Prakash | Das Mädchen mit dem gelben Schirm | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Prakash Das Mädchen mit dem gelben Schirm

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30876-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-293-30876-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Universitätscampus in Indien: Der hochbegabte Student Rahul verliebt sich in Anjali, Brahmanin und Tochter eines einflussreichen Politikers. Diese Liebe ist hochriskant, denn Rahul gehört einer niedrigen Kaste an. Als Anjalis Familie die Beziehung bemerkt, wird der Student massiv bedroht. Den beiden Liebenden gelingt es, die Stadt zu verlassen, doch sie wissen nicht, wohin ihre Flucht sie führen wird. Und nicht nur Rahul und Anjali sind in Gefahr: Das Leben auf dem Campus wird bestimmt von akademischsen Eitelkeiten und einem Spinnennetz aus Korruption, das sich zwischen Hochschulverwaltung, Politik und der örtlichen Mafia aufspannt.

Uday Prakash, geboren 1952 in Sitapur, wuchs in einer ländlichen Region Indiens auf. Nach einem Studium der Hindi-Literatur arbeitete er in der Kulturverwaltung und später für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter das Hindi-Nachrichtenmagazin Dinmaan der Times of India und die Sunday Mail. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.
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Rahuls Karriereplan war ein bisschen ungewöhnlich. Nach dem MSc-Abschluss in organischer Chemie hatte ihn plötzlich die Wahnsinnsidee gepackt, den MA in Ethnologie zu machen. Die genauen Gründe bleiben etwas nebulös, doch möglicherweise stand dahinter der Einfluss eines seiner Cousins, der Ethnologe von internationalem Rang und zurzeit Generaldirektor des Anthropological Survey of India war. Er kam gelegentlich zu Rahul nach Hause, in sein Dorf. Manchmal blieb er sogar einige Wochen lang. Rahuls Vater war nämlich sein Lieblingsonkel. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet. Rahul war dafür zuständig, sich um seinen Cousin Kinnu Da zu kümmern.

Rahul hatte gehört, dass bei Penguin ein Buch von ihm über Adivasis herausgekommen war, das weltweit Aufsehen erregt hatte Bevor dieses Buch erschienen war, hatten alle angenommen, nur die Brahmanen, die Krieger- und die Händlerkaste oder aber Hindus und Muslime gemeinsam hätten den Widerstandskampf gegen die Engländer ausgefochten. Die Nationalhelden, die die Historiker bis in die Gegenwart aufs Podest gehoben hatten, kamen alle von diesem Hintergrund. Adivasis und Dalits waren praktisch keine unter ihnen. Genannt wurden immer Lakshmibai, Tantya Tope, Nana Sahab, Kunvar Singh, Azim Ullah, Mangal Pandey, Fürsten, Großgrundbesitzer, Nawabs usw. Später, im 20. Jahrhundert, gab es dann noch mehr Führer von der Art – Nehru, Gandhi, Tilak, Jinnah, Suhrawardy, Patel usw. Die meisten von ihnen waren Leute von hoher Kaste und wohlhabender Klasse. Zwischendurch tauchte gelegentlich der Name Doktor Ambedkars auf, der ein Dalit war und dem man aufgrund seines herausragenden Intellekts die Aufgabe anvertraut hatte, eine Verfassung für das unabhängige Indien zu erarbeiten. Doch auch über ihn wurde verbreitet, er sei ein Spion der Engländer gewesen sei, habe den Hinduismus vernichten und stattdessen den Buddhismus in Indien durchsetzen wollen. Das heißt, er sei mehr ein Bösewicht als ein Nationalheld gewesen.

Das Buch von Kinnu Da erregte Aufsehen, weil darin zum ersten Mal anhand vieler Originaldokumente und Fakten die Geschichte vom Kampf der Stammesführer aus der Region von Chhota Nagpur einschließlich Jharkhand und Singhbhumi dargestellt worden war. Ihre von geschichtlichen Tragödien gezeichnete Führerschaft war heute ausschließlich in der ›Folklore‹ der zurückgebliebenen Adivasi-Landkreise von Bihar, Orissa und Bengalen lebendig.

