E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Preischl Rosie Byler's Bäckerei
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-4642-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Vermächtnis
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7448-4642-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lydia Preischl lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Dorf im Oberpfälzer Wald. Sie hat zwei erwachsene Töchter. Inzwischen sind zahlreiche Romane von ihr erschienen. Mehr Informationen gibt es auf www.allerlei-leserei.de.
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„Das. Ist. Echt. Lecker!“ Rosie Byler saß am blankgescheuerten Tisch in der Wohnküche ihrer Großmutter und deutete mit dem rechten Zeigefinger auf den Lebkuchen, den sie in ihrer linken Hand hielt. Sie betonte jedes Wort einzeln, so begeistert war sie von Großmutters neuem Backwerk.
„Woher hast du dieses Rezept?“ Sie erhob sich, schnappte sich einen zweiten Lebkuchen vom Teller, und ging zum Ofen hinüber, wo Rosetta Byler gerade ein neues Blech mit lecker duftendem Gebäck herauszog.
„Du erinnerst dich doch an die deutsche Dame, die kürzlich in meiner Bäckerei war?“
Rosie nickte. Sie kannte die Marotte ihrer Großmutter, ihre Kunden nach deren Lieblingsrezepten zu fragen. Dafür hatte sie eigens eine kleine Ecke im Laden eingerichtet, in der Papier und Stifte auf einem kleinen Tischchen lagen und immer auch ein paar Probierstücke eines Gebäcks. Wer sich die Mühe machte und tatsächlich etwas aufschrieb, dem gab ihre Großmutter einen Kaffee aus.
„Frau Holzmann hat mir ein Buch geschickt. Ein Weihnachtsbackbuch aus ihrer Heimat. Es ist eine Neuauflage von einem ganz alten Backbuch, mit den Zutaten, die man früher benutzt hat. Das Buch ist ein echter Schatz und ich habe ihr schon geschrieben, wie begeistert ich darüber bin“, erklärte Rosetta, während sie mit der bloßen Hand die heißen Lebkuchen vom Blech auf ein Gitter legte.
Ihre Hände wären inzwischen aus Leder, pflegte sie zu sagen, wenn sie während einer solchen Aktion die entsetzten Blicke ihrer Besucher wahrnahm. Rosie kannte das inzwischen und wunderte sich nicht mehr.
Stattdessen hielt sie Rosetta das Gitter hin und stellte es schließlich auf den Tisch nach vorne.
„Was ist es, das den Lebkuchen so lecker macht?“ Rosie holte sich noch ein Exemplar vom Teller, bevor sie wieder zur Großmutter trat, und drehte das Gebäck in alle Richtungen. Schließlich brach sie es in zwei Teile und schnüffelte am saftigen Inneren.
Großmutter Byler beobachtete sie lächelnd. Ihre Wangen glänzten rot von der Hitze am Ofen und die Augen hinter den dicken Brillengläsern blickten schon ein wenig trübe drein. Wenn sie neue Rezepte entdecken wollte, musste sie die Lupe zu Hilfe nehmen.
Alle Byler-Frauen waren klein und neigten zu ausgiebiger Körperfülle. Auch Rosie war nicht gertenschlank, aber die harte Arbeit, die die tägliche Putz- und Hausarbeit oder die Pflege des Gartens mit sich brachte, hielt ihr Gewicht in gesunden Grenzen. Tatsächlich hatten einige der jungen Männer, die in der nahegelegenen Kutschenfabrik arbeiteten, ein Auge auf Rosettas hübsche Enkelin geworfen, die das natürlich zufrieden zur Kenntnis nahm. Wenn sich auch ein bestimmter Jemand leider ziemlich zurückhielt.
Rosie war jetzt sechzehn Jahre alt. Sie würde sich bald taufen lassen und dann unwiderruflich zur amischen Gemeinschaft gehören. Für Rosie selber gab es keinen anderen Weg. Sie hatte sich nie für die Welt interessiert, die schrillen Kleider, die Hektik, den Lärm, den die Touristenbusse mitbrachten, wenn sie ihr Dorf besichtigten. Trotzdem nahm sie für sich in Anspruch, während ihrer Jahre in die Welt hinaus zu schnuppern, um zu sehen, was sie sicherlich nicht vermissen würde.
„Du warst gestern in Philadelphia?“, fragte ihre Großmutter gerade, während sie zwei Teebecher mit dampfendem Pfefferminztee auf den Tisch stellte und sich auf den Stuhl Rosie gegenübersetzte.
Rosie nickte eifrig.
„Das war wirklich interessant. All die Menschen und Autos. Schon allein die Fahrt dorthin. Irgendwie überwältigend.“
Rosie hielt ihre Hände an den Becher, um festzustellen, ob der Tee schon soweit abgekühlt war, damit sie ihn trinken konnte. Sie zog die Hände schnell wieder weg.
Rosetta schmunzelte. „Du wirst noch viele Kuchen backen müssen, damit deine Hände nicht mehr so empfindlich auf Hitze reagieren.“
Rosie plusterte die Backen auf. „Das ist wohl wahr. Mama sagt auch immer, ich bin extrem empfindlich, wenn es um meine Hände geht.“
„Und Philadelphia?“ Großmutter nippte an ihrem Tee, hütete sich aber zuzugeben, dass er auch ihr zu heiß war.
