Prugger | Schuhe für Ruth | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Prugger Schuhe für Ruth

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7518-3
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7518-3
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ruth liebt Schuhe. Allerdings kann sie sich als alleinerziehende Mutter nur selten neue leisten. Der Vater ihrer Kinder ist über alle Meere und zahlt keine Alimente. Auch sonst sind die Freiheiten eingeschränkt: das Jugendamt hat ein Auge auf Ruth, dann schneit eines Tages eine Betreuerin ins Haus - die sportliche Nadine soll die Kinder von ihrem Übergewicht befreien. Wozu Widerstand leisten, wenn alle nur das Beste wollen? Ruths Leben bekommt tatsächlich neuen Schwung. Sie lernt einen netten Mann kennen. Kann Ruth ihm trauen? Kann sie sich selbst trauen und ihrer Freundschaft mit Gabriele? Gibt man sich mit dem Glück der kleinen Leute zufrieden oder wagt man das Große, wagt man den Schritt über die Grenze, wagt man die Liebe? Herzenswarm und klug, pointiert und mit viel Sinn für Ironie beschreibt Irene Prugger Ruths Blick auf die Welt - ein Lesevergnügen.

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin. Irene Prugger ist auch Mitherausgeberin der Innsbrucker Literaturzeitschrift INN. Die Autorin lebt in Mils in Tirol. Werke: Wasser für Franek. Erzählungen (Haymon 1993), Mitten im Weg. Roman (Haymon 1997). Bei Skarabaeus: Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen. Erzählungen (2003), Frauen im Schlafrock. Roman (2005), Schuhe für Ruth. Roman (2008). Weiters Hörspiele, Theatertexte (Hopp und Tropp oder wie gewöhnt man sich ans Abschiednehmen) und Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Auszeichnungen: Literaturstipendium des Landes Tirol, 1994; Kulturpreis der Stadt Innsbruck für literarisches Schaffen, 2002.
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2

Verreisen ist die angenehmste Art zu verschwinden. Doch dazu reichte das Geld nicht. Und welches Ziel hätte Ruth ansteuern sollen? Als junges Mädchen war sie in Gedanken auf ferne Inseln mit versteckten Stränden geflüchtet. Sie schwamm gerne, weil ihr das Wasser Auftrieb gab, doch sich im Badeanzug sehen zu lassen war eine Qual. Im Schwimmbad lag sie regungslos im Schatten, und wenn der sich verzog, lag sie regungslos in der Sonne und riskierte einen Sonnenbrand, statt aufzustehen, ihre Decke zu nehmen und sie an einem besseren Platz auszubreiten.

Florian stolperte ausgerechnet im städtischen Freibad über sie.

„Joijoi, was liegt denn da im Weg?“

Sein rauer Charme war wind- und wettergegerbt. Er hatte jahrelang als Techniker auf Frachtschiffen gearbeitet, bevor er sich für einen Job bei einer Logistikfirma in seiner Heimat entschied. Der Reisende aus Passion wollte sesshaft werden. Am besten mit einer Frau, die wusste, wo sie hingehörte. Warum nicht gleich mit einer Frau, die sich kaum vom Fleck rührte. Sie kamen einander gerade recht. Ruths Neugier auf die Welt war groß, aber theoretischer Natur. Wenn sie nebeneinander lagen, den Plafond einer billigen Absteige im Auge, erzählte er ihr von seinem Leben auf dem Schiff und dachte sich für sie schöne Reisen aus, von denen die meisten im Hafen der Ehe endeten. Dabei spürte er die sensibelsten Zonen ihres Körpers auf, bezeichnete ihre Schenkel als rosige Schinken, küsste ihre Ohren und meinte: „Ich kenne niemanden, der so gut zuhören kann wie du!“

Weil sie fürchtete, die Enge einer Schiffskabine nicht zu ertragen, lehnte Ruth es ab, auf eine gemeinsame große Fahrt zu gehen. Immerhin ließ sie sich dazu bewegen, mit Florian in eine andere Stadt zu ziehen, zweihundert Kilometer von ihrem Heimatort entfernt und ebenfalls ohne direkten Zugang zum Meer.

