E-Book, Deutsch, 650 Seiten
Puzo Narren sterben
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-628-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 650 Seiten
ISBN: 978-3-95530-628-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marion Puzo, geb. 15. Oktober 1920 in New York City. Puzo wuchs in Little Italy, einem New Yorker Stadtteil, in ärmlichen Verhältnissen auf. Im Jahr 1950 veröffentlichte Puzo seine erste Kurzgeschichte, im Jahr 1955 seinen ersten Roman 'The Dark Arena'. Er schrieb für Magazine und war zeitweise auch Regierungsangestellter. Puzo wurde zu einem weltweit bekannten Krimiautor. Durch seinen 1969 erschienenen Roman 'Der Pate' wurde er bekannt.
Weitere Infos & Material
ZWEITES BUCH
2
Am glücklichsten Tage seines Lebens betrog Jordan Hawley seine drei besten Freunde. Aber davon wußte er jetzt noch nichts, während er durch den Saal mit den Würfeltischen im riesigen Casino des Hotels Xanadu wanderte und sich fragte, welches Spiel er als nächstes versuchen solle. Es war noch früher Nachmittag, und er hatte bereits zehntausend Dollar gewonnen. Aber er hatte es satt, die blitzenden roten Würfel über das grüne Filztuch rollen zu sehen.
Er verließ den Würfel-pit, also die Abteilung im Spielsaal, wo die Würfeltische standen, der violette Teppich weich unter seinem Schritt, und trat zu dem wispernden Rad auf einem der Roulette-Tische mit den hübschen roten und schwarzen Feldern, dem grünen Zero und dem Doppelzero der Verlierer. Er machte ein paar verrückte Einsätze, verlor und ging in den Blackjack-Saal.
Die kleinen hufeisenförmigen Blackjack-Tische standen in Doppelreihen. Er ging zwischen ihnen hindurch, und es war wie bei einem Spießrutenlaufen. Zu beiden Seiten blitzten die blauen Rückseiten der Spielkarten. Doch sicher gelangte er bis zu den großen Glastüren, die auf die Straßen der Stadt Las Vegas hinausführten. Von hier aus vermochte er den „Strip“ hinunterzuschauen, auf dem gleich Wachposten die Luxushotels standen.
Unter der flammenden Sonne Nevadas blitzten in Millionen Watt starken Neonzeichen gut zwölf „Xanadus“. Im golden schimmernden Glast schienen die Hotels in eine unerreichbare Fata Morgana zu verschmelzen. Jordan Hawley saß mit seinem Gewinn in der Falle, hier in dem klimatisierten Casino. Es wäre verrückt, dort hinauszugehen, wo nur andere Casinos mit ihren unbekannten Glückschancen auf ihn lauerten. Hier war er Gewinner, und zudem sollte er bald seine Freunde treffen. Hier war er in Sicherheit vor der brennenden gelben Wüste.
Jordan Hawley drehte der Glastür den Rücken zu und setzte sich an den nächstgelegenen Blackjack-Tisch. Schwarze Hundert-Dollar-Chips, winzige verbrannte Sonnen, klapperten in seinen Händen. Er sah zu, wie ein Dealer Karten aus seinem frisch gelegten „Schuh“, der langen Holzbox, gleiten ließ, die die Karten enthielt.
Jordan setzte hoch auf zwei Boxen, machte also zwei Hände zugleich. Das Glück hielt. Er spielte, bis der Schuh keine Karten mehr hatte. Der Croupier verlor oft, und als er mischte, ging Jordan weiter. Seine sämtlichen Taschen waren prall voll mit Chips. Aber das machte nichts, denn er hatte ein von Sy Devore speziell entworfenes „Vegas-Winner“-Jackett an. Es besaß scharlachrote Paspeln auf himmelblauem Tuch und besondere Reißverschlüsse an den Taschen, die optimistisch weit geschnitten waren. Die Innentaschen hatten gleichfalls besondere Reißverschlüsse, so daß kein Taschendieb an sie herankonnte. Jordans Chips waren hier sicher aufgehoben, und er hatte noch viel Platz für weitere Gewinne. Niemand hatte je sämtliche Taschen eines „Vegas-Winner“-Jacketts vollbekommen.
