, das man endlich mal lesen wollte, und es lässt, bis es total verstaubt ist. Und fast immer kommt er ungelegen, oder lässt sich Zeit, wenn er wirklich gebraucht wird. Carla scheint er ziemlich nah zu sein. „Wie lange bist du schon bei ihr?“, fragt er erneut, als hätte er vergessen, dieselbe Frage schon einmal gestellt zu haben.
„Seit sie hier eingeliefert wurde, das war vor fünf Tagen. Ich glaube, das habe ich schon gesagt.
„Und ich habe es schon gefragt“, sagt Lukas, verärgert über seine Unaufmerksamkeit.
„Spielt keine Rolle. - Die Ärzte reden nicht wirklich mit mir, machen nur so Andeutungen, als wäre ich ein Idiot. Vielleicht hast du mehr Glück. - Es könnte ein epileptischer Anfall...




