Prugger Mitten im Weg
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-7103-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7103-1
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Irene Prugger, geboren 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin. Verfasst Prosa, Hörspiele und Theatertexte. Mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erlangte sie mit ihren bei Skarabæus erschienenen Romanen Frauen im Schlafrock'(2005) und Schuhe für Ruth (2008) große Aufmerksamkeit. Bei Haymon: Wasser für Franek. Erzählungen (1993), Mitten im Weg. Roman (1997).
Autoren/Hrsg.
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Wieder ist es sechs Uhr abends. Gleich wird das Kind läuten, den Ellenbogen am Klingelknopf, und Agnes wird sich beeilen, an der Tür zu sein, bevor das Stromdrähtchen durchglüht. Als erstes wird das Kind sagen, daß man nicht fluchen darf. Sie werden sich auf einen Handel über die Wörter einlassen, die eventuell und im äußersten Notfall noch durchgehen, und das Kind wird noch vor der Tür mit verschmitztem Grinsen die Notrationen einteilen und deutlich aussprechen, während sie nachsieht, was es diesmal zum Essen mitgebracht hat.
Konservenfutter, wird sie sagen, könne sie sich auch selbst zubereiten. Schöne Grüße an die Mama. Ich zahle viertausend Schilling im Monat, damit sie mir einmal täglich eine Dose öffnet. Das ist entweder zuviel Bezahlung oder zuwenig Gegenleistung. Die Lebensmittel sind teurer geworden, wird sich das Kind rechtfertigen. Es wird Agnes die von der Mutter bereitgelegten Antworten herauszählen wie das Wechselgeld für die Tageszeitung von gestern.
Welcher Tag ist heute? Samstag, denn es ist Showabend im Fernsehen. Das ist aber die Zeitung vom Freitag, mein Lieber. Ich will heute wissen, was gestern passiert ist. Dann reicht doch die Zeitung von gestern, wird ihr das Kind seine Logik weismachen wollen. Und sie wird seufzen und fragen, warum zum Teufel es die Schuhe schon wieder nicht ausgezogen hat.
Damit du fluchst.
Ich fluche doch nicht.
Doch, wird der Bub schreien, du fluchst, du fluchst!
Agnes weiß, warum ihn das in helle Aufregung versetzt. Ihre Flüche klingen müde und wirklich unanständig. In diesem Tonfall sollte ein Fünfjähriger solche Wörter lieber nicht hören. Also sagt sie , und er fügt sich, denn sie ist die zahlende Auftraggeberin, und er bringt immer auch ein bißchen Gratisrespekt mit, wenn er ihr die guten Gaben zuteilt.
Magst du gefüllte Paprika aus der Dose?
Nein.
Wer soll die dann essen?
Du. Er wird mit dem Finger auf sie zeigen und ihr dabei so nahe kommen, daß sich sein Finger in ihren Bauch bohrt. Du bist Haut und Knochen, läßt ihr seine Mutter dann durch ihn ausrichten.
Und Hirn mit viel Grips, wird sie sagen, wenn er erst da ist.
Ohne sich nach der Uhr umzudrehen, weiß Agnes, daß der Bub bereits fünfzehn Minuten überfällig ist. Auch diesmal wird es mit einer Viertelstunde Verspätung nicht abgetan sein. Das Kind trägt die billige Armbanduhr, die sie ihm geschenkt hat, am rechten Handgelenk, mit dem Sechser nach oben. Es kann Uhren ohnedies nicht ablesen, aber seine Mutter wird es wohl können und hält sich nicht an die vereinbarte Zeit, weil sie Rache übt für die kleinen Zettel mit den wenig erbaulichen Kommentaren über ihre Kochkünste, die Agnes manchmal in den leeren Topf legt.
Vielleicht hat das Kind aber auch im Verlauf des Botendienstes zwischen den Fronten gelernt, daß nicht alles ankommen muß, was abgeschickt wird. Das könnte auch das häufige Fehlen der Nachspeise erklären, die grundsätzlich im Preis inbegriffen ist.
Agnes sitzt und wartet. Abendsonne fällt in schrägen Blöcken ins Zimmer und läßt feinen Staub tanzen. Sie fragt sich, wieviel Lebendiges sich in dieses hektisch kreisende Universum gemischt haben mag. Milben zum Beispiel, mit gedrungenen Körpern und stechenden, saugenden Mundteilen, von denen einige vielleicht schon an ihrer Haut haften und sich an ihr nähren, während sie selbst mit mäßigem Hunger auf das Essen wartet. Das Konzept der Schöpfung ist ziemlich raffiniert und auch ein wenig zynisch. Sie wird morgen wieder saubermachen, gründlich wie jeden Tag, aber nicht wegen der Milben, eher schon wegen der Langeweile, die seit Monaten ihr ständiger Gast ist, ein nicht unliebsamer Gast, der dauernd zur Ruhe mahnt, aber sich ansonsten nicht sehr gesprächig gibt.