Unter den riesigen Kronleuchtern war alles in bläulichen Neon-Nebel getaucht, Widerschein von den tiefvioletten Teppichböden. Jordan verließ das Licht und ging in die abgedunkelte Bar, die eine niedere Decke hatte und ein kleines Podium für Auftritte. Von seinem kleinen Tisch aus konnte er ins Casino hinüberblicken wie ein Zuschauer auf eine erleuchtete Bühne. Gebannt schaute er den Nachmittagspielern zu, die in komplizierten choreographischen Figuren von Tisch zu Tisch trieben. Wie ein Regenbogen über klarem blauem Himmel blitzte ein Rouletterad sein Rot und Schwarz gegen die Einsätze auf den Gevierten. Karten mit blau-weißem Rücken flogen über grüne filzbespannte Tische. Viereckige rote Würfel zuckten mit weißen Augen wie fliegende Fische über die walförmigen Craps-Tische. Weit hinten, zwischen den Reihen der Blackjack-Tische, „wuschen“ die Croupiers, die eben Pause machten, sich symbolisch in der Luft die Hände, um anzuzeigen, daß sie keine Jetons in den Handflächen kleben hatten.
Die Casino-Szene belebte sich mit Akteuren: Sonnenanbeter kamen vom Swimming-pool herein, andere von den Tennisplätzen, den Golfplätzen, von einem Nickerchen oder von kostenloser oder bezahlter Liebe am Nachmittag in einem der tausend Zimmer des Hotels Xanadu. Jordan sah ein anderes „Vegas-Winner“-Jackett durch das Casino treiben. Es war Merlin. Das „Kind“. Merlin wurde schwankend, als er am Roulette vorbeikam. Roulette war seine große Schwäche. Trotzdem, er spielte selten da, denn er wußte genau, daß die enormen 5,5 Prozent Gewinnschnitt der Bank wie ein scharfes Schwert zuhieben. Jordan winkte aus der Dunkelheit mit scharlachrot-gestreiftem Ärmel, und Merlin ging. weiter, jetzt wie durch Flammen, verließ die erleuchtete Bühne des Casinos und setzte sich. Merlins Reißverschlußtaschen beulten sich nicht von Jetons, und er hielt auch keine in den Händen.
Sie saßen gemütlich beisammen, ohne zu sprechen. In seinem rotblauen Jackett sah Merlin aus wie ein Athlet. Er war, mindestens zehn Jahre jünger als Jordan, sein Haar war lackschwarz. Auch schien er glücklicher, begieriger auf den kommenden Kampf mit dem Schicksal, auf die Nacht des Spieles.
Dann sahen sie, wie aus der entferntesten Ecke des Casinos, von den Bakkarat-Tischen, Cully Cross und Diane die elegante graue Barriere durchschritten und, das Casino querend, auf sie zukamen. Auch Cully trug ein „Vegas-Winner“-Jackett. Diane hatte ein weißes Sommerkleid an, tiefdekolletiert und kühl für die Arbeit tagsüber. Ihr Busen war perlweiß gepudert. Merlin winkte, und sie kamen zwischen den Spieltischen auf sie zu, ohne anzuhalten. Als sie sich gesetzt hatten, bestellte Jordan die Drinks. Er wußte, was sie üblicherweise nahmen. Cully entdeckte Jordans bauchige Taschen. „He“, sagte er, „du bist allein losgezogen und hast Glück gehabt! Ohne uns!“
Jordan lächelte. „Ein bißchen.“ Sie schauten ihn neugierig an, wie er für die Drinks bezahlte und der Kellnerin einen roten Fünf-Dollar-Chip als Trinkgeld reichte. Er merkte die Blicke. Er wußte nicht, warum sie ihn so seltsam ansahen. Jordan war seit drei Wochen in Vegas und hatte sich während dieser drei Wochen erschreckend verändert. Er war zehn Kilo leichter, sein aschblondes Haar war lang und wirkte weißer. Das Gesicht, obschon noch immer anziehend, war nun hager, die Haut wies einen grauen Schimmer auf. Er wirkte ausgelaugt. Doch das war ihm nicht bewußt, er fühlte sich gut in Form. In aller Unschuld fragte er sich, was diese drei Menschen bloß haben mochten, diese Freunde seit drei Wochen, die jetzt die besten Freunde waren, die er auf Erden hatte.
