E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Pucher / Prolibris Verlag Katerfrühstück
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95475-092-4
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wien-Krimi
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-95475-092-4
Verlag: Prolibris
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor unserer Wien Krimis Katerfrühstück und Rattenfalle, Jahrgang 1964, lebt und arbeitet in Wien. Er hat ein Faible für schräge Charaktere. Zwanzig Jahre lang war er als grundsolider Angestellter in der Privatwirtschaft tätig, ehe ihn ein Wink des Schicksals veranlasste, endlich auf seine Kreativität zu setzen. Freunde beschreiben ihn als verlässlich, korrekt und zurückhaltend. Dies gilt jedoch nicht für seine Protagonisten. Doppler, Reichenbach und Konsorten zeigen wenig Hemmungen, ihre Abgründe auszuleben. Entsprechende Rückschlüsse auf die Innenwelt des Autors entbehren selbstverständlich jeglicher Grundlage und werden von ihm aufs Schärfste zurückgewiesen.
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2
Herr Wosczynski, seines Zeichens Obmann der „Bürgerwehr gegen Drogen, Kriminalität und Kulturschande”, geriet in Rage. Seine morgendliche Routine war empfindlich gestört worden. Wie gewohnt hatte er das tägliche Fitnessprogramm, die Körperpflege, das kleine aber deftige Frühstück samt Lektüre der Tageszeitung und das Ankleiden exakt im dafür vorgesehenen Zeitplan bewältigt. Hatte eine leichte beigefarbene Sommerjacke übergeworfen, seinen Hut aufgesetzt und sich auf den Weg zur Arbeit gemacht. Weit war er jedoch nicht gekommen.
„Eine bodenlose Frechheit!”, entfuhr es ihm.
Erzürnt stand er vor seinem in Würde gealterten Opel und starrte auf den Rückspiegel, der demoliert neben der Fahrertür lag. Seit Jahrzehnten wohnte er nun hier in Dornbach, am Fuße des Schafbergs, doch eine so ungeheuerliche Provokation war ihm bislang noch nie untergekommen. Solche Scherze billigte er nicht! Und noch weniger billigte er jene Nachbarn, die sich solche unverschämten Scherze erlaubten! Er hob das Corpus Delicti auf, eilte ins Haus zurück und erbat telefonisch von seinem Vorgesetzten einen Urlaubstag. Als sein Chef erfuhr, dass sein Angestellter Opfer eines Verbrechens geworden war, machte er natürlich keine Schwierigkeiten.
Herr Wosczynski war ein Mann schneller Entscheidungen. Nach einer kurzen, aber intensiven Nachdenkpause stand der Hauptverdächtige fest und er vor dessen Haustüre, gegen die er unaufhörlich hämmerte und trat, nicht ohne dabei lauthals wüste Beschimpfungen auszustoßen. Ewald Kollos wiederum, im Profiboxmilieu besser bekannt unter dem Namen „Roter Koloss”, zeigte sich über die freche Ruhestörung, die ihn unsanft aus dem Bett beförderte, wenig erfreut und ließ Herrn Wosczynski mit viel Nachdruck und Schlagfertigkeit an der Richtigkeit seiner Handlungsweise zweifeln.
Nachdem er seine schmerzenden Gliedmaßen zurechtgebogen und den Fehlschlag grollend verdaut hatte, war Herr Wosczynski bereit, seine Untersuchungen fortzusetzen. Entschlossen wandte er sich der Nummer zwei in der Hitliste tatverdächtiger Personen zu. Die geschwätzige Offizierswitwe, die drei Häuser weiter wohnte, war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Nicht nur, dass sie es anscheinend zu ihrem Lebensziel gemacht hatte, die unglaublichsten Gerüchte über sämtliche Bewohner der Siedlung in die Welt zu setzen, fand sie es auch völlig in Ordnung, Tag für Tag ihren fetten Pekinesen in seiner Garteneinfahrt die Notdurft verrichten zu lassen.
