Porter | Die Fährte der Wandler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 698 Seiten

Porter Die Fährte der Wandler


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96089-044-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 698 Seiten

ISBN: 978-3-96089-044-7
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Goran mit seinem Wolfsgefährten Arion die Goldene Stadt Sanka besucht, hat er nichts weiter im Sinn, als sich von einer unangenehmen Pflicht zu befreien. Aber das Schicksal hat andere Pläne für ihn: Er läuft dem jungen Taschendieb Juri über den Weg. Verwaist, seitdem seine Eltern von Wolfswandlern getötet wurden, ist Juri auf sich alleingestellt. Außerdem macht ihm eine geheimnisvolle Krankheit zu schaffen, für die niemand eine Kur oder auch nur eine Erklärung zu kennen scheint. Daher ist ihm jedes Mittel recht, um Goran zu überzeugen, ihn in das ferne Tal der D'Elen-Heiler zu bringen. An Gorans und Arions Seite bricht er auf, um sich der Wahrheit über sein Anfallsleiden zu stellen. Sie verlangt ihm alles ab - und öffnet gleichzeitig neue Wege, nicht zuletzt die der Liebe. Doch seine neuen Gefährten sind in weit größere Vorkommnisse verstrickt, als er oder sie selbst ahnen. Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Sidhe.

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Kapitel 2


Goran musste unerwartet viel Kraft aufwenden, um den Dieb festzuhalten, der sich in krampfartigen Zuckungen unter ihm wand. Geistesgegenwärtig hatte er seinen Umhang unter den Kopf des Jungen geschoben, damit er ihn sich nicht an den Pflastersteinen einschlug. Die Augen verdreht, bis nur noch das Weiße zu sehen war, bäumte der Junge sich auf. Schaumiger Speichel lief ihm aus dem Mund, obwohl er die Zähne so fest zusammenbiss, dass die Kiefermuskeln deutlich hervortraten, ebenso wie die Sehnen an seinem Hals, die sich wie straff gespannte Schnüre unter der Haut abzeichneten. Sein gesamter Körper schien von einer fremden Macht erobert zu sein, die ihn wüst schüttelte.

Mittlerweile hatte sich eine Gruppe Schaulustiger um sie geschart. Goran hob den Kopf und blickte in ihre Gesichter, die eine Mischung aus gespannter Erregung und Entsetzen zeigten. Der Anfall des Jungen hatte der Einfahrt des olbianischen Schiffes soeben den Rang abgelaufen und war auf Platz eins der Hafenattraktionen vorgerückt.

„Verschwindet!“, fuhr Goran die Leute an.

Sie rührten sich nicht.

Erst als Arion die Nackenhaare sträubte und durch gefletschte Zähne ein bedrohliches Knurren ausstieß, wichen sie langsam zurück. Er machte einen Satz nach vorn. Bewegung kam in die Menge. Einige schrien erschrocken auf, stolperten hastig außer Reichweite der scharfen Zähne des riesigen Wolfs. Allerdings ergriff niemand die Flucht. Neugier und Furcht hielten sich die Waage.

Goran hatte keine Zeit, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen. Unter seinen Händen ließ das Zucken des zierlich wirkenden Leibs des Jungen endlich nach. Goran fühlte verkrampfte Muskeln unter dem Stoff der dünnen Tunika. Der Kleine war zäher als er aussah.

Nach einem letzten röchelnden Gurgeln sank sein Kopf schwer auf den Umhang. Sein Körper erschlaffte. Sofort drückte Goran die Finger gegen seine Halsseite und fand den Herzschlag. Schwach, zu schnell, aber gleichmäßig.

„Aus dem Weg!“ Die befehlsgewohnte Stimme des Soldaten der Stadtwache scheuchte die Umstehenden auseinander. „Geht weiter, es gibt hier nichts zu sehen!“

Eine glatte Lüge, außer, man bezeichnete einen Wolf, der einem erwachsenen Mann bis zur Hüfte reichte, als nichts. Goran bereute bereits, ihn mit in die Stadt genommen zu haben, und wenn er Arions nach hinten geklappte Ohren und die gerunzelte Schnauze richtig deutete, ging es ihm ebenso.

