E-Book, Deutsch, Band 147, 64 Seiten
Reihe: Familie mit Herz
Prinz Familie mit Herz 147
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4438-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Papi, der geheimnisvolle Unbekannte
E-Book, Deutsch, Band 147, 64 Seiten
Reihe: Familie mit Herz
ISBN: 978-3-7517-4438-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Alle Kinder haben einen Papi, bloß ich nicht! Warum?!« Herausfordernd und entschlossen blitzt die achtjährige Melisande ihre Mutter an.
Jetzt ist er also da, der Moment, vor dem sich Ricarda seit der Geburt ihres kleinen Mädchens am meisten gefürchtet hat. Doch sie weiß, dass ihre Tochter nun keine Ruhe mehr geben wird, bis sie die Wahrheit kennt. Was kann sie nur tun, damit die zarte Kinderseele daran nicht zerbricht?
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Mein Papi, der geheimnisvolle Unbekannte
Doch ein Kind
will die Wahrheit wissen
Von Heide Prinz
»Alle Kinder haben einen Papi, bloß ich nicht! Warum?!« Herausfordernd und entschlossen blitzt die achtjährige Melina ihre Mutter an.
Jetzt ist er also da, der Moment, vor dem sich Ricarda seit der Geburt ihres kleinen Mädchens am meisten gefürchtet hat. Doch sie weiß, dass ihre Tochter nun keine Ruhe mehr geben wird, bis sie die Wahrheit kennt. Was kann sie nur tun, damit die zarte Kinderseele daran nicht zerbricht?
Das Tastaturstakkato, blitzschnell wie die Salven aus einem Schnellfeuergewehr, brach jäh ab, als ein Anruf hereinkam.
»Anwaltskanzlei Doktor Kerschbaum«, meldete die Assistentin Ricarda Zander sich mit verbindlich klingender Stimme. »Zander am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«
»Verbinden Sie mich bitte mit Doktor Kerschbaum«, verlangte eine wohlklingende Männerstimme recht energisch.
»In welcher Angelegenheit möchten Sie Herrn Doktor Kerschbaum denn sprechen, bitte?«, erkundigte sich Ricarda geschäftsmäßig.
Sie fragte nicht aus Neugierde. Die geschulte Assistentin wusste, dass sie nicht jeden x-beliebigen Anrufer zu ihrem viel beschäftigten Chef durchstellen durfte. Als kompetente Allroundkraft in einer aufstrebenden Anwaltskanzlei hatte sie schnell gelernt, wichtige von minder wichtigen Anrufen zu unterscheiden. Mit ihrer sensiblen Art im Umgang mit Klienten gelang es ihr stets, dem Chef geringfügige Angelegenheiten wenigstens so lange vom Hals zu halten, bis er etwas mehr Zeit erübrigen und sich auch kleineren Fällen widmen konnte. Wie beispielsweise Beschwerden über anhaltendes Hundegebell oder zu weit über Nachbars Zaun hinausragende Äste.
Ricarda kannte ihren Chef mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er äußerst ungehalten reagieren konnte, wenn er wegen Geringfügigkeiten aus dem Studium eines komplizierten Vorgangs herausgerissen wurde. Und momentan steckte er in einem solchen.
»In welcher Angelegenheit?«, fragte der Anrufer aufgrund von Ricardas Nachfrage nun etwas spöttisch. »Kindchen, es muss nicht immer ein tieferer Sinn dahinterstecken, wenn man jemanden sprechen möchte«, wies er sie mit sanftem Vorwurf zurecht. »Könnten Sie sich vielleicht auch vorstellen, dass mal jemand einfach nur so Hallo sagen möchte? Oder kommt so etwas in eurer Kanzlei nie vor?«
Bei der Bezeichnung »Kindchen« und seinem Ton, von oben herab mit ihr zu reden, war Ricarda vor Ärger dunkelrot angelaufen.
