Powers Das Echo der Erinnerung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403703-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-10-403703-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie kaum ein anderer ist Richard Powers der Gegenwart auf der Spur: Das Wissen unserer Zeit will er in Geschichten erfahrbar, die Verwerfungen emotional erlebbar machen. Er wurde 1957 geboren und lebt in den USA. Auf sein Romandebüt ?Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz? (1985) erschienen neun weitere Romane. Sie wurden Bestseller wie ?Der Klang der Zeit? und mehrfach preisgekrönt. 2006 erhielt er den National Book Award für ?Das Echo der Erinnerung?, es folgte ?Das größere Glück?. In der Reportage ?Das Buch Ich #9? beschreibt Richard Powers den Prozess, als neunter Mensch überhaupt sein Genom vollständig entschlüsseln zu lassen. Für seinen Roman ?Die Wurzeln des Lebens? (2018) wurde Richard Powers mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet. 2021 erschien sein Roman ?Erstaunen?, der für den Booker Prize und den National Book Award nominiert ist, Heute lebt Richard Powers in den Great Smoky Mountains der Appalachen. Literaturpreise: Pulitzer Prize 2019 für »Die Wurzeln des Lebens« National Book Award 2006 für »Das Echo der Erinnerung«
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Zweiter Teil
ABER HEUTE NACHT
AUF DER NORTH LINE ROAD
»Ich kenne ein Gemälde, das ist so flüchtiger Natur, dass kaum einer es beachtet.«
Aldo Leopold, A Sand County Almanac
Schneller als sie sich versammelt haben, verschwinden die einzigen Zeugen. Ein paar Wochen lang drängen sie sich am Fluss und fressen sich satt; dann sind sie fort. Wie auf ein unsichtbares Signal lösen sich die Fäden des Teppichs, und er zerfranst in alle Richtungen. Zu Tausenden ziehen die Vögel von dannen und nehmen die Erinnerung an den Platte River mit auf die Reise. Eine halbe Million Kraniche verteilt sich über den Kontinent. Sie ziehen nach Norden, überfliegen einen Bundesstaat oder mehr pro Tag. Die kräftigsten werden noch Tausende von Meilen zurücklegen, zusätzlich zu den tausend, die sie an diesen Fluss geführt haben.
Kraniche, die sich in dicht bevölkerten Vogelstädten gedrängt hatten, zerstreuen sich jetzt in alle Winde. Sie fliegen in Familienverbänden, lebenslang verbundene Paare mit ihren ein oder zwei Jungen – den Jungvögeln, die das zurückliegende Jahr überlebt haben. Ihr Ziel ist die Tundra, sind die Torfmoore und Sümpfe im Norden, die Ursprungsorte ihrer Erinnerung. Sie orientieren sich an Landmarken – Wasser, Berge, Wälder –, Orte aus früheren Jahren, verzeichnet auf einer Kranichkarte in einem Kranichkopf. Stunden bevor das Wetter umschlägt, unterbrechen sie ihren Flug und kündigen Gewitter an, für die es noch keinerlei Anzeichen gibt. Bis zum Mai erreichen sie die Nistplätze, die sie im Vorjahr verlassen haben.
Mit ihren archaischen Rufen hält der Frühling Einzug in der Arktis. Ein Kranichpaar, das in der Unfallnacht an der Straße stand, nicht weit von dem umgestürzten Wagen, steuert einen abgelegenen Küstenstreifen in Alaska an. Sobald sie sich ihrem Nest am Kotzebue Sound nähern, schaltet ihr Hirn plötzlich um. Erbittert verteidigen sie ihr Revier. Sie greifen sogar den verdutzten einjährigen Jungvogel an, den sie die ganze Zeit über beschützt haben, vertreiben ihn mit Schnabelhieben und Flügelschlagen.
