E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Pomej Soziopathen sterben selten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7460-2856-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7460-2856-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
S. Pomej hat aus Interesse an der menschlichen Natur Psychologie studiert und lässt die erlernten psychischen Störungen plus eigener Lebenserfahrung mit leicht, mittel und schwer gestörten Zeitgenossen geschickt in spannende Geschichten mit überraschendem Ende einfließen.
Autoren/Hrsg.
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Lebensrettung
Lebensrettung
Trotz beginnender Dämmerung erkannte ich schon von weitem, dass der auf der alten Eisenbahnbrücke stehende Mann noch ein junger Bursche war. In hohem Bogen warf er etwas weg, das ich als Handy einschätzte. Nun stand für mich fest, dass es wieder so ein Lebensmüder war, der sich von dieser Brücke stürzen wollte, damit ihn, falls er überlebte, noch ein Zug überfahren konnte. Manche wollten wirklich ganz sichergehen, diese - zugegeben unfreundliche - Welt, für immer verlassen zu können. Und in den heutigen mut- und schutzlos machenden Zeiten wurden es immer mehr, die von Existenzangst gepeinigt den letzten Weg wählten.
Schon schwang er eines seiner Beine übers Geländer und ich lief, so schnell ich eben konnte. Trotz meiner Eile fiel mir ein Zitat von G.B. Shaw ein: Die Jugend ist eine wunderbare Sache. Es ist eine Schande, sie an Kinder zu verschwenden.
„Halt!", schrie ich schon leicht außer Atem. „Tu das nicht, Junge!"
„Was kümmert dich denn das? Hau ab!"
So abwehrend reagierten sie meist alle. Zu sehr hatten sie schon unter den vielen Beschädigungen zu leiden, die sie durch unfreundliche, meist egoistische und total gedankenlose Mitmenschen erlitten hatten.
„Das Leben ist zu schön, um es einfach wegzuwerfen." Ungefähr 5 Meter von ihm entfernt blieb ich stehen. Ich konnte sogar einen Aufnäher auf seiner Jeansjacke erkennen. 'Weekend Warrior' stand drauf.
„Was weißt du schon von meinem Leben, Alter? Ich habe immer voll in die Scheiße gegriffen. Meiner Familie bin ich völlig egal, meine Freundin ist weg. Ich hab das Abi vermasselt und schon 4einhalb Tausend Euro Schulden!"
„Das ist doch noch lang kein Weltuntergang.“
„Für mich schon. Mich kotzt mein Leben an!“
„Dann ändere es einfach!“, schlug ich ihm vor.
„Ja klar, ich nehm mir einfach vor, im Lotto zu gewinnen und schon ist alles paletti“, höhnte er und beugte sich schon gefährlich Richtung Abgrund.
„Warte, willst du nicht noch jemand anrufen?“
„Wen? Meinen Telefonjoker?“
Der Junge war schon so zynisch wie mancher 59jährige Arbeitslose.
„Nein, einen Freund natürlich.“
„Hab weder Freunde noch ein Telefon, das wurde mir doch mangels Zahlung abgeschaltet.“
„Sag mal wie alt bist du eigentlich?"
„17."
„Mit 17 hat man doch noch Träume.“
„Ja, geplatzte Wunschträume!“ Mit einem Ruck wippte er wieder in eine stabilere Position. Beide Hände in den Jackentaschen verborgen.
„Das wäre ewig schade, sich mit 17 schon zu verabschieden. Dein Leben beginnt doch erst! Henry Ford sagte mal: die meisten Menschen geben auf, bevor sie scheitern können. Gib nicht so einfach auf, Junge!", beschwor ich ihn mit gefalteten Händen.
„Ford hatte leicht reden. Zu seiner Zeit war es noch leichter. Heute musst du schon als Kleinkind Leistung erbringen!"
