Portero | Die schlechte Gewohnheit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Portero Die schlechte Gewohnheit

Roman | Die literarische Sensation aus Spanien: Von Pedro Almodóvar empfohlen und mehr als 100.000 Mal verkauft
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8437-3124-9
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Die literarische Sensation aus Spanien: Von Pedro Almodóvar empfohlen und mehr als 100.000 Mal verkauft

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3124-9
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die literarische Sensation aus Spanien: Eine queere Held:innenreise In einen gefallenen Engel, einen Herointoten auf den Straßen von San Blas, verliebt sich die Erzählerin dieses Romans zum ersten Mal. Sie, die im Körper eines Jungen aufwächst, und nur hinter verschlossenen Türen kurze Momente gestohlenen Glücks mit Rouge und Lippenstift ihrer Mutter hat, zeichnet ihren Weg nach: Beginnend in einem Arbeiterviertel Madrids, das nicht weiter entfernt sein könnte von der schillernden Hauptstadt Spaniens, deren Nachtleben in den Achtzigern ein Zentrum der queeren Szene wird. Während sie aufwächst, diskutieren Familien unironisch, ob ein drogensüchtiger oder ein homosexueller Sohn das schwerere Schicksal sei, und so sind es die Außenseiter:innen  - triumphale Nymphen und wilde Chimären -, die ihr zu Wegbegleiter:innen werden. Zwischen Armut und Gewalt, politischer Klassenunterdrückung und Momenten heimlicher Solidarität wird sie langsam, quälend langsam, zu der, die sie immer schon war. »Ich empfehle Ihnen ausdrücklich Alana Porteros Roman Die schlechte Gewohnheit zu lesen. Er zeigt, wie viel Leid und Schmerz daraus resultiert, im falschen Körper geboren worden zu sein - und wie gefährlich es sein kann.« Pedro Almodóvar Die schlechte Gewohnheit ist eine umgekehrte Heldenreise, verfasst in gleißend schöner Sprache, in der schillernde Außenseiter sich zu einer Gemeinschaf formen, die das Überleben möglich macht. Erzählt mit dem Klassenbewusstsein von Annie Ernaux, der literarischen Innovation von Andrea Abreu, der Lust am Grenzensprengen von Virginie Despentes und dem Sinn für Außenseiterfiguren von Pedro Almodóvar, ist der Roman gleichermaßen erschütternd wie heilsam. 

Alana S. Portero ist Mediävistin mit Abschluss an der UAM in Madrid. Sie ist Schriftstellerin, Dramatikerin und Mitbegründerin der Theatergruppe STRIGA. Sie schreibt über Feminismus und LGTB-Aktivismus aus der Perspektive einer Transfrau für verschiedene Medien.
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Die Hexe vom Ende der Straße


La Peluca, die Perücke, war winzig klein, dürr wie eine Bohnenstange und so faltig, dass sie mit jeder Bewegung einen unerbittlichen Mumifizierungsprozess zu unterbrechen schien. Sie war schon immer steinalt. Sie schminkte sich wie die Karikatur einer gepflegten älteren Dame: blauer Lidschatten, schwarzer Lidstrich, rote Lippen und perfekt im Zickzack aufgetragene Foundation in der Farbe Mona-Lisa-Kartoffel. Sie roch nach toten, in einer Schublade vergessenen Blumen und murmelte unaufhörlich unverständliche Wortketten vor sich hin, wie ein geheimes Gebet mit einem guten Schuss Gift. Das mit dem Gift kam von ihrem Blick, spöttisch und irgendwie ums Eck. Ihre Ernsthaftigkeit hatte nichts Urteilendes, sondern wirkte, als stünde sie permanent kurz vor einem Lachanfall; als würde ihr, jedes Mal wenn sie jemanden anschaute, irgendein peinliches Geheimnis ihres Gegenübers eröffnet.