Wie viele angepasste Menschen war Ruth im Grunde schwer zu beeinflussen, sie konnte überall zuhause sein und bewahrte sich auch in der Beziehung zu Florian mehr Unabhängigkeit, als Außenstehende vermutet hätten. Möglicherweise setzte ihm das zu. Er begann, sich nächtelang in Lokalen herumzutreiben. Geheiratet hätte sie ihn trotzdem gerne, bloß schlief er nun meistens ein, bevor er seine Geschichten zu einem glücklichen Ende brachte. Schließlich machten die Umstände Druck, Ruth wurde schwanger. Als sie erfuhr, dass sich Zwillinge ankündigten, freute sie sich, weil ihnen das Schicksal gleich die doppelte Portion Glück zugeteilt hatte.

„Zwei?“, fragte Florian. „Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal für dich?“

Das so selbstverständlich hingesagte „für dich“ ließ Ruth nicht stutzig werden. Sie war daran gewöhnt, dass alle sie in ihrer Lebenstüchtigkeit unterschätzten. Vier Monate vor Flos und Vanessas Geburt packte er seinen Seesack und brach noch einmal zu einer Reise auf. Drei Wochen hätte sie dauern sollen, inzwischen zog sie sich Jahre hin. Zu Anfang traf ein Abschiedsbrief mit vagen Erklärungen ein, aus dem nicht hervorging, ob der Abschied für immer gedacht sei. Er schrieb, er sehe sich vorläufig nicht imstande, so viel Verantwortung zu übernehmen, aber er werde ihr Geld zukommen lassen. Danach kamen in unterschiedlichen Abständen Ansichtskartengrüße aus Indien, Australien, Südamerika und dem Rest der Welt. Seit dem zweiten Jahr seines Verschwindens stand auf den Karten immer bloß Florians Name zu lesen, als könne der Name allein einen Menschen in Erinnerung rufen.

Ihre Eltern, die alles vorausgesehen hatten, drängten Ruth, den Schwerenöter, der sich gewiss mit einer anderen Frau aus dem Staub gemacht hätte, zu vergessen und mit den Kindern nach Hause zu kommen. Allein würde sie es doch nicht schaffen. Ruth aber wollte nicht mehr ins Elternhaus zurück. Der Bevormundung endgültig entwachsen, spann sie ihre eigenen Thesen, inspiriert von einer Serie abenteuerlicher Vermisstengeschichten eines Wochenmagazins. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau dahinter steckte, aber ganz sicher war sie nicht. Die Schiffe in Florians Erzählungen hatten stets Frauennamen gehabt.

Bis die Kinder zwei Jahre alt waren, langten überraschend regelmäßig und in vorgeschriebener Mindesthöhe die Alimente auf dem Konto ein, dann war plötzlich Ebbe. Der Gesetzmäßigkeit der Gezeiten entsprach das genauso wenig wie der gesetzlichen Regelung zur Unterhaltspflicht. Trotzdem war Florian nicht restlos untergetaucht: Noch immer kamen Ansichtskarten an seine alte Adresse.

Ruth klebte sie in geradlinigen Reihen an eine Wand in der Küche. Kleine Inseln inmitten eines überschwappenden Ozeans. Die Kinder sollten sich ein Bild davon machen, welche Meere ihr Vater befuhr. Für Fernweh hatte Ruth durchaus Verständnis und wenn es ihn am anderen Ende der Welt ergriff, kam er eines Tages vielleicht wieder zurück.

Der kommt nicht wieder und recht hat er, wenn man sie so ansieht, sagten die Leute hinter Ruths Rücken.

Im Erdboden versinken wäre eine Möglichkeit.

Das Gefühl, gut für die Kinder zu sorgen, hatte Ruth vor allem dann, wenn sie schwere Einkaufstaschen nach Hause schleppte und die Mahlzeiten zubereitete. Zugegeben nicht immer die gesündesten. Die Kinder mochten knusprig gebratenes Fleisch und Süßes und sie war froh, wenn sie aßen und satt wurden. Diäten hielt sie nie lange durch. Vor leeren Tellern war der ganze Tag nicht ausgefüllt.

Als Vanessa und Flo in den Kindergarten kamen, verschaffte ihr Gabriele eine Halbtagsstelle in der städtischen Leihbibliothek, wo ihr die Ruhe gefiel und die überschaubare Ordnung. Zuhause, in diesem Sammelsurium unterschiedlichster Gebrauchsgegenstände, geriet oft alles durcheinander. Außerdem war das Flüstern und Raunen in der Bibliothek ein anderes als jenes, das sie manchmal hinter ihrem Rücken vernahm. In die labyrinthartigen Räume mit ihren tausenden still flirrenden Welten einzutauchen war fast so gut wie verschwinden. Ruth begeisterte sich wieder fürs Lesen und legte an Gewicht zu. Dass Lesen schlank macht, hatte sie ohnedies nicht erwartet.

