E-Book, Deutsch, 290 Seiten
Puzo Die dunkle Arena
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-629-8
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 290 Seiten
ISBN: 978-3-95530-629-8
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Marion Puzo, geb. 15. Oktober 1920 in New York City. Puzo wuchs in Little Italy, einem New Yorker Stadtteil, in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Jahr 1950 veröffentlichte Puzo seine erste Kurzgeschichte, im Jahr 1955 seinen ersten Roman 'The Dark Arena'. Er schrieb für Magazine und war zeitweise auch Regierungsangestellter. Puzo wurde zu einem weltweit bekannten Krimiautor. Durch seinen 1969 erschienenen Roman 'Der Pate' wurde er bekannt.
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1
Walter Mosca fühlte die Erregung und die letzte, überwältigende Einsamkeit vor seiner Heimkehr. Er dachte zurück an die wenigen Ruinen in den Pariser Vorstädten und an vertraute Wahrzeichen. Jetzt, am Ende seiner Reise, konnte er es kaum erwarten, ans Ziel zu kommen, die zerstörte Stadt zu erreichen, von der er geglaubt hatte, daß er sie nie wiedersehen würde. Die Wahrzeichen, die den Weg nach Deutschland wiesen, waren ihm vertrauter als die seines eigenen Landes, seiner eigenen Heimatstadt.
Der Zug brauste dahin. Es war ein Truppentransport mit Verstärkungen für die Frankfurter Garnison, aber der halbe Waggon war von Zivilbeamten besetzt, die man in den Staaten angeworben hatte. Mosca faßte an seine seidene Krawatte und lächelte. Sie war ihm ungewohnt. Bei den GIs am anderen Ende würde er sich wohler fühlen, und so, dachte er, empfanden zweifellos auch die meisten der etwa zwanzig Zivilisten, die mit ihm unterwegs waren.
An beiden Enden des Waggons brannte ein mattes Licht. Die Fenster waren mit Brettern verschlagen, so als sollten die Fahrgäste nichts von den riesigen Ruinenfeldern sehen, die sich zu beiden Seiten der Strecke ausbreiteten. Die Sitze waren lange Holzbänke, die nur einen schmalen Durchgang frei ließen.
Mosca streckte sich auf einer Bank aus und legte sich die kleine, blaue Reisetasche als Kissen unter den Kopf. Im matten Licht konnte er die anderen Zivilisten kaum erkennen.
Sie waren alle mit demselben Truppentransportschiff gereist. So wie er schienen es alle anderen kaum erwarten zu können, nach Frankfurt zu kommen. Sie redeten laut, um sich im Dröhnen des Zuges verständlich zu machen, und Mosca hörte, wie Mr. Geralds Stimme die anderen noch übertönte. Mr. Gerald war der ranghöchste Zivilbeamte. In seinem Gepäck führte er einen Satz Golfschläger mit sich, und auf dem Schiff hatte er alle Welt wissen lassen, daß sein Dienstgrad als Zivilbeamter dem Rang eines Obersten entsprach. Mr. Gerald war fröhlich und vergnügt, und Mosca sah ihn vor sich, wie er auf den Ruinen einer Stadt Golf spielte, wobei er die plattgedrückten, dem Erdboden gleichgemachten Straßen als Spielbahn und runde Schutthügel als Grün benützte und mit dem Putter den Ball sorgfältig in einen verwesenden Schädel trieb.
Der Zug passierte einen kleinen Bahnhof, wobei er seine Geschwindigkeit verringerte. Es war Nacht und sehr dunkel im Waggon. Mosca döste vor sich hin, und die Stimmen der anderen drangen nur undeutlich an sein Ohr. Doch als der Zug wieder schneller wurde, war Mosca plötzlich hellwach.
