E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Prangel Kaunadodo oder Die Welt steht nicht still
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7407-9414-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7407-9414-9
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Prangel, geboren 1939 in Berlin. Literaturwissenschaftler, der seit 1961 in den Niederlanden lebt. Neben Veröffentlichungen zum Fach der Reisebericht "Der Herbstspaziergang von A... nach B..." (2011), die Erzählung "Die Frau auf dem Hochseil" (2012) und der Roman "Casa Sabina" (2013).
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1
Oder ist denkbar, es offenbarte sich ihm der Grund erst im Nachhinein? Wäre aber wohl kaum Grund dann noch. Etwas im Nebel des Unbewussten Liegendes eher. Vielleicht einfach nur Projektion. Umkehrung des Kausalitätsprinzips.
Jedenfalls kann Olaf, wie er so die Nacht hoch über den Wolken zwischen Schlafen und Wachen verdöst, keinen ihm genügenden Grund finden, warum er hier sitzt. Sicher, es ist da ein Ziel, an das er gelangen will. Flugzeuge fliegen irgend-, nicht nirgendwohin. Das Wohin also schon klar. Aber nur, um wieder einmal unterwegs zu sein - andere Umgebung, andere Menschen, der Kälte daheim entfliehen – könnten es auch ganz andere Ziele sein.
Früher reiste er ins Blaue hinein. Nie hätte er Unterkunft schon vorher gebucht. Ein Moment hatte den nächsten zu ergeben. Immer wieder wollte neu entschieden sein, wie es weiter zu gehen habe. Das ist vorbei. Auf einer Farm am Fuß des Erongomassivs hat ein Freund, der sich da auskennt, zwei Wochen für ihn reserviert, wissend, was allenfalls zu ihm passen würde. Nur Namen und Lage der Farm kennt er. Und klein soll sie sein. Nicht an Oberfläche, doch an Gästekapazität. Mehr weiß er nicht. Doch es reicht ihm. Er würde dort viel schlafen und am Pool liegen. Er würde elenden Smalltalk machen mit Leuten, die ihn vermutlich nichts angingen. Er würde über die Farm und ein paar angrenzende streunen, vielleicht ein paar Ausflüge machen, ein paar Bücher lesen, die er daheim noch schnell eingesteckt hat. Das wäre alles. Und ginge fast alles fast überall auf der Erde ebenso gut. Nein, er weiß wirklich nicht, warum es unbedingt dieses Ziel sein muss. Muss es denn? Er weiß nicht einmal, ob er Lust dazu hat. Es muss aber wohl trotzdem sein. Grundlos. Gründe vielmehr sähe er, es nicht anzufliegen. Mehr als ein paar sogar. Aber nicht den Gründen gibt er nach, sondern dem Grundlosen. Also muss es wohl wirklich sein. Warum auch immer.
Von der Ruhe und unermesslichen Weite des Landes, der kargen Schönheit seiner Natur hat er gehört und gelesen. Vielfach besungen, pathetisch verdichtet ist das auf ihn gekommen. Er zweifelt nicht einmal, dass Wahres daran ist. Und gegen Ruhe und Weite und karge Schönheit und die Kraft des Ungeheuren, die aus ihnen strahlt, hat er auch gar nichts. Im Gegenteil. Zu Zeiten zumindest. Aber gegen den aufgeblasenen Kitsch, den Reisebroschüren und ein sogar heute noch lebendiger Südwest-Mythos daraus zusammenbrauen, hat er etwas. Und vor dem noch dagegen, Natur so einfach vom großen Rest abzutrennen, vom Leben der Menschen dort, den Zuständen, unter denen es sich abspielte und -spielt, von dem, was da im Argen lag und noch liegt, von der Geschichte, besonders der der letzten 130 Jahre.
Denn eine Parade des Fürchterlichen ist diese Geschichte. Natürlich wäre es Anmaßung, wollte er festzurren, was Recht und Unrecht im Einzelfall dort war und ist. Es liegen die Dinge ja fast immer komplizierter, als dass das so einfach gelänge. Missmutig allerdings macht ihn das Schweifen seiner Gedanken über die deutsche Kolonialzeit, die englisch-südafrikanische Mandatszeit, die Jahre des Befreiungskampfes der SWAPO und die jetzige Owamboherrschaft schon.
Vieles an dem Land ist ihm unsympathisch. Ein inneres Widerstreben ist in ihm. Obwohl klar, eine Binsenweisheit und nicht mehr: wir alle leben auf den Müllhalden der Geschichte. Nicht abstrakt nur. Oft genug ganz wörtlich. Auf verbranntem Boden, auf den Trümmern untergegangener Städte, Staaten und Kulturen. Und auf Bergen von Leichen. Viele auf solchen, die gerade erst oder kaum verwest, schon gar nicht vergessen sind. Er ist alt genug, hätte also Zeit gehabt, sich in diesen allgemeinen Lauf der Dinge einzugewöhnen. Dickes Fell aber war nie seine Sache. Und die Empfindlichkeit, die Empörung, sie nimmt eher zu. Mit jedem Jahr. Schwerer und schwerer tut er sich, das einfach hinunterzuschlucken. Ballast der Geschichte, den man einfach abwerfen müsse, nennen das viele. Ihm ist das nicht gegeben, wie sehr er sich manchmal müht. Dennoch will er, ja will, da ihn schließlich niemand zwingt, nun in dieses Land. Wenn nicht mit, dann eben ohne tauglichen Grund oder trotz Gründen, es bleiben zu lassen. Vielleicht tut man bei Licht besehen sowieso das meiste im Leben ohne Grund. Und als er das ahnt, ahnt er sogleich auch, es könnte dies schon wieder einer der unzähligen wahren Sätze sein, deren Wahrheit man daran erkennt, dass ihr Gegenteil genauso wahr ist.
