Presber | Die Hexe von Endor | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 253 Seiten

Presber Die Hexe von Endor


1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8338-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 253 Seiten

ISBN: 978-80-268-8338-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Die Hexe von Endor' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Siegmund Kern stand mit nacktem, wasserbeperltem Oberkörper vor dem kleinen Waschtisch. Gewohnt, die meiste Zeit seines Lebens hinter dem Pult zu sitzen, hatte er auf gute Körperhaltung nie sonderlich acht gegeben. Seine knochigen Schultern näherten sich einander in einem Bogen, während unter der reichlich behaarten Brust der schwabbelnde Ansatz eines Bäuchleins sich in den allzu straff sitzenden Bund des Unterbeinkleides verlor. Wie er eigentlich zu dieser seltsamen, weder schönen noch bequemen Fettablagerung gekommen, wußte er selbst nicht. Von der Reichlichkeit fetter Mahlzeiten, die ihm Melusine vorsetzte, kaum.' Rudolf Presber (1868-1935) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor.

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II


Ilia sah von dem Marmortischchen, auf dem sie mit den geschickten Fingern die Kartenspiele aufbaute, über den kleinen goldenen Buddha hinüber nach Klara.

Noch die Nässe des häßlichen Novemberregens im reichen schwarzen Haar, die schlanken Hände von der Kälte ein wenig gerötet, erhitzt vom raschen Gang, stand das schöne Mädchen vor dem ein wenig blinden Spiegel, den die pausbäckigen vergoldeten Putten in neckischem Spiel mehr zu streicheln als zu halten schienen, und steckte die kleine Brosche mit dem Türkisen am Ausschnitt fest.

»Du hast ein Abenteuer gehabt«, sagte Ilia. Sie konstatierte, sie fragte nicht. »Ein Abenteuer, mehr belustigend als unangenehm.«

»Geht eine nicht gerade verwachsene und blatternarbige Frau vor ihrem siebzigsten Geburtstag jemals durch dies gräßliche Berlin, ohne ein Abenteuer zu erleben? Oder doch ohne die Gelegenheit eines Abenteuers zu haben?« klang es vom Spiegel zurück.

»Das mag selten vorkommen. Es sei denn – eine Würde, eine Höhe entfernte die Vertraulichkeit. Aber das war nur bei dem Schillerschen Mädchen so, von dem er selber zugeben muß: ›Sie war nicht in dem Tal geboren – man wußte nicht, woher sie kam.‹«

Klara lächelte. Diese Ilia, die nicht oft lachte, hatte Humor. Freilich bei ihrer Lebenserfahrung und ihrem ungewöhnlichen Beruf durfte sie von dieser Gottesgabe nur selten etwas merken lassen. Denn ihre das Nichtalltägliche erwartende und honorisierende Kundschaft verlangte den feierlichen Ernst. Verlangte, wo er nicht echt war, die verhüllende Maske. Diesem Verlangen trug die Halbmaske Rechnung, die dort, aus mattem Silberblech hübsch geformt, mit einem geschliffenen Topas mitten auf der Stirn, wie das Auge des Buddha, bei den alten in Schweinsleder gebundenen Folianten und den Spielkarten auf der dunkelroten Plüschdecke lag.

»Mein Abenteuer hätte auch das Mädchen in der Fremde haben können. Ich kam von der Post in der Marburger Straße und wollte in die Augsburger einbiegen –«

Sie stockte und fühlte, wie sie rot wurde. Warum hatte sie ihren Weg genannt? Ilias dunkles Auge ruhte auf ihr, fremd, forschend und doch mit einer peinlichen Sicherheit. So, wie sie ihre Klienten ansah, ehe sie die Karten mischte oder Unverständliches murmelnd den mystischen Kristall mit dem Lederchen rieb. Dies seltsame unbewegliche Auge fragte, was hat das Mädel auf der Post in der Marburger Straße zu tun gehabt?

