E-Book, Deutsch, Band -, 584 Seiten
Reihe: Kynéxis-Universum
Prime / Herrling Die Schwelle aus Licht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4962-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman im Kynéxis-Universum
E-Book, Deutsch, Band -, 584 Seiten
Reihe: Kynéxis-Universum
ISBN: 978-3-6951-4962-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kairos Prime ist Autor von (Hard-)Science-Fiction und (High-)Fantasy, dessen Geschichten für tiefes Worldbuilding, komplexe Figuren und einen hohen Anspruch an wissenschaftliche wie philosophische Plausibilität stehen. Mit Aletheia erschuf er eine vielschichtige Science-Fiction-Erzählung über Erkenntnis, Resonanz und die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. In Die Schwelle aus Licht entwirft er eine epische High-Fantasy-Welt (Kynéxis-Universum), deren Magiesystem auf einzigartigen "Bindungen" basiert und in der persönliche Entscheidungen den Verlauf ganzer Reiche verändern können. Seine Werke verbinden atmosphärische Dichte mit sorgfältig konstruierter Dramaturgie und laden dazu ein, Welten nicht nur zu lesen, sondern zu erleben.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Das Vorzeichen
Der Brunnen im Dorf Kelthar war leer. Nicht trocken, nicht verfallen - einfach leer. Als hätte er nie Wasser geführt. Die Steine glänzten matt, als wüssten sie nicht mehr, dass sie einst etwas hielten. Ein fahles Leuchten kroch zwischen den Ritzen, erlosch wieder, als hätte es Angst vor der eigenen Existenz.
Die Bewohner standen im Halbkreis, die Gesichter von Angst gezeichnet. Kinder hielten sich an den Röcken ihrer Mütter fest, Männer starrten in die Tiefe, ohne etwas zu sehen. Die Luft war so still, dass selbst der Wind nicht wagte, sich zu regen.
Ilyra kniete sich an den Rand. Sie schloss die Augen, ihre Fingerspitzen glitten wie tastend über die verwitterten Steine. Für einen Herzschlag schien die Welt um sie herum zu verstummen. In ihrem Inneren öffnete sich ein Raum - aus Lichtadern, die in den Stein führten. Doch dort, wo einst das Fließen sein sollte, war nur Stille, eine Leere, die das Echo verschluckte. Ein flüchtiger Schimmer huschte über ihre Haut, als sie die Bindungen zu spüren versuchte. Sie kehrte zurück und murmelte, fremd und beklommen: „Kein Echo.“
„Kein Wasser“, knurrte Branak, der neben ihr stand. Der große Krieger stützte sich auf seine Axt, als könnte sie ihm Halt geben, und musterte die Menschen, die zurückwichen, als fürchteten sie, die Leere könnte auf sie übergreifen.
Ilyra schüttelte den Kopf. „Kein Echo der Bindung. Der Stein hat vergessen, dass er den Fluss halten soll.“
Kael trat vor, die Kette an seinem Gürtel klimperte leise, als ob sie selbst auf etwas wartete. Er beugte sich, der Blick in die Tiefe schien ihn zu verschlucken. Etwas spannte sich hinter seiner Stirn - ein unsichtbarer Faden, der sich ausdehnte, als wolle er ihn ziehen. In diesem Moment war die Welt für ihn nur noch Fäden und Schwingungen. Ein kaltes Ziehen riss an ihm, nicht nach unten, sondern hinaus, weit weg, als würde etwas ihn aus der Welt locken.
„Es zieht“, murmelte er. „Aber nicht nach unten. Es zieht… weg.“
Marell warf einen Kiesel in die Leere. Der Stein verschwand ohne Laut, ohne Spur, als hätte ihn die Luft verschluckt. „Schön“, sagte er trocken. „Also trinken wir heute Abend Luft.“
Serenya kniete sich neben Ilyra. Die Natur um sie schien zu atmen, als sie ihre Hand auf das Gestein legte. Ein Flüstern, kaum hörbar, glitt von ihren Lippen - Worte einer Sprache, die nicht für Ohren, sondern für Wurzeln und Steine gemacht war. Ihr Amulett begann zu glimmen, als würde es selbst eine Bindung erneuern. Zarte Ranken aus Licht zogen über die Brunnenwand, versickerten darin und hinterließen eine Spur von Wärme. Der Brunnen antwortete nicht, doch das Zittern in den Gesichtern der Dorfbewohner legte sich, als hätte ihre Furcht einen Anker gefunden. „Für heute wird es halten“, sagte sie sanft. „Mehr kann ich nicht tun.“
Die Menschen wichen zurück, verneigten sich flüchtig und verschwanden in den Häusern. Niemand wollte länger bleiben.
„Wir sollten ebenfalls gehen“, meinte Branak und blickte zum Himmel, wo Wolken wie zerfetzte Schleier trieben.
„Es riecht nach Sturm.“
„Nicht nach einem, den du kennst“, erwiderte Ilyra und stand auf. Ihre Augen schienen durch den Horizont zu sehen, als lausche sie etwas Fernem. „Die Bindungen lösen sich. Dies war nur ein Vorzeichen.“
Kael griff nach der Kette. Sie fühlte sich warm an, als hätte sie das Zittern des Brunnens in sich aufgenommen. In seinen Gedanken hallte ein Name nach, den er nie gelernt hatte, als würde etwas oder jemand ihn rufen.
Die Gruppe wandte sich zum Gehen, doch bevor sie den Dorfrand erreichten, zerriss ein Schrei die Stille. Ein Schatten huschte über die Dächer, geformt wie aus brüchiger Nacht. Branak spannte die Schultern, Marell zog sein Messer. Serenya trat zurück, das Licht ihres Amuletts flackerte.