Die Zivilisten unterhielten sich jetzt ein wenig ruhiger, und Mosca setzte sich auf und richtete seine Blicke auf die Soldaten am anderen Ende des Waggons. Manche schliefen auf den langen Bänken, aber er sah auch um drei Gruppen von Kartenspielern drei Lichtkreise, die diesen Teil des Waggons in einen freundlichen Schimmer tauchten. Er empfand eine leise Sehnsucht nach dem Leben, das er so lang geführt und nun vor einigen Monaten aufgegeben hatte. Beim Schein der Kerzen konnte er sehen, wie sie aus ihren Feldflaschen tranken – gewiß kein Wasser, das war ihm klar – ihre Verpflegungspackungen aufrissen und Schokolade knabberten. Ein GI war immer auf alles vorbereitet, dachte Mosca und grinste. Decken auf dem Rücken, Kerzen in seinem Tornister, Wasser oder etwas Besseres in seiner Feldflasche und immer einen Überzieher in der Brieftasche. Immer vorbereitet für Glücksfälle und andere.
Abermals streckte Mosca sich auf der Bank aus und versuchte zu schlafen. Aber sein Körper war ebenso steif und unnachgiebig wie das harte Holz unter ihm. Der Zug fuhr jetzt sehr schnell. Er sah auf die Uhr. Es war fast Mitternacht und noch gute acht Stunden bis Frankfurt. Er setzte sich auf, nahm eine Flasche aus der kleinen, blauen Tasche stützte den Kopf gegen das verschalte Fenster und trank, bis sein Körper sich ein wenig entspannte. Er mußte eingeschlafen sein, denn als er wieder zum anderen Ende des Wagens hinuntersah, entdeckte er nur noch einen Lichtkreis; aber in der Dunkelheit hinter ihm konnte er immer noch die Stimmen Mr. Geralds und einiger anderer Zivilisten hören. Sie mußten wohl getrunken haben, denn Mr. Geralds Stimme klang gönnerhaft und herablassend; er sprach prahlerisch von der ihm zufallenden Machtfülle und wie er ein gut funktionierendes Papierimperium errichten würde.
Zwei Kerzen lösten sich aus dem Lichtkreis am anderen Ende des Wagens, und ihr flackerndes Licht kam unruhig schwankend den Gang entlang. Mosca fuhr jäh auf. Der Gesichtsausdruck des GI mit den Kerzen war von bösartigem und stumpfsinnigem Haß geprägt. Der helle, gelbe Schein der Kerzen färbte das schon vom Trunk gerötete Gesicht noch dunkler und verlieh den finster blickenden Augen einen gefährlichen, gefühllosen Ausdruck.
»He, Schütze«, hörte er Mr. Geralds Stimme, »könnten Sie uns nicht eine Kerze überlassen?«
Gehorsam stellte der Mann die Kerze in der Nähe von Mr. Gerald und der Gruppe von Zivilbeamten nieder, und sogleich hoben sich die Stimmen, so als ob ihnen das flackernde Licht Mut gemacht hätte. Sie versuchten den GI in ihr Gespräch mit einzubeziehen, aber er, die Kerzen auf der Bank, sein eigenes Gesicht im Dunkel, antwortete nicht auf ihre Fragen. Sie vergaßen ihn wieder und sprachen über andere Dinge; nur einmal lehnte Mr. Gerald sich ins Licht vor, so als ob er zeigen wollte, daß man ihm vertrauen könne, und sagte etwas herablassend, wenn auch freundlich zu dem GI: »Wir waren ja alle in der Armee, wissen Sie?« Und dann mit einem Lachen zu den anderen: »Das haben wir ja nun Gott sei Dank hinter uns.«
»Seien Sie nicht so sicher«, meinte einer der Zivilisten, »die Russen sind auch noch da.«
Wieder vergaßen sie den GI, als dieser plötzlich, ihrer aller Stimmen und auch das Dröhnen des Zuges übertönend, der so sinnlos durch die Nacht brauste, mit der Anmaßung des Betrunkenen, laut, wie in Panik, schrie: »Haltet eure Fressen, haltet eure Fressen, quatscht nicht so viel, haltet eure verdammten Fressen!«
Es folgte ein Augenblick überraschter, verlegener Stille, und dann beugte Mr. Gerald sich abermals vor und sagte ruhig zu dem GI: »Gehen Sie doch wieder zu ihren Freunden zurück, Mann.« Der GI antwortete nicht, und Mr. Gerald setzte sein Gespräch an dem Punkt fort, wo er unterbrochen worden war.