Rasch, ein wenig überstürzt, fuhr Klara fort und fühlte selbst das Unechte der Munterkeit, die sie ihrer Erzählung zu geben versuchte: »Ich hätte ein wunderschönes Spitzentaschentuch plus machen können bei diesem – na ›Abenteuer‹ ist eigentlich ein zu kühner Ausdruck – sagen wir also: bei dieser Begegnung.«

»Mit einem Herrn –?«

»Ja, natürlich. Damen sprechen einen selten an – sie hätten denn einem etwas Unangenehmes zu sagen. Etwa, daß der Unterrock vorguckt, daß man ein Loch im Strumpf hat oder was ähnlich Schönes. Ein hocheleganter Herr im Gehpelz – Kavalier durchaus – ist plötzlich neben mir und sagt grüßend – sagt höflich mit einer sehr angenehmen Stimme, ein bißchen singend: ›Verzeihung, meine Gnädige, Sie haben gerade dies Tüchlein verloren, darf ich's Ihnen zurückgeben?‹ . . . Ich sehe hin – denke schon, es ist eines, das ich von der Mutter geerbt habe . . .«

»Wie hübsch und schlicht du das ›geerbt‹ aussprichst – und dabei hat dir doch die andere, die üble Person, nichts gelassen als die paar armseligen Leinensachen. Und dein armer, geduckter Papa muß –«

»Laß das, bitte, Ilia«, Klaras Stimme bebte ein wenig. Die Röte wich aus ihrem Gesicht. »Vor allem laß den Vater aus dem Spiel. Wenn dich mein Geschichtchen nicht interessiert, hättest du nicht fragen sollen.«

»Doch, doch, es interessiert mich. Der singende Kavalier hielt dir also ein Tüchlein hin –«

»Ja, mit wunderschönem breiten Spitzenrand – ein Tuch, das sauber, hübsch und kostbar war, bloß leider nicht mir gehörte. Ich sage ihm das; er scheint betroffen, ungläubig. ›Ich ging zufällig hinter Ihnen‹, er sprach die Worte langsam abwägend, als ob er sich den Vorgang gewissenhaft ins Gedächtnis zurückriefe. ›Ich glaubte doch gesehen zu haben, wie etwas fiel – wie ein kleiner weißer Vogel – dann lag jedenfalls das Tüchlein in Ihrer Fußspur. Ich hob es auf und . . . Sie müssen schon entschuldigen, meine Gnädige, ich konnte nur annehmen‹ . . . Und ein wenig komisch verzweifelt balanciert er es auf den Fingerspitzen. ›Was mach' ich jetzt damit?‹ – Das weiß ich nicht, sagte ich. Jedenfalls ich darf's nicht annehmen. Geben Sie's einfach auf dem Fundbüro ab. – ›Oh‹, wehrte er lachend ab, ›Sie sagen einfach – bei Behörden, bei unseren deutschen Behörden ist nichts einfach. Da hat man bei den simpelsten Dingen schreckliche Schwierigkeiten mit Fragen und Recherchen und eidlichen Versicherungen und beglaubigten Unterschriften. Etwas finden – das ist schlimmer, als wenn man's gestohlen hat in Deutschland‹ – Wir lächeln uns unwillkürlich an. Da steckt er das Tüchlein resigniert in die Seitentasche seines Gehpelzes, greift militärisch an die Pelzmütze: ›Gestatten‹ – und stellt sich, korrekt, ein bißchen wie ein Militär alter Schule, mir vor.«

»Bravo! Wie hieß er?«

»Ich habe leider nur den Vornamen verstanden. Viktor – und dann allerdings noch das ›von‹ –«

»Ein Adeliger.« Ilia nickte befriedigt.

»Vielleicht früherer Offizier.«

»Kein Eisernes Kreuz-Bändchen?«

»Im Gehpelz –?«

»Hast du ihm auch deinen Namen gesagt?«

»Nein. Ich habe gesagt, ich bin nur auf der Durchreise in Berlin. Ich bin, glaub' ich, rot geworden bei der Lüge und da –« Klara zögerte, als ob sie ärgerlich über sich selbst sei, daß sie die Erzählung überhaupt begonnen habe.

»Und da –?« fragte Ilia liebenswürdig.