Sie lebte allein am Ende der Straße; am Ende einer Reihe dreistufiger Wohnblocks aus roten Ziegeln mit Außentreppen aus Beton. Diese architektonische Landschaft, die sich im gesamten Viertel multiplizierte, wurde hin und wieder von einer verwahrlosten Brache voller Glasscherben, Alufolienreste, Spritzen und nicht mehr brauchbaren Baumaterialien unterbrochen. Durch diese Lücken in den Wohnungsreihen wirkten die Häuserzeilen aus der Vogelperspektive wie angegriffene Gebisse. Als wären, keiner Logik folgend, hier und da riesige Zähne ausgerissen worden, die eine unheilbare, eitrige Entzündung und eine unschöne Lücke zurückließen. Neben dem Park und den Wohnungen selbst waren diese Müllhalden, diese Leerstellen, die Spielplätze der Kinder aus dem Viertel. Und sie wurden auch ihre Sterbeplätze, wenn sie alt genug waren, um sich mit Heroin abzuschießen. Etliche Generationen Arbeiterkinder wuchsen so auf. In diesen Brachen, die uns zur Todesfalle werden konnten, malten wir uns die schönsten Fantasiewelten aus. Der Garten reichte nicht bis zu der Ecke, wo die Peluca wohnte. Wenn sie irgendwann mal ihre grünen Rollos hochgezogen hätte, die Tag und Nacht die Fenster verdunkelten, hätte sie bloß die Aussicht auf die Mülltonnen erwartet.

Unsere Häuserblocks waren Teil eines großen Bauprojekts der Fünfzigerjahre unter Franco, das hochtrabend El Gran San Blas genannt wurde. Vorher hieß der Ort Cerro de la Vaca, aber für die faschistischen Bürokraten stank der Kuhberg offenbar zu sehr nach Schweiß und Mist. Die Geldeintreiber nannten es »Das Viertel ohne Mütter«, weil ihnen zu jeder Tageszeit eigentlich schulpflichtige Kinder die Türen aufmachten. Den Leuchten des Regimes war wohl nicht aufgefallen, dass die mehr als dreißigtausend Familien, die dort angesiedelt wurden, für ihre Kinder Schulen in der Nähe brauchten, und es dauerte Jahre, bis dieser Bedarf gedeckt wurde. Auch fließendes Wasser oder Märkte und Geschäfte zur täglichen Versorgung, all das kam nur langsam und zögerlich. Wie es eben so ist, wenn die Verantwortlichen sich einen Scheiß für ihre Projekte interessieren. Die Menschen aus der Arbeiterklasse wurden von den spanischen Faschisten schon immer als bloße Lasttiere wahrgenommen, die man in der Peripherie einstallen musste. Diese Vernachlässigung zog im Viertel ein Klassenbewusstsein nach sich, das die Regierungsverantwortlichen im Übergang zur Demokratie Ende der Siebziger- und im gesamten Verlauf der Achtzigerjahre mithilfe beinahe geschenkter Heroin-Highs einzudämmen beschlossen. Die Droge war das ultimativ verkürzte Eilverfahren gegen Dissidenten eines Regimes, das beinahe unbemerkt einen Weg gefunden hatte, sich für immer im Land einzunisten.

Über die Peluca sagte man im Viertel vier Dinge: Sie habe in den Bergen illegalen Handel betrieben. Sie sei eine äußerst kompetente Hexe. Sie sei durch ihre Hexereien kahl geworden. Und es sei besser, ihr aus dem Weg zu gehen oder, wenn man es nicht vermeiden konnte, mit ihr zusammen auf dem Treppenabsatz oder im Obstladen zu warten und ganz besonders freundlich zu sein. Es war nicht einfach, die lockige und schlecht vernähte Synthetikperücke auf ihrem Kopf nicht anzustarren. Aber es war überlebensnotwendig, es sich zumindest nicht anmerken zu lassen. Diese Perücke hatte ihr nicht nur ihren Namen verpasst, sondern war auch der Grund für ihre Reizbarkeit, die man tunlichst nicht wecken sollte.

Ihr zu begegnen machte mich ganz verrückt, ihren Geruch tief einzuatmen war für mich wie Mottenkugeln sniffen. Eigentlich hätte sie mir Angst machen müssen, aber ich fand ihre Erscheinung rührend: Ihr unregelmäßiger und zittrig gezogener Lidstrich und ihr schlecht aufgetragener Lippenstift erinnerten mich an meine heimlichen Schminksessions, die ich hastig und mit dem Geschick eines nicht besonders präzisionsbegabten fünfjährigen Kindes im Bad meiner Großmutter vollführte.

Meine ersten Schritte in Frauenkleidern machte ich als eine einen Meter zwanzig große Transformationskünstlerin, die eine uralte Hexe und Trödelhändlerin imitierte und dabei nach Leichenhalle roch.

Das ganze Viertel hatte Angst vor ihr. Die Männer im Viertel, grobschlächtige Typen, Industrie- und Bauarbeiter, Kellner, Straßenhändler, Schrottsammler oder allgemeine Lebenskünstler, senkten vor ihr den Blick und sagten brav Guten Tag, wie nach dem Bürgerkrieg die Kinder, wenn sie den Pfarrer grüßten. Es hatte eine gewisse Komik, wie diese Arbeitssklaven in ihren halb offenen Hemden, ohne Kopfbedeckung nach Feierabend auf dem Weg zur Bar vor einer Frau von derart zerbrechlicher Statur kuschten.

