E-Book, Deutsch, 354 Seiten
Raabe Der Schüdderump
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-273-0017-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 354 Seiten
ISBN: 978-80-273-0017-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Der Schüdderump' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Im Jahr 1850 ist Adelheid von Lauen die Herrin des Lauenhofes im Dorf Krodebeck nahe bei Quedlinburg. Herr von Lauen ist allzu früh verstorben. Er hat einen Stammhalter hinterlassen. Das ist ein Vorschulkind - der Junker Hennig von Lauen.Ein Schüdderump, der sich vom Wald her dem Dorf nähert, jagt der alten Hanne Allmann im Siechenhaus einen Schreck ein. Der Schüdderump ist eine hölzerne Totenbahre auf Rädern, von der noch im 17. Jahrhundert Pestleichen in die Grube gekippt und geschüttet wurden. Der Fuhrmann bringt auf dem Karren die sterbende, mit schleichendem Zehrfieber in ihren Geburtsort verwiesene Marie Häußler und deren Tochter Antonie. Im Siechenhaus kümmert sich Hanne Allmann um die zwei Häußlers. Nachdem Marie gestorben ist, pflegt Hanne die kleine Antonie. Das Kind hat einen Großvater. Wilhelm Raabe (1831-1910) war ein deutscher Schriftsteller. Er war ein Vertreter des poetischen Realismus, bekannt für seine gesellschaftskritischen Erzählungen, Novellen und Romane.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Drittes Kapitel
Die Landstraße führt durch das Dorf Krodebeck, und jenseits des Dorfes, dem Norden zu, liegt ein wenig abseits der Straße ein kleines ärmliches Haus oder vielmehr eine niederträchtige verwahrloste Hütte neben einem Wassertümpel und dem Kirchhofe: das Armen-und Siechenhaus der Gemeinde. Unmalerisch ist das Ding nicht. Die Eschen-und Holunderbäume des Kirchhofs bilden einen ganz freundlichen Hintergrund für das graue Strohdach; allein ein Vergnügen ist es keineswegs, in dem Siechenhaus von Krodebeck leben und dem Dorfe zur Last liegen zu müssen.
Die Hütte enthielt zwei Gemächer, das eine rechts, das andere links von der morschen Eingangstür, dazu eine sehr primitive Zigeunerküche und unter dem Dache einen engen Bodenraum, in welchen Wind, Regen und Sonnenschein nach Belieben eindringen konnten. Manch liebes langes Jahr hatte an den schwarzen klebrigen Pfosten gerüttelt, und niemand zählte die schleichenden Schritte der Verlorenen, welche diese unglückselige Schwelle ausgetreten hatten. Von den kahlen Wänden hatte sich der Kalküberwurf längst abgelöst. Die Scheiben in den niedrigen Fenstern schillerten in jenen ironischen Regenbogenfarben, welche ein so arger Hohn auf jenes lieblichste Himmelszeichen sind, das einst der liebe Gott als den Bogen des Friedens über die ertränkten Geschlechter ausspannte; und gerade weil das alles so war, so hatte das Haus seine Geschichte wie das stolzeste Königsschloß, so gut wie das Heidelberger Schloß, die Alhambra und was es sonst für Ruinen in der Welt gibt.
Aber niemand hatte diese Geschichte aufgezeichnet, und so müssen wir uns an der melancholischen Moral genügen lassen, welche aus allen Ruinen aufwächst, einerlei ob sie einen Historienschreiber fanden oder nicht.
In dunkeln windvollen Herbst-und Winternächten tastete etwas wie mit unsichern Händen an den Wänden hin, klopfte an die Fenster und ächzte und stöhnte in den Winkeln oder gab sich mit einem dumpfen Fall und schnellem Laufen und Trappeln auf dem Dachboden kund. Dann kam es auch wohl häufig mit dem Ruß im Schornstein wie ein Schnarchen und Schnauben herunter, wie ein Fluch auf die harte, böse Welt, die solche Zufluchtsorte für ihre Armen, Kranken und Beladenen bauen kann; dann – ja dann war es Nacht und Winter und nicht heller Tag und Sommer wie damals, als das alte Weib, in jener Zeit die einzige Bewohnerin des Siechenhauses, am offenen Fenster in der Sonne saß und auf der Landstraße jenen Karren, der eine so große Ähnlichkeit mit dem Schüdderump hatte, vorbeikommen sah.
