Prugger Frauen im Schlafrock
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7517-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 198 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7517-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irene Prugger, geboren 1959 in Hall in Tirol, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils. Zahlreiche Literaturpreise, u.a. Preis der Stadt Innsbruck für literarisches Schaffen 2002. Zahlreiche Erzählungen, Hörspiele und Romane, bei Skarabæus: Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen (2003) und Frauen im Schlafrock. Roman (2005), Schuhe für Ruth. Roman (2008) ireneprugger.com
Autoren/Hrsg.
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2
Schramms letzter Arbeitstag in unserer Firma war ausgerechnet ein Freitag. Zum Abschied gab es für unsere Abteilung japanische Häppchen. »Wieder einmal kleine Mutproben auf dem Teller«, spottete Gerd und beugte sich interessiert über das Buffet, das Haller spendiert hatte.
»Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht«, meinte Paul, biss in ein mit grünem Gespinst verziertes Kunstwerk und verzog das Gesicht.
»Gehobelte Gurken?«, fragte Gerd.
»Vermutlich Seetang«, sagte Paul. »Fördert die Fähigkeit, sich auch einmal treiben lassen zu können.«
Schramm zeigte Sinn für den großen Moment, schritt gelassen unsere Reihe ab, prostete uns zu und schüttelte jedem von uns die Hand. Sogar als Haller in Begleitung Wilfrieds, Schramms ehrgeizigem, jungem Nachfolger, der aus Pietät ein ernstes Gesicht zu machen versuchte, zu unserer Runde stieß und Schramm in blumigen Worten Glück für die Zukunft wünschte, erweckte er keinesfalls den Anschein eines Mannes, der mit den Anforderungen nicht mehr zurechtkommt.
»Er hat ein glänzendes Horoskop, dynamische Entwicklungen, hängt zur Zeit nicht am Gängelband von Saturn und dennoch bringt er nichts zustande. Wissen Sie, was mit ihm los ist?«, hatte Haller uns einmal gefragt, als Schramm wieder beim Arzt gewesen war, um seine Blutfettwerte messen zu lassen.
Die Art, wie Haller Verbündete sucht, hat meistens betroffenes Schweigen zur Folge. Diesmal aber konnten wir uns aufrichtig ahnungslos zeigen. Mit gesenktem Kopf tanzte Haller damals ab und ging in den Keller, um im Fitnessraum einen Sandsack zu boxen. Jetzt schickte er sich an, eine Lobrede auf Schramm und seine dynamischen Entwicklungen zu halten. Er sprach von neuen Aufgaben, denen man sich stellen müsse, wie Schramm es nun tat. Wir wussten alle, dass Schramm nicht freiwillig abtrat, aber das brachte natürlich keiner zur Sprache. Es wäre rücksichtslos gegenüber Schramm gewesen, der noch immer gefasst in unserer Mitte stand, ein großer, artiger Bub, der sich sein Artigsein gern belobigen ließ und seinen Wechsel zu einer florierenden Münchener Logistikfirma als Chance für einen spannenden Neubeginn wertete. Einmal zwinkerte er mir während Hallers Rede zu, was ich ein bisschen unverschämt fand, denn es bedeutete wohl: Nur mit der Ruhe, er wird gleich zum Ende kommen. Dann bist du frei fürs Rendezvous.
Tatsächlich fürchtete ich, wir kämen nicht pünktlich aus dem Büro und meine Zeit mit Paul wäre noch knapper bemessen als sonst. Aber dann unterbrach Paul ohne viel Aufhebens Hallers Rede und sagte, wir sollten Schramm nicht zu viele Blumen aufs Grab legen. Er lebe ja noch.
Hallers Zornesader auf der Stirn schwoll an und begann zu pochen, aber er bremste sich ein und schüttelte Schramm noch einmal die Hand. Bevor er abging, machte er ein Gesicht, als würde er gleich eine Tür hinter sich zuschlagen. Aber es gibt nur sanft gleitende Schiebetüren in unseren Büros.
»Danke, Paul«, sagte Schramm und hob sein Glas, »das war anständig von dir!«
Pauls Blick blieb an mir hängen und ich sah das aufregende, dunkle Glitzern in seinen Augen. Dummer Schramm, dachte ich. Paul hat das natürlich für mich getan. Schramm blickte abwechselnd Paul und mich an, verstand, und steckte wie immer den Schlag mit einem nachsichtigen Lächeln weg.
»Kein bisschen Wehmut, Schramm?«, fragte ich, als wir uns auf der Straße voneinander verabschiedeten. Paul, der mir immer eine Stunde Vorsprung ließ – aus Vorsicht, aber wohl auch, damit ich ihn frisch geduscht, in duftiger Wäsche und mit offenen Armen empfangen konnte –, war noch im Büro.
»Ich hänge es nicht an die große Glocke«, sagte Schramm, »aber ich denke doch, dass es neben der beruflichen Karriere endlich auch an der Zeit ist, ein paar private Träume zu verwirklichen.«
»Du denkst doch nicht tatsächlich an einen Schrebergarten?«, fragte ich, denn er hatte mir gegenüber ein paar Mal davon gesprochen.
