Prakash | Doktor Wakankar | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

Prakash Doktor Wakankar

Aus dem Leben eines aufrechten Hindus. Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30875-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aus dem Leben eines aufrechten Hindus. Roman

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

ISBN: 978-3-293-30875-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Doktor Wakankar ist ein einfacher indischer Arzt. Anders als seine Kollegen führt er keine lukrative Privatpraxis, sondern konzentriert sich auf die Arbeit im Krankenhaus. Schwieriger als die Behandlung seiner Patienten ist allerdings der Kampf gegen das korrupte System: gegen verschmutzte Infusionen, willkürliche Polizeiübergriffe und unverhoffte Politikerbesuche, die ihn in seiner Arbeit behindern. Gelingt es ihm, seine betrügerischen Kollegen auf seine Seite zu ziehen? Oder gerät er am Ende selbst unter die Räder ihrer Machenschaften?

Uday Prakash, geboren 1952 in Sitapur, wuchs in einer ländlichen Region Indiens auf. Nach einem Studium der Hindi-Literatur arbeitete er in der Kulturverwaltung und später für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter das Hindi-Nachrichtenmagazin Dinmaan der Times of India und die Sunday Mail. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.
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Tod bzw. Ermordung des Harvansh Pandit


An diesem Tag begann es schon am späten Nachmittag zu tröpfeln. Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für einen Nieselregen. Zwei Tage zuvor hatte es in der Frühe den ersten Frost gegeben. In der Nacht fiel die Temperatur sogar auf unter vier Grad. Um der Kälte zu entkommen, versammelte man sich in den Städten um die Heizgeräte, in den größeren Dörfern um die Kohleöfen und auf dem Land um die Feuerstellen.

Gegen halb neun klopfte es an Dr. Wakankars Haustür, der zu dieser Zeit bereits unter der Decke lag. Er stand auf und öffnete. Draußen fiel eisiger Regen; es ging ein klirrend kalter Wind.

Als er das Licht auf der Veranda anmachte, stand Subhadra Kahar aus Virpur vor ihm, eingemummt in einen Jutesack. Er berichtete ihm, der Spuckende Maharaj habe soeben einen schweren Asthmaanfall erlitten; als er mit dem Fahrrad losgefahren war, um Dr. Wakankar zu holen, habe Harvansh Pandit kaum noch Luft bekommen, seine Augen seien bereits deutlich hervorgetreten.

Als sich Dr. Wakankar gerichtet hatte und seinen Roller anlassen wollte, gab der keinen Ton von sich. Zunächst dachte er, es liege an der Kälte. Als er ihn daraufhin aus dem Schuppen holte und Subhadra Kahar ihn anschob, wollte er immer noch nicht anspringen. Dr. Wakankar drehte die Zündkerze heraus und entrußte sie. Der Roller rührte sich nicht. Er knatterte immer nur kurz auf und ging gleich wieder aus. Es war völlig egal, ob er Vollgas gab oder den Choke zog.

Dr. Wakankar stellte fest, dass der Schalldämpfer verrußt und das Auspuffrohr verstopft war. Als er den Schalldämpfer öffnete, beschmutzte er seine Hände und Kleider mit Kohle, Öl und Schmierfett.

Er wollte ihn gerade reinigen, als seine Frau kam und ihm zu verstehen gab, er habe mit der Reparatur seines Rollers nun schon eineinhalb Stunden vertan; wenn er sich noch um Harvansh Pandit kümmern wolle, müsse er auf der Stelle los.

In stockdunkler Nacht fuhr Dr. Wakankar bei diesem scheußlichen Wetter auf Subhadra Kahars wackligem Gepäckträger über die holprige Dorfstraße nach Virpur zum Spuckenden Maharaj. Er ging davon aus, dass sich dessen kranke Lunge wieder mit frischer Luft füllen werde, wenn er ihm erzähle, dass Bangladesh durch das endgültige Auseinanderbrechen Pakistans nun ein eigenständiger Staat war und zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte mehr als neunzigtausend pakistanische Soldaten vor der indischen Armee kapituliert hatten.

Schon am Morgen hatte Dr. Wakankar auf den Titelseiten mehrerer Zeitungen ein Foto gesehen, auf dem sich der unterlegene pakistanische General Niazi beschämt vor dem indischen General Arora verneigt und die Kapitulation unterzeichnet. Dr. Wakankars Achtung vor der Tapferkeit der Sikhs und dem Opfer, das sie für ihr Vaterland auf sich genommen hatten, kannte keine Grenzen: »Gelobt sei der große Gobind Singh!« Dieser hatte jedoch zur Verteidigung der Hindus zum Schwert gegriffen.

