E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Prasske Mögen deine Hände niemals schmerzen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-455-85132-8
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Iran. Eine verbotene Liebe
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-455-85132-8
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
»Mögen Ihre Hände niemals schmerzen« ist eine der vielen Formeln, die Iraner benutzen, um dem anderen Dank und Ehrerbietung zu bezeugen - und dies tun sie in unzähligen Riten gerade auch in der Begegnung mit einer Europäerin, die allein durch ihr Land reist. So etwas sieht man dort nicht alle Tage, seitdem die strengen islamischen Gesetze herrschen. Wer ist diese junge Frau aus Hamburg, die im Reich der Mullahs ein Abenteuer nach dem anderen erlebt, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt? Nicht als naive Touristin, sondern als wachsame Forschungsreisende mit unbestechlichem Blick für die Zerrissenheit der iranischen Kultur begibt sich die junge Frau in das Abenteuer ihres Lebens. Es ist eine leidenschaftliche Begegnung mit einer fremden Kultur und die Geschichte einer verbotenen Liebe.
Bruni Prasske, geboren in Norddeutschland, studierte Interkulturelle Pädagogik, war Sozialarbeiterin in Flüchtlingsunterkünften und wirkte bei Einwanderungsprojekten in den USA mit, bevor sie ihr erstes Buch „Mögen deine Hände niemals schmerzen“ schrieb, das 2000 erstnaks bei Hoffmann und Campe erschien.
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Das Dorf am Sayande Rud
Die Aussicht auf den Süden versetzt mich in eine willkommene Unruhe, die keinen Platz lässt für einen wehmütigen Abschied vom Norden, vom vertrauten Grün der Küstengebiete und von den Gipfeln und Tälern des Elborz. Leichten Herzens werde ich Teheran den Rücken zukehren und mich dem Orient hingeben, der in meiner Vorstellung gleich hinter der Stadtgrenze beginnt. Da mir der angebliche Reiz der Metropole bisher ohnehin weitgehend verborgen geblieben ist und ich meine Großstadttauglichkeit angemessen bewiesen habe, mache ich mich gut gelaunt auf den Weg in die unbekannte Welt des orientalischen Südens. In eine Welt der faszinierenden Anblicke in Gelb und Braun mit grünen Fleckchen, Oasen in ewiger Trockenheit, die einer sengenden Glut mutig trotzen. Süden – ist das nicht ein Blumenmuster auf einer blauen Kachel, die mit dem Leuchten des Himmels konkurriert? Oder eine Wüstenstadt, in der Windtürme gegen die unbarmherzige Kraft einer gleißenden Sonne kämpfen und sich dabei wehende Lüfte zu Gefährten machen? Allein schon der Name des riesigen Busbahnhofs versetzt mich in Aufregung: Terminal Djonub, Südbahnhof. Er liegt an der Rahe-Be’sat, einer Straße, die durch diese Bezeichnung an die Aussendung Mohammeds als Prophet erinnern soll. Doch der Taxifahrer benutzt lieber die alte Bezeichnung. An die »neuen«, religiösen Namen will er sich auch nach über einem Jahrzehnt nicht gewöhnen. »Irgendwann benennen sie sie doch wieder um. Während des Krieges hießen viele Straßen nach irgendwelchen Märtyrern. Hunderte von Straßen, die mit ›Shahid‹, ›Märtyrer‹, anfingen. Wie soll man da als Taxifahrer den Weg finden? Meine Fahrgäste benutzen auch meistens die alten Straßenbezeichnungen.« Am anderen Ende der Stadt gelegen, hat der Terminal ein westliches Siebziger-Jahre-Design: großzügige Hallen, viel Beton und orangefarbene Plastikstühle. Über den Schaltern der verschiedenen Busgesellschaften leuchten Schilder mit schwungvollen arabischen Schriftzeichen, und ich entziffere »Kerman«, »Yazd« und »Schiraz«. Hinter den Tresen stehen Männer mit ewig offenen Mündern und verkünden Analphabeten, Kurzsichtigen und Blinden, wohin die Reise geht. Laut und unglaublich schnell rufen sie: »Isfahan, Isfahan, Isfahaan, Schiraz, Schiraz, Shiraaz, Abadan, Abadan, Abadaan«, wobei das Letztere aus ihren Kehlen wie eine Zauberformel klingt, und ich würde am liebsten antworten: »Ja, ich komme.