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Dr. Karl Porges ist Fachrektor, Institut für Biowissenschaften der Fakultät für Zoologie und Evolutionsforschung der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Autoren/Hrsg.
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Schriften, Gelder, Morde. Reichsleiter Philipp Bouhler und das Protektorat Böhmen und Mähren: Zu Beginn und Ausweitung der NS-„Euthanasie“, 1939–194118
Michal V. Šimunek
„Philipp Bouhler gehört zu den stillen, verborgenen Kämpfern der Partei, die nur selten hervortreten, aber unermündlich im Dienste der Bewegung ihr Ganzes geben.“ (von Schirach 1933, S. 26)
In seiner Charakteristik vom Reichsleiter und Chef der Kanzlei des Führers (KdF) Philipp Bouhler (1899–1945)19, neben Hitlers Begleitarzt Karl Brandt (1904–1948)20 dem zweiten „Euthanasie“-Beauftragten Hitlers, stellte Henry Friedlander (1930–2012) u.?a. fest: „Als Reichsleiter der NSDAP und Leiter der KdF gehörte Bouhler zur herrschenden Elite des Regimes, obwohl er nicht über die Macht und den Einfluß eines Bormann oder eines Himmlers verfügte. Wie bei Brandt entsprachen auch bei ihm die Pflichten als Euthanasie-Beauftragter nur einem kleinen Teil seines gesamten Verantwortungsbereichs. Die Durchführung der entsprechenden Aufgaben delegierte er an Viktor Brack und den Stab der KdF, und gemeinsam mit Brandt konzentrierte er sich darauf, die politischen Richtlinien vorzugeben. Natürlich wurden Brandt und Bouhler immer dann eingeschaltet, wenn T4 mit Problemen konfrontiert war […]. Offensichtlich spielte Bouhler eine aktivere Rolle, wenn T4 mit anderen Parteidienststellen oder Behörden zu tun hatte, und er erhielt außerdem das Geld zur Finanzierung der Mordaktion“ (Friedlander 1997, S. 308).
Abb. 1: Das Columbus-Haus auf dem Potsdamer Platz in Berlin, in dem sich die Büroräume der KdF befanden, 1930er-Jahre (Privatsammlung).
Lassen wir die Frage, ob die eigentliche Initiative zur „Großaktion“, d.?h. zum ersten Massenmord des NS-Regimes, von Hitler oder von der „Funktionselite“ des Dritten Reiches ausging, zur Seite, bleibt die Rolle Hitlers sowie seiner beiden Beauftragten zentral (Benzenhöfer 2001; Weindling 1989). Auf einer Seite war es die Planungs- und Logistikarbeit um die KdF im Berliner Machtzentrum mit der Schlüsselstellung von ausgewählten Mitarbeitern des Hauptamts II wie Viktor Brack (1904–1948), Hans Hefelmann (1906–1986), Werner Blankenburg (1905–1957) und Richard von Hegener (1905–1981) sowie Herbert Linden (1899–1945) vom Reichsministerium des Innern (RMdI) (Benzenhöfer 2001, S. 38–53; Schmidt 2009, S. 193). Auf der anderen Seite war es eine Partei-Diplomatie sui generis, die Bouhler auf der lokalen Ebene der jeweiligen Entscheidungsträger durchführte. Während zum ersten Fragenkomplex, der sich im Wesentlichen mit der Planung der Vernichtung von Erwachsenenpatienten, die aller Wahrscheinlichkeit nach nur wenig später als die Planung der Kinder- und Jugendlicheneuthanasie im Spätsommer und Herbst 1939 begann, ausführliche Darstellungen vorliegen, bleibt seine Rolle bei den Interventionen auf der mittleren Parteiebene des NS-Staates weniger bekannt (Aly 2013, S. 21–63; Benzenhöfer 1999, S. 120; Benzenhöfer 2001, S. 21–53; Klee 1999, S. 76–108). Dabei ist explizit hervorzuheben, dass es wohl der Gewissheit des Krieges bedurfte, um die Mordaktionen zu planen bzw. Verlegungen größeren Ausmasses zu organisieren (Faulstich 2000, S. 28; Schmidt 2009, S. 199–223).
In dem vorliegenden Aufsatz wird demnach ein Versuch gemacht, Bouhlers Vorgehen am Beispiel des Protektorates Böhmen und Mähren darzustellen, das eventuell auch für andere Länder und Gebiete unter der NS-Herrschaft als aussagekräftig gelten kann.
