Pucher | Öl auf Leinwand | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2, 402 Seiten

Reihe: Wolf

Pucher Öl auf Leinwand


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5501-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 402 Seiten

Reihe: Wolf

ISBN: 978-3-6951-5501-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Obwohl sich Wolfs neue Gastwirtschaft, das Tischchen Deck Dich, als wahre Goldgrube erweist, treibt ihn eine Steuerforderung beinahe in den Ruin. Glücklicherweise darf er mit einer großzügigen Belohnung rechnen, sollte es ihm gelingen, König Ferdinand von Vorwald eine Gemahlin zu verschaffen. Die Aufgabe erscheint ihm durchaus lösbar. König Ferdinand stellt keine hohen Ansprüche. Seine Braut muss lediglich durch ihre makellose Schönheit überzeugen. Um die perfekte Kandidatin ausfindig zu machen, veranstaltet Wolf den ersten Schönheitswettbewerb in der Geschichte Siebenbergens. Doch das Ereignis wird vom Treiben eines blaubärtigen Unholds überschattet, der seit Monaten junge Frauen verschleppt. Als man Hexenmeister Fitcher dieser Taten bezichtigt, sieht sich Wolf genötigt, einzuschreiten. Unterstützt von seiner Mitbewohnerin, Prinzessin Allerleirauh, macht er sich daran, die wahre Identität des Entführers aufzudecken. Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht. Bald endet die Zahlungsfrist des Steuereintreibers. Für Wolf geht es diesmal um die Wurst.

Der 1964 geborene Autor lebt und arbeitet in Wien. Nachdem er 20 Jahre lang als grundsolider Angestellter in der Privatwirtschaft sein Brot verdient hatte, beschloss er 2005, sich vornehmlich dem Schreiben zu widmen. Freunde kennen ihn als verlässlich, korrekt und zurückhaltend, was ihn von seinen Protagonisten deutlich unterscheidet. Die zeigen allesamt wenig Hemmungen, ihre dunkelsten Abgründe auszuleben. Neben seiner Autorentätigkeit wirkt Robert Pucher seit 2015 auch als Designer. Dabei entstehen hauptsächlich Muster für Stoffe, Tapeten und alles, was nach einer kreativen Gestaltung schreit. Und vieles schreit. Man muss nur genau hinhören.
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Der Erstgeborene


»Erinnerst du dich, als wir zum ersten Mal bei Hexenmeister Fitcher waren?«, fragte Läuschen.

»Allerdings«, bestätigte Wolf. »Das ist gerade ein Dreivierteljahr her.«

»Das Haus sieht genauso aus wie damals. Gruselig. Brr.«

»Und doch wirkt es auf eine seltsame Art und Weise heimelig«, fand Flöhchen.

Wolf blieb skeptisch. »Es ist geräumig, ja. Dennoch würde ich hier um nichts in der Welt leben wollen. Mir ist das zu weit weg vom Schuss.«

Beharrlich ignorierte er die Bisse der Ameisen, die sich durch sein Fell kämpften, da er sich mitten auf eine ihrer Hauptverkehrsstraßen gelegt hatte.

Nach einem langen Fußmarsch war er im dunkelsten Teil des Dunklen Waldes angekommen, wo die Bäume so nah beieinanderstanden und ihre Kronen so dicht waren, dass der Waldboden selbst an einem strahlenden Tag wie diesem in Dämmerlicht gehüllt war.

Wie bei seinen bisherigen Besuchen hielt sich Wolf hinter einer krummen Tanne verborgen und fixierte die Veranda, bereit, jederzeit loszustürmen. Zwischen ihm und dem Hexenmeister hatte sich so eine Art Spiel entwickelt, bei dem es Wolfs Aufgabe war, die Türe zu erreichen und die Glocke zu läuten, bevor der Hausherr öffnete. Das war Wolf noch nie gelungen.

»Du solltest dich sputen, sonst schaffst du es wieder nicht«, riet ihm Läuschen, das scheinbar Wolfs Gedanken las.

»Hast du eine Ahnung, was Fitze diesmal von uns will?«, erkundigte sich Flöhchen.