« An jeder Ecke bieten Händler ihre Waren an. »Pesteh, Pesteh, Pesteehh«, Pistazien, rufen die einen und »Labuh, Labuh, Labuuhh«, Rote Bete, die anderen. Und überall Männer. Nur wenige Frauen sind unter den Reisenden und diese meistens in männlicher Begleitung oder mit einem Kind an der Hand. Wieder biete ich eine unerwartete, doch, wie es scheint, willkommene Abwechslung. Auch meine echt Teheraner Garderobe, der neue Mantel und das modische Kopftuch »à la arabica« können meine Fremdheit nicht verbergen. Die Blicke der wartenden Fahrgäste fixieren zielstrebig die Charedji. Was sie wohl denken mögen? Das Wissen um die legendäre Freizügigkeit europäischer Frauen hat sicher auch vierzehn Jahre Islamische Republik überdauert. Das ungewöhnlich lange Taxieren einer Fremden ist offenkundig entschuldbar – bei einer Einheimischen würden sie das kaum wagen. Farhad, der mich unter ausufernden Warnungen vor dieser gewagten Tour zur Station begleitet, sucht inzwischen die richtige Abfahrtsrampe und lässt mich einen Moment lang allein zurück. Das bietet den Mutigsten die Gelegenheit, ein Stück näher zu kommen. Wie vertraut mir das inzwischen schon ist. Ich habe mir angewöhnt, in solchen Situationen möglichst aufrecht zu sitzen und nicht an den Fingernägeln zu kauen oder in der Nase zu bohren, denn das wäre ein unvorteilhaftes Zeichen von schlechtem Benehmen, Nervosität oder gar Unsicherheit. Besonderes Aufsehen erregt es, wenn ich jemanden anspreche. Will ich nach dem Weg oder dem richtigen Schalter fragen, wende ich mich meistens an Frauen. Dann trauen sich manchmal weitere Umstehende heran, um zu hören, in welcher Sprache ich mich verständige. Und immer wird mir überschwänglich Hilfe angeboten. Ein älterer Mann sagte einmal: »Sie sehen nach Hoffnung aus.« Zuerst glaubte ich, ihn falsch verstanden zu haben, doch dann erklärte er: »Wenn sich selbst eine europäische Frau allein in dieses Land traut, dann kann es nicht mehr so schlimm sein und hoffentlich nur besser werden.« Bis jetzt haben die überwiegend jungen, männlichen Beobachter nicht ein einziges Mal eine imaginäre Linie überschritten, die offenbar wie ein Kreis um mich gezogen ist. Es gibt keine eindeutigen Bemerkungen, frechen Komplimente oder gar plumpe Berührung wie in der heimischen U-Bahn. »Der Bus nach Isfahan steht an Rampe siebzehn.« Farhad nimmt meine Tasche, und ich trotte hinter ihm her. Vor dem Bus steckt er sich eine Zigarette an, schnell nehme ich sie ihm aus der Hand und ziehe einige Male daran. Eine eigene zünde ich mir lieber nicht an. Fereschte ist die einzige Iranerin, die ich auf offener Straße habe rauchen sehen. Mir ist nicht daran gelegen, durch untypisches Verhalten weiteres Aufsehen zu erregen. »Willst du wirklich in ein Dorf fahren? Da ist es nicht so wie hier. Es könnte gefährlich werden.« Ungläubig schaue ich ihn an. »Was soll denn da schon passieren?« »In den Dörfern ist alles möglich. Auf den Landstraßen gibt es manchmal Überfälle.« Vor meinem Auge zieht eine Kamelkarawane durch die Wüste, und maskierte Räuber entführen die Ausländerin. »Ich passe schon auf. Hast du schon mal was von Karl May gelesen?