Plötzlich verstummte er und erhob sich. Im flackernden Licht der Kerzen stand er da und sagte ruhig, gar nicht aufgeregt, aber auf erschreckende Weise ungläubig: »Mein Gott, ich bin verletzt. Der Schütze hat mich verwundet.«
Mosca setzte sich auf, und andere dunkle Gestalten erhoben sich von den Bänken. Einer streifte an eine Kerze an, und sie fiel zu Boden. Mr. Gerald, immer noch aufrecht, aber nicht mehr so deutlich, sagte mit entsetzter Stimme: »Der Schütze hat mich gestochen.« Dann fiel er aus dem Licht in die Dunkelheit seiner Bank zurück.
Zwei Männer vom anderen Ende des Wagens kamen den Gang heruntergeeilt. Beim Schein der Kerzen, die sie trugen, sah Mosca das Glitzern ihrer Offiziersrangabzeichen.
»Der Schütze hat mich gestochen, der Schütze hat mich gestochen«, wiederholte Mr. Gerald immer wieder. Er hatte seinen Schrecken überwunden; es klang erstaunt, überrascht. Mosca konnte ihn aufrecht auf seiner Bank sitzen sehen und sah dann auch, im vollen Licht der drei Kerzen, den Riß im Hosenbein hoch oben am Schenkel und das Blut, das daraus hervorquoll. Seine Kerze ganz nahe daranhaltend, beugte sich der Leutnant über ihn und erteilte dem Soldaten, der ihn begleitete, einen Befehl. Der Soldat lief ans andere Ende des Wagens hinunter und kam mit Decken und einem Verbandspäckchen zurück. Sie breiteten die Decken auf dem Boden aus und forderten Mr. Gerald auf, sich niederzulegen. Der Soldat wollte das Hosenbein aufschneiden, aber Mr. Gerald sagte: »Nein, rollen Sie es auf; ich kann es flicken lassen.« Der Leutnant besah sich die Wunde.
»Keine ernste Sache«, erklärte der Leutnant. »Decken Sie ihn zu.« Weder sein junges, ausdrucksloses Gesicht noch seine Stimme verrieten Mitgefühl; nur unpersönliche Freundlichkeit. »Am Bahnhof in Frankfurt wird ein Krankenwagen bereitstehen. Für alle Fälle. In der nächsten Station telegrafiere ich.« Dann wandte er sich an die anderen und fragte: »Wo ist er?«
Der betrunkene GI war verschwunden; in die Finsternis spähend, sah Mosca eine Gestalt, die in einer Ecke der Bank vor ihm kauerte. Er sagte nichts.
Der Leutnant ging ans andere Wagenende und kam mit seinem Pistolengürtel zurück. Er ließ den Strahl seiner Taschenlampe im Wagen herumtanzen, bis er die Gestalt sah. Er stieß den Mann mit der Taschenlampe an – gleichzeitig zog er seine Pistole und hielt sie hinter dem Rücken versteckt. Der GI rührte sich nicht.
Der Leutnant gab ihm einen derben Stoß. »Stehen Sie auf, Mulrooney!« Der GI öffnete die Augen, und als Mosca das ausdruckslose, störrische, tierische Glotzen sah, empfand er Mitleid.
Der Leutnant beließ den Strahl seiner Taschenlampe in den Augen des Mannes; er blendete ihn. Er befahl Mulrooney aufzustehen. Als er sah, daß seine Hände leer waren, steckte er seine Pistole wieder in den Halfter. Mit einem derben Schubs drehte er den GI herum und durchsuchte ihn. Als er nichts fand, ließ er das Licht der Lampe auf die Bank fallen. Mosca sah das blutige Messer. Der Leutnant hob es auf und schob den GI vor sich her ans andere Ende des Wagens.
Der Zug verringerte seine Geschwindigkeit und kam allmählich zum Stehen. Mosca ging ans Ende des Wagens, öffnete die Tür und blickte hinaus. Er sah den Leutnant zum Bahnhof gehen, um zu telegrafieren; sonst stieg niemand aus.
Mosca ging zu seiner Bank zurück. Mr. Geralds...