Das blaugraue Paar färbt sich braun vom rostigen Eisen in diesen Mooren. Wie immer in dieser Jahreszeit tarnen sie sich mit Blättern und Schlamm. Ihr Nest, ein von einem Wassergraben umgebener Hügel aus Pflanzen und Federn, misst fast einen Meter im Durchmesser. Sie rufen einander, aus geschwungenen, dröhnenden Posaunenkehlen. Sie tanzen, verbeugen sich tief, bearbeiten die kühle, salzige Luft mit ihren Füßen, verbeugen sich erneut, springen, drehen sich, spreizen die Flügel, die Hälse nach hinten gereckt in einer Mischung aus Anspannung und Freude: ein Frühlingsritual am nördlichen Rand der belebten Welt.
Kann es sein, dass Vögel alles speichern, was sie je gesehen haben, wie auf einer Fotografie? Dieses Paar ist in seinem fünfzehnten Jahr. Sie haben noch fünf weitere vor sich. Bis zum Juni folgen zwei neue Eier – gesprenkelte graue Ovale – all denen, die bereits an dieser Stelle gelegt wurden, einer Stelle, die sich aus früheren Jahren in ihr Gedächtnis eingebrannt hat.
Die beiden Vögel wechseln sich ab bei der Brutpflege, so wie sie es immer getan haben. Die nördlichen Tage werden länger, und als die Jungen schlüpfen, wird es überhaupt nicht mehr dunkel. Zwei Jungvögel erblicken das Licht, von Anfang an auf den Beinen und stets unersättlich. Die Eltern gehen auf die Jagd für das gefräßige Duo, füttern es unablässig – Samen und Insekten, kleine Nagetiere, die verborgenen Energiereserven der Arktis.
Im Juli verhungert der Jüngere von den beiden, fällt dem Appetit seines größeren Bruders zum Opfer. Das ist nicht das erste Mal, es wiederholt sich fast jedes Jahr: ein Leben beginnt mit Brudermord. Allein wächst der überlebende Jungvogel rasch heran. Nach zwei Monaten ist er flügge. Die Tage im Norden werden kürzer, seine Flugversuche immer länger. Nachts legt sich Reif auf das Nest der Familie; eine Eisschicht bedeckt die Sümpfe. Bis zum Herbst ist der Jungvogel so weit, dass er den Platz des verdrängten Nachwuchses aus dem Vorjahr auf dem langen Flug in die Winterquartiere einnehmen kann.
Vorher aber kommen die Vögel in die Mauser und bekommen wieder ihr graues Gefieder. Im Spätsommer geschieht etwas in ihrem Gehirn, und die isolierte Familie schließt sich einem größeren Kranichverbund an. Sie verlieren das Bedürfnis nach Einsamkeit. Sie fressen zusammen mit anderen und verbringen die Nächte gemeinsam. Sie hören, wie benachbarte Familien über sie hinwegfliegen, durch den weiten Graben des Tanana Valley. Eines Tages erheben sie sich in die Lüfte und reihen sich wie selbstverständlich in eine Pfeilformation ein. Sie gehen auf in der Kette. Ketten verbinden sich zu größeren Trupps. Trupps verschmelzen zu Schwärmen. Bald fliegen 50000 Vögel am Tag durch das aufgeschreckte Tal, ihre prähistorischen Rufe schrill und ohrenbetäubend, ein himmelweiter, zerfranster Strom, Tag für Tag gespeist von neuen Zuflüssen.
Die Vögel müssen Symbole im Kopf haben, etwas, das sagt. Sie folgen im immer gleichen Bogen einer Abfolge von Ebenen, Bergen, Tundra, Bergen, Ebenen, Wüste, Ebenen. Auf ein Signal hin lassen sich diese Schwärme in einer Spirale von der Thermik langsam emportragen, sie schweben auf großen gewundenen Luftsäulen, die jeder Jungvogel mit einem Blick auf seine Eltern beherrschen lernt.
Vor langer Zeit, als die Kraniche sich im Herbst zum Abflug sammelten, sahen sie auf den Aleuten ein Mädchen allein auf einer Wiese stehen. Die Vögel stießen hinab, schlugen mit den Flügeln und hoben das Mädchen auf wie eine große kreisende Wolke; sie verbargen es vor fremden Blicken und übertönten seine Schreie mit ihren Trompetenrufen. Das Mädchen stieg auf der wirbelnden Luftsäule empor und verschwand mit dem Vogelschwarm in Richtung Süden. Deshalb kreisen und rufen die Kraniche noch heute, wenn sie im Herbst ihre Reise antreten, und wiederholen die Entführung dieses Menschenkinds.