„Mit 17 hast du auch noch genug Kraft, Leistung zu bringen. Es wäre eine solche Verschwendung, wenn du deinen jungen, schönen Körper hier zerschmetterst."
Dabei breitete ich meine Arme wie zu einer Einladung, mich zu umarmen aus.
„Bist du schwul?"
„Nein, aber ich war auch mal jung und deprimiert. Das ist ganz normal. Schon morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus, glaub mir!"
„Morgen hab ich auch noch meine 4einhalb Tausend Euro Schulden, meine total desinteressierten Eltern, wegen fehlendem Abi keine Zukunftschancen und keine Freundin mehr", ratterte er seinen ganzen Frust herunter, während er rittlings auf dem Geländer der hohen Eisenbahnbrücke saß, jederzeit bereit, sich einfach fallen zu lassen.
„Du findest doch im Handumdrehen eine Neue! Und die Schulden sind auch nicht zu hoch, um jetzt schon die Flinte ins Korn zu werfen."
„Mann, leidest du an seniler Bettflucht? Ich mag nicht mehr, ich habe die Schnauze voll von der ganzen miesen Gesellschaft."
„Tja, weil du einen schlechten Start hattest. Aber Gott ist auf deiner Seite. Er wird dich leiten auf allen deinen Wegen."
„Glaubst du vielleicht, der zahlt mir meine Schulden, häh?“ Dabei holte er eine Hand aus seiner Jeansjacke und tippte sich an die Schläfe.
„Ja-nein, aber Gott ist immer auf deiner Seite, er hilft dir sicher, du wirst-“
„Ey Mann! Glaubst du an Gott, oder wenn‘s ihn überhaupt gibt, dass er uns hilft?!? Dann hast du dir beim Ohrenputzen mit dem Wattestäbchen das Gehirn verletzt."
Dieser Nihilismus im Verein mit respektlosem Galgenhumor war typisch für die desillusionierte Jugend von heute. Nun starrte er mich derart herausfordernd an wie ein 3jähriger in der Trotzphase.
„Verschwinde endlich, ich will‘s allein hinter mich bringen. Ohne geile Zuschauer. Hau ab und geh schon mal Probeliegen im Sarg, du Friedhofsdeserteur!“
Mir war klar wie befreiend seine Frechheit für so einen tief depressiven und perspektivlosen Jungen war, und es sollte nicht sein letztes Aufflackern vorm Freitod sein.
„Du hast schon recht, man muss selbst etwas dazu tun, dann erhält man Hilfe von oben", versuchte ich es weiter.
„Wenn sich das Beten lohnen täte, würde ich öfters auf die Knie fallen und jeden Sonntag zur Kirche pilgern."
„Das brauchst du gar nicht. Fang ein komplett neues Leben an. Ich helfe dir dabei."
„Pah, wie denn?"
„Ganz einfach, ich besorge dir neue Papiere. Das ist kein Problem für mich."
„Echt?“
Sein Interesse war geweckt, ich hatte ihn an der Angel.
„Neue Papiere?" wiederholte er und ich erkannte, dass er wohl doch noch einen Funken Hoffnung in sich trug.
„Sicher. Du bekommst einen neuen Namen, den du dir selbst aussuchen darfst. Ein Freund von mir erledigt alles, keine Sorge. Der hat auch schon syrischen Flüchtlingen Pässe angefertigt. Wenn du willst, mach dich ein Jahr älter, dann bekommst du auch ein falsches Abi-Zeugnis von ihm. Bis alles fertig ist, wohnst du bei mir und wir reden über alles, was bisher in deinem Leben alles schiefgelaufen ist und wie du es von nun an besser machen kannst."
Das war ein Angebot, das man schlecht ablehnen konnte. Er holte bereits das übers Geländer hängende Bein wieder ein. Dabei fielen mir seine teuren Marken-Turnschuhe auf. Da beschwerte sich dieser Unglückswurm über seine hohen Schulden, die doch nur die logische Folge seiner Geldverschwendung für nicht lebensnotwendigen Luxus hochmütiger Designer-Millionäre waren!
