E-Book, Deutsch, 321 Seiten
Prag ... und dann geschah es
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7380-8128-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mystik-Krimi
E-Book, Deutsch, 321 Seiten
ISBN: 978-3-7380-8128-2
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sanne Prag - geboren und aufgewachsen in Wien. Studium Werbegrafik, Illustration und Fotografie an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien Kleiner eigener Fachbuchverlag Kinder Weiterstudium Malerei und Film. Kunstausstellungen. Ausbildung zur Psychotherapeutin und Fachbücher mit Kollegen Arbeit als Psychotherapeutin und Krimischreiben Alle Mystik Krimis: Geisterhäuser ...und dann geschah es Ein Kleid aus Seide Bob Lennce Kein Sommernachtstraum Vampir im Spiegel
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NACHMITTAG SPÄTER
Ezra hatte jetzt eine klare Aufgaben im Visier - neben dem Job Tina zu entfernen. Er musste klären, was da im Ministerium und mit Vorberg lief, und ob das Hille fast das Leben gekostet hätte. Und er musste das Zimmer für Tina erstklassig, passend, in jeder Hinsicht genau herrichten.
Dazu musste einiges organisiert werden. Deshalb brauchte er zuerst Esther. Er fand sie in der Werkstatt, wo sie den bemalten Kasten abwischte. „Kann man, glaubst du, so ein altes Stück einfach waschen?“
„Ich denke, die Bemalung ist Lack, oder irgendetwas wie Lack.“
„Hilf mir, ihn ans Licht bringen, damit ich besser sehe.“ Sie schoben und zogen das schwere Stück in Richtung der großen Schiebetüre.
Am Rand und um den Kasten war eine Blumenbordüre. Sehr aufwendig und in vielen Farben. Und in den Türen gab es jeweils ein Bild, das aber nicht richtig zu erkennen war, denn der Kasten war von braunen, krustigen Flecken überzogen. Ezra und Esther schauten ganz genau, dann kratzten sie vorsichtig an der Oberfläche. Schließlich holte Esther einen Kübel und Lauge und eine weiche Bürste. „Wo ist denn ein bisschen ein härterer Schwamm?“ Beide schrubbten einträchtig, jeder ein Bild. Wortlos hatte man sich geeinigt, dass man wissen wollte, was der verzauberte Kasten barg. Wie war er geboren worden, wie zum Leben erwacht, wofür hatte man ihn gemacht? Wenige Linien waren zu erkennen. Ein grünes Blatt tauchte aus der braunen Kruste, ein menschlicher Kopf, ein Bein. Irgendetwas wie eine Waffe. Manche Flecken lösten sich, andere hafteten unerbittlich.
Im ersten Stock war es in der Zeit ziemlich laut.
Wolfgang hatte sich erboten, das Zimmer neben Tante Tina auszuräumen, ein sehr großer Raum mit drei großen Fenstern. Dieses Zimmer schien wirklich lange unbenützt zu sein. Ida stand in der Türe, staunend, interessiert. Wolfgang schob gerade ein Bett mit Baldachin durch den Raum. Der Baldachin staubte. Die Farbe des Stoffes war kaum zu erkennen, irgendetwas, wie Gold und rötlich. Es flogen kleine Stücke des altehrwürdigen Belages ins Licht. Schnaufend setzte er ab und rieb seine Handflächen.
„Sag mal Ida, Ezra sagt, sie haben in der Wohnung die Mumie eines Hundes in einem Glaskasten gefunden? Was war denn das?“.
Ida hatte immer Zeit für Antworten. Es dauerte. „Ich denke, das war Schneewittchen.“ meinte sie nach einer Weile. Wolfgang konnte das nicht wirklich als Erklärung annehmen. Seine Bewegung machte Pause. Er hörte wahrscheinlich sogar kurz zu schwitzen auf. „Schneewittchen?“, wiederholte er langsam.
„Eigentlich hieß sie Bienchen, wahrscheinlich, weil sie ständig am Bellen war. Stell dir einen Hund vor, der aus einer Handtasche schaut und dauernd bellt. Sie hat natürlich auch gebissen. Mutter hat immer gesagt, sie ist emsig wie ein Bienchen.“ Noch immer keine Erklärung für den Glaskasten. Wolfgang wartete.
