Pozzo di Borgo Ziemlich beste Freunde
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-446-24054-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein zweites Leben
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-446-24054-4
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Philippe Pozzo di Borgo, 1951 geboren, war jahrelang Geschäftsführer der Firma Champagnes Pommery. Seit 1993 ist er infolge eines schweren Gleitschirmunfalls querschnittsgelähmt. Seine Autobiographie Ziemlich beste Freunde wurde als Buch und Film ein großer Publikumserfolg. Er lebt mit seiner zweiten Frau und zwei Töchtern in Marokko.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Geboren …
Als Sprössling der Herzöge Pozzo di Borgo und der Marquis von Vogüé wurde ich mit einem silbernen Löffel im Mund geboren.
Carlo Andrea Pozzo di Borgo, mein Urahne, distanziert sich während der Schreckensherrschaft von seinem Freund Napoleon. In sehr jungen Jahren wird er Generalprokurator der Insel Korsika, die unter englischem Protektorat steht. Er muss ins Exil nach Russland, von wo er, aufgrund seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem korsischen »Ungeheuer«, zum Sieg der Monarchien beiträgt. Carlo Andrea Pozzo di Borgo lässt sich seinen Einfluss auf den Zaren teuer bezahlen und häuft ein Vermögen an. Herzöge, Grafen und andere von der Französischen Revolution hinweggefegte Europäer lohnen es ihm reichlich, dass er sich für die Erstattung ihres Besitzes und die Rückkehr in ihre Ämter einsetzt. Ludwig XVIII. wird sogar von Pozzo sagen, dass der ihn »am teuersten zu stehen gekommen« sei. Dank kluger Allianzen vererben die Pozzos die Barschaft von einer Generation zur nächsten weiter und retten sie so bis ins gegenwärtige Jahrhundert. Im korsischen Gebirge heißt es noch heute: »reich wie ein Pozzo«.
Mein Großvater Joseph, genannt Joe, Herzog Pozzo di Borgo, heiratet eine reiche Amerikanerin. Ihre Enkel nennen sie später Granny. Großvater Joe hat immer mit großem Vergnügen erzählt, wie es 1923 zu ihrer Eheschließung kam. Seine zukünftige Frau ist zwanzig Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter durch Europa reist, um nach einer guten Partie Ausschau zu halten. Die beiden Damen machen die Bekanntschaft eines korsischen Aristokraten. Granny ist einen Kopf größer als er. Bei einem Essen auf seinem Adelssitz, dem Schloss von Dangu in der Normandie, sagt die Mutter quer über die riesige Tafel hinweg auf Amerikanisch (alle anderen verstehen sie natürlich trotzdem) zu ihrer Tochter: »Findest du nicht auch, Liebling, dass der Herzog, den wir gestern getroffen haben, ein viel schöneres Schloss hat?« Doch Granny entscheidet sich für den kleinen Korsen.
Als 1936 die Linken an die Macht kommen, landet Joe Pozzo di Borgo hinter Gittern, weil er angeblich dem Geheimbund La Cagoule angehört, einer Bande ultrarechter Verschwörer, die wild entschlossen ist, die Republik zu stürzen. Völlig zu Unrecht. Doch er nimmt es mit Humor. Als er während seiner Zeit im Gefängnis Santé Besuch bekommt, scherzt er: »Das Ärgerliche am Gefängnis ist, dass man sich so schlecht verleugnen lassen kann!«
Der korsische Klan der Perfettini, der seit unserem Exil in Russland die Interessen unserer Familie auf der Insel vertritt, erregt sich über die Inhaftierung des Großvaters. Eine Delegation reist, bis zu den Zähnen bewaffnet, nach Paris. In der Santé bittet der Patriarch Philippe meinen Großvater um eine Liste der Leute, die sie beseitigen sollen. Großvater rät ihnen jedoch, ohne Skandal wieder abzureisen. Der alte Philippe ist enttäuscht. Auf dem Weg nach draußen fragt er die Herzogin besorgt: »Was ist mit ihm? Ist der Herzog müde?«
Nach seiner Entlassung kehrt Großvater der Politik den Rücken und zieht sich auf seine Güter zurück: das herrschaftliche Haus in Paris, das Schloss in der Normandie, die Berge Korsikas und den Palazzo Dario in Venedig. An seinem Hof versammelt er viele hochkarätige Gegner unterschiedlichster politischer Systeme. Er stirbt, als ich fünfzehn Jahre alt bin. Ich kann mich nicht erinnern, je einem seiner legendären Gedankenflüge beigewohnt zu haben. Für mich gehören sie einer anderen Zeit an. Dafür erinnere ich mich an eine Abendgesellschaft in Paris, im Ballsaal, wo es vor Diamanten funkelte.