„Und als Gegenleistung?"
„Nichts! Mir reicht es, ein Menschenleben gerettet zu haben."
„Da muss doch irgendwo ein Haken sein?", fragte er misstrauisch. So, als hätte ich ihm eben einen Bentley zum Okkasionspreis von 5 Euro 50 angeboten.
„Keiner. Sieh mal, ich bin Wissenschaftler. Ich entwickle Impfstoffe. Du siehst, ich will Menschen helfen!", redete ich mit Engelszungen auf ihn ein, denn er wurde mir immer sympathischer. Und Sympathie bedeutete Mitleid mit ihm, denn auch ich hatte in meiner Jugend viel Ärger mit unbrauchbaren Verwandten.
„Ich weiß nicht..."
„Hier herunterstürzen kannst du dich immer noch", schlug ich ihm vor.
„Wer weiß, ob ich dann noch den Mut dazu habe", überlegte er und umklammerte immer noch das Geländer, während unter uns der 19-Uhr-ICE nach Frankreich durchbrauste.
„Du irrst dich, Mut braucht man zum Weiterleben, nicht zum Sterben, glaub mir!"
„Na schön", sagte er und ließ das Geländer los.
„Mein Name ist Brimshausen", stellte ich mich vor und gab ihm die Hand.
Verlegen schüttelte er sie und murmelte: „Ich bin Bommel."
„Gut, den Spitznamen kannst du ja ruhig beibehalten. Aber ich würde dir raten, mit deinem bisherigen Umfeld keinen Kontakt mehr aufzunehmen", empfahl ich ihm. „Nur so kannst du in Ruhe ein völlig neues Leben mit ebenso neuer Identität beginnen."
„Is klar!", nickte er und setzte sich mit mir zusammen in Bewegung.
„Gehen wir zu meinem Haus, ist gleich dort hinten." Mit einem Arm zeigte ich in eine ruhige Seitenstraße. „Ziemlich abgelegen, ideal, um in Ruhe nachdenken zu können."
Beim Näherkommen bemerkte er kurz: „Sieht aus, wie ich mir als Kind immer das Knusperhäuschen von Hänsel und Gretel vorgestellt habe.“
„Aber Hexe gibt es keine mehr darin“, beruhigte ich ihn. „Meine Frau ist schon vor 10 Jahren verstorben.“
Als ich die Tür aufschloss, schlurfte er noch immer eher apathisch rein. Aber ich war sicher, dass es nach einer sättigenden Mahlzeit mit ihm aufwärtsgehen würde.
Eine halbe Stunde später, als er ein halbes Hähnchen mit Curryreis intus hatte, umspielte schon ein Lächeln seine schmalen Lippen. Wir saßen in meiner geräumigen Küche und sahen uns an.
„Noch Nachtisch?", fragte ich ihn.
„Ne, danke. Was machst du denn so, Brimshausen?"
„Wie ich schon anfangs erwähnte, stelle ich Impfstoffe her."
„Wofür, oder besser, wogegen?"
„Momentan natürlich gegen die Vogelgrippe, die in Australien wieder aufgeflammt ist", erklärte ich. „Willst du mein Labor sehen?"
„Nein."
Leichte Enttäuschung machte sich bei mir breit. Ich hätte mir doch etwas Interesse von ihm für diese sehr interessante und wichtige Tätigkeit erwartet.
„Per Inserat habe ich schon Testpersonen für die Impfung gesucht. Aber bisher hat sich keiner gemeldet"; bedauerte ich mein Pech in dieser Angelegenheit.
„Glaub ich gern, wer riskiert schon seine Gesundheit für sowas?"
„Im Dienste der Wissenschaft gibt es immer wieder Pioniere."
„Dann bleibt dir wohl nichts übrig, als der Selbstversuch", schlug er amüsiert...




