E-Book, Deutsch, 243 Seiten
Prag Vampir im Spiegel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9686-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mystik-Krimi
E-Book, Deutsch, 243 Seiten
ISBN: 978-3-7565-9686-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sanne Prag - geboren und aufgewachsen in Wien. Studium Werbegrafik, Illustration und Fotografie an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien Kleiner eigener Fachbuchverlag Kinder Weiterstudium Malerei und Film. Kunstausstellungen. Ausbildung zur Psychotherapeutin und Fachbücher mit Kollegen Arbeit als Psychotherapeutin und Krimischreiben Alle Mystik Krimis: Geisterhäuser ...und dann geschah es Ein Kleid aus Seide Bob Lennce Kein Sommernachtstraum Vampir im Spiegel
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VAMPIR IM SPIEGEL
Sie nannte sich Devora – Biene.
Das war ein Künstlername. Fleißig war sie ja, und sozial und…
Jetzt stand sie zum dritten Mal vor dem alten Tor. Teilweise war Efeu durch die verrosteten Eisensprossen gewachsen. Es war einmal ein schönes Tor gewesen, ein persönliches Tor. Extra angefertigt für das Anwesen. Es quietsche inzwischen und ließ sich nur ruckweise aufschieben, das wusste sie vom letzten Mal.
Gott, wenn sie sich doch mit Entscheidungen leichter täte. Ihre Mutter war da weit unkomplizierter gewesen. Einfach alles wegschmeißen, was nicht sofort von praktischem Nutzen war... Aber sie würde das nie tun. Devora war ein sehr achtsamer Mensch.
Sie öffnete das Tor langsam, sodass der Efeu um die Scharniere nicht beschädigt wurde. An den Blättern glitzerte Raureif. Es war sehr kalt. Der Kiesweg führte über die Wiese und war nur mehr schwach zu sehen, teilweise mit Gras bewachsen. Die Häuser blickten sie mit einem gewissen Stolz an, waren einst Existenz für die Familie gewesen. Eine Textilfabrik und eine Gärtnerei.
Wer hat schon eine Textilfabrik und eine Gärtnerei auf einem Gelände? Aber das hatte sich so ergeben. - Einfach so, denn der eine Bruder wollte Stoffe produzieren und der andere Kräuter oder sowas. Jetzt war der mit den Stoffen gestorben und der mit der Gärtnerei war schon lange nicht mehr. Sie hatte keinen Kontakt gehabt. Sie wusste nur: Die Brüder ihrer Mutter waren fleißige Leute gewesen, tüchtig auf eine bodenständige Art, das hatte ihre Mutter erzählt. Sie hatten das Anwesen gut genutzt. Aber jetzt waren nur mehr die Reste ihres Fleißes übrig. In der Stofffabrik lagen noch einige Rollen hellblauer Frotteestoff auf dem Boden und die Gärtnerei hatte sie noch gar nicht besichtigt.
Sie, das einzige und letzte Kind einer großen, stolzen Familie stand in den Hallen der Familienburg und hatte Probleme mit einer klaren Ansage: Was tust du damit? Die Frage quälte sie. Die Burg der Väter einfach verhökern? Einfach Geld auf die Bank? Geld auf der Bank war eine schöne Sache, aber es war Mittel zum Zweck, es war nicht selbst kostbar. Geld auf der Bank würde dazu dienen, etwas Großartiges zu machen. Sie sollte also diese Burg der Väter auf den Markt werfen, um etwas Großartiges mit dem Geld zu machen? Was Großartiges?
Das Hirn blieb dunkel und stumm. Sie wanderte durch die einstige Produktionshalle mit großen unterteilten Fabrikfenstern und abgeblättertem Verputz an der Wand. Helle und dunklere Flecke bildeten eine Fläche – ein Bild. Als Kind hatte sie immer versucht, Menschen und Tiere in solchen Wänden zu erkennen. Wenn man lange hinsah, wurden die Flecken zu Gesichtern und Pferdeköpfen und allem Möglichen… Dort oben sah ein blasser Engel aus seinen Flügeln, wie einer, der aus einem Federfenster schaut.