Mit der Zeit hörte sie auf, mit dem Schicksal zu hadern. Sie hatte kein schlechtes Gewissen, wenn sie Vanessa und Flo erlaubte, nachmittags vorm Fernseher zu sitzen, während andere Mütter ihre Kinder von einem Privatunterricht zum nächsten zerrten und von einer Sportstunde zur nächsten schubsten. Wegen Hyperaktivität brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Im Übrigen waren es durchaus neugierige, aufgeschlossene Kinder. In der Schule hielten sie sich im mittleren Drittel, und dass es beim Sport nicht so lief, gefiel zwar den Sportlehrern nicht, doch auf deren Trillerpfeifenkommandos brauchte zum Glück außerhalb des Unterrichts niemand zu hören.

„Es sind wunderbare Kinder“, bestätigte Taufpatin Gabriele, „allerdings sind sie zu dick, das sieht man mit freiem Auge.“

„Veranlagung“, behauptete Ruth. „Gegen Veranlagung kannst du nichts machen.“

Dann schneite eines Tages wieder eine Beraterin ins Haus. Es sah aus, als steckte diesmal die Schule dahinter, die Frau deutete das jedenfalls an. Volksschulen schienen neuerdings Horte umfassender Volkserziehung zu sein, wo außer den arglosen Eltern jedes greifbare Element ins pädagogische Konzept einbezogen wird – Omas und Opas, Zweiterzieher, Stiefgeschwister, Freunde der Familie, Freundin des Vaters, Freundin der Mutter, Freund der Mutter, nahe Angehörige, entfernte Verwandte, Haustiere und Kinderärzte.

„Es geht um die Kinder“, sagte die Beamtin, die unangemeldet kam, aber dennoch etwas korrekt Offiziöses ausstrahlte und einen Ausweis vorzeigte. Mit diesem Satz wird in allen Sprachen der Welt Druck ausgeübt.

„Stimmt was nicht mit den Kindern?“

„So kann man das nicht sagen.“

„Also stimmt was nicht mit ihnen!“

„Sie sind, na ja, ein bisschen übergewichtig.“

„Ach, das wächst sich aus!“

„Mag sein. Aber vielleicht sollte man nicht so lange warten.“ Der Blick auf Ruths Rundungen war unmissverständlich.

„Ich denke, unser Gewicht ist unsere Sache“, sagte Ruth, ihrer Meinung nach sehr überzeugend.

Die Frau schob einen Fuß in die Tür. Gewiss, meinte sie und ihre langen, silbernen Ohrgehänge blitzten geschäftig, aber es gäbe jetzt Maßnahmenpakete zur Unterstützung der Volksgesundheit, ein kostenloses Angebot des Gesundheitsministeriums als Gratisvorsorge gegen Folgekrankheiten, und es wäre gewissermaßen unverantwortlich … Im hallenden Stiegenhaus machten sich ihre Worte treppauf, treppab in die verschiedenen Stockwerke auf, wo hinter den dünnen Wänden die Nachbarn bequem mithören konnten.

Ruth hob abwehrend die Hand. „Wir kommen gut zurecht. Wir brauchen nichts. Wir kaufen niemandem etwas ab. Wir spenden nichts. Wir treten keiner Partei...


Irene Prugger, geboren 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin. Irene Prugger ist auch Mitherausgeberin der Innsbrucker Literaturzeitschrift INN. Die Autorin lebt in Mils in Tirol. Werke: Wasser für Franek. Erzählungen (Haymon 1993), Mitten im Weg. Roman (Haymon 1997). Bei Skarabaeus: Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen. Erzählungen (2003), Frauen im Schlafrock. Roman (2005), Schuhe für Ruth. Roman (2008). Weiters Hörspiele, Theatertexte (Hopp und Tropp oder wie gewöhnt man sich ans Abschiednehmen) und Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Auszeichnungen: Literaturstipendium des Landes Tirol, 1994; Kulturpreis der Stadt Innsbruck für literarisches Schaffen, 2002.



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