Wie er unter solch skeptischen Betrachtungen und unbestimmten Empfindungen die verdöste Nacht sich nun als beendet erklärt, schiebt er den Schieber des Fensterchens zu seiner Linken hoch. Unten noch tiefe Dunkelheit, Schwärze. Über der Schwärze aber trifft ihn der erste Strahl der schnell empor kriechenden, ihre Farbe von rot, dann von sattem Orange in nur wenigen Minuten in grell-weiße Helligkeit verschiebenden Sonne. Nur kurz darauf spürt er in den Eingeweiden jenes leichte Ziehen, das ihm anzeigt, es neigt sich der Vogel ganz vorsichtig zur Erde, ohne dass die eigentliche Landung, die noch Zeit braucht, schon eingesetzt hätte. Und dann, trotz einer Höhe von immer noch um die 9000 Meter, kommt Kontur in das Dunkel unter ihm.
Viel scheint da nicht zu sein. Nicht jedenfalls sich in Farbe, die noch kaum da ist, oder Form Abhebendes. Dann, mit zunehmendem Licht aber erkennt er Einschnitte in der Erdkruste, Flüsse vielleicht, gewesene oder bei Regen wieder entstehende. Erkennt vereinzelt etwas, was nur Bergkuppen, Bergrücken sein können, von der scheinbar flachen Umgebung deutlich unterschieden, ihre Höhe aus der Vertikalen ebenso wenig auszumachen wie die der Alpengipfel und überhaupt aller Gebirge beim Flug über sie. Erkennt vor allem unregelmäßig dunkel getüpfeltes Land, Savanne wohl. Dörfer, Städte bis auf ganz wenige Ausnahmen keine. Oder sie verbergen sich geschickt vor seinem Blick. Überhaupt zeugt kaum etwas von Menschen. Die Ausnahme Wege, die aber auch ausgetrocknete Wasserläufe sein mögen. Es kann gar nicht anders sein. Er denkt sich die Einwohner Berlins verteilt über eine Fläche, so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, gerade zwei und ein halber auf den Quadratkilometer. Das fällt nicht groß ins Auge. Schon gar nicht von hier oben.
Inzwischen sind die anderen Passagiere gleichfalls im neuen Tag angekommen. Es wird laut. Kindergeschrei. Eine betörend schöne schwarze Stewardess, wenn man sich hätte betören lassen wollen, die ihn nach seinem Getränkewunsch fragt.
- Bloody Mary.
Sie scheint einen winzigen Moment zu stutzen. Als wolle sie fragen: So früh schon? Ja, findet er. Zu Hause nie. Eine kleine Verrücktheit, die er sich vor langer Zeit bereits für Flüge reserviert hat.
Neben ihm zwei Jäger. Wohl nicht die einzigen. Offenbar Trophäenjäger, die nicht zum ersten Mal hierher kommen und auch sonst überall in der Welt ihr Metier bereits ausübten. Sie reden von Gamsböcken in Österreich, Bären in den Karpaten, Elchen in Skandinavien, Kudus, Springböcken, Oryxantilopen, Warzenschweinen, einem Leoparden sogar in Namibia, die sie schon erlegt haben. Reden von Kalibern, und Schlössern und Geschossen. Reden von den neuesten Ferngläsern und Zielfernrohren. Reden von Mündungsbremsen, den Rückstoß zu verringern. Reden von den Formalitäten, die, ganz unterschiedlich von Land zu Land, zu erledigen sind, will man seine Jagdwaffen in diese Länder einführen. Reden von allem, was so schief gehen kann bei der Jagd und auch schon gegangen ist. Sogar bei ihnen selber.
Ihn, der daneben sitzt und dessen Ohr das mehr zufällig und nur halb verstanden erreicht, berührt es kaum. Bruchstückchen aus einer Welt, die ihm so gut wie unbekannt ist. Nicht, dass er sich gegen sie stellt, wo doch noch der eigene Urgroßvater Förster, auch jagender Förster im Hinterpommerschen war und noch manch anderer aus der weitläufigeren Verwandtschaft auf die Pirsch ging. Und ihm ist klar, es wird auch hier viele Für und viele Wider und vieles zwischen beiden geben. Doch er fühlte sich niemals zur Jagd hingezogen. Und es wird sich das nicht mehr ändern. Als Junge versuchte er mit dem Katapult Krähen zu schießen. Erfolglos. Er grämte sich nicht deswegen. Das Kapitel war abgeschlossen, ehe es hätte beginnen können. Keinen Reiz am Jagen konnte er je danach noch in sich aufspüren. Und ließ sich deswegen nicht weismachen von den Jägern, es stimme da vielleicht etwas nicht recht mit ihm selber, er habe wohl, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht erkannt, sei durch die grassierende Zivilisation abgeschnitten von den fundamentalsten Menschentrieben, eigentlich also ein Amputierter, wie ihm einst einer sagte. Aber obwohl oder weil ihm das alles so fremd ist, regt sich in seiner Tiefe ein vages Bedürfnis herauszubekommen, wie die eigentlich ticken, die ihm fremden Jäger. Nicht speziell diese beiden neben ihm. Vielmehr überhaupt, wenn ein Überhaupt es überhaupt gibt. Irgendwann einmal würde er dem nachgehen. Der Wunsch jedoch eher schwach ausgeprägt. Im Moment außerdem die Chance, ihn zu befriedigen, ohnehin...