Kaum fing Kinnu Da an zu sprechen, kam Rahul die organische Chemie mehr und mehr wie Humbug vor. Was soll ich mit dem Studienabschluss anfangen? Ich werde Chemiker in einer Brauerei oder in einem multinationalen Unternehmen für Lebensmittelverarbeitung. Oder ich werde Dozent an einem Universitäts-College. Wenn er über seine Zukunft nachdachte, erschien ihm ein dicker, aufgeschwemmter Mann vor Augen, der schmatzend wie ein Schwein Pizza fraß, mit Joghurt oder Essig angemachten Fisch mampfte, dabei auch noch Schnaps trank und im besoffenen Zustand mit einem angemieteten Mädchen im Teenageralter zu tanzen anfing, wobei er seinen Hängebauch, der aussah wie ein riesiger Tonkrug, und seine schwabbeligen Gesäßhälften, die gewaltigen Kürbisse glichen, schlenkern ließ.

Dies ist der Mann – gefräßig, dickbäuchig, geil, schamlos, intrigant und schwerreich, dem zu Diensten zu sein dieses System und diese Regierung eingesetzt wurden. Der riesige Markt, die ganze Polizei und das ganze Militär existierten einzig und allein für das Glück und für den Genuss dieses Menschen! Wenn ich als organischer Chemiker arbeite, dann werde ich mein Leben damit zubringen müssen, die Speisen und Getränke eines solchen Mannes noch leckerer, nährreicher und schmackhafter zu machen. Das Leben, das der unendlich barmherzige Schöpfer des Weltalls aus übermäßiger Gnade mir Unwürdigem nur dieses einzige Mal geschenkt hat.

Shit! Der Mistkerl schnauft, mit einem Fuß steht er im Grab, kann nicht ordentlich laufen, weil er so dick ist, aber er hört nicht auf zu fressen. Er braucht unendlich viele Fressalien zu den Mahlzeiten, seine Zunge braucht endlos Aromastoffe. Weltweit forschten Wissenschaftler in Laboratorien, um seinen Gaumen zu befriedigen. Alle Sinnesorgane seines fleischklopsartigen, abgeschlafften Körpers brauchen unübertreffliches Wohlbehagen, grenzenlosen Spaß und den permanenten ›Kick'. Seine Schnauze, groß wie bei einem Rhinozeros, verlangt nach tausenderlei Wohlgerüchen. Die ganze Parfümindustrie ist dazu da, Gestank von seiner Nase fernzuhalten. Als Experte für organische Chemie habe ich die unaufhörlich wachsenden Gelüste seiner Sinne und die Begierden dieses schwelgerischen Fettkloßes mit meinem ganzen Talent, meinem Wissen und meiner Kreativität zu befriedigen.

Dies ist der Mann, für den auf der ganzen Welt die Frauen ausgezogen werden. In den Schönheitssalons der Metropolen werden die Frauen hingelegt. Dann werden mit Wachs oder mit Elektrolyse die Haare von ihrer Haut entfernt, so wie in früheren Zeiten die Schäfer Wolle vom Schafsbalg herunter geschoren haben. Rahul erschien es klar vor Augen, wie die Mädchen aus den Häusern der mittleren und unteren Mittelschicht aller Städte und Städtchen ankamen und in die überall wie Pilze hochschießenden Schönheitssalons wie die Lämmer herdenweise einfielen. Und dann ließen sie sich auf dem Wanst dieses Mannes nieder, wobei sie aufreizend ihre Beine spreizten. Diese Mädchen nennt das Fernsehen ›bold and beautiful' und der aufgedunsene dicke Alte selbst war ›rich and famous'.

Dieser Mann war sehr mächtig. Die diabolischen Genies der ganzen Welt hatten ihn mit viel Mühe, unter Einsatz ihrer ganzen Trickkiste von Kapital und Technik konstruiert. Bei seiner Erschaffung hatten die neuen Technologien eine Schlüsselrolle gespielt. Wie mächtig dieser Mann war, kann man schon daraus ermessen, dass er viele der in vergangenen Jahrhunderten entwickelten philosophischen Systeme, Grundsätze und Gedankengebäude mit einem Mal zu Abfall deklariert und sie in die Mülltonne hinter seiner herrschaftlichen Villa geworfen hat. Das waren jene Grundsätze, die dazu dienten, die menschlichen Begierden ab einer gewissen Grenze unter Kontrolle zu bringen, sie zu zügeln und dem Menschen Würde zu verleihen.