« Es wird Zeit für den Abschied, und ich verspreche, jeden zweiten Tag anzurufen und gesund zurückzukommen. Auf meiner Fahrkarte steht an der vorgesehenen Stelle für den Namen des Fahrgastes »Charedji«, was zur Identifizierung ausreichen sollte. Der Fahrer kontrolliert die Passagierliste und wirft einen zufriedenen Blick auf die gefüllten Sitze. Wieder einmal habe ich einen zusätzlichen Rahat, Bequemlichkeitsplatz, der mir bis jetzt immer zugewiesen worden ist, selbst wenn ich ausdrücklich darauf hinweise, dass ich keinen haben will. Ob das bei allein reisenden Frauen immer so ist, bleibt mir schleierhaft. Stets habe ich auf den Plätzen hinter dem Fahrer oder zumindest in seiner Nähe gesessen. Sein Assistent ist meistens ein junger Mann, der »Shagerd«, »Schüler«, genannt wird. Zu seinen vielen Diensten gehört auch die Versorgung des Fahrers mit Tee und leckeren Kleinigkeiten. Den Reisenden reicht er üblicherweise in regelmäßigen Abständen Wasser, während er mir aus Neugier und Gastfreundschaft – sei es seiner eigenen oder der des Fahrers wegen – auch Tee, Pistazien, Melonenkerne, Rosinen und Obst anbietet. Dann geht es oft schon bald um die beliebte Frage, ob es in Deutschland oder im Iran besser sei. Bei diesen Gesprächen kommt schnell auch mein abwesender Ehemann ins Spiel, der je nach Situation entweder aus beruflichen oder politischen Gründen nicht gemeinsam mit mir reisen kann. Teheran will kein Ende nehmen. Trostlose Vorstädte voller Baustellen und löchriger Straßen liegen zu beiden Seiten des Expressway im ausufernden Süden der Stadt. Auf der linken Seite erscheint schließlich das riesige Khomeini-Mausoleum – ebenfalls eine Baustelle –, von dem niemand besondere Notiz nimmt. Und dann beginnt die Wüste. Welch überwältigende Trockenheit! Kein Grashalm weit und breit, doch gibt es tatsächlich auch hier einige Ansiedlungen. Und dann taucht aus dieser Unendlichkeit ein riesiger Salzsee auf. Unwirklich mit seinem schneeweißen Ufer und dem türkisfarbenen Wasser sieht er aus, als hätte ein Maler seinen Pinsel in einem Anfall von Übermut ein wenig zu tief in den grünen Farbtopf getunkt. Aus der Erinnerung taucht plötzlich die Stimme eines Freundes auf: »Als ich im Gefängnis war, hatte ich am meisten Angst davor, dass die SAVAK mich eines Tages in einen ihrer Hubschrauber setzt und über dem Salzsee abwirft.« Mit einem Stein am Bein war auf diese Art das spurlose Verschwinden der Schahgegner garantiert. Stattdessen beschränkten sie sich bei ihm auf die Bastonade und gelegentliche Faustschläge. Zehn Jahre Haft hatte er für seinen jugendlichen Leichtsinn bekommen, Flugblätter einer linken Bewegung nicht nur zu lesen, sondern auch weiterzuverbreiten. In den Revolutionswirren kam schließlich die Amnestie. Zu dem Zeitpunkt hatte er vier Jahre abgesessen. Ich nehme mir fest vor, ihm aus Isfahan eine Ansichtskarte nach Deutschland zu schicken. Nach zwei Stunden machen wir eine Pause an einer Raststätte vor den Toren Qoms. Eine Frau schaut mich vielsagend an, und ich folge ihr zu den Toiletten. Hier beginnt nun wieder eine nervenaufreibende Akrobatik. Nirgends finde ich einen Haken für meine Tasche und den langen Mantel, und der Boden ist feucht und dreckig. Jedes Mal frage ich mich, wie die Tschadorfrauen dieses Problem lösen, zumal es gilt, mit Wasserhahn samt Schlauch und einer Plastikkanne zu hantieren. Irgendwann muss ich jemandem dieses Geheimnis entlocken. Die Raststätte gleicht einem Basar für Süßigkeiten und Handarbeiten, und mir wird eine leuchtend gelbe Spezialität aus Qom angeboten: Souhan, ein Gebäck mit viel Safran und Pistazien. Sonst deutet nichts auf die Nähe zur heiligen Stadt hin. Zwar erwarte ich neben den zahlreichen landestypischen Souvenirs nicht unbedingt kitschige Koranversionen aus Keramik oder Porzellanstatuen berühmter Mullahs, doch immerhin ist die Gelehrten- und Pilgerstadt, weit mehr als Teheran, das politische Herz der Islamischen Republik. Selbst das...