Das wäre die rechte Historiographin für die Hütte gewesen, diese alte Frau, welche an jenem Tage das Reich allein hatte im Siechenhaus zu Krodebeck und welche schon so manche Generation in dem armseligen, häßlichen Asyl hatte kommen und schwinden sehen! Es ist die Eigenart solcher Häuser, daß sie manchmal voll bis zum Überlaufen und manchmal leer sind wie das Gehirn eines Narren oder wie das Herz eines Klugen. Es hatte Zeiten gegeben, wo der Raum für die Bewohner des Hauses durch Kreidestriche auf dem Fußboden nach Zollen abgemessen war, wo das Alter in jedem Winkel hockte und mummelte, wo die Krankheit bis unter das Strohdach sich wand und wimmerte und wild hinausschrie, wo unter den Lagerstätten der mit dem Nervenfieber Behafteten die Kinder krochen, kreischten und zappelten, bis der Tod und der Gemeinderat aufräumten. Der letztere pflegte nämlich in den Nervenfieberzeiten Erd-und Strohhütten auf dem Anger vor dem Dorf zu errichten.
Der Säuferwahnsinn, der Blödsinn und die gemeine verkommene Brutalität des aus dem Zuchthause entlassenen Verbrechers waren in dem Siechenhause zusammengehäuft worden, und das alte Weib hatte damit hausen müssen und hätte darüber reden und schreiben können. Sie tat aber selbst das erstere nicht gern; denn sie hatte sich leider diesen Dingen und Zuständen gegenüber nicht die gehörige Objektivität bewahrt, sondern ganz jämmerlich und subjektiv darunter gelitten und schauderte sprachlos, wenn sie daran dachte. Es war lächerlich, allein dessenungeachtet doch wahr: die alberne alte Person hatte unter dem Geschrei und Gestöhn, den Zoten und Flüchen an ihren Nerven gelitten wie die vornehmste Dame, die nicht zwanzig lange Jahre hindurch dergleichen ertragen und anhören mußte. Man konnte nicht verlangen, daß, als endlich der Alte da oben ein Einsehen tat, gesunde und nahrhafte Jahre schickte und die Bevölkerung des Siechenhauses zu Krodebeck auf die eine oder die andere Art lichtete, daß, sage ich, die Alte hier unten sich hinsetze, ihr Elend beschreibe und den Schüdderump als das einzig echte und wahrhaft philosophische Vehikel für alle Dinge und Vorkommnisse auf Erden hinstelle!
Sie versuchte höchstens, die Stille und Einsamkeit zuguterletzt noch einmal zu einem kurzen Nachdenken über ihr eigenes Leben und ihren eigenen Tod zu benutzen; allein auch das ging schlecht genug, und das war kein Wunder in Anbetracht der übermäßigen Betäubung.
Die Landstraße lag in der vollen Glut der Julisonne da, und man übersah sie von dem Fenster des Armenhauses aus eine ziemliche Strecke, bis sie in einem Buchengehölz und Tannenwalde verschwand. Aus diesem Gehölz und Wald hervor kroch in einer Staubwolke der Karren, von dem wir eben redeten, und der uniformierte und mit einem großen Säbel bewaffnete Reiter, der ihn geleitete, ließ sein Pferd neben ihm im Schritt gehen. Es war ein grau angestrichener Karren mit einem grauen Leinwanddach, und er wurde von einem magern Gaule gezogen, dessen Lenker in einem blauen Leinwandkittel verdrießlich nebenherschritt. Er kroch langsam heran, aber die alte Frau im Siechenhaus hatte Zeit, ihn zu erwarten, und tat es in stumpfsinnigem Hinbrüten, indem sie die Hand über die blöden Augen hielt und mit schläfrigem Nicken ihm entgegensah, bis er dicht vor ihrem Fenster angelangt war und der Landreiter ironisch grüßend die Hand an die Pickelhaube legte.