„Was ist hier los?“, fuhr die Stadtwache Goran barsch an.

„Der junge Mann hier fühlt sich nicht wohl“, sagte er kühl. Eine freche Untertreibung. „Es ist in Ordnung. Ich kümmere mich um ihn.“

„Und das Vieh hier?“

Aus Arions Kehle erklang ein dumpfes Grollen. Goran stand auf und legte ihm beruhigend die Hand auf den Nacken.

Der Wachsoldat wusste es nicht besser. Breitbeinig und mit verschränkten Armen stand er vor Arion, in dem Bemühen, furchtlos zu wirken. Goran sah jedoch das Flackern in seinem Blick, und Arions angewidertes Schnauben zeigte ihm, dass der Kerl außerdem nach Angst stank.

„Wölfe sind in Sanka verboten. Es sei denn, in Pelzform.“

Eigentlich hatte Goran ihm die gestohlene Tasche geben wollen, überlegte es sich angesichts des respektlosen Tons aber anders. Arion spannte sich unter seiner Hand an.

Goran griff fest in sein Nackenfell und fletschte die Zähne zu einem Lächeln. „Dieser hier ist nicht verboten. Der Magode persönlich gestattet seinen Aufenthalt.“

Er deutete auf den goldenen Anhänger, der an Arions Halsband baumelte, froh darüber, dass er ihn nach endlosen Überzeugungsgesprächen dazu überredet hatte, das Ding zu tragen.

Der Wachmann kämpfte sichtlich mit sich, ob er einen genaueren Blick darauf werfen sollte, entschied sich dann aber dagegen und nickte nur gönnerhaft. „Nun gut. Trotzdem rate ich Euch, Euch von öffentlichen Plätzen fernzuhalten, um weiteres Aufsehen zu vermeiden.“

Goran verkniff sich das Lachen. Um mit Arion an der Seite Aufsehen zu vermeiden, hätte er den Wolf schon unsichtbar machen müssen.

Da er jedoch verstand, dass der Wachmann mit seiner Forderung das Gesicht wahren wollte, stimmte er zu. Nach einem letzten misstrauischen Blick auf Arion ging der Soldat und scheuchte die letzten Neugierigen fort. Auf den Jungen hatte er keinen Blick mehr verschwendet.

Dessen verschlissene Kleidung zeichnete ihn als mittellosen Streuner aus, niemand, um den man sich besorgt kümmern musste. Niemand, von dem eine Belohnung zu erwarten war, und eine Bedrohung stellte er in seinem sichtlich angeschlagenen Zustand auch nicht dar.

Arion schnüffelte an den Händen des Diebs und blickte fragend zu Goran auf.

Der bedeutete ihm mit einer knappen Geste, mehr Abstand zu halten. „Er kommt zu sich. Wir wollen doch nicht, dass er gleich wieder in Ohnmacht fällt.“

Mit hochgezogenen Lefzen kam Arion einem Grinsen so nah, wie es ihm als Wolf möglich war.

Goran beugte sich erneut über den Gestürzten, der leise stöhnte und die Lider hob. Er sah jung aus, kaum älter als neunzehn, und stank, als hätte er die Nacht unter einer Brücke verbracht. Schwarzes Haar fiel ihm in zerzausten Locken in die Stirn und reichte ihm bis auf die Schultern. Dunkle Schatten unter den Augen zeugten von Schlafmangel oder Krankheit, und mager, wie er war, sah er nicht aus, als bekäme er regelmäßige Mahlzeiten.

Kein Wunder, wenn er sich bei jedem Diebstahl so dämlich anstellte wie bei dem letzten.

Er war Goran bereits aufgefallen, als er neben der Aussichtsplattform die Frauen beobachtete. Er hatte das berechnende Glitzern in den Augen bemerkt und ihn sogleich als Taschendieb erkannt.

Normalerweise wäre er seiner Wege gezogen, ohne sich darum zu scheren, denn die Geschäfte der Kleinkriminellen Sankas hätten ihm nicht gleichgültiger sein können. Dann war ihm aber der seltsam schwankende Gang des Jungen aufgefallen, und das hatte sein Interesse geweckt.