Was bildete dieser Kerl sich ein, sie »Kindchen« zu titulieren und sie wie ein Schulmädchen zu behandeln?
Wegen dieser arrogant-herablassenden Art würde sie ihn nun gerade nicht durchstellen. Mochte er von ihr aus später wieder anrufen. Oder am besten gar nicht mehr. Leute, die glaubten, sich einer Angestellten gegenüber alles erlauben zu können, mochte Ricarda überhaupt nicht.
»Tut mir leid«, antwortete sie deshalb mit schneidender Kälte in der Stimme, »Sie müssten mir schon kurz sagen, worum es geht. Vielleicht können wir einen Besprechungstermin ausmachen? Ich kann Herrn Doktor Kerschbaum im Moment nicht stören. Er befindet sich gerade in einem Termin mit einem wichtigen Klienten«, log sie.
»Versuchen Sie's trotzdem«, beharrte der Fremde. »Für das, was ich ihm – und nur ihm – zu sagen habe, reichen ein paar Sekunden.«
»Tut mir leid, auch dann geht es jetzt nicht.«
Akustisch lag Bedauern in ihrer Stimme. Tatsächlich aber freute sich Ricarda diebisch, sich auf diese Weise für seine Herablassung rächen zu können. An ihr sollte er sich noch die Zähne ausbeißen.
Doch diese Rechnung hatte Ricarda offenbar ohne den Wirt gemacht. Es schien diesem Unsympathen am anderen Ende der Leitung richtig Spaß zu machen, sich mit ihr auf eine Kraftprobe einzulassen. Auf jeden Fall ließ er sich nicht einfach abspeisen, verlegte sich nach seiner anfänglichen Forderung aber immerhin aufs Bitten und schließlich sogar aufs Schmeicheln.
Am Ende der fruchtlosen Diskussion gab Ricarda widerwillig nach, darauf gefasst, vom Chef einen Anpfiff zu bekommen, weil sie ihm nicht sagen konnte, in welcher Angelegenheit ihn der Anrufer zu sprechen wünschte.
»Hat er denn wenigstens seinen Namen genannt?«, wollte Dr. Kerschbaum dann auch genauso ungehalten wissen, wie Ricarda dies erwartet hatte.
»Bornstätt«, gab sie Auskunft.
Augenblicklich schien sich die Stimmung ihres Chefs zu bessern.
»Etwa Adrian Bornstätt?«, fragte er lebhaft nach.
»Seinen Vornamen hat er nicht genannt.«
»Stellen Sie durch, Kiki«, wies Dr. Kerschbaum sie an.
Daran, dass er sie »Kiki« nannte, erkannte Ricarda, dass ihr Chef besonders guter Laune war.
»Phh!«, sagte sie schulterzuckend, aber so, dass keiner von beiden dies hören konnte.
Dann stellte sie resigniert das Gespräch ins Chefbüro durch.
Während Ricarda in der gewohnten Geschwindigkeit weiter an der langen Vereinbarung schrieb, die erst halbfertig war, warf sie zwischendurch immer mal wieder einen Blick auf den Telefonapparat, an dem das rote Lämpchen anzeigte, dass die telefonische Verbindung immer noch bestand.
Wie lang so »ein paar Sekunden« doch mitunter sein konnten! Hoffentlich verriet ihr Chef wenigstens nicht, dass sie mit dem imaginären Klienten, der angeblich bei ihm war, gelogen hatte. Das konnte bei einem etwaigen späteren Besuch des Anrufers sonst peinlich für sie werden.
Nach einer Viertelstunde erlosch das Lämpchen endlich.
Das Gespräch war beendet.
Und danach vergaß Ricarda vor lauter Betriebsamkeit den unsympathischen Anrufer schnell wieder, zumal ihr Chef ihr keinen Besprechungstermin durchgegeben hatte, den sie notieren sollte.