In der kleinen Lehmhütte flackerte nur eine Petroleumlampe. Harvansh Pandits Zustand war erbärmlich. Er musste um jeden Atemzug kämpfen. Kaum hatte er ausgeatmet, schnappte sein ausgemergelter Körper schon wieder nach Luft.

Der Blick, mit dem er Dr. Wakankar ansah, war ohne jede Hoffnung. Seine Augen waren hervorgetreten, sahen jedoch keineswegs bedrohlich aus, sondern brachten das Flehen eines armen und betrogenen Brahmanen zum Ausdruck, der sein ganzes Leben lang gehungert hatte. Das Flehen, noch für ein paar Atemzüge am Leben bleiben zu dürfen.

Dr. Wakankar konnte seinen Anblick nicht ertragen. Er spritzte ihm ein Schlafmittel und ließ ihn auf einem Ochsenkarren ins Erste-Hilfe-Zentrum bringen. Draußen regnete es inzwischen in Strömen. Es schlug gerade halb zwei. Der Wind fühlte sich wie scharfe, eisige Messerklingen an. Den Spuckenden Maharaj hatte man im Ochsenkarren auf eine Schicht Stroh gelegt und eine wasserdichte Plane darüber gespannt, um ihn vor dem Regen zu schützen. Nachdem er die Spritze bekommen hatte, war er in tiefen Schlaf gesunken und hatte sich nicht mehr gerührt.

Dr. Wakankar hatte schon viele Asthmatiker behandelt. Während eines Anfalls konnte man oft meinen, ihre letzte Stunde habe geschlagen. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung wusste er jedoch, dass sie häufig nicht nur älter als andere Patienten, sondern auch älter als gesunde Menschen wurden. Er hatte erlebt, wie einige von ihnen mühelos ein Alter von achtzig oder neunzig Jahren erreicht hatten.

Der Spuckende Maharaj schlief tief und fest, er lag sozusagen in einem künstlichen Koma. Dr. Wakankar machte sich daher keine größeren Sorgen. Um Viertel nach drei gab er Schwester Ponnamma die Anweisung, ihm eine Glukoseinfusion anzulegen. Schwester Ponnamma wohnte in einer Zweizimmerwohnung in Vidhanpur, die ihr das staatliche Krankenhaus zur Verfügung stellte. Sie war abgemagert und hatte einen Hautausschlag. Ihre Wohnung lag direkt neben dem Krankenhaus.

Dr. Wakankar kam um drei Uhr vierzig nach Hause zurück. Er war todmüde und konnte seine Augen kaum noch offen halten. Kälte, Nässe, Ruß und Müdigkeit, dazu der Geruch von Öl und Fett. Ihm fiel ein, dass er den ganzen Abend noch nichts gegessen hatte. Seine Frau und seine Töchter lagen im Bett und schliefen. Da er sie nicht wecken wollte, ging er direkt in die Küche. Das Geschirr war gespült und abgetrocknet. Er öffnete den Kühlschrank. Außer Milch, Tomaten und ein paar Bananen konnte er nichts Essbares finden. Er kehrte um und legte sich ins Bett. Es waren keine zehn Minuten vergangen, da schnarchte er bereits.

Um halb sechs klopfte es lautstark an der Haustür. Jyotsna stand auf und öffnete. Sie trug einen Unterrock und eine Bluse, beide völlig verschlissen. Der Himmel war noch immer wolkenverhangen, was für diese Jahreszeit untypisch war. Draußen stand eine völlig verwirrte Schwester Ponnamma, neben ihr Subhadra Kahar. Der Sohn des Spuckenden Maharaj, Pandit Bhola Shankar Dube alias Dickbäuchiger Maharaj, stand hinter ihnen. Da Jyotsnas linke Brust aus ihrer verschlissenen Bluse herausschaute, machte sie auf der Stelle kehrt und verschwand in der Wohnung.

Dr. Wakankar war kaum wach zu bekommen. Er schlief tief und fest. Als er endlich zu sich kam, waren seine Augen blutunterlaufen, so wie man es von hohem Blutdruck kennt.