Etwas bewegte sich am Brunnen, ein Flirren, das sich aus der Leere löste. Ein Augenblick, und die Nacht schien dunkler zu werden.
„Haltet Abstand und bildet den Kreis“, sagte Ilyra, ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme war fester als zuvor. „Der Riss ist nicht allein – aber hier binden wir ihn.“
Das Flirren wuchs, sammelte sich zu einer Gestalt, die mehr Schatten als Körper war. Sie schwebte über den Brunnenrand, als hinge sie an Fäden, die niemand sah.
Augenlose Schwärze richtete sich auf die Gruppe, ein Knistern ging durch die Luft, als Bindungen um sie herum zu reißen begannen.
Kael spürte die Spannung in der Kette, als wollte sie vorpreschen. Marell wich zurück, suchte Deckung, während Branak die Axt hob und einen Schritt vor die anderen machte. Serenya murmelte hastig Worte, die sich wie Nebel um ihre Lippen legten.
„Nicht angreifen“, flüsterte Ilyra. „Noch nicht. Beobachtet seine Fäden.“
Das Wesen stieß einen Laut aus - ein Schrei aus Erinnerung, der keinem Mund entstammte. Der Boden bebte leicht, Splitter von Stein lösten sich und schwebten für einen Moment, als hätten sie ihre Bindung zur Erde verloren. Dann schossen sie, messerscharf, auf die Gruppe zu.
Branak riss den Schild hoch, Funken sprühten, als die Splitter daran zerbrachen. Kael stürzte vor, die Kette um den Unterarm geschlungen, und mit jedem Schlag gegen den Boden entstand ein Lichtbogen, der die schwebenden Fragmente auseinandertrieb.
„Jetzt!“, rief Ilyra und streckte beide Hände aus. Fäden aus Licht schossen aus ihren Fingern, suchten nach den Rissen im Wesen. Das Schattenhafte verzerrte sich, kämpfte gegen das Licht, und für einen Moment schien es, als wolle es selbst eine Bindung zu ihr herstellen.
„Es will uns… binden“, keuchte sie.
Kael sprang, wickelte die Kette um das flackernde Herz der Gestalt und sprach den Namen, der in seinen Gedanken widerhallte. Die Kette glühte, zog sich zusammen - und das Wesen zerbrach in Splitter, die wie Staub aus Licht im Wind vergingen.
Stille. Nur der Brunnen glomm schwach, als hätte er einen Atemzug zurückgewonnen.
Ilyra hielt die Hände über den Brunnen, webte Fäden aus Licht in die Steine. Serenyas Amulett antwortete, das Glimmen legte sich wie ein Siegel über den Rand.
„Gebunden,“ sagte sie schließlich. „Für Kelthar ist die Gefahr heute gebannt.“
„Das war kein Zufall“, sagte Ilyra. „Es war ein Wächter.
Oder ein Bote.“
„Was auch immer es war“, Branak schulterte die Axt, „wir sollten gehen, bevor noch mehr kommen.“
Sie blieben, bis die letzte Rune glomm und die Wachen ihren Platz kannten. Erst als das Dorf ruhig atmete und der Brunnen warm wie ein versiegelter Stein wirkte, brachen sie auf – den Fäden entgegen, weg von Kelthar, nicht fort von den Menschen.
Die Nacht am Lager
Die Gruppe verließ Kelthar, als der Mond hinter zerfetzten Wolken aufstieg. Der Weg führte sie über schmale Pfade, die im Dunkeln kaum auszumachen waren. Serenyas Amulett spendete sanftes Licht, das über die Ränder der Schatten kroch, und das Geräusch ihrer Schritte vermischte sich mit dem leisen Klirren von Kaels Kette. Der Wald wirkte wie ein Raum ohne Zeit, jeder Laut gedämpft, als würde die Dunkelheit selbst lauschen.
Sie hielten erst an, als die Bäume dichter wurden und eine Lichtung Schutz bot. Branak baute schweigend ein Feuer, seine Bewegungen präzise, wie aus unzähligen Nächten geübt. Marell warf sich auf einen umgestürzten Stamm, schnitzte an einem Stück Holz und ließ seine Augen unruhig durch die Dunkelheit wandern. Ilyra saß abseits, das Gesicht im Schein der Flammen, und schrieb in ihr Notizbuch. Kael löste die Kette von seinem Arm, hielt sie ins Licht, beobachtete, wie die Runen schwach glommen, als ob sie atmeten.
„Ihr habt es gesehen“, sagte Ilyra schließlich, ohne den Blick zu heben. „Das Wesen am Brunnen war mehr als ein Schatten. Es wollte sich binden - an uns.“
„Und wir haben es zerschlagen“, knurrte Branak, während er ein Stück Holz ins Feuer warf. „Genug Gerede.“
„Nicht genug“, widersprach sie ruhig. „Es wird nicht das letzte gewesen sein. Es prüfte uns.“
Serenya legte Kräuter in kleine Bündel, ihr Summen mischte sich mit dem Knacken des Feuers. „Die Natur spürt es. Die Risse sind nicht nur Orte. Sie kriechen. Wie Krankheit.“
„Krankheiten kann man heilen“, meinte Marell und grinste, doch es wirkte gezwungen. „Man braucht nur das richtige Gift.“
Kael blickte vom Feuer auf. „Manche Bindungen kann man nicht heilen. Manche reißen, und alles, was bleibt, ist der Sturz.“ Seine Stimme war leise, aber die anderen hörten zu.
„Du sprichst, als wüsstest du mehr, als du sagst“, bemerkte Serenya.
Kael schwieg, wickelte die Kette wieder um seinen Arm.
„Ich spüre die Fäden. Immer. Heute… sie haben gezittert,...




