E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Ponte Versprich mir zu lieben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-23246-7
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-641-23246-7
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Molly und Marie sind schon immer beste Freundinnen. Und so bricht Mollys Welt zusammen, als Marie Ende zwanzig den Kampf gegen den Krebs verliert. Doch Marie hat ihr noch ein letztes Versprechen abgerungen. Molly soll von nun an für sie beide leben. Zwei Wochen nach der Beerdigung erhält sie mit der Post eine allerletzte Nachricht ihrer Freundin: einen dicken Umschlag mit 12 Briefen. Zwölf Aufgaben für ein Jahr, durch die Molly lernen soll, auch ohne Marie glücklich zu sein. Doch können ein Weihnachtsbaum, eine neue Teesorte und ein Skiurlaub wirklich das Lebensglück bescheren? Noch ahnt Molly nicht, welch ausgeklügelter Plan dahintersteckt …
Carène Ponte lebt mit ihrer Familie im Norden Frankreichs und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht. »Versprich mir zu lieben« ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint.
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Prolog
30. Oktober 2015
Als der Wecker klingelt, vergrabe ich meinen Kopf unter dem Kissen. Ich konnte dieses Ding noch nie besonders leiden, das nur dazu erfunden wurde, um mich aus meinen süßen Träumen zu reißen. Aber heute Morgen ist es noch schlimmer als sonst.
Ich fühle mich, als hätte ich das Bett seit Tagen nicht verlassen. Warum kann nicht einfach alles nur ein böser Traum sein? Aus dem ich schweißgebadet hochschrecke, um sogleich erleichtert festzustellen, dass all das nicht wirklich passiert ist? Ich möchte wieder fünf Jahre alt sein. Damals konnte ich mich auf den Traumfänger verlassen, den meine Mutter über meinem Bett aufgehängt hatte und der mich vor dreiköpfigen Ungeheuern und schrumpeligen Hexen beschützte. Womöglich würde er mich heute auch vor so etwas beschützen.
Der Wecker klingelt erneut. Wütend packe ich ihn und schleudere ihn durchs Zimmer. Der Schreck verschlägt ihm die Sprache.
Vielleicht sollte ich einfach liegen bleiben. Wenn ich diesen Tag gar nicht erst beginne, kann ich so tun, als wäre meine beste Freundin nicht für immer von mir gegangen. Ich will mich nicht endgültig von ihr verabschieden. Schon gar nicht in einer eiskalten Kirche voller weinender Menschen.
Ich will nicht, dass für mich künftig jeder Freitag mit dem Bild eines verschlossenen Sarges verbunden sein wird. Das übersteigt einfach meine Kräfte.
Ich will nicht aufhören zu glauben, dass sie und ich gleich spazieren oder ins Kino gehen werden. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihr Gesicht deutlich vor mir, ihre kurzen Haare, ihre großen braunen, lachenden Augen. Und wenn ich mich richtig konzentriere, höre ich sicher auch ihr Lachen und spüre ihre Gegenwart.
Wie kann man mit nur einunddreißig Jahren sterben? Wer kann so herzlos sein und entscheiden, dass eine so großartige junge Frau wie Marie innerhalb weniger Monate von einer Scheißkrankheit dahingerafft wird? Wer?
Marie und ich kannten uns seit so vielen Jahren. Fünfundzwanzig, um genau zu sein. Also sozusagen schon immer.
Es war ein herrlicher Tag, und wir waren gerade in das Haus gezogen, das meine Eltern gekauft hatten. Ich war außer mir vor Freude, weil ich zum ersten Mal einen Garten haben würde. Ich, die ich bis dahin nur den Spielplatz vor unserem Mietshaus kannte. Einen Garten, einen richtigen Garten. Mit einer Schaukel, das hatte Papa mir versprochen.
Sobald ich also aus dem Umzugswagen geklettert war, rannte ich los, um dieses so herbeigesehnte Paradies in Augenschein zu nehmen.
Was ich erblickte, war ein Stück Rasen voller Unkraut und Brennnesseln … Mir war das gleich: Ich fand es wunderbar.