Als ihm Schwester Ponnamma mitteilte, dass Harvansh Pandit gestorben war, dauerte es eine ganze Weile, bis er es begriffen hatte. Er war völlig perplex. Seine Müdigkeit war auf einmal verflogen. In diesem Zustand schlüpfte er in seine Sandalen und rannte, ohne sich zu waschen, ins Krankenhaus. Harvansh Pandits Witwe saß auf der Veranda und weinte laut. Neben ihr saßen zwei Frauen und einige Männer aus ihrem Dorf, unter ihnen auch Harvansh Pandits Schwiegertochter.

Dr. Wakankar untersuchte nun Patient Nummer 17 des

Erste-Hilfe-Zentrums Vidhanpur, Herrn Harvansh Pandit alias Spuckender Maharaj, Bewohner des Dorfes Virpur, Polizeirevier und Postamt Vidhanpur, Bezirk Raigarh, Postleitzahl 752 003. Sein lebloser Körper lag auf einem eisernen Bettgestell, eine Hand ruhte auf der Brust.

Dr. Dinesh Manohar Wakankar, Arzt und Doktor der Medizin, warf einen prüfenden Blick auf die Glukoseflasche am Ständer. Er begriff. Genau das hatte er befürchtet. Auf der durchsichtigen Flüssigkeit im Innern der Flasche trieben Schimmelpilze. Vermutlich stammte sie aus der illegalen Lieferung eines Pharmakonzerns und hatte ihr Verfallsdatum längst überschritten.

»Mörder!«, zischte er. Dann betrachtete er das Datum auf dem Etikett. Jemand hatte versucht es mit einem Messer unkenntlich zu machen. Man konnte es jedoch noch entziffern.

Sobald Dr. D. N. Mishra, dem Chefarzt und Leiter des Erste-Hilfe-Zentrums Vidhanpur, neue Mittel zugeteilt wurden, kaufte er Apothekern und Vertretern dubioser Pharmakonzerne minderwertige und abgelaufene Medikamente zu Sonderpreisen ab und verkaufte sie gewinnbringend an seine Patienten weiter. Dr. Mishra hatte schon immer gut verdient. Nachdem Dr. Wakankar mehrmals dagegen protestiert hatte, wurden seine Rechnungen und Belege über einen längeren Zeitraum nicht mehr beglichen und sämtliche Urlaubsanträge und Reisekostenzuschüsse abgelehnt.

Dr. Mishra verstand sich blendend mit den Lokalpolitikern, den Geschäftsleuten sowie dem Steuereintreiber, dem Polizeiwachtmeister und den anderen Beamten. Um am späten Abend noch Karten spielen und Alkohol trinken zu können, hatten sie einen eigenen Offiziersklub gegründet. Eine exklusive Gesellschaft. Sie hatte sogar ihren eigenen Verhaltenskodex. Ihre Handbücher waren von der indischen Verwaltung über die Jahre hinweg zusammengestellt worden.

In einem von ihnen wurde beschrieben, wie man einem tadellosen, aber unerwünschten Untergebenen innerhalb des gesetzlichen Rahmens auf dezente Weise so zusetzten könne, dass er schließlich vor lauter Wut und Verzweiflung explodiert und man ihn vorschriftsgemäß ins Strafregister eintragen und verurteilen kann.

Dr. Wakankar geriet außer sich. Harvansh Pandits Witwe klagte erregt und mit zitternder Stimme ihr Leid; sie erschütterte das ganze Erste-Hilfe-Zentrum. Ihr Mann war in einem staatlichen Krankenhaus gestorben, weil man ihm eine abgelaufene und verunreinigte Infusion angelegt hatte. Man hatte ihn gewissermaßen ermordet. Der Spuckende Maharaj war ein zuverlässiges Mitglied der Regionalgruppe des Sangh gewesen und hatte geglaubt, er werde noch erleben, dass die Opferrituale wieder zunähmen, der...


Prakash, Uday
Uday Prakash, geboren 1952 in Sitapur, wuchs in einer ländlichen Region Indiens auf. Nach einem Studium der Hindi-Literatur arbeitete er in der Kulturverwaltung und später für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, darunter das Hindi-Nachrichtenmagazin Dinmaan der Times of India und die Sunday Mail. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.

Penz, André
André Penz, geboren 1978, studierte Ethnologie, Indologie sowie Erziehungs- und Religionswissenschaft in Tübingen. Er arbeitet als Übersetzer aus dem Hindi.



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