E-Book, Deutsch, Band 1, 203 Seiten
Reihe: Walpar Tonnraffir
Post Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9998-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 203 Seiten
Reihe: Walpar Tonnraffir
ISBN: 978-3-7438-9998-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der vermeintliche Zeigefinger Gottes taucht im Erdorbit auf, und Weltraumdetektiv Walpar Tonnraffir übernimmt die Ermittlungen. Trash-Sänger, Anwaltsheere und obskure Sektenprediger ringen um Deutungs- und Besitzhoheit, während sich Walpar mit seinem DVD-süchtigen Neffen, seiner abenteuerhungrigen Ex-Schwiegermutter und einer alleinerziehenden Auftragskillerin herumschlagen muss. Schräg, satirisch, kreativ - ein typischer Post-SF-Roman. Neuausgabe des Gewinners des Deutschen Science Fiction Preises und des Kurd-Laßwitz-Preises 2011.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
Walpar Tonnraffir landet mit dem Hinterteil auf dem Betonfußboden, gefolgt von einem Regen aus Fensterscherben. Ein Alarm quiekt, eine Durchsage auf Arabisch dröhnt durch die Fabrik, aber Walpar versteht sie nicht. Er setzt diese Tatsache auf die Liste der möglichen Ausreden, für den Fall, dass ihn jemand zur Rede stellt, bevor er seinen Auftrag ausgeführt hat. Es erscheint ihm sinnvoll, eine besonders große Scherbe aus seinem silberweißen Pferdeschwanz zu ziehen, bevor er sich an einer Aluminiumstange hochzieht und einmal in alle Richtungen guckt. Von links kommt ein tonnenförmiger Sicherheitsroboter mit wurfbereiter Angelrute angerollt, von rechts gleich zwei. Vor Walpar befindet sich die Quatling-Dusche, in der ein vibrierendes Gewächs nach dem anderen über ein Förderband durch einen Hochdruckstrahl rollt. Der Strahl stinkt nach Chemie, was eine schlechte Nachricht ist, weil Walpar über mindestens vierzehn ärztlich attestierte Allergien verfügt, zuzüglich zwölf juristisch beglaubigter. Die gute Nachricht ist, dass sich die mutmaßlich unter Starkstrom stehenden Angelschnüre der Roboter schlecht mit dem Strahl und den hindurchrollenden Bäumchen vertragen. Walpar schwingt seinen durchtrainierten Körper auf das Förderband, stößt einen raschelnden Quatling beiseite und ist sofort pitschnass. Er hat das Gefühl, die Dusche ätzt ihm das Fleisch unter den Fingernägeln weg, während die Dämpfe in seiner Lunge dem Zigarettenteer vom letzten Samstag den Garaus machen. Walpar raucht eigentlich nicht, aber auf jener Party war das die einzige Möglichkeit, um die Nacht nicht allein zu verbringen. Unzufrieden schiebt Walpar diesen Gedanken und den nächsten Quatling beiseite. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie einer der Roboter die Angelschnur wirft. Er duckt sich hinter ein Bäumchen; die Schnur verfängt sich in den Blättern und reißt ein paar von ihnen aus. Der Quatling raschelt schmerzerfüllt. Walpar sieht zu, dass er vorwärtskommt. Das Förderband führt aufwärts, aus dem Waschraum hinaus. Klackernd erklimmen Walpar und die Quatlings die Steigung und erreichen ein vibrierendes Gestell. Greifhaken packen die Gewächse und rupfen sie aus ihren Töpfen. Walpar möchte dieses Schicksal gerne vermeiden und weicht dem Greifer aus. Der schnappt zu, merkt, dass er nichts zwischen den eisernen Kiefern hat, und klappt enttäuscht quietschend wieder auf. Im Kopf rekapituliert Walpar den Lageplan des Geländes, aber ihm fällt auf Anhieb nicht ein, wie es weitergeht. Also schiebt er sich auf einen Sims und lässt den Greifer den nächsten Quatling ausrupfen. Walpar zieht seinen digitalen Pinguin hervor, der an einer Kette um seinen Hals hängt. Mit nervösen Fingerspitzen ruft er die Blaupause der Fabrik auf und erinnert sich daran, dass jetzt die Sache mit dem Über-dem-Abgrund-Baumeln kommt. Der Pinguin verschwindet wieder unter dem Hemd. Walpar zuckt mit den Schultern, klammert sich an den nächsten Quatling und hängt kurze Zeit später über dem Nichts. Das Problem ist nicht die Höhe von zehn Metern, sondern die Tatsache, dass die Quatlinge hier so lange durchgeschüttelt werden, bis alle Blätter abgefallen sind. Der Greifer, an dem Walpars Bäumchen hängt, tut sein Bestes, aber die Last ist zu schwer. Trotzdem gehen Walpar die Vibrationen langsam auf die Nerven. Außerdem erinnert ihn ein anschwellendes Rumoren daran, dass die entlaubten Bäume am anderen Ende des Abgrundes in einer ziemlich rustikalen Maschine landen, in der sie zu Presspappe für Billigmöbel weiterverarbeitet werden. Walpar fällt ein, dass er unbedingt einen neuen Schlafzimmerschrank benötigt – diesmal endlich einen mit Spiegel –, und lässt sich fallen. In den Sekunden bis zur Landung zieht sein Leben an ihm vorbei, komischerweise aber nur die letzten 60 Minuten.