Die Türen waren fest und solide wie die Wand, hatten aber auch ihre Farbe an den meisten Stellen verloren. Das war kein Problem, sie müssten nur abgeschliffen und gestrichen werden. Die Türen waren kein Billigtand, sondern volles Holz…
Sie hatte ihre beiden Onkel nicht gekannt, weil sie in Italien aufgewachsen war. Nur die Mutter hatte immer wieder von den beiden erzählt. Zwei Eigenbrötler – ein wenig seltsam. Vielleicht ziemlich seltsam? Nicht verheiratet, keine Kinder. Hatte sie zwei schwule Onkels gehabt? Der eine bezeichnete sich selbst als Mystiker, was immer das auch sein sollte.
Hatte er Geister beschworen? Sie dachte an Séancen, wo sich Wesen aus weißem Schleim formten, die dann mit rauer Stimme Geheimnisse preisgaben, die keiner wissen konnte. Mit diesen Geheimnissen bewiesen sie die Echtheit ihrer Existenz. In weiße Tücher gehüllt kamen sie aus dem Jenseits und wussten mehr über die Lebenden als diese selbst. Vielleicht mehr, als denen lieb war?
Was wäre gewesen, wenn sie zwischen diesen Wänden aufgewachsen wäre? Hätte das da eine gute Heimat abgegeben? Sie fühlte in den Verputz hinein. Vernünftige, massive Mauern, bodenständiger, erdiger Wohlstand. Eigentlich eine gute Welt. Sie ging die Treppe hinauf. Oben waren die Büroräume gewesen. Inzwischen auch abgeblätterter Verputz und nackte Betonböden. Die Räume waren hoch, höher als der Wohnraum in üblichen Wohnungen. Es gab mehrere Feuchträume. Vielleicht einst Waschgelegenheiten fürs Personal…
Sie wanderte hinunter – das Gebäude war riesig. Das Ganze würde aber in diesem Zustand nicht günstig zu verkaufen sein, würde nicht optimal Geld bringen. Sie würde für die alten Gebäude den Grundstückspreis bekommen, nicht mehr. Das war auch eine schöne Stange Geld, so nahe an der Kurstadt, aber eben nicht das meistmögliche Geld…
Sie wanderte hinaus auf die Wiese, die sich rund um die beiden Häuser erstreckte. Die Wiese war noch irgendwann gemäht worden, war jetzt halbhoch. Ein kleiner, roter Mähtraktor stand hinter einer Ecke in einem Unterstand – vielleicht ein Restbestand noch von der Gärtnerei? Sie ging am Glashaus entlang und sah, dass einige Scheiben herausgefallen waren. Die Rahmen waren schön geformt, nicht einfach nur gerader Zweck. Gedrehte und gewundene Metallteile, die einst das Glas gestützt hatten, ragten jetzt teilweise leer in den Himmel.
Sie wanderte über die Wiese auf Bäume zu, die sie in der Ferne erkennen konnte. Die Wiese wölbte sich sanft und war sehr groß. Die grünen Kronen in der Ferne bildeten einen kleinen Mischwald. Einige Gruppen Wildrosenbüsche waren Vorhut in der Wiese. In der Ferne sah sie eine riesige, alte Buche und dann begannen andere große, alte Gewächse aus längst vergangenen Tagen. Sie wuchsen einen Hang hinunter und am Grunde war ein Fluss. Ein naturbelassenes Stück Wasser, das sich durch den Boden schlängelte. Es bildete kleine Katarakte zwischen Steinen und ab und an einen ruhigen See. Es war wunderschön.
Sie folgte dem Fluss. An einer Stelle ein Stück weiter war dann ein Eisengitter in die Mauer eingelassen, die das Grundstück umgab. Ab da gehörte der Fluss anderen Leuten, aber das Stück durch den Wald und über Wiese war ihres. Sie besaß ein Stück kostbaren Fluss…
Sie musste zu einer Entscheidung kommen, was mit dem Ganzen tun. Auf der Bank war nicht viel Geld. Ein bisschen etwas schon, aber das reichte nicht so weit, dass sie das Ganze auf Jahre erhalten konnte. Und ihre berufliche Situation als Künstlerin war unbeständig. Mal gab´s Geld und mal keines. Das hatte schon zu Krisen geführt und dann war wieder ein Geldschwung angekommen… Dann wieder Not. Nichts Verlässliches also...
