Pressler | Shylocks Tochter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Pressler Shylocks Tochter

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-407-74308-4
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-407-74308-4
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die berühmte Geschichte des Juden Shylock aus dem 'Kaufmann von Venedig' von Shakespeare: Mirjam Pressler zeigt auf brillante Weise, wie lebendig und modern ein Klassiker sein kann. Ein Zeitgemälde jüdischen Lebens im Venedig um 1600. Venedig 1568: Jessica, die Tochter des jüdischen Geldverleihers Shylock, fühlt sich in der von religiösen Vorschriften dominierten Welt eingeengt und träumt von einem Leben außerhalb des engen jüdischen Ghettos. Sie träumt - anders als ihre Ziehschwester Dalila - von kostbaren Kleidern und rauschenden Festen der vornehmen Gesellschaft. Als sie sich in den christlichen Adligen Lorenzo verliebt, weiß sie, dass ihr Vater niemals in die Heirat einwilligen würde - sie plündert seine Schatzkammer und flieht. Mirjam Pressler schildert das Leben der Juden im Ghetto, den sonderbaren Rechtsstreit um ein Pfund Fleisch und das Miteinander von Christen und Juden.

Mirjam Pressler (1940 - 2019) lebte bis zu ihrem Tod in Landshut. Sie gehört zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren und hat mehr als 30 eigene Kinder- und Jugendbücher verfasst, darunter »Bitterschokolade« (Oldenburger Jugendbuchpreis), »Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen« (Deutschen Jugendliteraturpreis), »Malka Mai« (Deutscher Bücherpreis) »Nathan und seine Kinder«,»Ich bin's Kitty. Aus dem Leben einer Katze« und zuletzt »Dunkles Gold« sowie die Lebensgeschichte der Anne Frank »Ich sehne mich so«. Außerdem übersetze sie viele Bücher aus dem Niederländischen, Englischen und Hebräischen. Für ihre »Verdienste an der deutschen Sprache« wurde sie 2001 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet, für ihr Gesamtwerk als Übersetzerin mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und für ihr Gesamtwerk als Autorin und Übersetzerin 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis, der Corine und der Buber-Rosenzweig-Medaille sowie mit dem Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung.
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Erstes Kapitel


Jessica raffte mit beiden Händen ihre Cioppa* und machte einen Schritt zur Seite, um der toten Katze auszuweichen, die vor ihr auf der Straße lag. Einen Moment lang blieb sie stehen. Die Katze hatte ein getigertes Fell. Sie lag auf der Seite, die vier Pfoten steif von sich gestreckt, mit einem unförmig aufgequollenen Bauch. Jessica überlegte, ob die Katze vielleicht Junge getragen hatte, die jetzt mit ihr gestorben waren. Schwarze Fliegen umschwärmten das tote Tier, und eine besonders fette krabbelte über eines der beiden Augen, die aussahen wie sehr grüne Glaskugeln.
»Tubal Benvenisti behauptet immer, Venedig sei die schönste Stadt der Welt«, sagte Jessica und machte ein paar rasche Schritte, um Jehuda einzuholen, der mit gesenktem Kopf weitergegangen war.
»Dann wird es wohl auch so sein«, sagte er gleichgültig. »Wann soll ich dich abholen?«
»Vor Sonnenuntergang, wie immer«, sagte Jessica. »Damit wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Ghetto* sind.« Und in Gedanken fügte sie hinzu: Und bevor mein Vater sein Kontor verlässt und nach Hause kommt.
Der Junge nickte und ging schweigend weiter. Er stieg die Stufen einer hohen Brücke hinauf, lehnte sich an das Geländer und wartete auf Jessica, die sich neben ihn stellte und den Kanal entlangblickte. Ein überdachter Kahn fuhr unter der Brücke hindurch und kam auf der anderen Seite wieder hervor. Aus seinem Inneren drang fröhliches Gelächter und Singen, das so gar nicht zu dem grauen Himmel zu passen schien. Ein paar Möwen schossen durch die Luft, eine schwarze Gondel überholte den Kahn.
»Die Leute feiern irgendetwas«, sagte Jessica. »Vielleicht eine Hochzeit?« Aber Jehuda lief weiter, ohne ihr eine Antwort zu geben. Er ist wirklich seltsam, dachte Jessica. Er hat nie viel gesprochen, aber in der letzten Zeit scheint er nur noch irgendwelchen Gedanken nachzuhängen. Nun, mir soll’s recht sein, da brauche ich wenigstens keine Angst vor seiner Neugier zu haben.