Ich bin noch klein. Mein Kopf ist ungefähr auf Höhe der Allerwertesten dieser feinen Gesellschaft. Zu meiner Verblüffung entdecke ich die Hand meines Großvaters auf einem wohlgeformten Hinterteil, das nicht seiner Gattin gehört.
Die Geschichte der Familie de Vogüé reicht zurück bis in die graueste Vorzeit. Wie Großvater Pozzo zu Großvater Vogüé sagt (die beiden Patriarchen können sich nicht ausstehen): »Unsere Adelstitel sind wenigstens noch so jung, dass wir ihre Echtheit nachweisen können!« Robert-Jean de Vogüé verzieht keine Miene.
Großvater Vogüé ist Berufsoffizier und hat beide Weltkriege miterlebt: den ersten im Alter von siebzehn Jahren, den zweiten als politischer Gefangener in Ziegenhain, als Nacht-und-Nebel-Häftling9. Er ist ein tapferer Mann mit tief verankerten Überzeugungen. Als treuer Spross eines Rittergeschlechts betrachtet er die ererbten Privilegien als Gegenleistung der Gesellschaft für die von seiner Familie im Lauf der Zeit erbrachten Dienste: Im Mittelalter hat sie das Land verteidigt, im 20. Jahrhundert für den wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt. Er heiratet das hübscheste Mädchen weit und breit, eine Erbin von Moët et Chandon. In den zwanziger Jahren hängt er die Offizierslaufbahn an den Nagel, wird Chef des Champagnerunternehmens und geht auf Expansionskurs, bis er sich 1973 zur Ruhe setzt. Der kleine Familienbetrieb ist unter seiner Leitung zu einem Imperium angewachsen.
Seine großartige Lebensleistung verdankt er seiner Charakterstärke und seinen Überzeugungen. Gegen Ende seines Lebens schreibt er diese nieder und veröffentlicht sie in einem schmalen Bändchen mit dem Titel: Alerte aux patrons10 (Unternehmer, aufgepasst!). Dieses Buch ist noch heute meine Lieblingslektüre.
Wie nicht anders zu erwarten, wird Robert-Jean de Vogüé von Unternehmerkollegen scharf kritisiert, ja sogar als »roter Marquis« bezeichnet. Darauf entgegnet er lapidar: »Ich bin Graf und kein Marquis.« Die politische Couleur leugnet er nicht. Sein Lebenswerk wird von den Finanzjongleuren, die seine Nachfolge antreten, zerstört. Er wird immer mein Vorbild bleiben, unser Sohn trägt den Namen Robert-Jean.
Mein Vater Charles-André ist das älteste Kind von Joe Pozzo di Borgo. Er will sich seine Sporen im Berufsleben verdienen. Der erste Pozzo, der wirklich arbeitet – seine Art, sich gegen den Vater aufzulehnen. Er fängt als gewöhnlicher Arbeiter auf den Ölfeldern Nordafrikas an und macht dank seines unermüdlichen Eifers, seiner Tatkraft und Effizienz schnell Karriere. Sein Beruf bringt zahlreiche Umzüge in unterschiedliche Länder mit sich, in die ich ihn von frühester Kindheit an begleite. Einige Jahre nach dem Tod meines Großvaters zieht mein Vater sich aus dem Berufsleben zurück – er ist Geschäftsführer eines Mineralölkonzerns –, um sich um die Familienangelegenheiten zu kümmern.
