E-Book, Deutsch, 230 Seiten, Web PDF
Prisching Bildungsideologien
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-531-91019-2
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Ein zeitdiagnostischer Essay an der Schwelle zur Wissensgesellschaft
E-Book, Deutsch, 230 Seiten, Web PDF
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-91019-2
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Zielgruppe
Professional/practitioner
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Lagerhausmodell.- Das Datenbankmanagement-Modell.- Das alltagspragmatische Modell.- Das Erlebnismodell.- Das Geschwindigkeitsmodell.- Das Arbeitsmarktmodell.- Das Zertifikatsmodell.- Das Managementmodell.- Das bürgerlich-abendländische Modell.- Schlussbemerkungen.- Erratum.
8 Das Zertifikatsmodell (S. 143-144)
Wie erkennt man Bildung? Gebildete Menschen verfügen über ein symbolisches Kapital, welches gewährleistet, dass jene Signale ausgesendet werden, an denen man einander erkennt. Diese Signale richten sich gegen Trivialität, Impertinenz, Kitsch, Sensation, Geschmacklosigkeit, Oberflächlichkeit, Zeitgeistigkeit. Aber das sind die subtilen Ebenen (und natürlich haben wir hier auf den traditionellen Bildungsbegriff zurückgegriffen), weniger subtil sind Zertifikate, die in der Sicht vieler als zuverlässige Indikatoren für Bildung gelten: Bildungsabschlüsse, die zu weitergehenden Bildungsgängen, zur Einreihung in feste Posten- oder Einkommenskategorien oder zur Ausübung bestimmter Berufe berechtigen. In obrigkeitlichen Gesellschaften wie in Österreich oder Deutschland stellt das traditionelle Beamtenschema auch ein Bewertungsschema bereit, welches Zertifikate mit Positionen, Titel und Karrieren koppelt. Wenn einer einen „Doktor" hat, dann weiß man, woran man ist oder glaubt es jedenfalls zu wissen.
In einer zur Zweckorientiertheit zurechtgestutzten Bildung ist der Erwerb von „Zertifikaten" essentiell, und es gibt tatsächlich eine entsprechende Korrelation. Auf diese Welt von zertifikatsvermittelten Optionen zielt auch die Bildungsnachfrage jener, die, ungebildet, wie sie sind, mit einem „Berechtigungsschein" alles erlangt zu haben glauben, worum es im Bildungsgeschehen geht. Ein „Schein" muss her: etwa ein Abitur- oder Maturazeugnis irgendeiner Art. Tatsächlich werden diese Abschlüsse in den empirischen Untersuchungen als Indikatoren verwendet, und die Daten belegen, dass man sich mit höheren Abschlüssen allemal besser stellt.
Das haben die Eltern begriffen: Was die hoffnungsvolle Nachkommenschaft tatsächlich kann, ist weitgehend irrelevant, der „Schein" verleiht die wesentlichen Berechtigungen. Deshalb intervenieren sie, um die Schwelle von der Grundschule zum Gymnasium zu überschreiten, sie üben Druck aus, um die Barrieren der einzelnen Schulklassen zu überwinden, sie zahlen Nachhilfestunden, um die Unfähigkeit von LehrerInnen oder den Widerwillen der Kinder zu kompensieren, und sie tun alles, um das Abitur oder die Matura zu bewältigen. Aber der „Schein" ist oft nur Schein. Einzelne Hürden mögen überwunden werden, das Scheitern kommt hinterdrein. Zertifikate mögen in einer gewissen losen Korrelation zum Bildungsniveau stehen, sehr viel mehr ist es nicht. Somit gehört zur Durchsetzung der Zertifikatsberechtigung für alle auch ein gehöriges Repertoire an Heuchelei.
8.1 Das Spiel um die Verschönerung der Statistik
In einer Gesellschaft, die nur auf Quantitäten und Steigerungen orientiert ist, sind äußere Indikatoren wie jene von den Bildungsabschlüssen angeblich Indiz für das Gelingen einer „Wissensgesellschaft". Je mehr Abschlüsse, desto mehr Wissen. Je mehr Wissen, desto besser für das Sozialprodukt. In der Wissensgesellschaft ist Zertifikatslosigkeit eine Anomalie. Anomalien können nicht geduldet werden. Fortgeschrittene Länder wie Deutschland und Österreich sind Anomalien, denn sie produzieren eine qualifizierte Arbeitskraft zu schnell, ohne quasi-akademischen Abschluss. Die Arbeitskräfte dürften nicht so gut sein, wie sie sind: gelingender Output mit zu wenig Input. Die Kritik der OECD richtet sich auf den Mangel an Input. Um bildungspolitisches Lob einzuheimsen, gilt es deshalb, fürderhin denselben beruflichen Output mit wesentlich steigendem akademischen Input zu erzielen. „Bologna" heißt deshalb auch: konsequente Akademisierung in allen Lebensbereichen, auch in Nischen wie etwa den mit einem Bachelor-Abschluss ausgestatteten „Outdoor-Trainer und –Manager".