Wolf schmunzelte. »Von will er gar nichts. hat er seinen Nachrichtenraben geschickt. hat er gebeten, ihn aufzusuchen.«

»Gebeten? So, wie sich der Rabe ausgedrückt hat, klang es eher nach einem Befehl.«

»Aber was! Die Zeiten, in denen er mir Befehle erteilt hat, sind vorbei. Inzwischen begegnen wir einander auf Augenhöhe. Ich vermute, er will sich erkundigen, wie es um sein Knusperhäuschen steht. Also gut, auf geht’s!« Wolf duckte sich, seine Muskeln und Sehnen waren gespannt. »Drei, zwei, eins …«

Lautlos kurvte er um die Tanne, huschte auf die Veranda zu, sprang die Stufen hinauf und kam vor einer dürren, ganz in Schwarz gekleideten Gestalt zu stehen.

»Du kommst spät«, brummte Fitcher. Er bedachte Wolf mit einem strengen Blick. Wie immer trug er seinen schäbigen, knöchellangen Mantel, den verbeulten Hut, dessen Krempe er tief in die Stirn gezogen hatte, und die Handschuhe aus Schweinsleder, die er nicht einmal im Sommer ablegte. »Vor gut vier Stunden schickte ich den Raben los. Muss ich darauf hinweisen, dass ich mehr Eifer erwarte, wenn ich dich vorlade?«

»Na ja, ich hatte einiges zu erledigen und …«

Der Hexenmeister brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. »Putz dir die Füße ab, bevor du das Haus betrittst!«, befahl er. »Der Boden wurde frisch gewachst.«

Wolf tat, wie ihm geheißen und folgte Fitcher in die Küche.

Nachdem der Hexenmeister zwei Gläser mit Wasser gefüllt hatte, bewegte er seine hagere Gestalt auf den Esstisch zu. »Setz dich zu mir!«, forderte er seinen Gast auf.

»Weshalb hast du mich kommen lassen?«, wollte Wolf wissen. »Geht es um das Knusperhäuschen? Ich halte es auftragsgemäß in Schuss. Über den Winter habe ich es komplett renoviert, schadhafte Teile der Wände und des Dachs ausgebessert. Jetzt sieht es aus wie neu. Innen wie außen.«

»So soll es sein.« Fitcher nickte. »Es obliegt deiner Verantwortung, dass es beim nächsten Sturm nicht auseinanderfällt. Bei Gelegenheit werde ich mich von der ordnungsgemäßen Instandhaltung persönlich überzeugen.«

»Ich mache sogar regelmäßig sauber«, bemerkte Wolf, wobei er nicht darauf einging, wie groß die Intervalle waren, die die Regel definierten.

Damit gab sich Fitcher nicht zufrieden. »Hast du die Wände gestrichen und den Kamin gereinigt?«

Dazu hatte die Zeit nicht gereicht. Wolf besaß nur zwei Hände, im übertragenen Sinn, und sein neues Erfolg versprechendes Projekt nahm ihn rund um die Uhr in Anspruch.

»Das erledige ich demnächst«, versprach er. »Irgendwann … bald.«

»Zudem wünsche ich, dass du die Hecke stutzt und Blumen vor dem Haus pflanzt, damit alles hübsch aussieht.«

»Um die Pflanzen kümmere ich mich morgen«, versicherte Wolf. Dabei dachte er weniger an Blumen als an das Gute-Laune-Kraut, das er hinter dem Knusperhäuschen anbauen wollte.

»Morgen. Aha.« Der Hexenmeister verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. »Was die Umsetzung meiner Befehle betrifft, dulde ich keinen Aufschub. Da ich dich mietfrei in meinem Haus wohnen lasse, bist du mir das schuldig.«

Wider besseres Wissen erhob Wolf Einspruch: »Schon klar, schon klar. Als wir die Vereinbarung geschlossen haben, nahm ich allerdings nicht an, dein Diener zu sein. Wie du weißt, muss ich meinen eigenen Geschäften nachgehen.«

»Diener? Ich betrachte dich keineswegs als Diener«, zischte Fitcher. »Befehle ich dir etwa, Tätigkeiten hier in meinem Haushalt zu übernehmen, zu kochen, zu servieren, meine Kleidung zu waschen und zu bügeln, mir meine Hausschuhe zu bringen? Sollte es dir ein Bedürfnis sein, diese Agenden zu übernehmen, können wir diesbezüglich gerne eine Abmachung treffen.«