»Da – sagte er etwas Seltsames. Er sei abergläubisch, lächelte er. Er sei gewissermaßen auch bloß auf der Durchreise, sei des Trubels von Berlin bereits recht müde. Und gerade als er das Tüchlein fallen oder liegen sah, habe er bei sich überlegt: fort von hier – aber wohin? Und er habe beschlossen, sich – wie er das gern und oft mit Glück mache – vom Zufall die Richtung seiner nächsten Fahrt in die Welt geben zu lassen.«

»Hm. Der Mann muß Geld und Zeit haben.«

»So sieht er allerdings aus.«

»Ein Globetrotter?«

»Vielleicht – mir kam vor, ein leiser Anklang ans Wienerische.«

»Und dann – dann hat er dir wohl vorgeschlagen, ihm zu erzählen, wo du als Durchreisende nach absolviertem Berlin dich hinzubegeben gedenkst?«

»Also, Ilia« – Klara sah sich betroffen um, »manchmal könnt' man glauben, du bist wirklich hellseherisch.«

»Du weißt, Kind, daß es Stunden gibt –« ein seltsamer Ernst lag über den Zügen der in ihrem Alter unbestimmbaren Frau, als sie dieses ruhig und langsam hinsprach – »daß es Stunden gibt, in denen ich selbst sogar fest davon überzeugt bin. Wie übrigens – beiläufig bemerkt – bei allen Medien, selbst bei denen, die später mehr oder minder überzeugend entlarvt werden, eine sie über das Dutzend ihrer nüchternen Gegner erhebende mediumistische Begabung vorhanden ist. Eine Gabe, der sie, nur von eigener Geldgier getrieben oder vom sogenannten ›Impresario‹ ausgenützt und vom blinden Vertrauen der Gläubigen gefördert, Gewalt antun. Gewalt bis zur Täuschung – bis zur Kollision mit dem Betrugsparagraphen und dem Triumph der Wissenschaftler. In deinem Fall aber, liebes Kind, gehört keine Sehergabe, nur ein bißchen gesunder Menschenverstand dazu, über den ich – nach meiner viel besser begründeten Überzeugung – zu allen Stunden verfüge. Du bist hübsch, der Kavalier im Pelz – übrigens für einen Gehpelz eigentlich noch ein bißchen früh – aber die alte Geschichte: für die Besitzer schöner Pelze fängt der Winter halt früh an. Wie für die Mädchen mit hübschen Armen der Sommer zeitig einsetzt . . . Ich wollte sagen: er hat dich vermutlich auf der Post schon beobachtet.«

»Das glaube ich eigentlich nicht – ich hätte ihn doch gesehen.«

»Ach – wenn sie gerade wichtig beschäftigt ist, passiert's sogar einer hübschen Frau mal, daß sie eine schmeichelhafte Huldigung übersieht.«

Klara spürte den Angelhaken einer Frage in dieser scheinbar beiläufig hingeworfenen Weisheit. Sie wollte los von dem Thema und sagte: »Es ist windig geworden. Vielleicht klärt sich's doch noch auf.«

Ilia ließ sich nicht beirren. »Er hat den richtigen Instinkt des Weltmanns und Frauenfreundes gehabt, daß du lose in der Welt hängst. Er hat das Abenteuer, das er mit dem zufällig gefundenen Taschentuch anknüpfte, auf seine Weise weiterzuspinnen gedacht. Wirst du ihn wiedersehen?«

»Aber nein, was denkst du!«

»Was ich denke, will ich dir sagen, Klara.« Sie zündete sich eine Zigarette an und hielt ihr anbietend das silberne Zigarettendöschen hin.

Klara dankte.

»Ach so, du rauchst ungern. Selten bei Frauen mit hübschen Händen. – Also was ich denke? Ich denke eigentlich nichts, sondern ich weiß –«

»Als Hellseherin?«

»Nein, als vernünftige Frau, die das Leben kennt und die Welt und die Menschen und die jungen Mädchen und – na ja, unser Blut. Denn vergiß nicht, unsere Mütter, so verschieden sie im Alter waren, sind Schwestern, unsere...



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