„Wir waren in zwei Shopping-Centern und dann im Kino. Also ehrlich, Grandma, das ist nicht mein Ding. Man sitzt da stundenlang und schaut auf die Leinwand. Und dort machen irgendwelche Leute irgendwelche Sachen. Was soll das?“ Rosie schüttelte den Kopf in Erinnerung an dieses Erlebnis. „Weißt du, Grandma. Die Stadt hat mir schon gefallen. Und irgendwie auch das Kino. Aber für immer so was, nein, wirklich nicht. Da brauche ich schon was Reelles. Und wenn es nur eine heiße Teetasse ist.“ Sie schmunzelte.
„Richtig so, Kind. Aber schau dich ruhig um. Wenn du getauft bist, ist das nicht mehr so einfach.“
Rosie schaute ihre Großmutter, die gerade angelegentlich in die heiße Flüssigkeit starrte, verwundert an. Was meinte sie damit, dass es nicht mehr so einfach wäre? Im Moment konnte Rosie sich nicht vorstellen, dass sie Sehnsucht nach der Welt da draußen bekommen würde. Aber interessant war es schon, zu sehen, was für die Weltlichen grundsätzlich wichtig zu sein schien.
Die beiden Frauen schwiegen einen Moment. Rosie dachte an ihr Zuhause. – ihr Dorf, das ein wenig anders war, als die anderen Ansiedlungen hier in Pennsylvania County. Nicht nur der seltsame Name lockte Touristen an, es war die Tatsache, dass House-at-the-Water eine der wenigen amischen Dörfer war, das nur amische Einwohner hatte. Keine Mennoniten und schon gar keine englischen Nachbarn gab es hier. Das lag im Wesentlichen daran, dass der Siedlungsplatz im Dorf begrenzt war. Lediglich zwei Farmer gab es hier, ansonsten hatten sich die Leute Berufe gesucht, die weniger Grundbesitz benötigten. Der knappe Platz war von dichtem Wald umgeben, der von einer gut ausgebauten Landstraße durchschnitten wurde. Zu House-at-the-Water führte eine Abzweigung, die sich etwa eine Meile durch den Wald aufwärts schlängelte und schließlich an ihrer Lichtung endete. Dort eben, wo sich das Dorf seit Jahrzehnten ohne nennenswerte Veränderung ausbreitete.
Direkt am Dorfanfang, dort, wo die Zufahrtsstraße sich gabelte und einerseits in die Richtung des Anwesens ihrer Eltern und andererseits an der Kutschenfabrik entlang, an den Pferdekoppeln von Ed Stolzfus und der Farm von Dave Hershey vorbei bis zum kleinen See führte, der dem Ort seinen Namen gab, stand das aus einem Raum bestehende Schulhaus des Dorfes.
Am Ortseingang gab es einen Autoparkplatz, auf dem es genug Platz für zwei Busse und noch ein paar PKWs gab. Es war ein Zugeständnis der Ältesten an die moderne Zeit, da die Besucher sonst mit ihren Fahrzeugen überall im Weg standen und selbst die schmalen Kutschen der Einheimischen zuweilen keinen Durchlass fanden. Auf diese Weise hielt man den Ort weitgehend autofrei. Nebeneffekt war, dass das Dorf noch urwüchsiger wirkte, als ohnehin schon.
Links und rechts der Ortsdurchgangsstraße, die bei ihnen vorbeiführte, gab es einige kleine Geschäfte, die sich mit Hilfe der Touristen gut behaupten konnten. Aber auch Mennoniten und Weltliche, die weiter unten an der Hauptstraße wohnten, kamen zuweilen, um einzukaufen.
Ihre Großmutter sprach in ihre Gedanken.
„Und wie war das Autofahren?“
Wieder hatte Rosie das Gefühl, dass ihre Großmutter auch gerne Philadelphia sehen würde. Oder hatte sie gar Sehnsucht nach der Welt und bereute es, dass sie den Weg ihrer Geburt weitergegangen war?
„Es war interessant.“ Damit benutzte Rosie dieses Wort zum wiederholten Male. Irgendwie konnte sie ihre Empfindungen gar nicht recht beschreiben. Es war fremd, anders. Aber nichts, was sie jetzt tiefer berührt hätte.
„Als ich in deinem Alter war, hatten wir auch unsere -Jahre. Aber wir hatten weder das Geld, noch die Möglichkeit, weiter als bis Coatesville zu kommen. Und das war damals auch noch ein Nest. Irgendwie würde ich gerne mal woandershin reisen und mir ein wenig von der Welt anschauen.“
Als sie sah, wie Rosie vor Überraschung über die offenen Worte ihrer Großmutter die Augen aufriss, hob sie die Hand, um ihre Enkelin einzubremsen.
„Keine Aufregung, Rosie. Aber wenn man stundenlang in der Küche steht, dann macht man sich schon manchmal solche Gedanken. Und ja, ohne mein Leben in Frage zu stellen: Ich bedauere es schon, dass wir damals nicht die Möglichkeiten hatten, die ihr heute habt.“
Rosie fiel etwas ein. „Was würdest du machen, wenn du in Philadelphia wärst?“
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „In eine Buchhandlung gehen und Koch- und Backbücher kaufen. Das ist meine Passion. Ich glaube, es ist auch der Platz, den mir der Herr zugeteilt hat. Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der ein Leben lang das immer Gleiche mit solcher Begeisterung macht, als ich die Arbeit in der Küche und in der Bäckerei.“ Sie lächelte versonnen.
Rosie nickte. Das entsprach der...




