Quitterer | Pepe und der Oktopus auf der Flucht vor der Müllmafia | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Quitterer Pepe und der Oktopus auf der Flucht vor der Müllmafia


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8369-9204-6
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-8369-9204-6
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mitten in der Nacht passiert Unglaubliches: Ein zitternder, bibbernder Oktopus flüchtet sich zu Pepe ins Zimmer! Der Oktopus kann zwar nicht sprechen, aber über Farben und Formen kommunizieren. Und Pepe findet schnell heraus, dass es sich bei seinem neuen Freund um den ranghöchsten Diplomaten der Welt-meere handelt: Er soll in Europa ein generelles Plastikverbot bewirken. Doch die Müllmafia ist ihm dicht auf den Tentakeln und will genau das um jeden Preis verhindern. Der Oktopus braucht Hilfe - Pepes Hilfe! Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Dass ihre Flucht sie durch die halbe Welt bis ans Südchinesische Meer führen wird, kann Pepe noch nicht ahnen ... Ein fast nicht erfundener Umweltkrimi, ein rasanter Roadtrip von hier bis China und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft.

Stepha Quitterer lernte in Rio de Janeiro bei Augusto Boal die Theaterarbeit in Jugendgefängnissen, studierte Politik in Berlin und Kairo und Regie in München. Sie arbeitete als Regisseurin und Regieassistentin, u.a. am Deutschen Theater Berlin. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin.
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2


Das Versprechen


Kaum hatte seine Mutter ihre Schlafzimmertür geschlossen, warf Pepe den Kuscheltiger von sich und lüpfte den Schlafanzug. Augenblicklich löste sich der Oktopus von ihm, rollte sich auf die Seite und streckte alle Arme von sich, als würde er erleichtert ausatmen. In ungekringeltem Zustand waren seine Arme genauso lang wie Pepe selbst. Auch Pepe atmete erleichtert aus. »Das war knapp«, stöhnte er leise und besah sich im Mondschein seinen Bauch. Er war übersät mit Saugnapfabdruckringen, die in acht Streifenspuren bis hinter seinen Rücken wanderten. »Noch eine Minute länger und du hättest mich zerquetscht!«

Der Oktopus richtete sich neugierig auf und tastete mit einer Tentakelspitze behutsam die rot geränderten Druckspuren nach. Dann durchfuhr ihn ein Zittern. Nein, es war mehr, als würde es ihn schütteln. Von den Spitzen seiner Tentakel liefen sonnenaufgangsfarbene Schauer über seinen Körper, und Pepe meinte, ein Geräusch zu hören, das beinahe klang wie ein … wie ein … Nein, das konnte nicht sein. Oder doch? Es war ganz, als ob … Kein Zweifel!

Der Oktopus kicherte.

»Was ist denn da so lustig, he!«, flüsterte Pepe. Es war nämlich nicht unbedingt so, dass er nächtliche Besuche von falschen Sonderkommandos und Quetschumarmungen von international gesuchten Tintenfischen wahnsinnig witzig fand.

Aber der Oktopus kicherte noch mehr und deutete stolz zwischen sich und Pepes Rotpunktebauch hin und her.

»Du meinst, ich seh schon aus wie ein Oktopus?«

Der Oktopus kringelte seine Arme vor Vergnügen und nickte und schimmerte dabei wie ein Regenbogen.

Pepe stöhnte gespielt. »Ich fühl mich auch wie ein Weichtier. Du hast keinen Knochen in mir ganz gelassen!«

Da warf sich der Oktopus auf Pepe und umschlang ihn schon wieder. Aber diesmal schlang er anders, sanft, weich, er spannte die Haut zwischen seinen Tentakeln auf wie einen kaschmirweichen Mantel und schmiegte seinen Kopf an Pepes Brust. Es war ein Drücker, eine Umarmung, eine Erleichterung und ein tiefes Danke in einem.

