E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Rabisch Die vier Liebeszeiten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-946086-14-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-946086-14-7
Verlag: Verlag duotincta GbR
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Birgit Rabisch studierte Soziologie und Germanistik und lebt als Autorin in Hamburg. Sie hat bisher zehn Bücher veröffentlicht, darunter den utopischen Roman 'Duplik Jonas 7', der zum Bestseller und Standardwerk für den Schulunterricht zum Thema Gentechnologie avancierte.
Autoren/Hrsg.
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Frühling
Immer diese Angst, zu spät zu kommen! Aber heute ist es besonders peinlich. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Rena eine Verabredung mit einem Jungen. Nein, mit einem Mann. Ein Fünfundzwanzigjähriger ist ein Mann. Komischer Gedanke. Männer und Frauen, das sind doch die altertümlichen Wesen, die in der Erwachsenenwelt ihr ödes Leben fristen! Die sie, die Jungen und Mädchen, gängeln, triezen, malträtieren. Rena ist ihr ganzes Leben lang ein Mädchen gewesen, siebzehn Jahre lang ein artiges Mädchen, ein ungebärdiges Mädchen, ein kluges Mädchen, ein schüchternes Mädchen, ein Mädchen, an dem ein Junge verloren gegangen ist, aber immer ein Mädchen. Und jetzt? Ist sie jetzt eine Frau, weil sie sich gleich mit einem Mann treffen wird? Rena ist verwirrt. Eine Frau, die etwas auf sich hält, lässt den Mann warten, hat sie in der Tanzschule gelernt. Sie schaut sich nach einem Platz um, wo sie sich und ihr Fahrrad verstecken kann. Doch dann: Nein! Lächerlich! Sie richtet sich nicht nach den Benimmregeln von Anno dunnemals! Im Jahre 1970 gelten die ja wohl nicht mehr. Jedenfalls nicht für sie, entscheidet Rena. Was sich für Frauen schickt, was sich für Männer schickt, das können sie in den Tanzschulen ruhig weiter den unbedarften Gänschen und den sich aufplusternden Gantern eintrichtern. Sie pfeift auf die alten Rollenklischees!
Entschlossen schiebt Rena ihr Fahrrad über die Brücke zum Fähranleger Neumühlen. Noch bevor sie die Elbe sieht, atmet sie den vertrauten Geruch ein, den Geruch, den der Hamburger Hafen unters Wasser mischt. Teer, Öl, Rost? Irgendwie metallisch, denkt Rena, während sie ihr Fahrrad neben einer Bank auf dem Ponton abstellt. Der Ponton schwankt leicht, wird bewegt vom immerwährenden Schwell des Schiffsverkehrs, auch wenn jetzt gerade kein Schiff vorbeifährt. Nur eine Jolle mit eingefallenen Segeln lässt sich vom Flutstrom in Richtung Hafen treiben. Rena setzt sich auf die Bank und schaut der Jolle nach, aber nur kurz, dann blickt sie auf ihre Armbanduhr. Zwölf vor drei. Sie dreht sich zur Brücke um. Eine ältere Dame geht langsam, eine Hand am Geländer, zum Ponton herunter. Kein Hauke in Sicht. Um drei wird er kommen. Wenn er pünktlich ist. Wenn er Wort hält. Recht hat er mit seiner Wettervorhersage behalten:
Wir könnten eine Fahrradtour an der Elbe machen, am nächsten Sonntag zum Beispiel, hat er vorgeschlagen.
Und wenn’s regnet?
Es regnet nicht.
Acht Tage im Voraus weiß das nicht mal der Wetterfrosch vom Fernsehen.
Ich weiß es.
Angeber.
Und jetzt sitzt sie hier an einem sonnigen Maitag wie er im Gedicht steht und wartet auf den Mann, der das Richtige angegeben hat. Glückstreffer, klar, und ein Glück für ihr Treffen. Vorgestern hat es noch in Strömen geregnet. Wieso ist Hauke sich so sicher gewesen? Hat er sich nur über sie lustig gemacht? Oder über sich selbst? Rätselhaft. Verwirrend. Verstörend. Wie der Abend vor einer Woche, an dem sie ihn kennengelernt hat.
* * *
Rena hatte nicht viel Lust, auf die Geburtstagsfete ihrer Freundin Monika zu gehen, um dort mit ihren Klassenkameraden herumzuhocken, Cola zu trinken und über ihre Lehrer zu lästern. Die Jungen, mit denen sie seit Kurzem gemeinsam lernte, interessierten sich für Rena nur, wenn sie Hausaufgaben in Mathe von ihr abschreiben wollten. Oder in Physik. Oder in Chemie. Sie war als Intelligenzbestie verschrien und mit Bestien flirtete man nicht. Rena hatte Monika trotzdem zugesagt. Sie wollte ihre Freundin nicht enttäuschen und außerdem lockte Monika damit, dass sie noch andere Gäste eingeladen habe, zum Beispiel ihren Cousin Hauke, der sei Student und lebe in einer Kommune. Ein echt progressiver Typ! war das höchste Lob in Monikas und Renas Bewertungsskala für männliche Wesen. Die meisten ihrer Klassenkameraden sortierten sie dagegen irgendwo zwischen und ein.
Am Sonnabend klingelte Rena um 19 Uhr an der Tür der Stadtvilla, in der Monika mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jochen wohnte. Sie war auf die Minute pünktlich und also war sie wieder mal zu früh. Niemand sonst kam auf die Idee, zu einer Fete, die um 19 Uhr anfangen sollte, vor 19:30 Uhr zu erscheinen; die meisten würden wohl erst gegen 20:00 Uhr aufkreuzen. Doch Monika begrüßte sie mit einem erleichterten:
Gut, dass du schon da bist! Help!
