Presber | Die Hexe von Endor | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 297 Seiten

Presber Die Hexe von Endor


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3332-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 297 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3332-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein gesellschaftskritischer Roman aus dem 19. Jahrhundert. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.

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"Wer hat dir von ihm –?" Sie funkelte ihn mißtrauisch an.

"Vorhin am Telephon –"

"So, selbst?"

"Wieso – er selbst? Nein, jemand, der nach ihm fragte."

"Ich kenne ihn nicht!" schnitt Melusine unwirsch ab. "Und wenn ich ihn schon kennen würde, was geht's dich an?! Hugochen, sitz' grad, sonst gibt's Katzenköpfe!"

Siegmund schwieg und löffelte die Wassersuppe.

Hugochen gab sich, ängstlich nach der ungnädigen Mutter schauend, einen Ruck und saß nun steif und kerzengerade wie ein kleiner Laternenpfahl. Ganz heimlich aber tastete das Bübchen rasch mit der freien Hand nach der mageren, stark behaarten Hand des Mannes, der nicht sein Vater und ihm doch viel lieber war und viel näher stand als seine Mutter.

*

Ilia war von ihrer Reise zurückgekommen. Im ganzen war sie knapp zwei Tage weggewesen.

Sie hatte den Herzog, blaß im Lehnstuhl sitzend, in dem reich mit Geweihen und ausgestopften Raubvögeln geschmückten Jagdzimmer seines Schlößchens vorgefunden, den düsteren Blick gerichtet auf den gewaltigen Kopfschmuck eines Achtzehnenders, den im Vorjahre sein Förster und nicht er geschossen.

Die Hoheit hatte gerade am Morgen dieses Tages den durch anderthalb Jahrzehnte gewohnten Arzt hinausgeworfen, weil er ironische Zweifel geäußert hatte an der Kunst der Berliner "Seherin", deren mit Unruhe erwartete nahe Ankunft ihm durch Indiskretionen eines Lakaien bekannt geworden. Nach dieser anstrengenden Lebensäußerung war der hohe Herr in dumpfes Brüten verfallen.

Ilia hatte auf der Hinfahrt mit einem gewissen Glück, das ihre Unternehmungen meist begünstigte, scheinbar interessevoll einen Roman lesend, das Wesentlichste eines von zwei Herren geführten Gesprächs belauscht. Die Unterhaltung drehte sich, wie sie bald erkannte, um den Herzog, der als solcher nicht genannt wurde, und um seine unstandesgemäße Liebe. Aus Rede und Gegenrede ging hervor, daß irgendein naher Verwandter, Vater, Onkel oder Vormund der Erzieherin der Prinzessin in dem Städtchen gewesen war und die schöne Beatrice, ohne den kranken Herzog zu sprechen, einfach, und zwar in einem Verkehrsflugzeug, mit heimgenommen hatte. Den einen der beiden Fahrtgenossen, die von einer Weinprobe kamen und entsprechend laut und unbekümmert redeten, stellte Ilia unschwer als den Besitzer des Gasthofes fest, in dem der Verwandte, Vater, Onkel oder Vormund während seines Aufenthaltes wohl gewohnt hatte.

Als Ilia nicht ohne Stolz dem Wagen entstieg, den ihr der fürsorgliche Herzog an die Bahn geschickt hatte, wurde sie sofort – das war wohl eine listige Vorsichtsmaßregel des hohen Herrn, damit sie keinesfalls irgendwie "informiert" wurde – noch im Reisekleid zu dem Patienten gebeten.

So hatte sie Gelegenheit, gleich unmittelbar nach der ersten Begrüßung eine neue, ganz erstaunliche Probe ihrer geheimnisvollen Kunst zu geben. Sie äußerte, während der Herzog vorgebeugt in seinem Krankenstuhl mit großen Augen an ihren Lippen hing, sie vermöge gerade heute – bei den üblen Witterungsverhältnissen und nach den Anstrengungen der Fahrt, die sie ganz allein im Kupee zurückgelegt habe – leider nur etwa eine knappe Meile weit mit geschlossenen Augen zu sehen. Aber in diesem Umkreis, das müsse sie leider bekennen, vermöge sie nicht unter den vielen Frauen, die ihre Augen in respektvoller Neugier oder in heimlicher Zärtlichkeit nach dem Jagdschloß Seiner Hoheit gerichtet hätten – hier erhellte ein geschmeicheltes Lächeln flüchtig das Antlitz des leidenden Fürsten – das Gesicht der ihr persönlich unbekannten Frau zu erspähen, nach der das Herz des Herzogs, wie sie wohl fühle, in heißer Neigung sich sehne. Wohl aber höre sie jetzt Schritte leichter und jugendlicher Füße von elastischem Sohlenschlag, die über eine mit schweren Persern belegte Treppe zu eilen schienen. Sie habe den Eindruck, daß eine froh oder reuig Heimkehrende – nein doch, so könne sie nicht sagen, denn die Dame sei hier nicht eigentlich zu Hause – also daß eine Zurückkehrende in naher Zukunft den Herzog suchen werde.