»Schon gut«, flüsterte Pepe verlegen und zögerte kurz, bevor er dem seltsamen Tier den feuchtweichen Rücken tätschelte. Aber so feucht fühlte sich dieser Rücken gar nicht mehr an. Eher trocken. Fast schon fensterledrig. »Sag mal, brauchst du nicht eigentlich Wasser?«

Der Oktopus nickte, fasste sich dramatisch an die Stirn, kippte auf den Rücken und zappelte wie ein hilfloser Käfer mit den Tentakeln. Für einen Moment erhaschte Pepe einen Blick auf die Unterseite des Oktopus. Dort, wo seine Tentakel zusammenliefen, in der Mitte des Körpers, war ein kleiner, gefurchter Schlund. In diesem Schlund saß ein Schnabel, ja, es sah aus wie der kräftige Schnabel eines Papageis, der gierig nach Luft schnappte. War das der Mund des Oktopus? Oder sein Po? Oder beides?

Aber schon war der Oktopus wieder aufgesprungen und sah Pepe erwartungsvoll an.

»Ich verstehe. Du brauchst sogar ganz dringend Wasser.«

Der Oktopus nickte wild.

Aber Pepe konnte ihm ja schlecht mitten in der Nacht ein Vollbad einlassen. Wenn er jetzt auch nur einen Eimer mit Wasser füllen würde, würde seine Mutter Verdacht schöpfen. Selbst ein Glas Wasser aus der Küche war schon riskant. Hatte er nicht irgendetwas Wässriges bei sich im Zimmer? Ja, er hatte den Rest Apfelschorle in seiner Schultrinkflasche. Aber Apfelschorlen waren zur Bewässerung von Oktopussen wohl nicht sonderlich geeignet. Auch wenn das hier definitiv kein gewöhnlicher Oktopus war.

Da fiel sein Blick auf die Sprühflasche, mit der er üblicherweise die Blätter seines jetzt entwurzelten Gummibaums besprühte. Der Oktopus war Pepes Blick gefolgt, und als Pepe ihn fragend ansah, nickte er und hob die Tentakelinnenseiten wie für ein »Wir können’s ja mal versuchen!«

Aber bevor Pepe auch nur einen Fuß aus dem Bett bringen konnte, war der Oktopus schon geschmeidig wie eine kleine, rollende, lilafarbene Welle über all das Chaos hinweggeglitten, hatte sich mit einem langen Tentakel wie mit einer klebrigen Froschzunge die Sprühflasche geschnappt und war bereits zurück auf dem Bett, wo er seine Beute neugierig untersuchte. Er war vollkommen lautlos gewesen und hatte weniger als einen Wimpernschlag für die Beschaffungsaktion gebraucht.

»Bist du so etwas wie ein Einbrecher?«, fragte Pepe bewundernd. »Ein Diamantendieb vielleicht? Sind sie deshalb hinter dir her?«

Der Oktopus legte nur den Kopf schief. Wenn er Augenbrauen gehabt hätte, hätte er sicher eine gehoben, wie man es macht, wenn man ganz ohne Worte »Ist nicht dein Ernst, oder?!« sagen will.

»Verstehe, kein Diamantendieb«, flüsterte Pepe. »Aber warum jagt dich ein falsches Sonderkommando?«

Gerade da drückte der Oktopus den Hebel der Sprühflasche, und weil die Düse zufällig auf Pepe gerichtet war, bekam Pepe einen saftigen Wasserstoß direkt ins Gesicht. Pepe schaute wohl ziemlich verdutzt aus der Wäsche, denn der Oktopus musste schon wieder kichern. Pepe wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. »Also kriminelle Energie hast du jedenfalls. Warte, ich mach das.« Er nahm dem Oktopus behutsam die Flasche aus dem Tentakel und besprühte ihn von allen Seiten. Der Oktopus drehte und rollte sich und hob die Tentakel, damit Pepe ihm auch wirklich jede Körperstelle einnebeln konnte. Er schien es zu genießen, als würde er gekrault, denn er färbte sich sommerhimmelblau.

