E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Portmann Vor der Zeit
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-03855-000-6
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-03855-000-6
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beat Portmann, geboren 1976 in Luzern. Vorkurs an der Jazzabteilung der Musikhochschule Luzern. Er wurde mit einem Werkpreis des Kantons und der Stadt Luzern ausgezeichnet. Sein Kartenspiel "jarmony" wurde von der Musikhochschule Luzern herausgegeben. 2013 wurde sein Theaterstück "Wetterleuchten" von Volker Hesse uraufgeführt. Im Limmat Verlag sind die beiden Romane "Durst" und "Alles still" lieferbar. Beat Portmann lebt als freier Autor und Singer / Songwriter in Emmenbrücke.
Autoren/Hrsg.
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«Ach wissen Sie, ich schreibe Kriminalromane …», antwortete ich.
Damit war Berdugos Interesse an mir erloschen. Er wandte sich wieder seinem Kreisel zu und begann auf Anitas Frage hin, von seiner Familie zu erzählen, die im sechzehnten Jahrhundert über Albanien nach Bosnien eingewandert war. Dabei habe sie einige wertvolle Bücher aus privaten Bibliotheken mitgebracht, um sie vor dem Feuer der Inquisition zu retten. Leider sei im Lauf der Jahrhunderte nur ein kleiner Teil davon im Familienbesitz geblieben. Zuletzt habe ein Urgroßonkel den gesamten Bestand dem Nationalmuseum verkauft, um mit dem Erlös sein Uhrengeschäft zu retten. Das sei letztlich keine schlechte Entscheidung gewesen, auch wenn er Jahre später dennoch in Konkurs gegangen sei – der Mann habe einfach keinen Sinn fürs Geschäftliche gehabt. Aber immerhin war dadurch der Fortbestand der Bücher gesichert – wer wisse, ob sie sonst noch existieren würden.
Anita erinnerte ihn an sein Versprechen, wonach er Thelmann einen Freund vorstellen wollte, der weiterführende Informationen hätte. Berdugo lauschte ihr stirnrunzelnd, nickte, griff nach dem Telefonhörer und wählte eine Nummer. Während er sich auf Serbokroatisch unterhielt, fiel sein feindseliges Wesen von ihm ab und brachte eine etwas kauzige, jedoch trockenen Späßen nicht abgeneigte Persönlichkeit zum Vorschein. Nach einer Weile legte er den Hörer auf, drehte den Kreisel und meinte, an diesen gewandt, wir sollten anderntags um elf wieder vorbeikommen. Er blieb sitzen und gab uns damit zu verstehen, dass er uns zutraute, den Ausgang auch ohne seine Hilfe zu finden.
Während Anita in einem Internetcafé ihre Mails checkte, saß ich im Schatten eines Sonnenschirms und versuchte die Informationen in meinem Reiseführer mit der Stadt, in der ich mich befand, in einen sinnlichen Zusammenhang zu bringen. Es brauchte eine ganze Weile und die Blicke meiner Nachbarn, bis ich begriff, dass es mein Telefon war, das schon die längste Zeit klingelte.
«Roman?», sagte ich ungläubig.
«Gehts gut?»
«Ja. Bin in Sarajevo.»
«Ich weiß. Du hast mir davon erzählt.»
«Stimmt. Und Du?»
«Was denkst du?»
«Keine Ahnung.»
«Rate mal.»
«Ich rate nie.»
«Dann halt dich fest: Ich bin nämlich auch in Sarajevo.»
«Was?»
«Gestern Nacht angekommen.»
«Du bist mir tatsächlich gefolgt …»
«Ich hab dich gewarnt.»
«Richtig.»
«Gerade jetzt steh ich vor Andrics Geburtshaus in Travnik. Da musste ich an dich denken. Gegen Abend komm ich wieder zurück.»
«Ach so.»
«Weißt du was, ich melde mich, sobald ich wieder in der Stadt bin.»
«Hm …»
«Okay, mein Akku ist leer, bis dann.»
Ich stammelte noch etwas und begriff, dass Benapt bereits aufgelegt hatte.
Anita kam zurück und forderte mich zu einer Stadtbesichtigung auf. Also stießen wir vom europäisch geprägten Teil in die Bašc?aršija vor, die sich fest in der Hand des Tourismus befand. Um wohlproportionierte Moscheen und in den engen Gassen des traditionellen Handwerkerviertels drängten sich die Gäste aus aller Welt, mit ihren Blicken und Kameras und ihrer auf tausend Reisen erworbenen Fähigkeit, durch alleinige Anwesenheit die Gebäude einer Stadt in Kulissen, die Einheimischen in Darsteller ihres eigenen Lebens zu transformieren. Als jedoch die Muezzins zum Abendgebet riefen, strömten aus allen Himmelsrichtungen die Gläubigen herbei, Männer, Frauen, die besonders Frommen bis zu den Knöcheln verschleiert, während sich andere etwas abseits im Hof noch rasch ein Kopftuch umbanden, das sie ihren modischen Handtaschen entnahmen.
Als bei Einbruch der Dunkelheit die Lichter auf den Minaretten das Fastenbrechen anzeigten, setzten wir uns vor dem «Central Café» an einen freien Tisch.