Am meisten mochte Jordan den, den sie „The Kid“ nannten, Merlin. Merlin prahlte damit, ein leidenschaftsloser Spieler zu sein. Er versuchte stets, seine Gefühle zu unterdrücken, gleich, ob er gewann oder verlor, und meist gelang ihm dies auch. Außer, daß sein Blick bei einer ungewöhnlichen Verlustserie den Ausdruck erstaunter Verwirrtheit annahm, was Jordan amüsierte.
Merlin The Kid redete niemals viel. Er beobachtete. Jordan wußte, daß Merlin The Kid Protokoll über alles führte, was er, Jordan, tat, weil er ihm auf die Schliche kommen wollte. Auch das amüsierte Jordan. Er hatte The Kid ausgetrickst. Der suchte immer nach Kompliziertheiten und begriff nie, daß er, Jordan, haargenau so war, wie er sich der Welt zeigte. Aber er war gern mit Merlin und den anderen zusammen. Das half ihm in seiner Einsamkeit. Und weil Merlin im Spiel hingegebener und leidenschaftlicher wirkte, hatte Cully ihn The Kid getauft.
Cully selbst war der jüngste unter ihnen, erst 29, schien aber merkwürdigerweise der Anführer der Gruppe zu sein. Vor drei Wochen hatten sie sich in Vegas getroffen, hier in diesem Casino, und sie hatten nichts gemeinsam, außer einer Sache: Sie waren hemmungslose Spieler. Ihre dreiwöchige Spielorgie war etwas Außergewöhnliches, denn der Casino-Gewinnschnitt hätte sie eigentlich nach den ersten paar Tagen in den Wüstensand Nevadas schicken müssen.
Jordan wußte, daß Cully Cross und Diane ebenfalls neugierig waren, was seine Person betraf, aber es machte ihm nichts aus. Seine Neugierde ihnen gegenüber hielt sich in Grenzen. The Kid wirkte auf ihn jung und zu intelligent, um ein hemmungsloser Spieler zu sein. Doch Jordan versuchte nie, dem auf den Grund zu gehen. Es interessierte ihn einfach nicht.
Bei Cully gab es keine Fragen, jedenfalls schien es so. Er war der klassische Hemmungslose mit Geschick. Er brachte es fertig, sich beim Blackjack die gefallenen Karten zu merken, selbst wenn der Schuh vier Pakete Karten zu 52 Stück enthielt. Weshalb er den Spitznamen Cully „Countdown“ hatte – Cully, der „Herunterzähler“. Er war Experte, was die Prozentchancen bei allen Spielen betraf. The Kid war das nicht. Jordan war kühl, wo The Kid ungebärdig war. Und Cully war ein Profi. Jordan machte sich allerdings nichts vor. In diesem Moment gehörte er in ihren Verein: ein Hemmungsloser wie sie. Ein Mann also, der spielte, um zu spielen und zu verlieren. Wie ein Held, der in den Krieg zieht und sterben muß. Zeig mir einen Spieler, und ich zeige dir einen Verlierer; zeig mir einen Helden, und ich zeige dir eine Leiche, dachte Jordan.
Sie waren alle am Ende mit ihren Penunzen und würden bald weiterziehen müssen, außer vielleicht Cully. Cully war teils Macker, teils Schlepper. Versuchte stets Tricks, um die Casinos übers Ohr zu hauen. Gelegentlich kriegte er einen der Croupiers beim Blackjack herum, und sie spielten gemeinsam gegen das Haus. Eine gefährliche Sache.
Das Mädchen, Diane, gehörte eigentlich nicht so recht dazu. Sie arbeitete als Anreißer für das Haus und machte jetzt gerade ihre Pause am Bakkarat-Tisch. Und verbrachte sie mit gerade diesen dreien, weil sie das...