Am Ende des Gartens entdeckte ich ein Törchen, das unser Haus von dem der Nachbarn trennte. Und hinter dem Törchen war ein Mädchen. Hoch konzentriert und mit einem Stock in der Hand hockte sie da.
Nach anfänglichem Zögern siegte meine Neugier, und ich trat an das Törchen. Das Mädchen war gerade dabei, Schnecken in eine Flasche zu locken, in der sich Salatblätter befanden.
»Was machst du da?«
»Das wird eine Schneckenzucht.«
»Eine Schneckenzucht? Was willst du denn mit Schnecken?«
»Ich will sie meinem kleinen Bruder ins Bett tun. Dann geht er vielleicht weg.«
»Ich hab keinen Bruder und eine Schwester auch nicht.«
»Wenn du magst, kannst du meinen haben. Der heult immer nur, und spielen darf ich auch nicht mit ihm. So ein Bruder taugt zu gar nichts.«
»Stimmt. Der taugt wirklich zu nichts …«
Sie hatte den Kopf gehoben und ihre Aufmerksamkeit von den Schnecken abgewandt, die, entzückt über diesen Glücksfall, so schnell sie konnten, davonkrochen.
»Wie heißt du?«
»Molly.«
»Mit einem M, genau wie ich! Ich heiße Marie. Und wie alt bist du?«
»Viereinhalb. Aber bald habe ich Geburtstag, und dann bin ich fünf!«
»Ich bin sechs. Willst du mit mir Ritter und Prinzessin spielen? Aber ich entscheide, wer der Ritter und wer die Prinzessin ist, weil ich größer bin. Okay?«
»Okay!«
»Also, ich bin der Ritter, und du bist die Prinzessin. Mein Papa hat mir aus Holz ein Schwert gemacht. Ich zeig’s dir gleich.«
Sie hatte gelächelt. Vorne fehlte ihr ein Zahn. Die Glückliche! Die Zahnfee war schon bei ihr gewesen.
Eine Freundschaft von fünfundzwanzig Jahren. Eine gemeinsame Vergangenheit, unzählige Erinnerungen und plötzlich, von einem Moment auf den anderen – nichts mehr.
Das kleine Mädchen hinter dem Gartentor weicht immer mehr der Freundin, die ich vor ein paar Tagen in einem Krankenhausbett habe sterben sehen. Die Bilder verschwimmen, als wollte mein Geist mir die Erinnerung daran ersparen.
Stattdessen sind die letzten Momente, in denen zwischen uns noch ein richtiger Austausch stattgefunden hat, auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt. Sie liegen inzwischen ein paar Wochen zurück, aber ich erinnere mich noch an jedes einzelne Wort. Und an das, worum sie mich gebeten hat …
Als ich an jenem Tag in ihr Zimmer kam, saß sie aufrecht im Bett. Sie war schon so blass und abgemagert, und trotzdem empfing sie mich mit einem strahlenden Lächeln.
»Na endlich! Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst! Ich muss dir unbedingt von dem neuen Pfleger erzählen, der mir heute Morgen die Spritze gegeben hat. Der Typ ist der Hammer! Das sind die Momente, in denen ich mich ärgere, dass ich meine Ausbildung zur Krankenschwester abgebrochen habe …«
»Du bist unverbesserlich. Der wievielte Pfleger ist das, in den du dich verknallst?«
»Ach weißt du, Molly, niemand außer dir kommt auf die Idee, sich mit nicht mal dreißig auf einen solchen Langweiler einzulassen. Ich will mein Leben genießen …«
Für einen Augenblick schien sich zwischen uns ein kleiner Misston eingeschlichen zu haben.
»Germain ist kein Langweiler.«
»Doch, ist er. Ich werde ja schon müde, wenn ich nur den Namen höre. Also ehrlich, … Merkst du denn gar nicht, dass das nicht passt? Eine Molly verdient einen John oder einen Brad! Aber ein Germain … Wenn ich nur daran denke, dass meine Mutter ihn dir vorgestellt hat! Ich könnte heulen.«
Ich hatte zu lachen begonnen, mich aber sofort zusammengerissen, weil mir mit einem Schlag wieder die ganze Tragik der Situation eingefallen war.