Wolf winkte ab. »Nein, danke. Ich bin mit meiner Arbeit vollends ausgelastet.«

»Ist das so? Mhm, mhm.« Fitcher nickte kaum merkbar. »Apropos, sie stehen im Flur. Wärst du so freundlich?«

»Was?« Wolf stierte ihn an. »Was steht im Flur?«

»Meine Pantoffeln. Es sind die beigebraun-karierten.«

»Ich verstehe.«

Wolf trottete hinaus, holte die Schuhe und ließ sie vor dem Hexenmeister auf den Boden fallen. »Bitteschön«, knurrte er. »Kann ich noch etwas für dich tun?«

Fitcher überhörte die Ironie in Wolfs Frage. »Jetzt sehe ich das Schuhwerk zwar, doch fühle ich es nicht an meinen Füßen.« Auffordernd streckte er seine Beine aus. »So ist es recht«, lobte er, als ihm Wolf die Pantoffeln auf die Füße schob.

»War’s das?«, knurrte Wolf. »Bin ich deshalb den weiten Weg hierhergekommen, um dir deine Hausschuhe zu bringen?«

»Ich wünschte, es wäre so.« Nachdenklich kratzte sich der Hexenmeister am Kinn. »Aber nein, es gibt Wichtigeres, das ich mit dir bereden möchte. Unheil braut sich zusammen. Unannehmlichkeiten kommen auf mich zu, deren Abwehr deine Unterstützung erfordert. Komm mit!«

Er verließ die Küche und stakste durch den Flur bis zur Hinterseite des Hauses, wo eine steile Treppe in den Keller hinabführte. Dort fischte er eine Kerze aus seiner Manteltasche und entzündete sie.

»Wie du dich wahrscheinlich erinnerst, warst du schon einmal da unten«, sagte er. »Weißt du noch?«

Allerdings, dachte Wolf. Wie könnte er diesen grauenvollen Ort jemals vergessen?

Vorsichtig stieg er hinter dem Hexenmeister die Stufen hinab, bis sie vor der schweren, eisenbeschlagenen Holztür standen. Fitcher entriegelte alle drei Schlösser und forderte ihn auf einzutreten.

»Was soll ich hier?«, erkundigte sich Wolf.

»Eins nach dem anderen. Du wirst es früh genug erfahren.«

Der Hexenmeister hatte es nicht eilig. Bedächtig und ohne ein Wort zu verlieren, entfachte er die Fackeln, die an den Wänden in eisernen Halterungen steckten. In ihrem flackernden Schein erkannte Wolf die Steinwanne, die mit getrockneten Blutflecken übersät war, die Holzpritsche mit den Lederriemen und die schweren Eisenketten, die von der Steinmauer baumelten. Was immer hier früher vorgefallen war, die Einrichtungsgegenstände hatten wohl nicht dem Amüsement etwaiger Gäste gedient.

Am hinteren Ende des Raums befand sich der mit grünem Filz bezogene Spieltisch, der so gar nicht zum restlichen Ambiente passte. Über ihm hing dieses eigenartige Gemälde an der Wand, das einen Mann zeigte, der seine Hände an beide Wangen presste und dabei Mund und Augen aufriss.

»Wieso zeigst du mir das alles?«, wollte Wolf wissen. »Dein Freizeitraum ist mir vertraut.«

»Vielleicht hörtest du davon«, begann Fitcher. »Seit geraumer Zeit verschwinden in Siebenbergen junge Frauen.«

Wolf war nichts dergleichen zu Ohren gekommen. »Nein, ich bedaure …«

Der Hexenmeister unterbrach ihn mit scharfer Stimme. »Lass mich ausreden! Die Sache ist ernst. Ein bislang unbekannter, augenscheinlich gut situierter Herr entlockt diese Mädchen ihren Familien unter dem Vorwand, sie zu ehelichen. Doch weder fand jemals eine Hochzeit statt noch tauchte eine der Betroffenen wieder auf.«

»Tja, ich bin nicht der mysteriöse Bräutigam«, lächelte Wolf.

»Das ist mir klar.« Fitcher ließ sich auf dem Rand der Wanne nieder und griff nach einem langen Messer. Vorsichtig, fast zärtlich...



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