Goran konnte sich nicht vorstellen, wie der Junge in einer dermaßen schlechten Verfassung Beute machen wollte. Wider Erwarten war es ihm dennoch gelungen, die Tasche zu stehlen. Von den Frauen unbemerkt.

Erstaunlich wendig hatte er sich anschließend auch aus Gorans Griff befreit, doch Arion hatte ihn mit Leichtigkeit eingeholt und brauchte ihn nicht einmal zu Fall zu bringen, das erledigte der Dieb gleich selbst und stürzte. Als Goran ihn erreicht hatte, wurde er bereits von dem Krampfanfall geschüttelt.

„Was …“, murmelte er und hob abwehrend die Hand.

Goran kümmerte sich nicht darum, griff zu und half ihm, sich aufzusetzen. Der Junge sank schwer gegen ihn, verzog das Gesicht und versuchte, seinem stützenden Arm zu entkommen.

 „Ich tue dir nichts“, knurrte Goran. „Reg dich ab und atme tief durch. Du hattest einen Anfall.“

Der Junge zuckte nicht mit der Wimper. Daraus schloss Goran, dass es nicht das erste Mal war, dass ihn ein Krampfanfall heimsuchte.

Forschend blickte er in das blasse Gesicht. Mit trotzig vorgeschobenem Kinn erwiderte der Junge die Musterung. Seine Augen waren trübe, verwaschen graublau, wie der Himmel nach einem Regenguss, und auf der Nase hatte er winzige Sommersprossen.

„Lasst mich gehen“, verlangte er mit belegter Stimme.

Unerschrocken starrte er Goran weiterhin in die Augen. Mumm hatte er jedenfalls.

Goran drückte seinen Oberarm, knapp an der Grenze zum Schmerz. „Nenn mir einen Grund, warum ich dich nicht der Stadtwache ausliefern soll.“

„Ich habe nichts verbrochen.“ Der Junge war klug genug, stillzuhalten. Sein Blick huschte zu Arion und zurück zu Goran. Doch statt Erschrecken zu zeigen, leuchteten seine Augen auf. Ein ungläubiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ihr seid der Wolfsmann!“

Goran wechselte einen Blick mit Arion. Im Gegensatz zu dem Kerl von der Stadtwache hatte der Junge ihn sofort erkannt. Da er keinen Sinn darin sah, zu leugnen, wer er war, nickte er bestätigend.

„Und du bist?“

„Juri.“ Das Lächeln des Jungen verwandelte sich in ein breites Grinsen. „Ich bin Juri, derjenige, den Ihr nach Elenia führen werdet.“

Diese Dreistigkeit verschlug Goran einen Atemzug lang die Sprache, was selten genug vorkam. Hastig verbarg er das in ihm aufsteigende Lachen hinter einem vorgetäuschten Hustenanfall. „Was verleitet dich zu dieser Annahme?“, fragte er, als er wieder sprechen konnte.

Juri straffte die Schultern. „Ihr seid der beste Führer Sankas. Und ich muss nach Elenia. Die Göttin selbst hat uns zusammengeführt.“

„Für mich sah das eher so aus, als hätte ich dich bei einem Diebstahl ertappt.“

Juri lief bis zu den Haarwurzeln rot an. Sein Blick huschte zu der Tasche, die neben ihm auf dem Boden lag. „Wenn Ihr mich nicht verratet, gebe ich Euch die Hälfte der Beute ab.“

Dreist. Goran musste sich abwenden, damit Juri sein anerkennendes Grinsen nicht bemerkte. Wider Willen beeindruckte der kleine Dieb ihn. Statt um Gnade zu bitten, versuchte er es gleich mit Handeln.

„Zwei Drittel?“, fragte er nun zögernd.

Goran beschloss, ihn nicht länger zappeln zu lassen. „Hör auf mit dem Unsinn, Junge. Gib der Frau die Tasche zurück, und du hast jedenfalls von meiner Seite nichts zu befürchten.“

Juri wurde blass um die Nase. „Aber das kann ich nicht. Sie würde doch sofort wissen, dass ich ihr die Tasche gestohlen habe, und die Wache rufen. Außerdem brauche ich eine Bezahlung für Eure Dienste.“

Das war ein guter Punkt.

Goran erhob sich und streckte Juri die Hand hin....



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