E-Book, Deutsch, 306 Seiten
Prevost Gesammelte Werke
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3334-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 306 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3334-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Antoine-François Prévost d'Exiles, auch genannt Abbé Prevost, war ein französischer Schriftsteller. Heute ist er nur noch mit einem einzigen seiner zahlreichen Werke bekannt, dem relativ kurzen Roman Manon Lescaut. Neben diesem Werk findet sich hier die Sammlung 'Geschichte der Donna Maria und andere Abenteuer.'
Weitere Infos & Material
Abenteuer eines englischen Edelmanns
Eine merkwürdige Beschreibung von Sibirien
Ganz allgemein bekannt ist, dass die Verbrecher des Moskowiterreichs gewöhnlich nach Sibirien verbannt werden; doch sei es, dass man nur schwer von dieser Stätte des Unheils zurückkommt, da man es ja verdient hat, nach dort verschickt zu werden, sei es, dass die Freude, von dort zurückzukehren, alle die erlittenen Leiden vergessen macht, wenige Leute nur haben uns von den dortigen Geschehnissen Mitteilung gemacht. Einige Unglückliche, denen der Wechsel ihrer Lebensverhältnisse die Erinnerung ihrer vergangenen Qualen nicht abhanden kommen liess, gaben, es mag einige Zeit her sein, durch den Mund ihres Oberhauptes sehr merkwürdige Aufschlüsse über diese Gegenden. Dieses Oberhaupt war ein englischer Edelmann, Herr eines Handelshauses in St. Petersburg. Er war überführt worden, über einige, für die Russen nachteilige Dinge geheimes Einverständnis mit Schweden unterhalten zu haben, und wurde für den Rest seines Lebens nach Sibirien verbannt. Da seine Angestellten sich an seinem Vergehen beteiligt hatten, wurden sie in seine Bestrafung mit eingeschlossen. Wiewohl er weniger, was er gesehen, als, was er erlitten hat, berichtet, ist seine Erzählung nicht minder anziehend. Solcherart schilderte er: Unsere Reise war nicht mühselig genug, um unseren Leiden gleich hoch gestellt zu werden. Nach einigen Tagemärschen durch eine Eisgegend, wo uns der hohe Schnee die Farbe der Erde nicht zu erkennen erlaubte, kamen wir am Ufer eines grossen Sees an, welchen unsere Wache den Lengehersee nannte, und fanden dort einige Schlitten, die uns als Gefährte dienen mussten. Sie waren mit Vorräten beladen und es war die erste Sorge unserer Wache, uns klar zu machen, dass man uns mit Menschlichkeit behandeln wolle. Und tatsächlich hatten wir, die Strenge der Kälte ausgenommen, gegen die uns selbst die fortwährend unterhaltenen Feuer nicht schirmen konnten, wenig während der drei Wochen zu erdulden, die wir sehr ungezwungen über Schnee und Eis geführt wurden.
Auf einer so langen Reise bot sich unserem Auge nichts, was Wechsel in die Szene bringen und unsere Langeweile vermindern konnte. Der See war nicht breit genug, um uns des Anblicks beider Ufer zu berauben, und wir bemerkten an beiden Seiten nur mit Schnee bedeckte Landstriche, ohne die geringste Spur von Ansiedelung. Nur am dreiundzwanzigsten Tage kündeten uns die Freudenschreie unserer Wache einen Wechsel an, und das Schauspiel, welches wir bald erblickten, ersparte ihnen die Mühe, uns darüber Mitteilung zu machen. Der See ward unmerklich schmäler und wir sahen am Fusse eines Hügels, der uns seit langer Zeit den Horizont zu begrenzen schien, einige Türme von bedeutender Höhe; doch dieser Anblick kündete uns nur Furchtbares an, da auf ihrer Spitze ein Kreuz stand, an welchem man einige Unglückliche hängen sah, die wahrscheinlich solche Strafe um ihrer Verbrechen willen verdient hatten. Unsere Wache setzte uns die Bedeutung dieses Schauspiels auseinander. Da die Stadt, der wir uns näherten, der Aufenthaltsort einer grossen Anzahl Verbrecher war, wollte man ihnen durch solchen Anblick anzeigen, dass sie die gleiche Strafe verdient hätten, und dass das Leben, welches man ihnen gelassen, einem Gnadengeschenk gleichkomme, dessen sie nicht würdig wären. Man erklärte uns, dass diese Verkündigung auch uns gälte, und ersuchte uns, aus solch schrecklichem Beispiel unseren Nutzen zu ziehen. Es währte nicht lange, bis wir das Ufer gewannen, und wir legten die noch übrig bleibende Entfernung von zwei Meilen bis nach der Stadt zu Fuss zurück. Die Zugänge zu diesem trostlosen Ort entsprachen den Vorstellungen, die wir uns auf der Fahrt davon gemacht hatten. Die Natur schien ihn bei der Verteilung ihrer Güter ganz vergessen zu haben. Man schaute dort die Sonne, aber ohne ihre Wärme zu spüren und fast ohne eine andere Spende als ihr Licht zu empfangen. Ihre Strahlen fielen immer so spärlich, dass die Einwohner dort kaum ihr, sondern der Weisse des Schnees den Tag verdankten. Als wir die Stadt betraten, hielten wir die Gebäude weniger für Häuser als für Höhlen wilder Tiere. Die Strassen lagen verlassen da und waren ebenso eisig wie das Land. Lediglich ein spärlicher Rauch wirbelte auf den Dächern auf, als einziges Zeichen, dass wir hier Menschen zu finden hoffen dürften.