Jehuda bog nach einer weiteren Brücke nach rechts ab, sie folgte ihm. Ein paar ärmlich gekleidete Jungen kamen ihnen entgegen. Der größte trug ein Netz mit etwa einem halben Dutzend gefangener Vögel, die vergeblich versuchten, ihre schwarzen Flügel mit den langen Schwungfedern zu bewegen und freizukommen. Ihre Füße hatten sich hoffnungslos in den Maschen verhakt, die zusammengedrückten Körper zuckten. Die kleineren Jungen johlten und schrien, und der große schwang das Netz über dem Kopf, so wie fromme Juden am Tag vor Jom Kippur* Hühner über dem Kopf schwingen. Jehuda stellte sich schützend vor Jessica, bis die Jungen vorbeigezogen waren, erst dann ging er weiter. Vor einem Haus saßen drei Frauen auf einer Bank und stickten an einer großen Decke. »Juden«, sagte eine und spuckte aus, als Jessica und Jehuda vorbeigingen.
Vor dem Haus von Levi Meschullam, dem Arzt, blieben sie stehen. »Ich hole dich also vor Sonnenuntergang ab«, sagte Jehuda. »Friede sei mit dir, Jessica.«
»Auch mit dir, Jehuda«, sagte Jessica. Doch der Junge hatte sich schon umgedreht und lief davon. Der hohe rote Hut wirkte von hinten viel zu groß für seine schmalen Schultern. Jessica spürte eine plötzliche Freude in sich aufsteigen. Ohne Jehuda, der durch seinen Hut deutlich als Jude zu erkennen war, fühlte sie sich freier. Sie lächelte. Im Ghetto fiel sie auf mit ihrer hellen, fast eleganten Cioppa, weil die meisten Jüdinnen dunkle Farben und streng geschnittene Kleider trugen, aber nicht hier, im Hause Levi Meschullams.
Jessica ging durch das Tor des Palazzo. Wie immer hatte sie das Gefühl, eine andere Welt zu betreten, eine schöne, prächtige, glückliche Welt, die viel besser zu ihr passte als das Ghetto, eine, in die sie eigentlich hineingehörte, und wie immer weckte dieser Gedanke eine dumpfe Scham in ihr, als dürfe sie ihn gar nicht aufkommen lassen, weil er gegen ihren Vater gerichtet war, gegen Amalia und Dalila, gegen den Platz in dieser Welt, an den der Ewige, gelobt sei er, sie gestellt hatte.
Der Diener am Eingang kannte sie schon, mit einer leichten Verneigung trat er zur Seite, damit sie vorbeigehen konnte. Erst als sie in der Eingangshalle stand, ließ Jessica den Gedanken an Lorenzo zu. Die ganzen letzten Tage hatte sie, aus Furcht, jemand könne auf ihrer Stirn lesen, was sich dahinter abspielte, nur an ihn gedacht, wenn sie allein in ihrer Kammer war. Jetzt wurde ihr Gesicht warm vor Freude, ihre Wangen glühten.
Sie ließ sich auf einen Sessel an der Wand sinken, weil ihre Beine plötzlich weich wurden, und schloss die Augen. Wie schon so oft seit jenem Tag vor vier Wochen sah sie Lorenzo vor sich, wie er beim Gartenfest im Salon der Meschullams auf sie zugetreten war. Sie legte die Hände vor das Gesicht, weil sie seine Blicke zu spüren meinte, die wie eine Berührung über ihre Haut glitten, wie ein Streicheln, und sie fühlte wieder, wie er ihre Hand nahm und sie viel zu lange festhielt.
»Was für eine schöne Freundin Ihr habt«, sagte er zu Hanna Meschullam mit einer Stimme, deren Klang ihr durch das Herz schnitt. »Warum habt Ihr sie mir so lange vorenthalten?« Und noch immer ließ er ihre Hand nicht los.
