E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Polzer Timbuktu
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-7645-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In einem fremden Land
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7645-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor hat lange in den USA, Afrika und Indien gelebt. Er wohnt in München und hat mehrere Romane und Kurzgeschichten geschrieben: Die Weltverbesserer, Tod am Sambesi, The Village, Dunkle Wahrheiten, Das Kuvert, Suchende, Das Verhängnis, Grenzgänger, Okavango und Casablanca. Seine Aufzeichnungen sind ein Streifzug durch die Jahre von 1965 bis in die Gegenwart.
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Am Bodensee
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten oder möchten Sie lieber im Garten umhergehen?“, fragt die Empfangsdame, ratlos über die Frau, die anscheinend nutzlos mit der bekannten, Chirurgin gekommen ist, die einen Vortrag auf der alljährlichen Konferenz halten wird. Die Nutzlose hat anscheinend keine Funktion in diesem Erfahrungsaustausch zwischen hochrangigen Personen, die tagtäglich in ihren Operationssälen, über Leben und Tod entscheiden.
Sara empfindet die Höflichkeit der Empfangsdame als wohltuend zurückhaltend. Sie muss wohl schon sehr lange mit einem zusammenleben, der Geld hat, das bedeutet Sicherheit, denkt sie. Dem Besitzer des Hotels vielleicht. Sie braucht nicht heimlich im Schatten einer ungeliebten, aber nach wie vor offiziellen Ehefrau leben, kann offen, als frei gewählte Weggefährtin auftreten. Blau ist sie gekleidet, ihre Bewegungen sind leise, etwas unsicher, als wüsste sie, dass kein Recht ihr Hiersein schützt, nur seine Sympathie, die es zu erhalten gilt. Vielleicht wäre es zwischen Alban und mir genauso geworden, wenn wir zusammengeblieben, und er länger gelebt hätte.
Der Garten, der ihr zum Begehen empfohlen wird, ist eher ein Park, leicht verwildert aber schön. Die Bäume, Eschen, Buchen, sogar ein Mammutbaum, sind riesig, weit älter, als die Familie dessen, der sie heute besitzt. Das Haus, eine zum Hotel umgebaute Villa zerbröckelt an den Rändern. Nirgends ein Zeichen von Kindern, die sich hier einmal sehr wohl gefühlt haben müssen. Drüben, vom Bootshaus aus, sieht man Lindau. Der Himmel ist wie frisch gewaschen. Um diese Jahreszeit dümpeln kaum Boote auf dem See. Das Wasser schwappt ziellos an die Kaimauer, deren verwittertes Gestein an eine Tradition des Geldes erinnert, eine des Geistes, aber auch des Vergehens. Es gibt keinen Hinweis auf die Mühen des Alltags, wer hier lebt schaut bereits zurück, hat alles, was er will, warum soll er sich weiter mit Banausen und Kleingeistern herumschlagen. Er sitzt auf seinem Balkon in der Abendsonne und schaut hinaus auf den See, und die Welt um ihn herum schrumpft zum gleichmäßigen Rauschen.
Das ist es, was mir Anna zeigen wollte, diese Abgeklärtheit, den See, der alle meine Probleme schrumpfen lässt.
Es wird uns guttun zu reden.
Anna wirkt gestresst, als hätten ihr die Fragen stärker zugesetzt, als sie es erwartet hatte, denkt Sara, als sie sich nach dem Vortrag gegenübersitzen. Vielleicht ist es auch die Spannung, mich zu sehen, nicht nur am Telefon zu hören. Weil ich sie an die Wüste erinnere. Eine Erinnerung, die auch sie abschütteln will, und doch nicht kann. - Anfang fünfzig war sie damals. Und heute, zehn Jahre später, sieht sie fast genauso aus wie in Marokko, mit dem perfekt sitzenden Hosenanzug, als wir uns nach Albans Tod in der Lobby des Hotels in Fez gegenübersaßen.
„Wie geht es dir?“ Anna zieht sie an sich und umarmt sie, wie eine Freundin, die sie lange vermisst hat.
„Gut. Nein, nicht gut, sonst wäre ich ja nicht gekommen. Schön ist es hier, der See, das Hotel, ein guter Platz zum Reden. Danke, dass du mich eingeladen hast. Bist du öfter hier?“
„Einmal im Jahr zum Chirurgen-Kongress. Ist Dein Zimmer in Ordnung?“, zögert Anna die Antwort hinaus, wohl wissend, dass sie früher oder später über Saras Zustand reden müssen. „Wollen wir zusammen essen?“
„Gerne. Hier im Hotel?“
„Nein, lieber im Ort. Es gibt dort ein kleines Restaurant, gute Küche, nette Leute. Hier bin ich zu nahe an meinem Job. Ich gehe nur kurz aufs Zimmer, mich etwas frisch machen, dann können wir los.“
„Ich warte hier auf dich.“
„Es dauert nicht lange.“
Anna trägt ein blumiges Kleid, und wirkt aufgekratzt, als sie zurückkommt. Die dunklen Haare mit den ersten grauen Strähnen fallen ihr offen auf die Schultern. „So jetzt geht’s mir besser. Die Dusche hat gutgetan. Tut mir leid, dass ich vorhin so gestresst war. Aber sie haben mich gegrillt, als müsste ich ein Examen ablegen. - Ich hab’s mir anders überlegt. Wir fahren nach Meersburg ins ‚Becher‘. Ich habe bereits reserviert, es wird dir gefallen. Ist das ok?“
„Du bestimmst.“ So war es auch in der Wüste, denkt Sara. Schon damals schien sie alles im Griff zu haben, obwohl es kaum Material gab, die Verwundeten zu versorgen. „Ist es weit?“
„Nein, halbe Stunde. Dann lernst du auch mein neues Auto kennen, es fährt sich prima. Möchtest du fahren?“
„Nein, um Himmels willen, ich bin längst aufs Fahrrad umgestiegen.“
„Berlin!“, lacht Anna.