„Irgendwer hat sie vergiftet. Der Glassarg stand lange im Wohnzimmer. Es war einige Jahre so ein Mausoleum.“ Ida blieb in der Erinnerung stehen. Sie schnupperte. Auch in diesem Zimmer roch es nach Mausoleum, genau wie damals, verlassen, gemieden, vergessen wie müde Blumen. „Sollten wir hier auch einen Glassarg mit einem toten Hund reinstellen?“ fragte sie. „Oder vielleicht kann man die Fenster aufmachen?“
Wolfgang machte die Fenster auf. Von rechts nach links. Zwei gingen auf, eines nicht. „Das ist das mit Robert“, meinte Ida zu dem Fenster, das sich weigerte. „Robert will nicht aufgemacht werden.“
Da kam Ezra.
„Braucht ihr Hilfe?“
„Robert lässt sein Fenster nicht aufmachen“, meinte Wolfgang.
„Sag, wolltest du das Zimmer herrichten wegen Robert?“, fragte Ida.
„Ja, natürlich sind wir doch froh, dass wir Robert haben.“
Bei Wolfgang lief ein Film von Möglichkeiten, technischer Natur.
„Robert ist einer von uns, wir müssen nett zu ihm sein“, meinte Ida.
„Woher willst du wissen, dass er nicht auf Seiten von Tante Tina ist“, fragte Ezra.
„Ich hab das Gefühl, dass Robert auf gar keiner Seite ist. Wenn man eine Weile tot ist, wird man egoistisch, denke ich. Man kümmert sich nur mehr um sich selbst.“
„Hast du ihn heute schon gesehen?“, fragte Ezra.
„Ich war noch nicht draußen schauen.“
„Komisch“, meinte Wolfgang plötzlich, „Hier an der Wand entlang ist eine Spur im Staub, die wir nicht gemacht haben.
„Wieso meinst du?“
„Naja, hast du solche Schuhe an? Ich nicht.“ Im Staub zeichnete sich ein Schuhabdruck nach dem anderen, erstaunlich deutlich und klar. Ziemlich groß, große Füße. Sie trugen Stöckelschuhe mit breiten Absätzen. Die Abdrücke waren farbig getönt, wirkten bläulich-lila, ein wenig. Ezra fuhr mit dem Finger darüber, aber der Abdruck blieb. Wolfgang kam mit einem feuchten Fetzen. Der Abdruck ließ sich nur schlecht entfernen. Das Tuch war nachher bläulich staubig.
Ida hatte sich eine Weile auf den Geist konzentriert, hatte über ihn nachgedacht und schlug vor: „Wir müssen ihn fragen, ob er vielleicht hinaus möchte, denn wenn er immer in dem Zimmer auf und ab geht ist das ja nicht erfüllend für so ein langes Leben nach dem Tod. Vielleicht schläft er hier und kann nie hinaus. Auch wenn man nicht essen muss, will man aus seinem Zimmer.“
„Sollen wir ihm die Türe offen lassen?“, fragte Ezra. „Ich bin mir nie sicher, wie das mit Geistern und Türen ist.“ Ezra legte Wert darauf, möglichst normal zu sprechen, aber das mit der Fußspur war schon seltsam. Nicht Schrecken, nicht Gänsehaut, schon gar nicht Panik, aber seltsam war die Fußspur schon.
„Geister schweben doch im Allgemeinen durch Wände.“ Wolfgang schob gerade eine Kommode an die andere Wand.
„Nicht immer“, meinte Ida, „Ich weiß, dass sie gelegentlich knarrend Türen öffnen.“
„Eingemauerte weiße Frauen findet man aber vorwiegend in Gängen und Treppenhäusern. Also irgendwie können sie aus der Mauer.“ Geisterkunde von Ezra.