Da blieb der zahnlose Mund offenstehen vor Schrecken, die alten, hagern, braunen Hände fingen mehr als gewöhnlich an zu zittern, und die Herrin des Siechenhauses zu Krodebeck hinkte mit leisem Ächzen vom Fenster weg, verkroch sich wieder einmal im dunkelsten Winkel und seufzte:
»O liebster Herrgott im Himmel, hol mich doch endlich ab aus der Welt, wenn du mir absolut keine Ruhe lassen willst!«
Der Karren fuhr dem Dorfe zu; die Grillen zirpten ruhig weiter in den Gräben, die Schwalben fuhren über den Weg, die Spatzen zankten sich in den Apfelbäumen; die Uhr auf dem Kirchturm schlug fünf, und es kam nicht das geringste darauf an, ob die Alte im Siechenhaus Ruhe haben sollte oder nicht.
An diesem nämlichen Nachmittag hatte die Familie auf dem Lauenhofe ihre Siesta ohne Störung gehalten, dann den Kaffee in einer der schattigen Lauben des Gartens eingenommen, und darauf war jeder seinen eigenen Wegen und Geschäften nachgegangen, ohne von dem andern gehindert zu werden, – alles nach gewohnter Sitte und Weise.
Es war ein ziemlich heißer Tag; aber es war ein schöner und, sozusagen, nahrhafter Tag. Die Harzberge erhoben sich lachend im blaugrünen Glanz, über den Feldern und Wiesen lag jenes Flimmern und Zittern, welches auch über den Werken der großen Dichter liegt und überall die Sonne zur Mutter hat.
Jeder Bauer verspürte den Tag wie einen Handschlag auf das Versprechen einer guten Ernte; jede Bäuerin schwitzte mit Behagen in den Abend hinein. Selbst aus den Ställen erklang das Gegrunz der Schweine wie ein mit Mühe unterdrückter behaglicher Jubel über die schönen Würste und fetten Schinken, welche die lieben Tiere für den Winterkohl des Jahres mit Selbstgefühl in der Stille heranbildeten. Gutmütig heiter sprudelten die Dorfbrunnen trotz der Wärme hervor, in den Baumgärten wälzten sich die Kinder im hohen Grase; die Hühner und Gänse gackerten und schnatterten im Schatten der Ackerwagen und der Hecken, und auf der Terrasse des Gutsgartens las Fräulein Adelaide von Saint-Trouin die Korrespondenz der Marquise de Pompadour, durch deren Erdichtung sich der jüngere Crébillon ein so großes Verdienst um die gebildete europäische Welt am Ende des vorigen Jahrhunderts erwarb.
Es stand ein chinesischer Pavillon auf dieser Terrasse, von welcher aus man die Dorfstraße und den Platz vor dem Hause des Schulzen überblickte. Schläfrig-träumerisch sahen Peccadillo und Mystax von der Mauerbrüstung auf das Dorf hernieder, und mit höhnischem Behagen sah von Zeit zu Zeit das Fräulein über seinen Crébillon weg auf den Band des Télémaque, welchen es dem Chevalier zur eigenen nützlichen Nachmittagslektüre und zur Bildung des jungen Hennig in die Hand gegeben hatte und welchen er sowohl wie der junge Hennig mit höflichem Mißbehagen in Empfang genommen hatten.
Da ein jeder der im Pavillon Versammelten die Aussicht kannte, so bekümmerte man sich durchaus nicht um sie, und das Gepolter eines vorbeifahrenden Karrens konnte die Aufmerksamkeit auch nicht erregen; aber der junge Hennig hatte, auf dem Knie des Chevaliers sitzend, soeben eine ziemlich anzügliche Bemerkung über den ehrenwerten Herrn Mentor gemacht, als ein von der Gasse herauftönendes Lärmen, ein verwirrtes Geschrei und Johlen sowohl den Fenelon als auch den Crébillon für den heutigen Tag vollständig zu den Akten legte.
Jener Karren, welcher dem alten Weibe im Siechenhaus einen so argen Schrecken eingejagt hatte, hielt jetzt vor dem Hause des Gemeindevorstehers, und ein guter Teil der Dorfbewohner war bereits um ihn versammelt und machte seinen Gefühlen durch das eben erwähnte Getöse Luft. Der Dorfschneider, welcher noch in dem süßen Kreise gefehlt hatte, kam eben eilig, um die Lücke...