Rena verstand sofort. Den Beatles-Song ! hatten sie zu ihrer Freundschaftshymne erkoren. Und mit ! konnten sie um Hilfe bitten, während ihnen ein ! nie über die Lippen gekommen wäre. Monika zog sie ins Haus hinein und führte sie in die Küche, in der ein ungewohntes Chaos herrschte. Rena kannte sie von früheren Besuchen nur blitzeblank, fast klinisch steril, und stellte sich immer vor, dass Monikas Vater sein ihr unheimliches Gewerbe als Frauenarzt in einem ähnlich unwirtlichen Raum ausübte. Jetzt lagen überall angebrochene Käse- und Wurstpackungen herum, die Spüle glänzte fettig, Weintrauben lagen zerquetscht am Boden, Brotkrümel knirschten unter den Schuhsohlen:
Diese Scheiß Schnittchen! Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert, ein paar Brote zu schmieren, jammerte Monika. Und die Gläser muss ich noch runterbringen. Und wo sind denn bloß die Strohhalme …
Ich denk, Jochen wollte dir helfen?
Superhilfe, aber wirklich! Mein lieber großer Bruder fühlt sich nur für die Musik zuständig. Seit Stunden hockt er vor der Anlage und sortiert die Platten um und um!
Und deine Eltern?
Monika verzog das Gesicht und imitierte mit hoher Stimme ihre Mutter:
Du musst schon lernen, dich selbst um deine Gäste zu kümmern, meine liebe Monika! Papa und ich gehen heute Abend ins Theater.
Mit normaler Stimme ergänzte sie:
Die sind bloß sauer, dass ich keinen Kindergeburtstag mehr feiern will mit Topfschlagen und Stopptanz! Mein Gott, das ist mein siebzehnter!
Rena lachte. Ihre Freundin übertrieb. Sie wurde allgemein um ihre liberalen Eltern beneidet, die ihr selten etwas verboten. Ihr Gejammer löste kein Mitleid bei Rena aus:
Was soll ich denn sagen! Ich muss schon um elf wieder zu Hause zu sein.
Echt brutal.
Let’s forget about the dinosaurs! Überlass mir mal die Schnittchen und kümmre du dich um den Rest!
Monika bedankte sich mit einem Kuss in die Luft und rannte aus der Küche.
Zwei Stunden später waren die Schnittchen vertilgt, aus den Boxen im Partykeller dröhnte der Schrei der Rolling Stones nach und im angrenzenden Trockenkeller, der mit ein paar Girlanden über seine alltägliche Funktion nur mühsam hinwegtäuschte, gebärdeten sich tagsüber brave Gymnasiasten als wilde Tänzer.
Wo bleibt denn dein Cousin Hauke?, flüsterte Rena Monika in einer Pause zwischen zwei Songs zu.
Monika zuckte mit den Achseln, öffnete aber gleich darauf in einer Willkommensgeste die Arme, denn in dem Moment betrat ein großer, schlanker Mann den Partykeller, von dem Rena im ersten Moment vor allem den wilden blonden Lockenschopf wahrnahm. Ein nordischer Jimi Hendrix, schoss ihr durch den Kopf und sie begriff sofort, dass dies Hauke war, auch wenn sie den Namen nicht verstand, den Monika ihr ins Ohr brüllte, genauso wenig wie er wahrscheinlich ihren, als Monika versuchte, sie ihm vorzustellen. Er nickte Rena freundlich zu. Discjockey Jochen schob den Lautstärkeregler seiner neuen Stereoanlage noch ein bisschen höher und die Stones forderten ultimativ: ! Der Neuankömmling nahm es als Aufforderung, sich sofort auf die Tanzfläche zu begeben. Rena blieb an eine Wand des Trockenkellers gelehnt stehen, sah ihm zu und staunte. Während ihre Klassenkameraden irgendwie zum Rhythmus der Musik herumzappelten, war der Rhythmus in Haukes Körper, oder nein, sein Körper war Rhythmus, seine Bewegungen waren Musik. Sie hatte noch nie einen Mann so tanzen sehen. Es zog sie in seine Nähe, sie schlängelte sich an den Zappelnden vorbei zu ihm hin, sie tanzte um ihn herum, versuchte, auch ihren Körper ganz von der Musik erfassen zu lassen.
! ! ! ! !
Plötzlich wurde sie von hinten angerempelt und fiel gegen Hauke, der sie nicht nur auffing, sondern auch ihren Arm ergriff und sie in eine Ecke bugsierte, in der das Gedränge nicht ganz so stark war. Als der echte Jimi Hendrix die Stones ablöste und seiner drohte !, lächelte der nordische Rena herausfordernd an. Sie hielt seinem Blick stand, sah in große blaue Augen und fragte sich, was die sahen. Eine fuchsrote Lady jedenfalls nicht. Nicht mal eine Lady, sondern nur ein braunhaariges Schulmädchen mit langem Pferdeschwanz. Beim nächsten Song, in dem die Beach Boys den huldigten, zog sie mit einem geübten Griff die Spange aus ihrem Haar und ließ es frei, ließ auch ihren Körper frei, befreite ihn aus dem Korsett ihrer Gedanken und gab sich ganz den besungenen guten Schwingungen hin. Die verbanden sie mit ihrem Gegenüber, mit diesem Mann, der getrennt von ihr tanzte, und doch schienen ihre Körper sich im Einklang zu bewegen, aufeinander zu antworten, sich wortlos zu verständigen. Ewig hätte Rena so weitertanzen mögen, aber plötzlich kündigte Discjockey Jochen eine Pause an und sofort war Rena wieder in...




