E-Book, Deutsch, 319 Seiten
Pucher Viktor geht hinaus
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7565-8513-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 319 Seiten
ISBN: 978-3-7565-8513-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der 1964 geborene Autor lebt und arbeitet in Wien. Nachdem er 20 Jahre lang als grundsolider Angestellter in der Privatwirtschaft tätig gewesen war, beschloss er 2005, sich vornehmlich dem Schreiben zu widmen. 'Viktor geht hinaus' ist sein fünfter Roman. Neben seiner Autorentätigkeit wirkt Robert Pucher seit 2015 auch als Designer.
Autoren/Hrsg.
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DIE LAUS AUF DER LEBER 1
Geräusch Nummer vier: Das surrende, polternde Rollen. Ganz am Anfang hat Viktor an einen Ball gedacht, den das Russenkind quer durch den Raum schießt, doch ein Ball kann es nicht sein, jedenfalls kein normaler aus Plastik. Der wäre zu leicht, den hätte man nicht gehört. Also hat er bald ein anderes Bild vor Augen gehabt. Das Russenkind sitzt auf einem Dreirad oder in einem Tretauto und fährt in seinem Zimmer auf und ab. Dass es das Kind ist, das das Geräusch Nummer vier verursacht, ist so gut wie sicher, weil Viktor es quietschen und lachen hört. Seit gut einer halben Stunde geht das schon so, direkt über seinem Schlafzimmer. Das Russenkind rattert vom Fenster zur Tür und zurück, hin und her, immer wieder. Zweiundzwanzig Uhr ist Schlafenszeit. Das ist vor knapp vierzig Minuten gewesen.
Viktor hat sich bis zum Kinn in seine Tuchent eingerollt. Er wälzt sich einmal nach links, dann nach rechts. Nur nützt das nichts. Wenn er auf dem linken Ohr liegt, hört er den Lärm mit dem rechten, liegt er auf dem rechten Ohr, hört er den Lärm mit dem linken, und beides ist nicht besser, als würde er das Russenkind mit beiden Ohren hören.
Damit er nicht länger hinauf zur Decke starrt oder auf die Zeitanzeige vom Wecker, presst Viktor die Augen so fest zu, dass er rote Streifen sieht und fliegende Punkte. Als er das letzte Mal die Uhr kontrolliert hat, ist es zweiundzwanzig Uhr vierunddreißig gewesen. Davor zweiundzwanzig Uhr siebenundzwanzig und noch einmal davor zweiundzwanzig Uhr einundzwanzig. Diesmal muss er es mindestens zehn Minuten schaffen, nicht auf den Wecker zu schauen, hat er sich vorgenommen.
Gerade rollt das Russenkind wieder los. Etwas scheppert. Für zwei, drei Sekunden ist es still, dann beginnt es zu weinen. Nein, es weint nicht, es heult wie ein Wolf. Es ist wo dagegen gefahren, denkt Viktor. Mit vollem Karacho. Gegen die Tischkante oder den Schrank, und jetzt plärrt es, weil es sich wehgetan hat und vielleicht sogar blutet. Das würde Viktor gefallen. Es gehört sich zwar nicht, anderen Menschen etwas Schlechtes zu wünschen, hat die Mama gesagt, aber dem Russenkind vergönnt er die Schmerzen trotzdem, denn die Mama hat auch gesagt, dass jedes Unrecht irgendwann bestraft wird.
Warum ist das Kind überhaupt noch auf? Es ist vier Jahre alt. Es müsste längst im Bett liegen und schlafen. Dafür sollte seine Mutter sorgen, doch die tut nichts. Die Russin unternimmt nie etwas, und einen Vater, der ein Machtwort sprechen würde, gibt es nicht. Bei Viktor ist das anders gewesen. Er hat einen Vater und bei dem hat er um neunzehn Uhr im Bett sein müssen, auf die Minute, obwohl er schon in die Volksschule gegangen ist. Diskussionen hat es nicht gegeben. Da hat Viktor noch so betteln können, weil er sich Knight Rider im Fernsehen anschauen hat wollen. Wenn der Vater nein gesagt hat, war das ein Nein.