Eine Stunde zuvor, ein Stück weit außerhalb der Erdatmosphäre
Walpar Tonnraffir hält den Kosmojaguar seines Auftraggebers für reine Rumprotzerei. Der Fahrgastraum ist mit künstlichem Leopardenfell ausgekleidet, das so echt aussieht, dass man das eingenähte Herstellerschildchen für eine Laune der Natur halten möchte. Und dann das Tempo! Im Weltall hat der Körper keine Anhaltspunkte für halsbrecherische Geschwindigkeit. Daher hat der Hersteller es für nötig gehalten, ein Display unter der Decke zu montieren, das die aktuelle Geschwindigkeit auf drei Stellen nach dem Komma anzeigt. Walpar wendet seinen Blick von der ziemlich übertrieben wirkenden Zahl ab und beobachtet seinen Auftraggeber, der gerade ein Glas Sekt zu seinen Lippen führt. Harkai van Hesling trägt ein Sakko, dessen Schneider nach Feierabend mit ähnlich teuren Fahrzeugen nach Hause düst wie seine Kunden. Im Gegensatz zu ihm trägt van Hesling unter dem Sakko aber kein Markenhemd, sondern ein verwaschenes T-Shirt, dessen Farbe zwischen graurot und rotgrau schwankt, je nach Einfallswinkel der Beleuchtung. Ein kaum zu entziffernder Schriftzug mit vielen Haken und Zacken legt die Vermutung nahe, dass es sich um den Namen einer prästellaren Rockband von erheblicher Berühmtheit handelt. Ansonsten würde van Hesling es nicht tragen, denn er sammelt wertvollen Krempel aus der Ära, in der die Menschen zwar schon von den Bäumen geklettert waren, aber andere Planeten nur in bunten Filmen eroberten. Ein unsichtbarer Dinosaurier setzt sich auf Walpar Tonnraffirs Bauch. Das Display unter der Decke zählt eine Art hyperaktiven Countdown und wirft implizit die Frage auf, wie viel g Bremsbeschleunigung ein durchschnittlicher Privatdetektiv aushält. In van Heslings Gesicht verursacht das Manöver nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln. »Sie haben das Ziel erreicht«, sagt die körperlose Stimme des Navis, als der Dinosaurier sich mühevoll erhebt, um nach anderen Sitzgelegenheiten Ausschau zu halten. »Beeindruckende Bremsraketen«, bringt Walpar heraus. Van Hesling wischt sich eine imaginäre Saurierschuppe vom Revers. »Das ist das Raumschiff meiner Frau Arwen«, entgegnet er, als würde das irgendetwas erklären. Walpar späht aus dem schmalen Fenster, bis sein Blick an einem länglichen Gebilde hängen bleibt. »Ist das da draußen ein Sechs-Sterne-Hotel?« »Ja«, bestätigt van Hesling, »aber Ihr Einsatzort liegt auf der anderen Seite.« Er zeigt auf ein unförmiges Gebilde, das wie ein bombardiertes Parkhaus aussieht, bloß mit sich windenden Palmen statt Autos. »Dies ist die Quatling-Entsaftungsanlage der Costello-Holding. Sie arbeitet vollautomatisch und höchst effizient.« »Ist die Herstellung von Quatling-Saft nicht verboten?« »Überall auf Erde und Mars«, bestätigt van Hesling. »Jedoch steht im Pachtvertrag dieses Grundstücks, es befinde sich auf Merkur.« »Ich dachte, dies sei die omanische Wüste.« »Nicht nach Ansicht von Costellos Anwälten.« Van Hesling grinst, weil seine eigenen Anwälte Typen mit ähnlichem Humor sind. »Costello hat, wie ich bereits eingangs erwähnte, eines meiner wertvollsten Sammelstücke entführt. Da er als Lösegeld fordert, dass mein Sohn seine überaus einfältige Tochter ehelicht, ist es erforderlich, dass Sie das Objekt anderweitig zurückholen.« »Und es befindet sich in dieser Anlage«, schlussfolgert Walpar. Er findet es erfreulich, dass ein Geldsack wie van Hesling Rücksicht auf die Interessen seines Sohnes nimmt. Vielleicht steckt in Milliardären doch mehr An- als Kontostand. »Sie werden sich einschleichen und den Gegenstand hierher schaffen.« Van Hesling nimmt seine goldene Armbanduhr ab und reicht sie Walpar. Der schluckt, dann murmelt er: »Normalerweise erfolgt die Bezahlung erst nach Erledigung …« »Die Uhr«, fährt van Hesling dazwischen, »verfügt über einen Sensor für die Nanochips, mit denen meine Sammelstücke ausgestattet sind. Der Beamer in der Uhr wird die Katalognummer projizieren, sobald das Stück in unmittelbarer Nähe ist.« »Ver… …vernünftig«, stottert Walpar. Augenblicke später kniet er über einem schmalen Kellerfenster und hofft, die Uhr seines Auftraggebers nicht allzu sehr zu verkratzen, wenn er sich hindurchstürzt.
Jetzt, irgendwo in der omanischen Wüste
Walpar landet in Bergen frisch abgeschüttelter Quatling-Blätter. Er hält die Luft an, weil das Zeug schon in diesem Zustand gefährliche Wirkung auf den Geisteszustand haben kann, wühlt sich nach oben und hinaus aus dem grünen Haufen. Der Weg ist angenehm weich, und Walpar findet, er sollte die Schuhe ausziehen, um die filigranen Blätter nicht zu beschädigen. Andererseits könnten seine Socken dem Duft der Blätter eine unpassende Note hinzufügen, deshalb behält er seine Jettik-Turnschuhe erst mal an den Füßen. Inzwischen berührt er die Blätter ohnehin nicht mehr, weil er einige Zentimeter über ihnen schwebt, was für einen Weltraumdetektiv genaugenommen ein angemessener Zustand ist. Nach mehreren Äonen, in denen Walpar...




