E-Book, Deutsch, Band 62, 204 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
Puljic / Dee Das Haus Zamis 62 - Hexenjagd
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95572-262-3
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 62, 204 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
ISBN: 978-3-95572-262-3
Verlag: Zaubermond Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Einst erhielt Monsignore Tatkammer den Auftrag, die sieben Todsünden in einem Gemälde festzuhalten. Doch dafür muss er sie selbst erfahren. Er ahnt nicht, dass nicht sein Gott, sondern ein ganz anderer ?Herr? fortan seine Schritte lenkt - bis in die Gegenwart hinein ... Steckt dieser Unbekannte auch hinter dem Todesimpuls, den Coco Zamis plötzlich auf schmerzhafte Weise verspürt und der nur bedeuten kann, dass eines ihrer engsten Familienmitglieder getötet worden ist?
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Kapitel 2
Der Schreck vertrieb die Wut aus Tathammers Hirn und machte endlich Platz für das, was er als sein Menschsein empfand: Seine Vernunft kehrte zurück und damit auch sein Gewissen. Was hatte er getan? Er hatte einen Menschen getötet! Einen Priester. Einen Mann, dem er vermutlich sein Leben verdankte!
»Ich … Ich wollte das nicht«, wisperte er.
Aber du hast es genossen, antwortete die leise Stimme in seinem Kopf.
»Nein! Es war Notwehr!«
Der erste Schlag vielleicht. Aber die danach?
»Er hätte mich nur in Ruhe lassen müssen …«
Tatkammer wusste, dass er sich selbst belog. Er hatte nicht versucht, sich zu schützen. Er hatte den Pfarrer geschlagen, weil er ihn für einen kurzen Augenblick gehasst hatte, aus tiefstem Herzen. Aber er hatte ihn nicht töten wollen!
Mittlerweile trocknete der Schweiß der körperlichen Anstrengung auf Tatkammers Stirn, doch sein Herz pochte nach wie vor viel zu schnell. Ob gewollt oder nicht, er war ein Mörder. Die blutige Pfütze zu seinen Füßen breitete sich immer weiter aus. Er musste hier verschwinden.
Keuchend sah er sich um. Das kleine Fenster, durch das das Sonnenlicht in die Stube drang, war zu schmal für ihn. Ein Kind hätte vielleicht hindurchgepasst, aber nicht ein erwachsener Mann.
Damit blieb nur die Tür, aber er wusste nicht, wohin die führte. Was, wenn er damit erneut mitten in eine Menschengruppe platzte, blutbesudelt – und jemand nach dem Pfarrer sah?
Nachdem er eine Weile unschlüssig ausgeharrt hatte, griff er nach dem Türholz und zog es weit genug auf, dass er den Kopf hindurchstecken konnte.
Stille empfing ihn. Vor ihm lag ein Raum, nur wenig größer als der, in dem er aufgewacht war. Er enthielt einen niedrigen Herd, in dem das Feuer erkaltet war, einen Tisch mit drei Stühlen, einen groben Teppich, der die hölzernen Dielen bedeckte – und eine weitere Tür. Rasch durchquerte Tatkammer den Raum, doch als er diesmal nach draußen spähte, prallte er zurück.
Draußen herrschte strahlender Sonnenschein, was bedeutete, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, das alt genug war, um einen Buckelkorb zu tragen, vermutlich draußen auf den Feldern war. Das Korn stand hoch, die Rüben mussten aus dem Acker geholt werden. Hastig schloss Tatkammer die Tür. Das Pfarrhaus lag neben der Kirche, im Zentrum des Dorfes. Noch hatte niemand ihn bemerkt, aber er brauchte sich nichts vorzumachen: Jeder Weg, den er einschlagen konnte, führte durch die Felder. Solange die Sonne schien, konnte er nicht ungesehen aus dem Dorf verschwinden.
Er musste auf die Nacht warten. Aber bis dahin waren es noch Stunden! Was, wenn jemand kam und nach dem Pfarrer suchte? Er konnte hier nicht bleiben. Nicht mit einem Toten im Hinterzimmer! Und wenn er nicht weichen konnte – dann musste es eben der Pfaffe tun.