Zum Trost hat die Mama Viktor eine Gutenachtgeschichte vorgelesen. Eine mit einer Prinzessin, einer Fee und einem Einhorn. Viktor hat die Geschichte gemocht, und er hätte sich gewünscht, dass die Mama mit dem Vorlesen nie aufhören würde, aber kurz vor dem Ende hat sie das Buch zugeklappt und das Licht abgedreht. Den Rest erzählt sie ihm morgen, hat sie versprochen und sich eine Weile zu ihm ins Bett gekuschelt. Viktor hat nie erfahren, wie das Abenteuer von der Prinzessin, der Fee und dem Einhorn ausgegangen ist, weil die Mama am nächsten Tag mit dem Vorlesen wieder von vorne begonnen hat.
Das Russenkind plärrt immer lauter. Dazu setzt Geräusch Nummer zwei ein. Das Fauchen vom Durchlauferhitzer. Wasser rauscht durch die Leitung und prasselt in die Badewanne. Die Russin duscht. Mitten in der Nacht. Zweiundzwanzig Uhr einundvierzig steht auf dem Wecker. Jetzt hat Viktor erst wieder hingeschaut. Es sollte eine Hausordnung geben, findet er. Eine, in der steht, dass man nach zweiundzwanzig Uhr nicht mehr duschen darf, und am besten auch, dass jeder andere Lärm zu jeder anderen Zeit strengstens verboten ist. Zu Hause bei den Eltern hat es eine solche Hausordnung gegeben. Der Vater hat sie persönlich aufgestellt. Wenn er nach der Arbeit auf der beigefarbenen Wohnzimmercouch gesessen ist und die Zeitung gelesen hat, wollte er nicht gestört werden. Oder später beim Abendessen. Oder wenn er sich danach im Fernsehen die Nachrichten angesehen hat. Da hat niemand etwas sagen dürfen. Nicht einmal die Mama.
Ein dumpfer Knall schreckt Viktor auf. Ihm bleibt fast das Herz stehen. Der Knall ist neu. Der ist keines der Geräusche, die er nummeriert hat. Das Russenkind schreit nicht mehr, es brüllt. Und wieder knallt es, dass die Wände zittern. Das muss das Dreirad sein oder das Tretauto. Vermutlich steht das Kind da, mit hochrotem Kopf, hebt es in die Höhe und schleudert es mit voller Wucht auf den Boden. Genau über Viktors Schlafzimmer, genau über ihm.
Viktor zählt die Sekunden. Auf die Uhr sehen darf er ja nicht. Und dann, nachdem das Wasserrauschen endlich aufhört, kommt die Russin oben angetrampelt, hat wahrscheinlich nur ein Handtuch um sich gewickelt und beginnt, mit dem Kind zu schreien. Das Kind schreit zurück. Etwas scheppert, klirrt, zerbricht.
Jetzt ist es genug. Viktor richtet sich auf. Jetzt wird er tun, was er schon längst hätte tun sollen, aber nie getan hat, obwohl er es sich oft und oft vorgenommen hat, in allen Einzelheiten.
Nein, lass es, sagt Katharina. Du machst dir nur Schwierigkeiten. Sei vernünftig, es wird schon aufhören.
Das sagt sie immer. Aber es hört nicht auf. Es wird nie aufhören. Den Lärm hat er jeden Tag.
Lass es, wiederholt sie leise.
Viktor weiß, dass sie es gut meint. Sie will ihn beruhigen, aber das funktioniert nicht. Er greift zu ihr hinüber und streichelt ihren warmen Bauch.
»Es muss sein«, flüstert er. Er will nicht, dass Katharina böse auf ihn ist. Er möchte, dass sie ihn versteht. »Diesmal muss es sein.«
Viktor schlüpft in seine Hausschuhe. Er holt seinen Morgenmantel aus dem Wandschrank im Vorzimmer und zieht ihn an. Er weiß, was sich gehört. Anderen Menschen kann man nicht im Pyjama gegenübertreten. Unmöglich. Wie sieht das denn aus? Als wäre man ein Verrückter, der aus der Irrenanstalt entsprungen ist.