Wolfgang steckte mit dem Kopf im unteren Fach der Kommode, und es klang hohl als er sagte: „Ich denke, sie machen vor allem seltsame Geräusche.“
„Naja irgendwie müssen sie ja `guten Tag´ sagen“, meinte Ida, „Vielleicht wollen sie wahrgenommen werden, auch wenn sie nicht mehr richtig leben. Wir fühlen uns ja alle nur bedeutend, weil uns jemand wahrnimmt.“
Wolfgang war inzwischen mit praktischen Überlegungen beschäftigt. Er hatte nicht so viel Gefühl für Geister „Wie machen wir denn das mit der weiteren Einrichtung?“, wollte Wolfgang wissen. Ida drehte sich um und ging. Ezra nahm an, sie wollte schauen, ob Robert da war, aber vor allem wollte sie keine praktischen Probleme lösen.
„Fragen wir Esther.“ So ging er Esther suchen. Ezra hatte einen Moment das Bedürfnis, die Türe offen zu lassen, damit der Geist freie Bahn hatte, entschied sich aber schließlich dagegen. Wahrscheinlich konnte er durch die Wand und die Besorgnis war überflüssig.
Ezra war auf dem Weg hinunter in die Küche. Aus dem Unterstock drang eine weinerliche Stimme hoch. Röschen stand in der Küchentüre und erklärte Esther gerade, dass das, was hier gekocht wurde, für sie nicht essbar war. „Ich habe immer schon einen empfindlichen Magen, diese fette Kost hier bekommt mir nicht. Tinchen hat gesagt, ich soll das in der Küche besprechen.“ Ein tiefer kummervoller Seufzer folgte dem gerade vergangenen. „Nur weißes Fleisch, Kalb oder Huhn, Spargel vertrage ich gut, sonst bin ich aber sehr heikel.“
Ezra fragte sich, wie Esther das bewältigen würde. Er sah über das Treppengeländer auf die kleine weinerliche Gestalt mit dem gekrümmten Rücken. Eine lebenslang dienende, die sich ihren Platz erjammert hat, immer Raum für Mitleid schaffte, das nie stattfand. Sie hatte nichts zu geben außer Forderung. Keine gute Ausgangsbasis für Mitleid. Eher ein Storchenteich für die Kinder des schlechten Gewissens - auf der Flucht. Ezra wusste, dass Esther aus den Ohren rauchte vor Zorn, auch wenn man keine Flammen sah. Schließlich hatte sie die ganze Arbeit, und dann diese weinerliche Beschwerde. Esther hatte ihre Stimme aber im Griff und sagte ganz freundlich, sie werde sich um den kranken Magen kümmern und etwas ganz Diätes bereiten.
Da steckte Ida den Kopf zur Eingangstüre herein. „Robert ist heute komisch.“, meinte sie nur und bedeutete Ezra, zu kommen. Ida ging hinaus an die Stelle, wo die Begegnungen mit Robert stattfanden. Dort war der nächste Platz, um gut das ganze Fenster zu sehen, in dem er immer auftauchte.
„Da, schau“, meinte sie, „seine Füße baumeln heute im unteren Fenster.“
Ezra war zuerst sehr verwirrt. Im ersten Stock war der Kavalier mit Hut oder die Zirkusreiterin oder was immer es war, deutlich zu sehen und im Fenster darunter zeigte die Spiegelung etwas wie zwei hängende Streifen in Blaulila. Die gleiche Farbe wie der Hut, und ganz unten fast beim Blumenkasten hatten diese Streifen rote Spitzen, wie die Schuhe auf einer Kinderzeichnung. Das ganze bewegte sich leicht.
„Schaut aus, als ob er gehen würde.“ Ida war fasziniert. Ja, es sah tatsächlich aus, als ob er Schritte machte. Das Fenster neben Robert war offen. Es war der Raum, wo sie gerade Möbel verschoben hatten.
Ezra fragte sich, wo Wolfgang war. Der musste doch in diesem Zimmer auf und ab laufen. Durch die beiden offenen Fenster hätte er Wolfgang sehen müssen, wenn der arbeitete. Er sah und hörte aber keinen Wolfgang.
„Warum, glaubst du, ist Robert da?“, fragte Ida leise im Gedanken.
„Normaler Weise geistern Geister, weil sie...