Tatkammer eilte zurück in die Schlafkammer des Priesters. Er wollte den Toten unters Bett stopfen. Dort war jedoch kaum eine Handbreit Platz zwischen den Dielen und der Unterseite des Möbels. Als Tatkammer sich dennoch auf den Bauch warf, um darunterzuspähen, sprang ihm mit Kreischen und Bissen eine Maus ins Gesicht. Er zuckte zurück, und das Ungeziefer sprang behände über ihn hinweg.
Tatkammer schüttelte sich vor Ekel. Er wischte sich über das Gesicht, um das Gefühl des kleinen Pelzkörpers zu vertreiben. Dabei fiel sein Blick durch den Spalt zwischen den Bodenbrettern, aus dem das Tier hervorgekrochen war. Er sah einen Korb voller Herbstäpfel. Das Haus des Pfarrers verfügte über einen Keller. Das war seine Rettung!
Entschlossen packte er den Beweis seiner Untat an den Beinen und zog ihn in den Hauptraum. Der zermatschte Schädel des Priesters hinterließ dabei eine blutige Spur auf den Dielen, aber um die musste er sich später kümmern. Erst musste er das Corpus Delicti wegschaffen.
Der Zugang zum Erdkeller musste sich in der Nähe der Kochstelle befinden, also riss Tatkammer den Teppich beiseite. Tatsächlich: eine Bodenklappe!
Mit einem leisen Ächzen stemmte er sie auf. Sie war schwerer, als er vermutet hätte, und er musste aufpassen, dass sie nicht auf die Dielen krachte. Vorsichtig fixierte er die Klappe, dann griff er erneut nach dem Toten und stieß ihn in das kühle Loch hinab. Das Rumsen, mit dem der Körper auf dem nackten Erdboden zwischen Rübensäcken und Weinfässern aufprallte, jagte Tatkammer einen Schauer über den Rücken. Hastig stieß er die Klappe zu, ehe er das Gefühl weiter ergründen musste.
Das war erledigt. Nun musste er die restlichen Spuren beseitigen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und raffte seine Kutte.
Neben dem Herd fand er einen halbvollen Eimer mit Wasser. Aus der Truhe des Priesters nahm er ein dunkles Hemd. Der Pfarrer würde es bestimmt nicht vermissen. Tatkammer schrubbte damit über den Boden, doch das Blut war inzwischen ins Holz gesickert. Es verschmierte mehr, als es sich abwaschen ließ.
Er schrubbte und wischte, bis der Abend hereinbrach und die Dunkelheit ihm die Sicht raubte. Seine Finger waren wund und aufgequollen, der Rücken schmerzte. Aber schließlich waren die Spuren seiner Tat beseitigt. Erleichterung machte sich in ihm breit. Es war schon spät. Heute würde niemand mehr nach dem Pfarrer suchen. Vielleicht sollte er die schmerzenden Muskeln schonen, ehe er sich davonmachte? Tatkammer wollte nicht noch eine Nacht durch den Wald stolpern, und wenn er im ersten Morgengrauen losging, wäre er immer noch unbeobachtet.
Die Müdigkeit, die ihn bei diesem Gedanken befiel, nahm ihm die Entscheidung ab. Erschöpft sank er auf das Bett des Priesters, überzeugt, dass er schon bald in tiefen Schlummer fallen würde. Doch der Schlaf kam nicht.
Bilder suchten Tatkammer heim, so sehr er sie auch vergessen wollte. Wann immer er die Augen schloss, sah er sie deutlich vor sich: die Eingeweide des Wirtsgastes, die in den Eimer plumpsten. Das einzelne starre Auge des Pfarrers, das ihn aus dem roten Matschgesicht heraus angestarrt hatte. Der schmackhafte Braten, den er kaum gekostet hatte, das Fleisch so weich und saftig, dass es auf der Zunge zerging.
