Quant / Kirschbaum / Ballmoor | Zukunftsgeschichten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

Quant / Kirschbaum / Ballmoor Zukunftsgeschichten

Texte von Michael Quant, Alexandra Kirschbaum, Brian T. Ballmoor und Pascal-David Dombeaux
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7431-2599-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Texte von Michael Quant, Alexandra Kirschbaum, Brian T. Ballmoor und Pascal-David Dombeaux

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

ISBN: 978-3-7431-2599-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



In diesem Sammelband finden sich Zukunftsgeschichten von Michael Quant, Alexandra Kirschbaum, Brian T. Ballmoor und Pascal-David Dombeaux. Geschichten, die in der Zukunft spielen, egal ob in einer nahen oder fernen, sagen auch immer etwas über die Gegenwart ihrer Verfasser aus. Interessant sind diese Texte, wie alle Literatur, wenn sie unabhängig von dem zeitlichen Kontext, den sie zum Thema machen, Geschichten erzählen, die den Menschen, sein Leben und seine Leidenschaft berühren. Eine gute Zukunftsgeschichte ist zeitlos.

Michael Quant studierte Literaturwissenschaften, Physik und Informatik in Köln, Palermo, Paris und Boston. Nach einer Reihe von Forschungs- und Lehraufträgen an europäischen und amerikanischen Universitäten, lebt er seit 1997 als freier Autor mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in New York.
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1.


14. Dezember 2027 – Die Sonne spiegelte sich auf der glatt polierten Tischfläche. Ein von mir nicht einzuordnendes Edelholz hatte da ein vermutlich viel zu teuer bezahlter Designer frech auf ein verchromtes Stahlgestell montiert. Der Tisch, der so entstanden war, war, trotz seines extravaganten Designs, durchaus funktional. Vor allem war er stabil. Der Baum, aus dem man die Platte geschnitten hatte, mochte gut und gerne einige hundert Jahre alt sein. An einem der wenigen noch existierenden entlegenen Winkel der Erde war er, über Generationen ungestört seinem genetischen Code folgend, in den sich über ihn wölbenden Himmel gewachsen. Als er seinen Wipfel stolz über die Kronen der anderen Bäume erhob, entdeckte ein Algorithmus in einem der vielen rund um die Uhr auf der Lauer liegenden kommerziellen Erdbeobachtungssatelliten, den Baum. Selbsttätig schickte der Algorithmus einen Trupp vollautomatisierter Baumfäller los. Mit einem monströsen autonomen Konvoi von Bulldozern und Monstersägen metzelten die sich durch die Urwaldwildnis zu ihrem Zielobjekt durch. Wie ein Streichholz wurde der seltene Baum innerhalb weniger Minuten mit einem lasergesteuerten Kettensägenautomaten umgelegt. Schon vor Ort zerschnitt man ihn in transportable Scheiben und noch bevor er verladen war, verkaufte ihn ein Agent über die internationale Holzbörse an den meistbietenden Spekulanten. So war das heute.

Ich unterdrückte das Bedürfnis, die Tischplatte mit meinen Fingern zu berühren. Eigentlich hätte ich das ruhig tun können. Ich war allein im Sitzungszimmer. Auf die Monitore der sicherlich in der aufwändigen Wandtäfelung dezent versteckt installierten Videokameras, würde man nicht schauen. Es war ja niemand außer mir hier.

Die Besprechung hätte schon seit einer Viertelstunde laufen sollen. Ich war pünktlich und vorbereitet. Eben Deutsch. Aber sonst war keiner da. Um zwanzig nach kam Tony. Er war allein.

