E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Prolibris Verlag / Messal Mordend kommt der Weihnachtsmann
Originalausgabe 2016
ISBN: 978-3-95475-144-0
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus Ostwestfalen-Lippe
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-95475-144-0
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Herausgeberin: Meike Messal wurde 1975 in Minden geboren. Sie studierte in Hamburg Germanistik, Amerikanistik und Anglistik. Mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste war sie in Israel tätig und unterrichtete an der Witwatersrand-University in Johannesburg/Südafrika Deutsch. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in ihrer Heimat und ist Lehrerin an einem Mindener Gymnasium (tagsüber). Ansonsten schreibt sie leidenschaftlich über alles, was spannend ist (nachts). 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Kriminalroman im Prolibris Verlag. Hier gibt es mehr Informationen: www.messal.com
Autoren/Hrsg.
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Meike Messal - Ich steh an meinem Grabe hier - Herford
Sie hatte nicht gleich bemerkt, dass sich in ihrem Garten ein frisches Grab befand.
Hatte erst verschlafen die Kaffeemaschine gestartet, eine Tasse aus dem Schrank genommen und ein wenig Milch hineingetan, sich gähnend gestreckt und versucht, ihre kurzen schwarzen Haare, die in alle Richtungen vom Kopf abstanden, notdürftig zu glätten, während sie ungeduldig den Wassertropfen lauschte, die in die Kanne tröpfelten. Erst als sie den Becher mit dem dampfenden, starken Gebräu in der Hand hielt und sie sich gegen den Küchentresen lehnte, wanderte ihr Blick durch das Fenster hinaus in den Garten.
Die Sonne ging gerade auf. Matt kämpften sich ihre Strahlen durch die kahlen Äste der Zweige und fielen auf die dünne Schneedecke, die sich über Nacht auf dem Boden ausgebreitet hatte wie ein Leichentuch.
Der Erdhaufen war deshalb nicht sofort auszumachen. Es war das Kreuz, das sie zuerst sah. Es steckte mitten in der Rasenfläche, nah an der Stelle, an der früher einmal das Schaukelgerüst für ihren Sohn gestanden hatte. Es war einfach aus zwei Holzlatten provisorisch zusammengezimmert. Stirnrunzelnd beugte sie sich näher an das Fenster heran, und nun sah sie auch den Erdhügel, der sich vor dem Kreuz erstreckte, flach und lang.
Sie schnappte nach Luft, schloss kurz die Augen. Als ihr Blick wieder hinauswanderte, war es, als gäbe der Boden unter ihr nach. Sie krallte sich an den Tresen, aber ihre Hand glitt ab. Die Tasse fiel klirrend auf die Fliesen. Ihr Blick jedoch blieb starr auf das Kreuz geheftet. Groß prangte darauf mit schwarzen Buchstaben geschrieben ein Name. Ihr Name. Sie sah dort draußen ihr eigenes Grab.
*
Susanne. Wie sollte er ihren Namen je vergessen?
Sein Zeigefinger verharrte auf der Oberfläche seines Smartphones. Ein Wisch nach rechts, und das Foto würde verschwinden. Aber er konnte sich nicht von dem Anblick losreißen.
Da waren sie noch glücklich gewesen, Susanne, Lucas und er. Sie strahlten in die Kamera. Er erinnerte sich genau, wie der Selbstauslöser nicht richtig funktioniert hatte und er mehrmals zu dem Apparat laufen musste. Susanne hatte so darüber gelacht, dass ihr schon eine kleine Träne über die Wange lief, die man auf dem Foto gut erkennen konnte. In ihr fing sich das Licht der funkelnden Kerzen auf dem Weihnachtsbaum. Lucas hielt sein neues Smartphone in der Hand, das sie ihm geschenkt hatten – nicht cool, wie er sich selbst wohl gern präsentiert hätte, sondern glücklich.
Sein Sohn. Sein Sohn, der so viel von seiner Mutter hatte. Ihre braunen Augen mit den dichten Wimpern, dem kecken Mund, der immer zu lächeln schien.
Er atmete tief ein. Nun war Lucas groß, ganze sechzehn, und besuchte ihn kaum noch. Seit Susanne ihn vor einem knappen Jahr verlassen hatte, war er ihm zunehmend entfremdet. Wenn er dann doch einmal vor seiner Tür stand, wurde es ihm schmerzlich bewusst: Er kannte seinen Sohn nicht mehr.
Und warum das alles? Er konnte es bis heute nicht begreifen. Dachte erst, sie hätte einen anderen. Aber das war es offenbar nicht. Soweit er wusste, lebte auch sie ohne neuen Partner, nur mit Lucas allein, in ihrem schönen Haus. Aus dem er hatte ausziehen müssen.
Er hatte versucht, sie zurückzuerobern. Ihr Herz zu erweichen. Sie waren schließlich eine Familie! Um diese Familie zu bekommen, hatte er alles getan.
Nun kam Weihnachten immer näher. Und das sollte er ohne Susanne und Lucas feiern?
Langsam stand er auf. Genug war genug. Sie würde schon sehen, was sie davon hatte, einen Mann wie ihn abzuweisen. Mit einem Wisch fegte er das Foto von seinem Handy und die Oberfläche wurde schwarz.
Sie würde schon sehen.
*
Noch bevor er den Schlüssel hervorgekramt hatte, wurde die Tür aufgerissen. Der Kranz aus sattem Tannengrün und roten Äpfeln, der jedes Jahr Weihnachten die Haustür zierte, flog dabei weit nach vorne, prallte zurück an die Tür und fiel in den Schnee. Lucas erschrak, als er ihr bleiches Gesicht sah.