Fast niemand erinnerte sich an ihren Namen, und obwohl alle ihren Spitznamen kannten, sprach man ihn in ihrer Gegenwart niemals aus. Nicht nur weil er grausam und gemein war, sondern aus Angst vor ihrer Reaktion. Wenn man sie ansprach, zog man sich elegant mit einem aus der Affäre.

An einem besonders heißen Tag im Sommer gingen zwei Frauen aus derselben Straße, in der auch die Peluca wohnte, spazieren. Beide waren im Viertel aufgewachsen, und beide waren schwanger. Eine von ihnen, man sah ihren Beinen die Durchblutungsstörungen an, die sie seit der Kindheit plagten, ging regelmäßig spazieren, weil das die dunkelroten Schwimmringe um ihre Fußknöchel ein bisschen abschwellen ließ. Sie hatten es sich angewöhnt, abends, bevor es dunkel wurde, sich zusammen die Beine zu vertreten, sie tauschten Neuigkeiten aus und Schwangerschaftsdinge. Sie sprachen über ihre Ängste, ihre Hoffnungen und das eine oder andere Gerücht, an denen es in diesem Viertel, wo sich alle kannten und es immer dankbare Zuhörer für Lästermäuler gab, nie fehlte.

Die mit den lilafarbenen Beinen träumte davon, dass ihr Sohn Torero werden und ihr ein Haus kaufen würde. »Das haben sie im Radio gesagt, dass seiner Mutter ein Haus gekauft hat«, so ihre Logik. Die andere, etwas jüngere, wollte einen hübschen Sohn, »ganz blond mit blauen Augen« sollte er sein.

Kaum waren sie losgegangen, da sahen sie schon die Peluca vom Ende der Straße auf sie zukommen. Da sie noch weit entfernt war, blieb Zeit genug, sich über das Aussehen der Alten kichernd das Maul zu zerreißen.

»Sei still, sonst mach ich mir in die Hosen«, sagte die mit den geschwollenen Füßen zu den Niederträchtigkeiten, die die Jüngere losließ – an Fantasie fehlte es ihr beim Lästern definitiv nicht. Die beiden waren jung, gerade mal Anfang zwanzig, und sie entfalteten das volle Potenzial der Grausamkeit, zu der die Jugend fähig ist, und das ist eine Menge. Gewissen entwickelt sich erst mit den Jahren, Selbstbeherrschung und Egoismus ebenso. Letzterer bricht sich Bahn, wenn man am Ende des Lebens versteht, dass einen fast alles Schreckliche irgendwann einholt.

Lange bevor sich ihre Wege mit denen der Peluca kreuzten, gelang es den beiden, ihr Kichern unter Kontrolle zu bringen und ihre Lästereien einzustellen. Als sie beinahe auf gleicher Höhe mit ihr waren, setzten sie schon zu einem unterwürfigen Lächeln an, als Gruß und nette Geste einer älteren Nachbarin gegenüber. Dazu kam es aber nicht. Die Peluca blieb vor den beiden stehen, und irgendwie schaffte sie es, mit ihrem vertrockneten, spindeldürren Körper die gesamte Straße zu blockieren. Die Mädchen versuchten, ihr einen Guten Abend zu wünschen, aber die Worte blieben ihnen im Hals stecken wie Schluckauf. Wahrscheinlich griffen sie sich unbewusst an den Bauch. Der abwesende Blick der Alten ließ eine Aura erahnen, die alles in ihrem Weg verdorren lassen konnte, egal ob Blumen, Freude oder Plazentas. Ohne große Eile führte die Peluca den Daumen der linken Hand zu ihrem zahnlosen Mund. Sie saugte mit Wonne daran, machte Schmatzgeräusche und leckte ihn genüsslich ab, ohne die beiden Frauen, für die die Zeit stehen geblieben war, aus den Augen zu lassen. Sie bestanden nur noch aus einer unterschwellig lähmenden Angst, allumfassendem Unwohlsein und Wehrlosigkeit. Als der Daumen vollends in Spucke getränkt war, führte sie ihn gemächlich, aber auf direktem Wege an die Wange einer der Frauen. Es war die, die sich die schlimmsten Lästereien ausgedacht hatte. Die von einem hübschen, einem wunderhübschen Sohn träumte. Ganz blond mit blauen...



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