„Oh, there you are already, my dear expert from Hamburg“, sagte Tony. Er schaute kurz auf die Uhr: „Sorry for my delay.“

Tony war der Boss hier. Er hatte die Figur eines bereits etwas zu groß geratenen sportlichen Sechzehnjährigen, auch dessen glatte Gesichtshaut und muntere meerwasserblaue Augen. Er wirkte dabei wie ein gerade seine ersten Schritte in die Welt machender hochbegabter Junge, der nicht ganz erfolgreich versuchte, seine offensichtliche Unsicherheit hinter einer um Entschuldigung heischenden Flachsigkeit zu verstecken. Doch das war nur ein Habitus. Tony war einer der New Generation Americans, wie sie sich selbstbewusst nannten. Er hatte einen Vater, der gleichzeitig seine Mutter war, so sagte man das. Biologisch war das natürlich Quatsch. Auch die Embryonen der New Generation Americans waren aus einer befruchteten Eizelle hervorgegangen und die Eizelle stammte natürlich von einer Frau. Es war nur die Frage, ob sie dadurch schon Mutter wurde. Juristisch, so zumindest die herrschende Auffassung, war sie das nicht. Es war ein Geschäft. Verträge wurden unterschrieben und darin wurde alles geregelt. Spätere Ansprüche waren ausgeschlossen. Auch Gewährleistung gab es nicht. Die Spenderinnen konnten nicht haftbar gemacht werden. Das war das Risiko des Auftraggebers. Deshalb galten diese Verträge, obwohl sie sonst sehr einseitig zu Gunsten des Auftraggebers konstruiert waren, als gerecht. Sittenwidrig waren sie ohnehin schon lange nicht mehr. Man sprach zwar noch von Spenderinnen, aber eigentlich verkauften die Frauen ihre Eizellen.

In Amerika gab es Institute, die diesen Service bereits seit einigen Jahrzehnten erfolgreich anboten. Die Methoden wurden immer weiter verfeinert. Anfangs suchte man nur eine möglichst gesund erscheinende Eizellenspenderin und eine preiswerte Leihmutter, die die im Reagenzglas befruchtete Eizelle austrug. Dann fand man eine Möglichkeit, die Embryonen, bevor man sie in die Gebärmutter einsetzte, eine ganze Zeit lang in einer Nährlösung heranzuziehen. Sie wurden untersucht, auf Krankheiten und Leistungsfähigkeit, auf gewünschte und auf unerwünschte Eigenschaften, und der Auftraggeber, in der Regel ein zu Reichtum gekommener Geschäftsmann, bestimmte, welcher Embryo ausgetragen wurde. Das war dann gewissermaßen eine Art Zeugungsakt durch Selektion.

Bei den New Generation Americans der dritten Generation, zu der auch Tony offensichtlich gehörte, schnitt man vor der Befruchtung mit der CRISPR-Cas-Methode bestimmte Sequenzen der DNA heraus und ersetzte sie durch andere. Außerdem verstärkte man einige Stränge der DNA, so dass sie sich im Laufe des Lebens, bei den ständigen Kopierprozessen, nicht mehr immer ein kleines Stück verkürzte. Man konnte mittlerweile auch ganz gut das Zielalter einstellen, ab dem diese Menschen dann nicht mehr alterten. Das empfohlene Alter lag in einem Intervall zwischen sechzehn und siebenundzwanzig. Tonys Vater hatte sich offensichtlich für sechzehn entschieden.

Bei Tony hatte man dann auch noch eine besondere Methode des Brain Shaping angewandt. Zumindest deuteten seine außergewöhnlich hohe Stirn und sein charakteristisch ausgeformter Hinterkopf darauf hin. Durch die gezielte Manipulation an einem Chromosomen Paar konnte man die Faltung und die Größe der Eiweißmoleküle in der Hirnmasse beeinflussen. Wenn man dann zu einem bestimmten Zeitpunkt der embryonalen Entwicklung, in der Regel war das der 8. Tag, einen vom Dopamin abgeleiteten Botenstoff in die Nährlösung gab, in der der Embryo schwamm, dann vervielfachten sich nach der Implantation, ab der dritten Woche, bei der Entwicklung des Gehirns die Dendriden in einem Neuronal Rush genannten Prozess.