»Jeder hat eben so seine eigenen Vorstellungen von einem Lustlabyrinth«, meinte Schramm schmunzelnd. »Nun dann, mach’s gut, Anna. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.«
Er hob die Hand, drehte sich um und ging. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ihn zurückrufen zu müssen, um ihm noch etwas zu sagen, aber da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich ihm hätte sagen sollen, ließ ich es bleiben. Wir waren einander nie besonders herzlich zugetan gewesen und die Rührung, die mich überkam, als er mit schlurfenden Schritten davonzog, die Hände in den Taschen seines Staubmantels vergraben, war eher eine Rührung allgemeiner Art. Manchmal ist das Leben herzzerreißend traurig und man kann nicht darüber weinen, und dann wieder genügt ein dummes Lächeln, das man für tapfer hält, und schon geht man vor Wehmut in die Knie.
Paul fragte an diesem Abend, den wir wie jeden Freitagabend in meinem Bett verbrachten: »Gefällt es dir?«
»Was?«
»Was wir hier tun.«
»Ja.«
»Das klingt wenig begeistert, Mädchen, we-nig-begeis-tert-klingt-das …«
»Aber ich bin begeistert«, sagte ich.
»Du bist irgendwie nicht bei der Sache«, beharrte Paul.
Tatsächlich wollte Schramm mir nicht aus dem Sinn. Es stimmte, er war nicht mehr flexibel genug und etwas dicklich auch im Denken. Als Ältester unserer Truppe war er nun wohl wirklich zu alt, wobei sich niemand von uns ohne ausdrücklichen Auftrag alt zu werden getraut. Als ausdrücklicher Auftrag gilt, wenn Haller sagt: »Denken Sie sich in die Alten hinein, die Alten wollen noch etwas Spannenderes erleben als Achterbahnfahren. Achterbahnfahren genügt denen nicht. Die wollen das Leben noch einmal neu beginnen und gleichzeitig das Sterben proben. Und ihnen diesen Kick zu verpassen, wird doch wohl nicht zu viel verlangt sein. Also lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf, meine Damen, meine Herren, und erforschen Sie ohne Scheu auch Ihre eigenen geheimen, herzinnigsten Wünsche!«
Ich spürte das Kratzen von Pauls Zweitagesbart auf meiner Wange und sah, dass sich im milchtrüben Glas der Deckenlampe zusehends mehr tote Fliegen sammelten.
Überhaupt hatte ich neuerdings ziemlich oft die Decke im Blick, wenn wir uns liebten. Es wäre wohl besser gewesen, die Augen zu schließen, aber das schaffte ich nur im Dunkeln, und Paul liebte nicht gern im Dunkeln, allerdings machte er dabei gern die Augen zu.
»Glaubst du, wir hätten verhindern können, dass Schramm gehen muss, wenn wir uns mehr für ihn eingesetzt hätten?«, fragte ich wenig später, als er sich schon wieder für den Heimweg bereit machte.
Das war ziemliche Schönfärberei, denn wir hatten uns überhaupt nicht für Schramm eingesetzt, ganz im Gegenteil, die gesamte Abteilung hatte sich hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht, und manchmal wurde auch gar nicht erst abgewartet, bis er sich umgedreht hatte. Aber sich deshalb mit Vorwürfen quälen? Eigentlich ist es eine Art Naturgesetz: Wenn ein Fisch die richtunggebende Flosse nicht richtig hält, verunsichert das die anderen Fische des Schwarms und sie fallen über ihn her. Da konnte Schramm noch von Glück reden, dass er sich unter Menschen befand.
»Schramm ist selbst für sein Dilemma verantwortlich«, winkte Paul ab. »Und vielleicht ist es ja auch gar kein Dilemma. Er zieht sich dorthin zurück, wo es für ihn am bequemsten ist.«
»Er hat sich auch vor uns zurückgezogen, obwohl er uns sicher hin und wieder gebraucht hätte«, vermutete ich, worauf Paul sagte: »Das, was man braucht, erträgt man oft schwer.«
Ich unterließ es nachzufragen, was genau er damit meinte, denn ich hatte so eine Ahnung, die Erklärung könnte in irgendeiner Weise auch mit uns beiden zu tun haben und etwas tiefer Liegendes berühren als irgendein anderes Thema, worüber wir beide je miteinander gesprochen hatten. Denn so viel war klar: Bei aller Leidenschaft unserer besten Stunden hatten wir es noch nicht gewagt, uns an den empfindlichsten Stellen zu berühren, und dabei konnten wir uns gewiss nicht damit herausreden, dass wir aus Rücksicht auf Marlene davor zurückgeschreckt waren.
Beim Blick zum Fenster sah ich, dass es zu regnen begonnen hatte, die Scheiben waren nass von Regentropfen, die langsam verrannen und zögernd Platz machten für die nächsten, die zusehends wilder prasselten. Bei diesem Hundewetter wäre es schön gewesen, noch ein bisschen nebeneinander zu liegen, aber Paul rechnete stets nur knappe zwei Stunden ein, wenn Marlene zur Abwechslung eine häusliche Phase hatte und abends mit dem Essen auf ihn wartete. Ein zweifelhafter Liebesdienst, denn ihre gut gemeinte, aber nicht besonders feine Küche bekam seinem...