Sie wurde erst wieder am Nachmittag an ihn erinnert ...
???
Gut gelaunt und mit elastischen Schritten betrat der Rechtsanwalt Dr. Jonas Kerschbaum, ein hochgewachsener Mann von zweiunddreißig Jahren, kurz vor Feierabend den Empfangsbereich seiner Kanzlei.
Kerschbaum trug sein volles kastanienbraunes Haar nur wenige Zentimeter lang. Er hatte männlich-markante Gesichtszüge, die ihn entschlossen wirken ließen, aber ihm nicht unbedingt das Aussehen eines Richard Gere verliehen.
Sein eckiger Schädel zeichnete ihn als einen Menschen aus, der notfalls mit dem Kopf durch die Wand ging, wenn sich ihm Hindernisse in den Weg stellten. In seiner ganzen maskulinen Gesamterscheinung wirkte er auf seine Klienten Vertrauen einflößend und vor Gericht unbeugsam. So wie jemand, der immer genau wusste, was er erreichen wollte.
Ein Netz dünner Lachfältchen seitlich seiner grauen Augen deutete darauf hin, dass er auch Humor besaß.
Mit wenigen Schritten durchquerte Dr. Kerschbaum den quadratischen Raum, zwischen dessen zwei hohen schmalen Altbaufenstern sich eine kleine gepolsterte Sitzgruppe für wartende Besucher befand. Er hockte sich seitlich halb auf den Schreibtisch seiner Assistentin und ließ ein Bein herabbaumeln, während er mit den Zehenspitzen des anderen Fußes gerade noch eben den Boden berühren konnte. Lächelnd schaute er Ricarda an.
»Heute Abend schon etwas vor, Kiki?«, fragte er.
Ricarda, die es gewohnt war, dass ihr Chef sie, seine einzige Angestellte, mitunter bat, die eine oder andere Überstunde zu machen, um noch etwas Dringendes für ihn zu schreiben – besonders wenn er am folgenden Tag einen Gerichtstermin hatte –, schüttelte den Kopf.
»Falls es um die Vereinbarung Hergenröth geht – die ist bereits fertig«, erwiderte sie und deutete mit dem Kinn auf einen Stoß blauer Unterschriftenmappen auf der anderen Seite ihres Schreibtisches. »Liegt signierbereit in der obersten Mappe. Falls es sonst etwas Wichtiges gibt, was noch erledigt werden sollte: Ich könnte heute länger bleiben.«
Ricarda sagte das nicht nur, um Dr. Kerschbaum einen Gefallen zu tun. Sie schätzte es auch, dass er ihre gelegentlichen Überstunden stets übertariflich bezahlte.
Jonas Kerschbaum betrachtete seine Assistentin so eingehend, als sähe er sie heute zum ersten Mal richtig.
Eine außergewöhnliche hübsche Frau, schoss es ihm durch den Kopf. Schlank, kurvig gebaut, strahlend blaue Augen und feingliedrige Hände. Und dazu dieses glänzende, bis fast zu den Hüften reichende pechschwarze Haar, das von zwei neben den Schläfen geflochtenen und am Hinterkopf von einer braunen Haarspange zusammengefügten Zöpfen aus dem Gesicht gehalten wurde.
Doch. Er konnte es wagen. Mit dieser attraktiven Zweiundzwanzigjährigen an seiner Seite musste jeder Mann überall eine gute Figur machen.
Ricarda wurde unter den seltsam forschenden Blicken ihres Chefs unsicher.
»Das wollten Sie doch sicher wissen, ob ich heute länger bleiben kann, oder?«, fragte sie, durch sein Schweigen allmählich argwöhnisch geworden.
Jonas Kerschbaum schmunzelte. »Ich habe eigentlich nicht an Überstunden in diesem Sinne gedacht, sondern ich habe eher ein Attentat auf Sie vor. Doch ehe ich Sie um diesen Gefallen bitte,...