Erst jetzt dreht er das Licht auf und schaut sich im Spiegel an. Der Morgenmantel ist rot und gelb gestreift und hat einen roten Gürtel. Die Mama hat ihm den Mantel geschenkt. Vor sechs Jahren, zu seinem dreißigsten Geburtstag. Es ist das erste Mal gewesen, dass er keinen selbst gestrickten Pullover von ihr gekriegt hat, weil die Mama damals wegen ihrer Gicht nicht mehr so gut stricken hat können.
Viktor geht ins Wohnzimmer und nimmt das Fotoalbum aus der untersten Lade der Anrichte. Es ist so dick und schwer, dass er es mit beiden Händen hochheben muss. Vier Kilo wiegt es. Das hat er überprüft, indem er einmal mit und einmal ohne Album auf die Badezimmerwaage gestiegen ist und dann vom Gewicht mit Album das Gewicht ohne Album abgezogen hat.
Viktor hat eine schwerwiegende Vergangenheit, hat Clarissa einmal spaßeshalber gesagt. Das ist ein Wortspiel gewesen, das er nicht gleich verstanden hat. Sie hat es ihm erst erklären müssen, dann hat er gelacht.
Bevor er die Wohnung verlässt, streicht er mit den Fingern über die grüne Schlangenhaut vom Einband. Es ist keine echte Schlangenhaut. Sie ist aus Plastik, aber die Schuppen fühlen sich trotzdem angenehm an.
Viktor atmet dreimal tief ein und aus. Aus dem Bauch heraus. So kann er seine Angst kontrollieren, hat er gelernt. Aber es funktioniert nicht immer. Es kommt auf die Verfassung an. An guten Tagen, ja, an schlechten, nein. Er öffnet die Tür und hebt den rechten Fuß über die Schwelle. Das heißt, er will den rechten Fuß über die Schwelle heben, nur der Fuß will das nicht. Viktor probiert es mit dem linken. Mit dem geht es leichter.
Drüben bei Clarissa ist es still. Wahrscheinlich ist sie ausgegangen. Clarissa geht gerne aus. Auch unter der Woche, wenn sie am nächsten Tag zeitig aufstehen und arbeiten muss. Viktor hat keine Ahnung, wie sie das schafft. Er könnte das nicht. Er braucht mindestens acht Stunden Schlaf. Deswegen liegt er meistens um zweiundzwanzig Uhr im Bett und das, obwohl er nicht arbeitet.
Gleich neben seiner Wohnungstür ist der Lichtschalter. Viktor knipst das Ganglicht an und steigt die Treppe hinauf, ganz leise, auf Zehenspitzen. Im Gegensatz zu den Russen ist er ein rücksichtsvoller Mensch. Er käme nie auf die Idee, andere zu belästigen.
Stumm zählt er die Stufen. Achtzehn sind es und ein Treppenabsatz auf halbem Weg. Im ersten Stock gibt es nur die Russenwohnung und den Dachboden gegenüber. Viktor lauscht an der Tür. Vom Kind ist nichts zu hören, dafür dröhnt der Fernseher. Eine Minute will er der Russin noch geben. Eine Minute, nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht kommt sie von selbst zur Vernunft und dreht die Lautstärke zurück, dann könnte er sich das alles sparen und wieder hinuntergehen, als wäre nichts gewesen.
… siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig. Die Zeit ist um. Viktor drückt auf die Klingel, aber die gibt keinen Ton von sich. Zur Sicherheit tippt er nochmals auf den Schalter. Nichts. Die Glocke ist kaputt. Das passt zu den Russen. Russen sind schlampige Menschen, denen alles egal ist.
Wieder macht er seine Atemübung gegen die Aufregung. Jetzt muss er klopfen und das möchte er eigentlich nicht, weil Klopfen unhöflich ist. Das hat etwas Bedrohliches. Die Polizei klopft, wenn sie kommt, um einen Verbrecher festzunehmen, oder die Geldeintreiber von der Mafia, bevor sie ihrem Opfer die Kniescheiben brechen. Viktor kennt das alles aus Filmen. Als er an die Tür pocht, wird der Fernseher leiser. Gleich wird sie dastehen,...