»Sollte das nicht eigentlich Salzwasser sein? Du lebst doch im Meer!«

Die Antwort kam mit allen Tentakeln gleichzeitig: Ein Tentakel zuckte die Achseln, einer kratzte sich am Kopf, einer winkte ab, ein vierter streichelte Pepe die Wange, der fünfte wellte sich, ein sechster tippte an die Sprühflasche und zwei rangen die Hände, äh, ihre Tentakelspitzen.

»Verstehe«, fasste Pepe zusammen, »ich übersetze: Was will man machen, wenn man nur das hier hat, es ist besser als nix, danke übrigens, aber du hast Recht, irgendwann brauch ich Salzwasser, ich muss zurück ins Meer, wie stell ich das nur an, Himmel, Pepe, ich brauch deine Hilfe

Pepe schlug sich die Hand vor den Mund, als könnte er unausgesprochen machen, was er soeben ausgesprochen hatte.

Der Oktopus brauchte Hilfe.

Pepe hatte es ja gewusst! Er hatte gewusst, dass er nicht bis in alle Ewigkeit hier auf dem Bett sitzen und einen Oktopus dabei beobachten konnte, wie er schillernd die Farben änderte und mit allen Tentakeln gleichzeitig redete. Auch wenn Pepe für einen Moment das zwielichtige Sonderkommando vergessen hatte: Die ganze Oktopusjagd war wohl kaum abgeblasen, nur weil Pepes Mutter einen ihrer Schreianfälle bekommen hatte. Nein. Der Oktopus war in Gefahr. Nach wie vor. Und er musste weg von hier. Möglichst schnell.

Der Oktopus hatte schüchtern seine Tentakel sinken lassen und schaute Pepe mit seinen riesigen Augen fragend an. Es waren merkwürdig fremde und schöne Augen, honigfarben glänzend, gütig und gleichzeitig neugierig. Pepe kannte bisher nur runde Pupillen und schlitzförmige, wie Raubkatzen und Reptilien sie hatten. Dieser Oktopus hatte breite, schwarze Balken als Pupillen. Und seitlich unten an seinem Kopf saß etwas, das aussah wie eine stummlige Röhre. Dieses Ding, von dem Pepe natürlich nicht wusste, dass man es »Sipho« nannte – war das zum Luftholen? Oder zum Essen, wie mit einem sehr dicken Strohhalm?

Was für ein faszinierendes Wesen. Und in wie vielen Farben er schillerte! Aber wie sollte Pepe ihm helfen, zurück ins Meer zu kommen? Er war gerade mal elf geworden! Hatte kein Auto. Höchstens ein Fahrrad. Außerdem war es gefährlich, ihm zu helfen. Da draußen lauerte ein falsches Sonderkommando! Pepe würde es nicht einmal wagen, sich mit der normalen Polizei anzulegen … Und die Maschinenpistolen hatten ihm einen gehörigen Schreck eingejagt. Ganz zu schweigen von der Pistolenkugel, die ihn um ein Haar erwischt hätte! Und was, wenn etwas dran war an dem, was der Kommandant gesagt hatte? Wenn der Oktopus wirklich ein kriminelles Tier war, gefährlich für die ganze Gesellschaft? Und wenn man Pepe dabei erwischte, wie er einem international gesuchten Verbrecher half, war dann nicht er, Pepe, auch ein Verbrecher?

Während Pepe nachdachte, veränderte der Oktopus seine Form. Er machte sich ganz schlank, richtete sich auf und krümmte sich oben herum. Er war ein lebendiges, leuchtend korallenrotes Fragezeichen geworden. »Wirst du mir helfen?«, fragte dieses Fragezeichen.

Pepes Kopf konnte denken, was er wollte. Sein Bauch hatte bereits entschieden. Und sein Bauch hatte entschieden, dass dieser Oktopus weder kriminell noch psychopathisch war. Er ließ seine Hand vom Mund sinken und flüsterte: »Ich helfe dir. Ich weiß zwar noch nicht, wie. Aber ich helfe dir.«

Da fiel ihm der Oktopus...



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