Im Becher, kaum dass sie bestellt haben, bringt Anna Saras Selbstmordfantasien zur Sprache, als hätte sie schon lange auf die passende Gelegenheit dazu gewartet: „Die Gedanken daran scheinen immer tiefer in dich einzusinken. Und wenn du es zulässt, kann es sein, dass du es in einem schwachen Moment tatsächlich tust.“
„Ich bin schwach, schwächer als du.“
„Nein, bist du nicht, aber irgendwo in der Wüste hast du dich verloren.“
„Vielleicht schon vorher, bei Albans Tod. Vielleicht hätte ich ihn retten können?“
„Nein, er war schon tot, bevor du ihn kennengelernt hast. Und er war bestimmt nicht das, was du in ihm gesehen hast. Vermutlich hat er geglaubt, du könntest seine Rettung sein. Was für eine hanebüchene Idee mit einem Aneurysma quer durch Nordafrika nach Casablanca zu fahren.“
„Er war stark.“
„Er ist tot, Sara, du weißt das.“
„Für mich lebt er noch, zumindest in der Erinnerung.“
„Das ist ein Teil des Problems. Du denkst womöglich, dass das, was uns in der Wüste passiert ist, die Strafe für seinen Tod war, den du hättest verhindern können. Das ist blanker Unsinn.“
„Warum sagst du das? Sagst du es als Ärztin, oder als meine Freundin?“
„Sara, ich bin Chirurgin, wir sind Klempner, keine Psychotherapeuten. Ich bin deine Freundin, die Wüste hat uns für immer zusammengeschweißt, du weißt das. Ich würde alles tun, um dir zu helfen.“
„Ich weiß.“ Sara nimmt einen Schluck Wein, greift nach Annas Hand und drückt sie. „Lass uns über die Wüste reden, über Sékou, Youssuf, diesen Major, der uns töten wollte. Alle die Geister mit denen ich meine Nächte verbringe.“
„Ja, es sind auch meine Geister, aber es gelingt mir, sie ins Hinterzimmer zu verdrängen, im Gegensatz zu dir. Und noch ist die Zeit nicht gekommen, wo sie die Tür eintreten. – Ich stimme dir zu, wir brauchen Sékou, um unsere Geister zu bekämpfen, das war mir noch nie so klar wie jetzt.“
„Heißt das, du wirst mit mir fliegen, nach Dakar meine ich?“ „Ja, aber ich brauche Zeit um die Praxis abzuwickeln.“ Anna richtet sich auf, als hätte sie immer gewusst, dass es soweit kommen würde. „Wir wussten schon damals im Hotel des Alten in Azemmour, als wir uns geduscht hatten, und darüber sprachen wie es weitergehen würde, dass wir eines Tages zurückkehren würden. Du wolltest nach Berlin, ein neues Leben beginnen, und ich wollte nachkommen, aber ich habe es nicht getan, und jetzt ist es an der Zeit. Eines Tages…“, lässt sie den Satz im Raum stehen.
Warum habe ich es nicht getan, denkt Anna. Weil ich mich davor fürchtete wie ein Fisch zu enden, der versehentlich an Land gespült wird. Strampelnd und zuckend, erstaunt über die ungewohnte Umgebung. Und heute, was ist anders? Die wachsende Hilflosigkeit nichts ändern zu können, mit jedem Jahr, das verstreicht, gibt sie sich selbst die Antwort. Hoffentlich vergesse ich nicht, wie einsam mich mein Job gemacht hat, Sara kann mir helfen ein neues Leben aufzubauen. - Vielleicht lässt mich deshalb der Krieg in der Ukraine so unberührt? Weil ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin? Ist es die Ausweglosigkeit des Kampfs gegen eine Großmacht, und was soll anders sein, dort in den Weiten der Sahara? Es ist ermüdend dieses immerwährende Katz-und-Maus-Spiel zu beobachten, bei dem der Sieger bereits feststeht. Vielleicht ist das der Beginn der Resignation, die Eintrittskarte der 60-Jährigen in ein anderes Leben. Ich hätte es längst tun sollen. Vielleicht ist es aber nur die Müdigkeit, gespeist aus dem Trübsal des deutschen Winters. - Kopf hoch, Anna, es sind noch viele Aufgaben, die anzupacken sind. Und die Bücher, die du nicht gelesen hast, die Orte die du nicht gesehen hast, sie sind mehr, als du zählen kannst. Und du hast das Zeug dazu, Sara aus ihrer Depression zu helfen. Warum sonst sollte uns Albans Tod, und die Erfahrung in der Wüste, verbunden haben. „Ich werde es tun, diesmal werde ich es tun, du kannst dich darauf verlassen“, sagt sie schließlich, als sie sieht, wie Sara auf eine Antwort wartet.
„Soll ich vorausfahren?“
„Ja.“ Anna lehnt sich zurück und bestellt noch einen Kaffee. Es wird nicht leicht werden alles hinter mir zu lassen, ich bin...