Sie ging in die Gärtnerei. Dort gab es auch eine Halle, ein bisschen kleiner als die von der Textilfabrik. Da stand noch eine lange Reihe Holztische. Feste, schwere Tische, auf denen einst gearbeitet wurde, vielleicht Pflanzen oder Samen in kleine Töpfe gedrückt - und eine Türe führte in einen Gang. Weitere Türen gab es in dem Korridor. Eine führte in ein Büro, ein heller Raum mit Schreibtischen – zwei Stück, Altware mit Rollläden. Sie standen da mit vollen Laden wie in Erwartung. Erwartung wovon? Was wollten die Schreibtische von ihr? Es kam ihr vor, als wollten sie arbeiten, aber keiner gab Anweisungen. Sie wirkten frustriert und ein wenig trotzig. Sie war jetzt die Herrin dieser Schreibtische, konnte aber die Erwartungen im Moment nicht erfüllen – wie auch?
Zwei weitere Türen führten irgendwo hin. Geradeaus sah sie ein helles Treppenhaus. Sie wanderte nach oben ins Licht - der Aufstieg zur Sonne. Im ersten Stock stand sie vor einer Glastüre zu einer riesigen Terrasse. Prächtig, feudal dachte sie und blickte über den Garten. Dort oben hatte ihr Onkel offenbar zuletzt gewohnt, denn zwei Zimmer waren eingerichtet. Sie ging hinein, um ihn zu begrüßen – so fühlte sie es, obwohl er ja nicht mehr da war. Sie wollte ihm Ehre erweisen. Er hatte ihr immerhin das Grundstück vermacht – ihr, seiner kleinen Nichte aus Italien. Die Räume hatten etwas düster Mächtiges. Dunkle Täfelungen an der Wand und schwere Vorhänge aus irgendeinem dunklen, kostbaren Material. Zwei sehr große Räume schlossen sich aneinander und im ersten war ein riesiges Bett. Der zweite Raum war nur durch den ersten zu erreichen. Seltsam, dass man durchs Schlafzimmer musste um das Wohnzimmer zu erreichen. Aber war das überhaupt ein Wohnzimmer? Sie schaute um sich: Es gab sehr viele Waagen dort in diesem Raum, große, kleine und ganz kleine aus Kupfer, Messing und schwarzem Metall. Auch sehr große Exemplare standen an der Wand, alle analog. Kein elektronisches Ding. Die eine war so groß, dass ein ganzer Mensch draufspringen konnte. Devora dachte an eine Geschichte aus den Hexenprozessen: Damals wogen sie der Hexerei Verdächtigte gegen eine mächtige Bibel auf…
Und dann gab es noch eine Menge großer, bauchiger Flaschen und einige davon standen zwischen den Waagen auf einem sehr langen Tisch aus glänzend rötlichem Holz. An der Wand hing ein gestickter Teppich. Devora ging näher. Er war aus dünnen goldenen Metallfäden gewebt und die Stickerei war dunkelrot mit braunen Flecken – es sah tatsächlich aus wie Blut. Wessen Blut klebte an diesem Kunstwerk? Wie war es dorthin gekommen? Später würde sie genau schauen…
Nur diese beiden Zimmer waren am Schluss bewohnt gewesen. Es gab noch einige weitere sehr große, helle Räume in dem Geschoß mit dem üblichen nackten Betonboden und der Wand, an der sich Bilder entblätterten… Ein schöner Ort zum Wohnen. Eine Weile sah sie über die helle Terrasse. Dann löste sie sich und ging nach unten die letzten beiden Türen öffnen. Hinter der ersten fand sie ein sehr großes Badezimmer und die andere führte ins Glashaus. Ein Dom aus gewundenen Metallteilen hatte durch den Verlust der Gläser Regen ins Innere gelassen. In den...