»Warum machst du so ein Gesicht?«
»Weil … Na ja … Weil eben …«
»Weil eben was? Weil ich sterbe? Na und? Soll mich das etwa davon abhalten, mit meiner besten Freundin zu lachen? Ihr von meinem megaheißen Pfleger zu erzählen? Oder ihr zu sagen, dass ihr Freund so interessant ist wie eine Arte-Doku mit Untertiteln?«
»Aber …«
»Ehrlich, Molly, wenn du gekommen bist, um mich zu bemitleiden, kannst du gleich wieder gehen. Das macht meine Mutter schon. Und eine Person, die die ganze Zeit heult, wenn sie hier ist, reicht mir. Ich will mal wieder was zu lachen haben. Und dieses Krankenhaus, dieses Zimmer und diese Scheißkrankheit vergessen.«
Etwas plump versuchte ich, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.
»Also, was ist jetzt mit dem Pfleger? Erzähl mal.«
Sie hatte gelächelt, und der restliche Nachmittag verlief so, als ob alles ganz normal wäre. Als ob meine beste Freundin nicht am Ende ihres Lebens stünde. Als ob sie nicht zehn Kilo und all ihre Haare verloren hätte. Als ob da nicht diese Schmerzen wären, die sie das Gesicht verziehen ließen und die sie hinter einem oftmals verzerrten Lächeln zu verbergen versuchte.
Am Ende seiner Schicht war der Pfleger noch einmal aufgetaucht, um ihr eine Spritze zu geben, irgendein Medikament, das sie mehr entspannte als heilte. Er war wirklich der Hammer. Die Besuchszeit war fast zu Ende.
»Hör mal, Molly, ich möchte dich um einen Gefallen bitten.«
Wir lagen nebeneinander auf dem Bett, Kopf an Kopf.
»Was immer du willst …«
»Du und ich, wir beide wissen, dass ich hier nicht mehr lebend rauskomme. Ich wollte noch so viele Herzen brechen, aber was soll man machen, so ist es nun mal …«
Sie hatte mir das Gesicht zugewandt. Eine Träne lief mir über die Wange, und ich wischte sie rasch fort.
»Molly, bitte. Es ist wichtig. Ich denke schon seit Tagen darüber nach. Ich … ich möchte, dass du für mich lebst. Machst du das?«
Ich stützte mich auf einen Ellbogen.
»Für dich leben? Ich verstehe nicht …«
»Ganz einfach. Ich will, dass du für uns beide lebst. Dass du an meiner Stelle das Leben genießt. Dann hätte ich das Gefühl, dass ich nicht ganz sterbe.«
»Aber … ich weiß überhaupt nicht …«
»Wir sind Freundinnen, seit ich sechs war, Molly. Ich kenne dich besser als jeder andere. Und ich weiß, dass so viel mehr in dir steckt … Du hast so viel mehr verdient als dieses enge Leben, auf das du gerade zusteuerst, mit deiner beschissenen Angst vor dem Alleinsein.«
»Aber ich bin sehr glücklich so!«
»Wirklich? Mit dieser Schlaftablette Germain? Als Kellnerin in diesem Restaurant?«
»…«
»Und was ist mit der Molly, die davon geträumt hat, Solotänzerin zu werden? Wo ist die geblieben? Ich weiß, dass sie immer noch da ist, tief in dir drin. Und da man einer Sterbenden ihren letzten Wunsch nicht abschlagen soll, befehle ich dir, sie wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen.«
»Hm, äh, na ja. Zu Germain sag ich jetzt mal nichts, er findet vor deinen Augen sowieso keine Gnade. Was das Tanzen betrifft, das ist eine alte Geschichte, du weißt ganz genau, dass das längst Vergangenheit ist … Und mein Leben ändern? Alles ändern? Ich möchte dich mal an meiner Stelle sehen.«
»Zufällig werde ich nicht mehr wirklich Zeit dazu haben … Also … Sagen wir, du hast ein Jahr. Genau, sagen wir ein Jahr. Um einen...