Doch als er mit Gewalt in ihr Grundstück eindringen wollte – die Witwe hielt ihr Gartentor aus Angst vor Einbrechern, Mördern, Vergewaltigern und den Zeugen Jehovas ständig versperrt – stellte er fest, dass ein Kraftaufwand gar nicht mehr nötig war. Ohne Zweifel war ihr Holzzaun ebenfalls Opfer eines Vandalenakts geworden. Wosczynski musste zugeben, dass diese Tatsache die Offizierswitwe merklich entlastete. So verzichtete er vorerst auf ihre Einvernahme.
Zunehmend desillusioniert machte er sich an die Befragung der übrigen Anrainer, die zu seinem Leidwesen keine, aber auch gar keine brauchbaren Hinweise auf die frevelhafte Schändung seines Wagens brachte. Die Hoffnung, den Täter in einer Blitzaktion aus dem Verkehr ziehen zu können, schwand bereits merklich dahin, als er sich dem letzten Haus in der Seemüllergasse näherte.
*
Monikas nackter Körper, der Daniel unter normalen Umständen aufs Höchste erregt und ihn seiner Sinne beraubt hätte, tat an diesem Morgen lediglich das Zweite. Die Leiche war von unzähligen Stichverletzungen entstellt. Geschockt kniete er neben der Badewanne und beobachtete Vincent, der sich angesichts seiner leeren Futterschüssel widerwillig an dem geronnenen Blut versuchte. Daniel begann zu weinen.
Wer hatte das getan?, schoss es ihm immer wieder durch den Kopf, bevor sich allmählich der Verdacht breitmachte, dass die Frage richtigerweise lauten müsste: Was hatte er getan? Verzweifelt presste er die Hände vor sein Gesicht. Verdammt noch einmal, was war am Vortag passiert?
Da war er im Park ... die ekelhafte Taube ... Die beiden Frauen auf der Uferböschung, die lärmenden Kinder ... Dann war Monika gekommen, um ihm die übliche Absage zu erteilen ... Und dann?
Sein unkontrollierter Wutausbruch war das Letzte, das sich in sein Gehirn eingebrannt hatte. Aber was war danach geschehen? Wozu, um Himmels Willen, hatte er sich in seinem Zorn, seiner Ohnmacht hinreißen lassen?
So sehr er sich bemühte, es gelang ihm nicht, das Blackout zu überwinden. Angestrengt suchte er nach einer Erklärung. Vielleicht hatte er mit dem Mord überhaupt nichts zu tun. Wie aber kam die Leiche ausgerechnet in seine Wanne?
Daniel war ratlos. Es gab zu viele Fragen, die unbeantwortet blieben, und Mutmaßungen halfen ihm jetzt nicht weiter. Er beschloss, seinem Selbsterhaltungstrieb zu folgen und die arme Monika irgendwie verschwinden zu lassen. Wie in Trance rappelte er sich auf und stolperte in die Küche. Vorsorglich streifte er Marias Gummihandschuhe über, und kehrte mit fünf großen Plastikmüllsäcken, einer Rolle Schnur und einer Schere ins Bad zurück.
Vincent ließ sich nur widerwillig von seinem neuen Betätigungsfeld vertreiben. Beleidigt bezog er unter dem Waschbecken Stellung und beobachtete das Geschehen.
Fünfzehn Minuten später zerrte Daniel das gut verschnürte Paket in den Vorraum. Wie im Film, dachte er. Nur dass die Szene nicht einem billigen Hollywood-Drehbuch entsprang, sondern schrecklich real in seinem Haus stattfand. Er packte die Leiche und hievte sie über seine linke Schulter. Als er bemerkte, dass Monika doch nicht so leicht war, wie sie ausgesehen hatte, war es bereits zu spät. Daniel geriet ins Taumeln und steuerte unaufhaltsam auf die Kellertreppe zu. Fest entschlossen, die makabere Last nicht fallen zu lassen, blieb ihm keine Hand frei, um sich abzustützen. Er kippte nach vorn und polterte dicht gefolgt von Monikas sterblichen Überresten die Treppe hinunter. Der Kohlehaufen dämpfte zwar seinen Aufprall, doch der Leichnam knallte mit voller Wucht gegen seinen Rücken. Einer seiner Brustwirbel knackste bedenklich.