1.„Glaube an Adolf Hitler“: Epigone, Propagandist und Intimus des Diktators
Am Dienstagabend des 2. Dezember 1936 erstattete Hitler in Berlin Bouhler einen privaten Besuch: Anlass waren 15 Jahre seines „Dienstes der Bewegung“, wie die Parteipresse berichtete.21
Damit wurde an Bouhlers Eintritt als Schriftleiter in den Völkischen Beobachter am 1. Dezember 1921 erinnert22 (Maser 1994; Tavernaro 2004). Im Sommer 1922 avancierte er zuerst vorübergehend und im September 1922 ständig zum 2. Geschäftsführer der NSDAP (Schäfer 1956). In dieser Eigenschaft machte er den Hitler-Putsch am 9. November 1923 in München mit (Maser 1973). Ebenso als Geschäftsführer wurde er am 15. Januar 1924 bei der Großdeutschen Volksgemeinschaft (GVG) ins Münchener Vereinsregister eingetragen. Dieser Verein bildete eine Ersatzbasis für die nach dem Fehlschlag des Hitler-Putsches im November 1923 verbotene NSDAP und existierte nur bis Februar 1925, als die NSDAP erneut gegründet wurde (Horn 1972, S. 177–179). 1924/1925 wurde er Chefredakteur des Blattes Der Nationalsozialist, das als Ersatz für den verbotenen Völkischen Beobachter erschien (Tavernaro 2004, S. 35–36). In der neu errichteten Reichsleitung unter Rudolf Heß (1894–1987) wurde er 1926 Hauptgeschäftsführer (Bracher 1969, S. 151). Er war also wesentlich am Wiederaufbau der Partei nach der Freilassung von Hitler beteiligt und gehörte zu den „Männern um Hitler“ (Schmidt-Pauli 1932) bzw. „Pionieren des Dritten Reiches“ (Schirach 1933). Anschließend wurde Bouhler Reichsgeschäftsführer der NSDAP und mit Hitlers Verfügung vom Juni 1933 zu einem der insgesamt neunzehn Reichsleiter des Dritten Reiches ernannt.23 Bei den Wahlen im März und November 1933 wurde er für die NSDAP zum Mitglied des Reichstages (MdR) gewählt.24 Am 17. Januar 1934 trat er – parallel zur Ausübung seiner Stelle des Reichsleiters – in den Stab Rudolf Heß, in dem ihm die Bearbeitung kulturpolitischer Fragen oblag. Mit 35 Jahren wurde er für kurze Zeit auch zum Polizeipräsidenten in München ernannt, an Stelle des am 30. Juni 1934 erschossenen Ludwig E. A. Schneidhuber (1887–1934).25 Im Stab von Heß lag auch die Keimzelle der späteren Sonderinstanz, die „das Vertrauen des Führers […] mit in diese Stelle“ berief und die mit der Parteiverfügung Hitlers vom 1. Oktober 1934 gegründet wurde, d.?h. der Kanzlei des Führers (KdF).26 Am Samstag den 17. November 1934 wurde Bouhler ihr einziger Chef (ebd. und Benzenhöfer 2012, S. 41). Anfang Oktober 1934 zog er mit der KdF, deren Personal zunächst 72 Personen bildete, sowie mit der unter seiner Leitung seit November 1933 stehenden Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutz des nationalsozialistischen Schrifttums (PPK) von München nach Berlin (Voßstraße 1) um27 (siehe Teil 2. dieses Aufsatzes).
Das Verhältnis zum „Führer“ und seine Wirkung spielten bei Bouhler die zentrale Rolle: „Er [Hitler – d. Verf.] hat in zäher Arbeit das politische Machtinstrument der NSDAP geschaffen und mit seinem Geist erfüllt. Er allein hat Ziel und Marsch der nationalsozialistischen Revolution bestimmt und in seinem Buch ‚Mein Kampf‘ und in seinen Reden die Grundlage für die geistige Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus geschaffen“ (Bouhler 1935). Es basierte auf dem „Vertrauen“ und zugleich wurde es von ihm als ein Beleg der „Verbundenheit“ verstanden.“28 Nach 1933 wollte er es in ein dauerndes Bindeglied zwischen dem „Führer“ und deutschen „Volk“, also zur zentralen Komponente des Führerkultes, umgewandelt sehen (Vondung 1971). Bouhlers vereinfachte Parole nach Januar 1933 hieß: „von der Masse seiner [Hitlers – d. Verf.] Anhängerschaft an die Spitze der von ihm [Hitler – d. Verf.] geschaffenen Volksbewegung“ (Bouhler 1943a, S. 52).
Abb. 2: Philipp Bouhler, vor 1933 (ABS Praha).
Diese These war dabei auf keinen Fall selbstzweckmäßig, denn gerade das Verhältnis zwischen politischer Führung und Parteiverwaltung...