Noch lange später konnte Weber exakt den Moment benennen, in dem das Capgras-Syndrom in sein Leben trat. Er steht in seinem Terminkalender: Freitag, 31. Mai 2002, 1 Uhr nachmittags, Cavanaugh, Union Square Café. Die ersten Exemplare von waren eben ausgeliefert worden, und Webers Verleger wollte es in der Stadt mit ihm feiern. Sein drittes Buch – da war die Veröffentlichung schon nichts Besonderes mehr. An diesem Punkt in Gerald Webers Karriere war die zweistündige Zugfahrt von Stony Brook nach New York eher Pflicht als Vergnügen. Aber Bob Cavanaugh wollte ihn unbedingt sehen. , hatte der junge Verleger gesagt. hatte das Buch genannt, »Tour de force« würde in neurologischen Zirkeln nicht als Lob ausgelegt werden – Zirkeln, die den Erfolg von Webers vorangegangenen Büchern nicht verwunden hatten. Und das Wort vom »Gipfelpunkt seiner Fähigkeiten« bedrückte ihn. Von nun an ging es also bergab.
Weber schleppte sich nach Manhattan; dann marschierte er von der Penn Station zum Union Square, immerhin schnell genug, dass er es als sportliche Übung verbuchen konnte. Die Schatten stimmten nicht mehr, und das verwirrte ihn noch immer, auch jetzt, mehr als acht Monate später. Ein Stück Himmel, wo keiner sein sollte. Seit dem frühen Frühjahr war Weber nicht mehr in der Stadt gewesen, und da hatte er die gespenstische Lichtinstallation gesehen – zwei massive Strahlen, die zum Himmel wiesen, wie etwas aus seinem eigenen Buch, dem Kapitel über den Phantomschmerz. Nun hatte er die Bilder wieder vor Augen, die nach und nach im Laufe des Dreivierteljahrs verloschen waren. Dieser unvorstellbare Vormittag war Wirklichkeit; alles zwischen damals und jetzt war eine narkoleptische Lüge. Er ging südwärts durch die unerträglich alltäglichen Straßen und dachte bei sich, dass er gut darauf verzichten konnte, diese Stadt je wieder zu sehen.
Bob Cavanaugh begrüßte ihn im Restaurant mit einer herzlichen Umarmung, und Weber ließ sie über sich ergehen. Der Verleger konnte ein Lachen kaum unterdrücken. »Ich habe doch gesagt, nicht zu elegant.«
Weber breitete die Arme aus. »Das ist doch nicht elegant.«
»Sie können nicht anders, was? Wir sollten einen Bildband machen, mit Sepiafotos von Ihnen. Der neurologische Dandy. Der Narziss unter den Hirnforschern.«
»Na, so schlimm bin ich nun auch wieder nicht, oder? Oder doch?«
»Nicht ›schlimm‹, mein Lieber. Nur wunderbar … altmodisch.«
Beim Essen zeigte sich Cavanaugh von seiner charmantesten Seite. Er ließ die Bücher Revue passieren, die gerade im Gespräch waren, und erzählte, wie gut bei den europäischen Agenten angekommen war. »Ihr größter Erfolg bisher, da bin ich sicher, Gerald.«
»Ich bin doch kein Rekordjäger, Bob.«
Weiter ging es mit Geschichten aus dem Verlagsgeschäft. Dann, beim vollkommen überflüssigen Cappuccino, sagte Cavanaugh schließlich: »So, genug geplaudert. Jetzt erzählen Sie mal, was ist Ihr nächstes As im Ärmel?«
Dreiunddreißig Jahre waren vergangen, seit Weber zuletzt Karten gespielt hatte. Im ersten Collegejahr, Columbus; er hatte es Sylvie beigebracht. Sie wollte, dass sie um Küsse spielten. Schönes Spiel; keine Verlierer. Aber zu wenig Nervenkitzel dabei – es wurde ihnen schnell langweilig.
»Nichts allzu Spektakuläres,...