Vor langer Zeit hat Agnes im Radio die These eines Physikers gehört, der behauptete, das Universum dehne sich aus, um sich eines Tages wieder zusammenzuziehen, worauf das Leben der Menschen rückwärts verlaufe, sodaß sie am Tag ihrer ehemaligen Geburt wieder in den Schoß ihrer Mutter zurückkröchen. Davon abgesehen, daß Agnes diese Umkehrfolge noch weniger appetitlich anmutet als das herkömmliche Geborenwerden, Altern und Sterben, und der Physiker die These längst widerrufen hat, ist ihr eine Überlegung hängengeblieben, die sie für wahr hält: daß nämlich alles, was rückgängig gemacht werden soll, unter anderen Vorzeichen wiederholt werden muß. Das kann geschehen wie in der Fernsehwerbung jener Versicherung, die zeigt, wie zerbrochene Tassen wieder ein Ganzes werden und wie die Menschen sich rückwärts bewegen, sodaß sie wieder nicht sehen, was auf sie zukommt. Agnes war von dieser Werbung so angetan, daß sie tatsächlich einen Vertrag mit der Versicherung abgeschlossen hat, obwohl es wahrscheinlich nicht nötig war, das Haus noch gegen andere Katastrophen abzusichern als gegen Brand- und Sturmschäden.
Man kann, wie Agnes glaubt, etwas Geschehenes aber auch revidieren oder ihm eine andere Bedeutung geben, indem man es noch einmal überdenkt, ohne Rücksicht auf Verluste, die ohnedies durch mangelhaftes Erinnerungsvermögen zu Buche schlagen. Während sie über alles, was geschehen ist, nachdenkt, übt sie sich darin, alles rückgängig zu machen, zumindest in seiner bisherigen Bedeutung rückgängig zu machen, und sie hofft dabei inständig auf ein Zeichen, daß die Übung bereits gelungen ist.
Agnes registriert eine halbe Stunde Verspätung. Eine halbe Stunde und eine Minute. Die Klingel hebt an zu schrillen. Sie beeilt sich, an die Tür zu kommen. Die Schmerzen in den Beinen machen sie lebendig.
„Wieso fluchst du heute nicht?“ fragt er.
„Vor einer halben Stunde habe ich geflucht, aber da warst du noch nicht da.“
Er hat ein schlechtes Gewissen, denn er zieht gleich die Schuhe aus und schlüpft in die bereitgestellten Patschen, was er sonst nie macht. Er behauptet, es seien Haustiere und keine Hausschuhe, und jetzt nimmt er bereitwillig die Strafe auf sich, in den katzenartigen Tretern wie auf rohen Eiern durchs Zimmer zu tappen.
„Vorsicht, die beißen!“ warnt Agnes und sieht, wie er einen Augenblick lang innehält und um Haltung kämpft.
„Welche Köstlichkeiten hast du heute mitgebracht? Laß einmal sehen!“
Sachte stellt er den Styroporbehälter mit dem Warmhaltetopf auf den Tisch, hebt den Deckel ab, und sie identifiziert einen Brei aus schlecht geschälten Kartoffeln und buntem, angebranntem Gemüse. Seine Mutter wird immer kreativer in der Zubereitung des Unzumutbaren, aber äußerste Vorsicht ist erst geboten, wenn das Fleisch gar und appetitlich, mit teurer Beilage angerichtet, in der Pfanne liegt.
„Hast du den Topf für den Hund erwischt?“
„Nein, nein“, lacht er. „Ich hab’s selber gekocht.“
Seit sie ihn in den Dienst genommen hat, wird Agnes das Gefühl nicht los, daß bei ihm zu Hause etwas nicht stimmt. Aber sie weiß nicht viel über die Familie, obwohl diese nun seit mindestens zwei Jahren im Nachbarhaus wohnt. Der Vater betreibt ein Sonnenstudio, dessen veralteten Geräten sich kaum noch Kundschaften anvertrauen, aber die frische Bräune in seinem Gesicht läßt ihn das ganze Jahr unbekümmert und sorglos aussehen. Die Mutter ist nie sehr gesprächig, wenn sie zur Abrechnung kommt. Sie sitzt im gegenüberliegenden Lebensmittelmarkt an der Kassa und tippte früher mit langen, perfekt lackierten Fingernägeln, die Agnes jedesmal in Erstaunen versetzen konnten, täglich sechs Stunden lang Preise in die Kassa. Mittlerweile wurde diese auf ein neues System umgestellt, und das viele Tippen ist nun nicht mehr nötig. Jetzt braucht sie die Lebensmittel nur mehr über einen Scanner zu schieben, aber oft funktioniert die Sache nicht, und es muß wieder nachgetippt werden. Die Frau behauptet, seit der Umstellung empfinde sie die Kassa als ihre persönliche Feindin. „Wenn die Reihen lang und die Leute besonders ungeduldig sind, kann ich sicher sein, daß sie Schwierigkeiten macht. Diese verdammten Dinger spüren, wenn der Mensch nervös ist, der sie bedient. Man müßte selbst eine Maschine sein, ohne Gefühle, dann würde es besser funktionieren“, ereiferte sie sich bei ihrem letzten Besuch. Agnes hatte ihr daraufhin vom Überwachungsgerät erzählt, an das sie im Krankenhaus angeschlossen war. „Mit der Zeit erst merkt man, daß diese Maschinen so etwas wie einen Charakter haben. Und man bekommt den Eindruck, als würden sie ein ganz bestimmtes Benehmen von einem erwarten, ist es nicht so?“ - „Genau so ist es“, hatte die Frau zugestimmt. Es war bisher das einzige Mal, daß sie sich in einem Punkt völlig einig gewesen waren, neben den ständigen unerfreulichen Diskussionen über den Wert der Mahlzeiten.
„Du hast das...