Das nächste Geräusch war das Läuten der Türglocke. Daniel wagte nicht zu atmen ... Das war’s, schoss es ihm durch den Kopf. Die Polizei! Jetzt hatten sie ihn.
Regungslos lag er da. Wenn er keinen Mucks von sich gab, würde der ungebetene Besuch vielleicht von selbst verschwinden ... Er täuschte sich. Das Läuten wurde drängender. Er hätte es wissen müssen. Ein Einsatzkommando gab so schnell nicht auf. Resignierend befreite er sich von der drückenden Last Monikas, und festen Willens, das gleiche für sein Gewissen zu tun, schlich er die Kellerstiege hinauf.
*
Im ersten Augenblick fiel es Herrn Wosczynski schwer, den völlig eingeschwärzten Menschen mit den gelben Gummihandschuhen zu erkennen. Das wirre Gestammel und der geistesabwesende Blick ließen jedoch keine Zweifel aufkommen, dass es sich nur um diesen seltsamen Reichenbach handeln konnte, der wieder weiß Gott was trieb!
Später, als der Obmann der „Bürgerwehr gegen Drogen, Kriminalität und Kulturschande” seine Ermittlungen in der Nachbarschaft rekapitulierte und sich dazu einige Notizen machte, dachte er, wie hilflos und einfältig Reichenbach gewirkt hatte. Er mochte seine dunklen Seiten haben, aber Gewalttaten ... Nein, das traute er diesem Spinner eigentlich nicht zu. Abgesehen davon war Frau Reichenbach eine ausgesprochen angenehme Erscheinung, für die Wosczynski stets ein paar freundliche Worte übrighatte, wenn er sie auf der Straße sah und insgeheim seine ganz eigenen Gedanken hegte, die er selbstverständlich nicht auszusprechen wagte. Nun, zumindest vorerst nicht. Aber wer weiß? Vielleicht würde seine Zeit noch kommen, wenn sie diesen Taugenichts an ihrer Seite endlich satthatte. Frau Reichenbach verdiente, da war sich Wosczynski sicher, etwas Besseres. Jemanden, der ihr ein anständiges Leben bieten konnte und für sie sorgte. Und dann ...
Er wischte den angenehmen Tagtraum beiseite. Zuerst galt es, die Aufklärungsarbeit abzuschließen und mit dem Gesindel, das glaubte die Nachbarschaft terrorisieren zu können, gehörig aufzuräumen. Und er würde einen Besen fressen, wenn dieser brutale Kollos nicht seine Hände im Spiel hatte. So etwas spürte Herr Wosczynski im Urin!
*
Ein paar Häuser weiter atmete Daniel erleichtert auf. Die Polizei war ihm also noch nicht auf der Spur. Aber das Gefasel seines Nachbarn über demolierte Rückspiegel und Gartenzäune hatte ihn mehr verwirrt, als ihm in seiner Lage lieb gewesen war. Kurzerhand hatte er die Haustüre vor Herrn Wosczynski zugeknallt, ohne auf dessen Leid näher einzugehen. Dafür fehlte ihm im Moment die innere Ruhe. Dazu kam, dass er diesen alten reaktionären Saubermann, der Maria bei jeder Gelegenheit mit gekünsteltem Charme zu umgarnen versuchte, nicht ausstehen konnte.
Daniel stieg in den Keller hinab, schaffte die verpackte Leiche in die angrenzende Garage und verstaute sie im Kofferraum von Marias Golf. Danach reinigte er die Fußböden, das Bad, im Besonderen die Badewanne, anschließend sich selbst und letztlich nochmals die Badewanne. Er kleidete sich an, kämmte sein zerzaustes Haar und betrachtete ernst sein Spiegelbild. So sah also ein Mörder aus! Weil er das nun wusste, überkam ihn eine eigenartige Ruhe....