Damit für die beschleunigte Hirnentwicklung in der embryonalen Neuralplatte ausreichend Botenstoffe zur Verfügung standen, mussten die Dopaminderivate sehr hoch dosiert werden. Das war eine riskante und äußerst umstrittene Technik, denn die Ausbeute war nicht besonders hoch. Statistisch überlebte nur einer von tausend Embryonen die Behandlung. Tony war also der Überlebende einer ganzen Schar verätzter Brüder. Das war der Preis, den man für eine Verzehnfachung der funktionalen Hirnkapazität zahlen musste. Um in den ersten Jahren der frühkindlichen Entwicklung das Nervensystem des heranwachsenden Körpers durch die Kapazitätssteigerung des Gehirns nicht zu überlasten, gab man in der Regel ein niedrig dosiertes Ritalin-Präparat. Manchmal kam es auch zu einer überproportionalen Verlangsamung der Hirnaktivitäten. Das war ein gegenläufiger Prozess, den man so noch nicht verstand, der sich aber mit der Gabe einer Kombination von zwei Amphetaminen gut behandeln ließ. Auch als Erwachsene schluckten die meisten New Generation Americans noch jeden Tag einen ganzen Cocktail an Medikamenten, mehr als so mancher Drogensüchtige.

Es war seltsam, so einem Menschen gegenüberzusitzen. Auch nach drei Wochen spürte ich bei jeder Begegnung mit ihm immer noch eine gewisse Beklemmung. Selbst wenn ich ihn nur kurz auf dem Flur sah, wie er von einem Büro in ein anderes ging, drückte es in meinem Magen und mein Hals wurde so trocken, dass ich schnell nach etwas zu trinken griff, um nicht husten zu müssen. Vielleicht hätte ich nicht so viel über die New Generation Americans lesen sollen. Alle Informationen waren frei im Netz verfügbar. Doch die meisten Menschen interessierte das nicht. Für sie war New Generation American ein Begriff wie Generation Y oder Z bei der man auch nicht mehr wusste, welcher Buchstabe gerade der aktuelle war.

Aber die New Generation Americans waren keine Modeerscheinung oder ein volatiler Trend, sie waren ein System. Von ihren ohnehin in der Welt des Geldes und der Macht gut vernetzten Vätern wurden sie an die entscheidenden Positionen in Politik und Wirtschaft gesetzt. Sie waren gut ausgebildet, von Natur aus vielfältig talentiert und nutzten ihre Beziehungen und die ihnen gegebene Macht. Sie kannten sich aus den Colleges und Trainings der internationalen Elite Universitäten. Sie beförderten einander in einer nur für sie geltenden Ethik egalitären Überlegenheitsbewusstseins.

Wenn ich Tony, in einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet fühlte, von der Seite anschaute, kam mir manchmal der Gedanke, ob er vielleicht gar kein New Generation American, sondern ein menschlicher Roboter, ein Android war. Aber das war Unsinn. Androiden gab es nur in der Science Fiction, nicht im wirklichen Leben. Eine für meine Assoziation viel näherliegendere Erklärung war, dass sein Vater ein Science Fiction Fan war und er das Gesicht seines Sohnes nach dem Vorbild eines Androiden aus einer der vielen populären Serien hatte formen lassen. Das war zwar, sofern die Charaktere nicht public domain waren, aus urheberrechtlichen Gründen verboten, wurde aber oft trotzdem gemacht. Es war schwer in einem Prozess nachzuweisen, dass die Ähnlichkeit wirklich ihre Ursache in einer präimplantationalen Behandlung hatte.

Für die Väter der New Generation Americans war der Sohn – weibliche New Generation Americans gab es nur sehr selten –, ein Statussymbol, Ausdruck und Krönung von Erfolg. Sie hatten alles unter Kontrolle und schufen sich ihren Stammhalter. Despoten vergangener Jahrhunderte hielten sich einen Harem. Sie zeugten möglichst viel...



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