Dann hatte sie mit leisem, sicherm Griff die Hand des Herzogs, die locker auf seinem spitzen Knie lag, aufgenommen. Diese Extremität war wohltemperiert, wie die Hand eines gesunden Menschen das sein soll. Nur wies sie, wie Ilias tastender Finger das unschwer spürte, einen etwas beschleunigten Puls auf. Ilia konstatierte mit leichtem Erstaunen eine kleine überraschende Veränderung der Linien in diesem höchst verwirrten Handinnern, das sie von früheren Besuchen und Lesekünsten genau kannte. Die Deutung für diese Erscheinung wäre nach den Regeln der indischen Geheimlehre, wie sie sagte, durchaus nicht schwer. Der Herzog habe – dem tief in ihm lebenden Willen zum Glück fast mit Widerstreben folgend – beinahe schon einen Entschluß gefaßt, der ihm mit der Gesundheit des zu langem Leben berechtigten Körpers die heitere Ruhe der Seele wiedergeben würde, wenn er ihn ausführte. Dieser Entschluß nun sei ihm in den letzten beiden Tagen mit derselben Geschwindigkeit näher gerückt, mit der irgendein Verkehrsmittel, das sie nicht genau zu sehen vermöge, Wagen oder D-Zug oder Flugzeug – das letzte schiene ihr fast bei der Heftigkeit des Pulses das Wahrscheinlichste – die geliebte Frau von ihm entfernt habe. Diese sei übrigens bei ihrer fluchtartigen Abreise, wie sie jetzt sehe, nicht allein gewesen. Soweit sich das in der bereits etwas in die Nebel zurückfliehende Vergangenheit noch feststellen ließ – befand sie sich in Begleitung eines anscheinend älteren, mit einer gewissen Energie auftretenden Herrn. Eines Kavaliers, mit dem die sich entfernende Frau keinerlei erotische Beziehungen, wohl aber eine gewisse Zugehörigkeit des Blutes oder doch der Gewohnheit verbinde. Diesen Mann habe der Herzog – sie vermöge nicht zu sagen: brüskiert, immerhin, vielleicht ohne ihn selbst überhaupt zu sehen oder zu sprechen, nicht mit der sonst seiner Herablassung eignenden herzgewinnenden Freundlichkeit behandelt. Aber der Entschluß, mit dem der hohe Herr jetzt kämpfe oder besser, der jetzt schon alle Bedenken in seinem zunächst widerstrebenden Herzen besiegt habe, werde sich in einer Nachricht an die Adresse der auch bereits von der jungen Prinzessin schwer vermißten Dame auswirken. Eine Nachricht, durch die jene bekannte, dem Herzog eignende mutige Klugheit sofort die ganze Krise zu lösen wisse.

Als Ilia ihre immer noch sehr hübschen Augen, sich scheinbar schwer in der Trophäenumgebung orientierend, wieder aufschlug, hatte der Herzog bereits dem diensttuenden Kammerherrn, der mit einer der ganzen Familie dieses Uradligen eignenden tiefhängenden Unterlippe verblüfft und respektvoll dabeistand, ein Zeichen gegeben. Mit einer Verbeugung kam der Aufgeforderte diensteifrig näher.

Das erste, was Ilia jetzt, aus der außerirdischen Sphäre der Prophetie in die reale Welt der Liebe und der Jagderlebnisse zurückkehrend, wieder vernahm, war ein energisch hervorgestoßenes Wort des Herzogs.

"Mein lieber Herr von Klütz, telegraphieren Sie, bitte, sofort – ich betone: so-fort – an den Vater – ehem – Sie sind ja wohl im Bilde – ich lasse bitten, mit Fräulein Tochter umgehend zurückzukommen! Deuten Sie – diskret, aber verständlich – an, ich sei entschlossen, Fräulein Beatrice – unter Verleihung des meiner morganatischen Gattin zustehenden Titels einer Gräfin Robertsburg zu heiraten. Unsere liebe Frau Endler speist heute abend mit uns. Ich lasse meine Tochter, die Prinzessin Erna, bitten, ebenfalls zur Abendtafel zu erscheinen. Kleiner Abendanzug. Einhalb acht Uhr, wenn ich bitten darf. Danke, mein lieber Herr von Klütz."

Diese rasche und bis jetzt so glückliche Abwicklung der Angelegenheit hatte Ilia einen hübschen Abend und ein sehr anständiges Honorar eingebracht. Bei der Tafel hatte der befriedigte Herzog, sein Kelchglas erhebend, mit Dank auf die Gesundheit der hellsehenden Frau von Endler getrunken und hatte dann in Aussicht gestellt, daß in allernächster Zeit eine Kusine mütterlicherseits von ihm, eine wenig glücklich verheiratete Reichsgräfin – auf seine Veranlassung – Ilia persönlich in Berlin aufsuchen und in delikater, persönlicher Ungelegenheit befragen werde. Ilia hatte dann, nach Aufhebung der Tafel, als sie mit der hübschen, frischen, aber just nicht durch besonders sprühende Geistesgaben ausgezeichneten Prinzessintochter durch die merkwürdige, bilderreiche Gemäldegalerie ging, durch geschickte Fragen über Art, Geistesrichtung, Vergangenheit und Zukunftspläne der angesagten Reichsgräfin so viel herausgefragt, daß sie mit großer Ruhe dem Besuch dieser nach der lieblosen Schilderung der Prinzessin Erna nicht übermäßig sympathischen Dame, die sich eine poetische Ader und ein Leberleiden einbildete, entgegensah.

... Dies alles hatte Ilia gleich nach der Heimkehr, beim Tee, von hübschen Lichtbildern des Jagdschlößchens und seines herzoglichen Herrn in Jagduniform und im Tennisanzug unterstützt, ihrer schönen Base erzählt. Hatte ihr auch eine aparte Brosche mit einem geschliffenen Aquamarin – gewissermaßen als Dank und als eine Art Tapferkeitsorden für die Vertretung hier am Kartentische – mitgebracht.

Nun erwartete sie, mit der brennenden Zigarette im Mundwinkel, sich behaglich in den kissenreichen Sessel zurücklehnend, Klaras Bericht über ihre beruflichen Erlebnisse und...



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