Iss so viel, aber nicht noch mehr, häufe nicht zu viel Geld an, sei nicht zu gewalttätig, sei nicht zu begehrlich, schlafe nicht zu viel, tanze nicht zu viel … all diese Grundsätze, die sowohl in den heiligen Schriften als auch in den soziologischen, naturwissenschaftlichen und politologischen Werken standen, hatte man allesamt in die Mülltonne geworfen. Dieser Mann hatte in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts alle Kräfte von Kapital, Macht und Technik an sich gerissen und die Freiheit ausgerufen. ›Freiheit!‹, schrie er. ›Lasst alle eure Begierden sich frei entfalten! Lasst all eure Sinne in dieser Welt frei grasen und umherstreifen! Was immer hier auf Erden existiert, ist nur dazu da, von euch genossen zu werden! Es gibt weder Nation noch Heimatland! Das ganze Weltall gehört euch. Nichts ist moralisch oder unmoralisch. Es gibt weder Sünde, noch tugendhaftes Handeln! Fresst, trinkt und amüsiert euch! Tanzt… Boogie-Woogie. Singt… Boogie-Woogie. Fresst…! Fresst euch satt! Bereichert euch, sahnt nur tüchtig ab! Boogie-Woogie. Alle Waren dieser Welt sind da, damit ihr sie genießt. Boogie-Woogie…! Und merkt euch, auch eine Frau ist eine Ware! Boogie-Woogie!‹

Dieser mächtige Konsumenten-Fettkloß hatte einen neuen Grundsatz aufgestellt, den der indische Finanzminister akzeptiert hat – und dann ist der Minister selbst ihm in den Geldbeutel gekrochen. Der Grundsatz besagte: Hindere diesen Mann nicht am Fressen. Während er frisst und frisst und sein Bauch dabei immer dicker wird, lässt er Essensreste von seinem Teller fallen. Die können die Abermillionen von Hungrigen auflesen. Nährstoffreiche Essensreste der kontinentalen Küche! Hindere diesen Mann nicht an seinen fleischlichen Freuden. Er wird Viagrapillen schlucken und immer neue Mädchen vernaschen, die er danach wieder aus seinem Bett stößt. Danach können die Abermillionen betrogenen einheimischen Junggesellen diese ›Jungfrauen‹ lieben, mit ihnen ihr eigenes Haus und Heim einrichten.

Das war die ganze Lehre, die der Mann über sämtliche Nachrichtenkanäle der Welt in alle Richtungen verbreitet hatte – und unversehens war die menschliche Zivilisation eine andere geworden. Über alle Fernsehsender, über alle Computer jagte und verbreitete sich dieses Prinzip.

Das waren die Methoden am Ende des 20. und an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, als die Leute anfingen, sogar die Namen Premchand, Tolstoi, Gandhi oder Tagore zu vergessen. In den Buchläden verkaufte sich am meisten The Road Ahead von Bill Gates.

Dieser fette, reiche, verfressene Mann ließ sich gerade massieren, während er mit nackten Schönheitsköniginnen aus der armen Dritten Welt in einer teuren Ferienanlage in Island herumlag. Plötzlich fiel ihm etwas ein, er nahm sein Handy und wählte eine Nummer.

Eine der Schönheiten gab ihm eine Viagra-Tablette, die er herunterschluckte, woraufhin er ihre Brüste presste: »Hello! I'm Nikhalani, speaking on behalf of the IMF. Get me to the Prime Minister.«

»Yes … yes! Mr. Nikhalani! Sagen Sie, wie geht es? Hier spricht der Premierminister.«

»Pack ordentlich zu! Feste! Ok!«, wies der Mann zärtlich die Miss World zurecht, dann sprach er ins Handy: »Warum hast du so lange gebraucht, Exzellenz! Beeil dich! Strom, Informationstechnologie, Nahrung, Gesundheit,...


Wessler, Heinz Werner
Heinz Werner Wessler, geboren 1962 in Düsseldorf, lehrt Indologie an der Universität Uppsala, Schweden.

Prakash, Uday
Uday Prakash, geboren 1952 in Sitapur, wuchs in einer ländlichen Region Indiens auf. Nach einem Studium der Hindi-Literatur arbeitete er in der Kulturverwaltung und später für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter das Hindi-Nachrichtenmagazin Dinmaan der Times of India und die Sunday Mail. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.



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