Unsere Wache kannte den trostlosen Ort schon und führte uns geradeswegs zum Gouverneur. Er empfing uns sehr menschlich; da er sich aber erst über unsere Verbrechen und Strafen unterrichten wollte, um nach dieser Kenntnisnahme die uns gebührende Behandlung abzuwägen, liess er uns in ein weit von seinem entfernt liegendes Haus führen, wo wir lange Zeit auf seine Befehle zu warten hatten. Wir wurden von ihm verurteilt, in die benachbarten Wälder gebracht zu werden, um dort mit der Jagd auf wilde Tiere, an denen sie Ueberfluss haben, den Rest unseres Lebens zu verbringen.
Ich muss gestehen, dass mich meine Standhaftigkeit, die sich bis dahin als ziemlich fest erwiesen hatte, plötzlich verliess, um einer schrecklichen Verzweiflung zu weichen. Konnte meine Tränen nicht aufhalten. Ein so grausames Los erschien mir fürchterlicher als der Tod. Ich beschloss zu sterben, wenn ich meinen Urteilsspruch nicht zu mildern vermöchte, und beschwor meine Wache mir einen freien Augenblick zu gewähren, um mich vor dem Gouverneur zeigen zu können. Solche Gunst ward mir nicht verweigert. Ich erschien vor dem unumschränkten Herrn meines Schicksals. Er liess sich durch die Schilderung meiner Schwächezustände rühren, und da er einsah, dass man nicht viel Nutzen aus meinen Arbeiten im Walde ziehen könnte, willigte er ein, mich in Ciangut leben zu lassen. Dies ist der Name der Stadt oder vielmehr des elenden Nestes, in welchem er selber seinen Wohnsitz hatte. Vergebens bat ich ihn um gleiche Gunst für meine Genossen: sie zogen fort, und ich litt tödlichen Schmerz, mich von ihnen getrennt zu wissen.
So empfing meine peinliche Strafe einige Erleichterung; doch ward ich deshalb nicht weniger von den Bewohnern Cianguts für einen Verbrecher und unglücklichen Verbannten angesehen. Man erklärte mir seitens des Gouverneurs bald, dass ich mich vorbereiten müsse, mein Verbrechen durch andere Strafen wieder gut zu machen. Sie waren minder hart, schienen mir aber so demütigend, dass, da mein Stolz noch mehr als meine anfängliche Furcht vor dem Waldleben über mich vermochte, der bereits vorher in mir aufkeimende Gedanke, mir den Tod zu geben, von neuem in mir wach wurde. Gemäss der moskowitischen Sitte bestanden sie darin, dass ich einer Tätigkeit nachgehen sollte, die der, in welcher ich geboren und stets gelebt hatte, gänzlich entgegengesetzt war.
Mein Beruf war der Handel. Ich hatte ihn dreissig Jahre mit der Auszeichnung ausgeübt, die den Engländern eigentümlich ist, will sagen, mitten im Ueberfluss und in Vergnügungen, frei, unabhängig, von einer grossen Zahl Angestellter und Diener umgeben, kurz im Besitz all dessen, was das Leben schön und glücklich machen kann. Man kündete mir an, ich sollte von nun an in der Eigenschaft eines Lastträgers verwendet, folglich zu den elendesten Diensten gezwungen werden, um Brot zu verdienen, dazu der Machtvollkommenheit einiger Unglücklicher unterworfen, die eine unumschränkte Gewalt über die hatten, die zu gleichem Lose verdammt worden waren. Um mich dieses schändlichen Missgeschicks zu trösten, führte man mir eine Unzahl Leute an, die höherer Herkunft als ich waren. Diese Mitteilung hatte die Kraft, mir Geduld einzuflössen. Tatsächlich weilte ich nicht lange in Ciangut, ohne nicht hundert Leute von Rang kennen zu lernen, die sehr viel mehr um des Unterschiedes ihres gegenwärtigen Gewerbes willen von dem, welches sie verlustig gegangen, zu beklagen waren. Ich sah Generäle zu einfachen Soldaten erniedrigt, Richter des ersten russischen Gerichtshofes gezwungen, ihr ganzes Leben als Scharfrichter hinzubringen, Adelige von sehr hoher Geburt als Diener eines Bürgers oder Pächters, kurz die unerträglichste Umkehrung der von der Natur und himmlischen Vorsehung eingerichteten Ordnung. Wahrlich ist man bestrebt, all diese Wechsel in der Ordnung als Strafe hinzustellen, aber ich übertreibe nicht, wenn ich erkläre, dass meine Einbildungskraft dadurch sehr viel mehr verwirrt wurde, als etwa durch ein Menschengeschlecht, bei welchem der Kopf da sässe, wo wir die Füsse haben.
Indessen verminderte die eigene Erfahrung meine Verwunderung und ich passte mich meinem Unglück und dem anderer eher an, als ich gedacht hätte. Ich knüpfte mit manch einem dieser Schuldigen Bekanntschaft an und fand sie weniger traurig, als es ihr jetziger Stand eigentlich mit sich brachte. Mit Freude gingen sie auf meine Freundschaftsanerbietungen ein. Sie erzählten mir die Geschichte ihres Unglücks und, sei es Gewohnheit oder Geisteskraft, fast alle äusserten ihrem harten Geschick gegenüber eine aussergewöhnliche Ergebung. Vielleicht muss man diesen Umstand den blinden Ehrfurchts- und Unterwerfungsgefühlen zuschreiben, welche alle Moskowiter vor ihren Herrschern empfinden, will sagen, denselben Gründen, welche die Türken veranlassen, ihren Hals ohne Murren dem Säbel oder der Schnur des Stummen ihres Grossherrn hinzuhalten. Wie diese, schienen sie überzeugt zu sein, dass ein von ihrem Zaren ausgesprochenes Todesurteil ein sicherer Geleitbrief für den Himmel bedeute.
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