In ihrem Körper hatte sich eine Wärme ausgebreitet, die sie noch nie empfunden hatte, ein Gefühl, von dem sie sofort wusste, dass es ein verbotenes war. Verboten nicht nur, weil er ein Christ war, ein Adliger, sondern auch weil er ein Mann war. Sie riss ihre Hand aus seiner, drehte sich um und lief hinaus in den Garten. »Was für eine schöne Freundin Ihr habt«, flüsterte sie immer wieder vor sich hin. Noch nie hatte ein Mann so etwas über sie gesagt. Und es hörte sich anders an als früher, wenn Amalia gesagt hatte: »Wie schön du bist, Jessica.« Außerdem hatte Amalia so etwas schon lange nicht mehr gesagt, vielmehr warf sie ihr in letzter Zeit Eitelkeit und Oberflächlichkeit vor. Und nun diese herrlichen Worte: »Was für eine schöne Freundin Ihr habt.«
Jessica war dann hinuntergelaufen zum Kanal, hatte sich auf die Bank gesetzt, die dort unter einem Baum stand, und ins Wasser gestarrt. Und dann hatte er plötzlich neben ihr gesessen. »Ich weiß, wer Ihr seid«, hatte er leise gesagt, ohne sie anzuschauen. »Es tut mir leid, dass ich Euch erschreckt habe.«
Was für eine schöne Stimme er hatte, weich, sanft, und wie wohlklingend und melodisch seine Sprache war, ganz anders, als sie es gewöhnt war, mit lang gedehnten Vokalen und weichen Konsonanten, so schön, dass sie ihren ganzen Körper erbeben ließ und sie anfing zu weinen, ohne zu wissen, warum sie weinte und wem ihre Tränen galten. Und er hatte ihre Hand in seine genommen und sie mit seinen langen, schmalen Fingern gestreichelt. Noch nie hatte sie so schöne Hände gesehen wie seine.
So hatte es angefangen, vor vier Wochen. Seither sah sie sein Gesicht vor sich, wenn sie abends im Bett lag, die schönen Augen, die breite, hohe Stirn über der geraden Nase, den weich geschwungenen Mund, das leicht vorspringende Kinn. Auch wenn sie sich noch so oft sagte, es sei egal, wie ein Mann aussehe, es zähle nur seine Frömmigkeit und Aufrichtigkeit – dieses Bild ließ sich nicht vertreiben. Ihr war, als habe sie, ohne es zu wissen, ihr Leben lang auf dieses Gesicht gewartet, auf diese Hände. Abends im Bett versank sie in seinem Blick und spürte die Berührung seiner langen, schmalen Finger, bis sie einschlief. Und morgens, wenn sie aufwachte, sah sie ihn wieder vor sich.
So hatte es angefangen. Seit jenem Tag war nicht nur ihre Welt verändert, sondern auch sie selbst. Aus dem sorglosen Mädchen war eine Frau geworden, voller Glück, aber auch voller Angst und Sorge. Eine Jüdin und ein Christ, eine Pfandleiherstochter und ein Adliger – das durfte nicht sein. Jedes Mal hatte sie es gedacht, jedes Mal gesagt, und doch war sie immer wieder zu Hanna Meschullam gegangen, um ihn dort zu treffen. Ihn, den Schönen. Ihn, der ihr langweiliges Leben mit Sinn erfüllte, mit Gefühlen, von deren Existenz sie keine Ahnung gehabt hatte. Es durfte nicht sein und es war doch passiert. Sie hatte gebetet, sie hatte gekämpft, sie hatte gefastet und gelobt, ein gutes jüdisches Mädchen zu sein. Und dann war sie doch wieder zu ihm gelaufen, wenn Hanna Meschullam ihr eine Nachricht geschickt hatte.
Jessica ließ die Hände sinken. Es durfte nicht sein, natürlich nicht. Trotzdem würde sie ihn jetzt wiedersehen. Sie erhob sich, noch immer mit zitternden Knien, und strich ihre Cioppa glatt. Als sie den Salon betrat, entdeckte sie ihn sofort. Er stand an einem der Fenster zum Kanal, mit dem Rücken zum Eingang, und blickte hinaus. Hanna, die sich mit zwei jungen Männern unterhielt – von denen der eine offenbar ein Christ war, der andere, wie seine Kopfbedeckung bewies, ein Jude –, sprang auf, als sie ihre Freundin sah, und die beiden Mädchen umarmten und küssten sich. »Wir waren gestern zu einem Konzert im Dogenpalast eingeladen«, sagte Hanna. »Ich muss dir später unbedingt davon erzählen.«
Jessica nickte, doch in Wahrheit dachte sie nur: Gleich, gleich werde ich ihm gegenüberstehen. Und da spürte sie auch schon seine warme Hand auf ihrem Arm, und seine Stimme flüsterte ganz nah an ihrem Ohr: »Sei willkommen, du Schöne.«
Sie wagte nicht, ihn anzuschauen, aus Angst, sie könne ohnmächtig werden. Mit gesenktem Kopf folgte sie Hanna und Lorenzo zu den anderen, setzte sich auf den Stuhl, den Lorenzo ihr zurechtrückte, hörte die heiteren Stimmen, ohne dass sie verstand, was gesagt wurde. Die Worte klangen in ihren Ohren wie das Geplätscher von Wellen an einem Herbsttag, kurz bevor die ersten Stürme aufkommen. Lorenzo saß neben ihr, ohne sie zu berühren, doch die Stelle an ihrem Arm, wo vorhin...



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