Sie zog ihn ins Haus, ohne den heruntergerissenen Türschmuck eines Blickes zu würdigen und schloss die Tür schnell wieder. Dann nahm sie ihn in den Arm.
Lucas schob seine Mutter behutsam zur Seite. Er hatte bei Mika, seinem Freund, höchstens zwei, drei Stunden geschlafen, schließlich war Wochenende und sie hatten die Nacht im Goparc mehr oder weniger durchgefeiert. Freitags, am Grand Friday Club, wurden auch schon 16-Jährige in die Disco gelassen. Seine Mutter hatte ihn aus dem Tiefschlaf gerissen, als sie verstört etwas von einem Grab im Garten in sein Handy gestammelt hatte. Mika hatte kaum reagiert, als er sich angezogen und das Haus verlassen hatte, das in der Herforder Innenstadt nur einige Minuten von seinem eigenen entfernt lag.
»Okay, Mum, erzähl mir noch mal von vorne. Habe ich das eben richtig verstanden: In unserem Garten befindet sich ein Grab?«
»Nicht ein Grab«, flüsterte seine Mutter, »es ist mein Grab.«
Sie nahm die Hand ihres Sohnes und zog ihn zur Terrassentür des Wohnzimmers. Von dort konnte man das Grundstück überblicken.
»Das gibt’s doch nicht!«, rief Lucas und wollte in den Garten gehen.
Seine Mutter hielt ihn zurück. »Wer immer das war, vielleicht ist er noch hier. Beobachtet uns.«
Lucas fasste sich an die Stirn. »Ich verstehe das nicht. Was soll das alles? Welcher Irre kommt nachts in unseren Garten und buddelt ein Grab?« Er starrte erneut aus dem Fenster. »Du hast also nicht nachgesehen, ob da jemand drin liegt?«, fragte er dann.
Susanne begann zu zittern. »Du glaubst doch nicht ernsthaft …«, hob sie an und ihr Gesicht wurde noch fahler.
In dem Moment klingelte es. »Das ist bestimmt Emilie, ich habe sie auch angerufen«, sagte Susanne erleichtert und schoss zur Tür. Lucas folgte ihr und sah, wie seine Mutter Emilie in die Arme schloss.
Gut, dass sie hier war. Emilie bewahrte stets einen kühlen Kopf, dachte sachlich und rational. Solange sich Lucas erinnern konnte, war sie die beste Freundin seiner Mutter, sie gehörte praktisch zur Familie. Lucas wusste, dass Susanne früher einmal mit Emilies Bruder zusammen gewesen war, den ein tragischer Unfall aus dem Leben gerissen hatte. Das hatte Emilie und Susanne noch mehr zusammengeschweißt.
Susanne führte Emilie zur Terrassentür und deutete stumm in den Garten. Lucas folgte ihnen.
»Du bist schon rausgegangen?«, fragte Emilie Susanne.
Die schüttelte den Kopf. »Wenn da wirklich jemand in dem Grab liegt … Ich rufe jetzt die Polizei. Die wissen, was zu tun ist.«
Emilie fasste Susanne am Arm. »Da steht dein Name drauf«, sagte sie. »Wer sollte also darin liegen? Du stehst schließlich hier. Mir scheint es vielmehr, als wolle dich jemand erschrecken.«
»Das ist gelungen«, murmelte Susanne.
Emilie öffnete die Tür. Lucas sprang neben sie. »Ich glaube, meine Mutter hat Recht, wir sollten wirklich erst die Polizei …«
Doch Emilie war schon in den Garten getreten. Sie schaute sich vorsichtig um und ging dann langsam, doch zielstrebig auf das Grab zu. An dem Erdhaufen hockte sie sich hin.
»Sieht tatsächlich wie frisch ausgehoben aus«, rief sie. »Ein bisschen angefroren, und Schnee darauf, aber die Erde lässt sich leicht zur Seite schaufeln.«
Zögerlich trat Susanne auf die Terrasse hinaus. »Emilie, du willst doch nicht ernsthaft nachsehen, ob da drin was liegt!«
Emilie richtete sich auf. »Und was, wenn da gar nichts ist? Wenn du die Polizei umsonst herbemühst?«
Lucas stellte sich hinter seine Mutter. »Sie hat vielleicht Recht«, sagte er. »Ich hole den Spaten aus dem Schuppen und helfe ihr.«
Noch bevor Susanne widersprechen konnte, eilte er zu dem Geräteschuppen am anderen Ende des Gartens. Mann, war das kalt. Fröstelnd zog er seine Jacke enger. Als er mit der Schippe zurückkam, nahm Emilie sie und stach sie genau in die Mitte des Hügels.
»Warte!« Mit klammen Fingern zog Lucas sein Handy aus der Tasche. »Ich möchte nur ein paar Fotos schießen. Falls wir doch die Polizei einschalten müssen.«
»Schlaues Kerlchen«, merkte Emilie an.
Lucas erwartete, dass sie zur Seite treten würde, aber sie blieb mit einem Fuß auf den Spaten gestützt stehen. Achselzuckend machte Lucas einige Bilder, das Holzkreuz mit dem Namen seiner Mutter fotografierte er in Großaufnahme. Dann nickte er Emilie zu, und sie schaufelte am Ende des Erdhügels los. Lucas sah zu seiner Mutter hinüber, die in der Terrassentür stand. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Ob sie betet, fragte sich Lucas, richtete seine Aufmerksamkeit jedoch schnell wieder auf Emilie, die nun schon recht tief gegraben hatte.
»Hier ist nichts!«, rief sie schließlich. Lucas stellte sich neben sie, nahm ihr den Spaten ab und grub im oberen Bereich des Erdhügels weiter. Er...