«Was hast du da?», fragte Anita mit einem Blick auf den Kreisel, der wie ein Derwisch über die Tischplatte wirbelte.
«Wonach sieht es denn aus?»
«Hast du den Berdugo geklaut?»
«Er hatte zwei davon …»
Anita strich sich missbilligend eine Strähne aus der Stirn und erkundigte sich, wie mir Sarajevo denn so gefalle.
«Ich mag es nicht, dass sie mich wie einen Touristen behandeln.»
«Aber du bist ja einer.»
«Ich bin ein Besucher, aber doch kein Tourist! Und überhaupt, warum erkennen die in mir sogleich den Fremden. Ich trage weder Kamera, Sandalen, Schirmmütze noch Rucksack, verdammt.»
Anita lachte. «Vielleicht wegen deiner langen Haare.»
«Lange Haare? Ich hab sie in meiner Jugend bis hierhin getragen.»
«Trotzdem. Sieh dich um. Hier trägt man militärisch kurz.»
Anitas Telefon klingelte. Sie entschuldigte sich und zog sich in die Gasse zurück.
Ich ließ Berdugos Kreisel tanzen und gab mich dem Stimmengewirr hin, das mich von allen Seiten umbrandete. Ich mochte den lustvollen Umgang mit den Konsonanten und die Art, wie die Wörter aus dem Bauch heraus zum Klingen gebracht wurden. Es war in Ordnung, nichts zu verstehen, solange die Leute sich in einer so charaktervollen Sprache unterhielten. Und dann diese malerischen, geheimnisvollen Wendungen mit den Ja und Je – Jagnjetina, Miljacka, Bašc?aršija, Izmjena Ulja, Nedjelja, alles Wörter, die ich in meinem Reiseführer oder auf Plakaten entdeckt hatte, oder dieses «Hej Švajcarac», das jemand in meinem Rücken unablässig wiederholte, «Švajcarac, kako si», bis ich mich schließlich umsah und vor Schreck beinahe vom Stuhl fiel. Der Kerl, der offenbar mit mir sprach, wies trotz Schirmmütze und Pilotenbrille eine erschreckende Ähnlichkeit mit meinem alten Freund Petar Mitrovic auf, dessen Leiche irgendwo auf dem Grund des Lago di Lugano vor sich hin moderte.
«Mann, du solltest dein blödes Gesicht sehen!»
Sein Gelächter fegte über die Köpfe der Sitzenden.
«Petar? Bist du es?»
«Nein!», höhnte er. «Sein Geist!»
In dem Moment bemerkte ich Anita, die einen Schritt hinter ihm stand und sich vor Lachen den Bauch hielt.
«Petar, ich glaubs einfach nicht.»
Ich hätte weinen können, als ich den vertrauten Geruch von Schweiß und billigem Aftershave in die Arme schloss.
«Du hast es gewusst?», fragte ich Anita, nachdem wir uns gesetzt hatten.
«Ich hab es arrangiert!»
«Aber du bist doch … untergetaucht. Niemand wusste, wo du dich aufhältst.»
«Bis auf meine Mutter.»
«Warum hast du dich dann nie gemeldet?»
«Warum wohl? Ich wollte dir nicht schon wieder Ärger machen!»
Ich dachte nach. «Dann hast du das alles nur inszeniert? Die durchbrochene Leitplanke, der bmw im Luganersee?»
«Es war ein Merz, E-zwei-zehn-Avantgarde-sechs-Liter! Schade drum.»
«Wie konntest du mit ihm überhaupt Kontakt aufnehmen?», wandte ich mich an Anita.
«Facebook», sagte sie, als würde es sich um den Agenten eines bedeutenden Geheimdienstes handeln, mit dem sie auf vertrautem Fuß stand. «Petar hat mir schon vor längerer Zeit eine Freundschaftsanfrage gesendet, die ich offenbar routinemäßig bestätigt habe.»
Ich sah sie verwirrt an, nickte und wandte mich wieder an Petar: «Wohnst du in der Nähe?»
«Mal hier, mal dort. Bin gerade von Banja Luka rübergekommen.»
«Hast du denn keine Angst, dass dich die Polizei erwischt?»
«Weißt du, wie viele Petar Mitrovics es gibt?» Er sah mich herausfordernd an. «Außerdem: Ich bin jetzt ein anderer.»
Er zeigte mir einen Pass der Republik Bosnien und Herzegowina, der auf einen gewissen Boris Jankovic ausgestellt war. «Ich hab noch einen kroatischen, einen serbischen und einen griechischen. Praktisch, wenn man viel unterwegs ist.»
Es wurde Nacht, es wurde kühler, und während wir bei einer Bar in der Nähe des Ewigen Feuers standen und uns über die alten Zeiten unterhielten, stellte ich fest, dass sich mir diese Stadt unablässig entzog und seltsam fern blieb, obwohl ich doch auf ihrem Pflaster stand, ihre Luft atmete und die Schönheit der jungen Frauen und die Zurückhaltung der Burschen bewunderte und mich etwas bange fragte, ob Petar und ich uns überhaupt etwas zu sagen hatten, wenn wir uns nicht gerade gegenseitig aus der Patsche halfen.
Fadil Halilovic wohnte auf der linken Seite der Miljacka an der Straße mit dem poppigen Namen...