Sein schlechtes Gewissen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Tatkammer warf sich umher, drehte sich mal auf die eine, dann auf die andere Seite und versuchte, auf dem harten Strohsack eine bequeme Position zu finden. Vergebens.
Wie hatte das alles geschehen können? Was hatte er getan, dass das Unheil so über ihn hereinbrach? Warum strafte Gott ihn? Hatte er versagt, schon bei der ersten Prüfung, die ihm auferlegt worden war? Hätte er all das vorhersehen müssen?
Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Leib aus, wurde immer nagender. Übelkeit. Das war es: Ihm graute vor dem, was er getan hatte. Auch wenn er es nicht gewusst, nicht gewollt hatte. Unwissenheit schützte nicht vor Strafe. Was, wenn er für seine Taten in die Hölle kam?
Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Dann ließ er ein langes, rumorendes Knurren vernehmen.
Ungläubig horchte Tatkammer in sich hinein. Hunger? Wie konnte er bei allem, was auf seinem Gewissen lastete, ausgerechnet Hunger verspüren?
Aber da war es wieder. Sein Magen knurrte. Was eigentlich auch kein Wunder war, es war mehr als einen Tag her, dass er in jenem verfluchten Wirtshaus zu Abend gegessen hatte, und diese letzte Mahlzeit hatte er willentlich karg gehalten.
Sein gequälter Geist war eine Sache. Seinen Körper hatte er auf ganz andere Weise geschunden, und der verlangte nun seinen Tribut.
Du solltest wirklich etwas essen. Wenn der Morgen kommt, wirst du deine Kräfte brauchen.
Allein der Gedanke ließ Tatkammer erneut schaudern. Mit Hunger hatte das Ganze doch erst begonnen!
Umso besser wäre es, wenn du es nicht wieder so weit kommen lässt, riet die Stimme in seinem Inneren. Sein Gewissen? Wohl kaum. Vielleicht der letzte Rest Vernunft, der ihm geblieben war. Es klang jedenfalls vernünftig, was sie vorschlug. Iss etwas. Der Pfaffe wird seine Vorräte nicht mehr brauchen.
Tatkammer schwang die Beine aus dem Bett. Mit diesem Loch im Bauch würde er nicht schlafen können, und er brauchte seine Kraft.
Er wagte es nicht, eine Kerze zu entzünden, doch der Mond stand hoch genug am Himmel, um sein blasses Licht auch durch die kleinen Fenster des Pfarrhauses zu werfen. Tatkammer schob sich durch die Schatten bis zum Herd. Irgendetwas Essbares musste dort doch zu finden sein. Ein Stück Brot, ein Apfel … Er tastete durch die Asche und über den kalten Stein. Seine Finger stießen gegen ein Gefäß, das klappernd zu Boden fiel. Geschirr, Besteck … Aber keine Speisen.
Der Erdkeller, durchfuhr es ihn. Dort hatte der Pfarrer seine Vorräte gelagert. Und dort lagerte jetzt auch er selbst.
Tatkammer schauderte bei dem Gedanken daran, sich noch einmal in die Nähe des Toten zu begeben, aber mittlerweile bohrte der Hunger mit solcher Heftigkeit in ihm, dass er sich nicht länger zurückhalten konnte. Er stemmte die Luke auf und sprang hinab in die Dunkelheit.
Mit einem Fuß landete er auf dem Unterleib des Pfarrers. Der andere stieß tiefer, prallte gegen festen Erdboden und knickte um. Tatkammer schlug schmerzhaft auf dem Boden auf und stöhnte.
Bis hier unten drang kein Mondstrahl hinab. Er konnte die eigene Hand nicht vor Augen sehen – geschweige denn, was ihn sonst noch umgab. Vorsichtig rappelte er sich auf, streckte die Arme von sich und tastete über die Säcke und Fässer, die sich an den Wänden stapelten. Zwiebeln, Rüben … Kein Brot. Kein Obst. Doch dann stießen seine Finger gegen einen kleinen Bügel aus Metall, dessen Form ihm nur zu vertraut war: ein Funkenschläger!
Damit könnte er den Herd entfachen und eine der...