Meine Mutter bringt innerhalb eines Jahres drei Kinder zur Welt: erst Reynier, dann, elf Monate später, Alain und mich. Im Lauf des Berufslebens meines Vaters zieht sie fünfzehnmal um und lässt dabei neben den sperrigen Möbeln jedes Mal auch ihre wenigen gerade erst gefundenen Freunde zurück. Da Vater ständig auf Reisen ist, kümmert sich eine Nanny um uns, um Mutter vor unserem kindlichen Übermut zu bewahren. Bereits im gemeinsamen Kinderwagen gewöhne ich mir an, mich auf Alains Schoß zu setzen. Erst viele Jahre später, als er ein paar Zentimeter größer ist als ich, verpasst er mir eine Abreibung, mit der er allerdings nur einen Teil seiner Frustrationen abbauen kann.
*
Heute schiebt er mich, und ich sitze mit gekrümmtem Rücken im Rollstuhl.
Alle überragen mich. Ich weigere mich, den Kopf zu heben.
*
In Trinidad verbringen wir den Großteil unserer Zeit am Strand, im selben Aufzug wie die Einheimischen, mit denen wir den ganzen Tag zusammen im Wasser spielen. Wir verständigen uns in Pidgin English, bevor wir überhaupt Französisch können. Abends in unserem Zimmer liefern wir uns Kämpfe. Ich erinnere mich noch gut an ein Spiel, das darin bestand auf dem eigenen Bett herumzuhüpfen und dabei auf das des anderen zu pinkeln.
Danach kommt Nordafrika: Algerien und Marokko. Wir machen Bekanntschaft mit der Schule und lernen bei einem schüchternen Fräulein undefinierbaren Alters Französisch. Eines Tages, es herrscht starker Wind und ich klammere mich an einen Telegraphenmast, sehe ich meinen schmächtigen Bruder davonfliegen. Mademoiselle hängt sich an ihn und versucht ihn festzuhalten, doch ohne Erfolg. Erst das Tor hält sie beide auf.
Zum ersten Mal verspüre ich einen Stich der Eifersucht auf meinen Zwillingsbruder, der die Aufmerksamkeit der Damenwelt erregt.
*
Etwas über einen Meter achtzig, fünfzig Kilo leblose Masse und der bleierne Rest, mehr ist nicht von mir übrig. Außer Betrieb!
*
Reynier distanziert sich von uns. Bald heißt es: »die Zwillinge gegen Big Fat, den Brutalo«. Er nimmt seine Pflichten als älterer Bruder ernst und zögert nicht, seine Körpergröße auszunutzen und uns mit seinen kräftigen Händen zu verprügeln, wenn er der Meinung ist, dass es unsere Erziehung erfordert.
*
Heute könnte ich höchstens schreien, wenn jemand meine Lähmung ausnutzen wollte, aber nicht schlagen.
*
Auf Marokko folgt London. Diesmal heißt die Nanny Nancy. Mir fällt auf, wie Reynier um die schöne Brünette herumscharwenzelt. Hinter dem Rücken meiner Eltern legt er sich zu ihr ins Bett, und ich höre ihn vor Vergnügen glucksen. Ich versuche alles, um ebenfalls in Nancys Bett zu gelangen, ohne genau zu wissen, warum. Einmal setze ich mich sogar längere Zeit auf einen glühend heißen Heizkörper, um Fieber vorzutäuschen, in der Hoffnung, dass Nancy sich meiner annimmt und ich vielleicht gar in ihrem Bett lande … Mein feuerroter Hintern verrät mich. Ich muss den...




