Rabten | Rat eines tibetischen Meisters | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Rabten Rat eines tibetischen Meisters


1. Auflage 2017
ISBN: 978-2-88925-094-3
Verlag: Edition Rabten
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-2-88925-094-3
Verlag: Edition Rabten
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Gesche Rabten erläutert hier einen Klassiker des tibetischen Buddhismus, Die Geistesschulung in sieben Punkten von Gesche Tschekawa, einem Kadampa-Meister aus dem zwölften Jahrhundert und hat damit selbst einen Klassiker geschaffen, der nun endlich auch in einer deutschen Fassung vorliegt.

1977 in einem der ersten Bücher zu dieser alten Methode der heilsamen Veränderung des Geistes (Lodschong) auf Englisch erschienen, hat Gesche Rabtens Kommentar nichts an Aktualität eingebüsst, denn es gelingt ihm, den äusserst kompakten Urtext in einen anwendbaren persönlichen Ratschlag zu übersetzen, der das ganze Spektrum des Weges zur Befreiung abdeckt, von den vorbereitenden Übungen über die Erzeugung des Erleuchtungsgeistes und die Umwandlung von widrigen Umständen bis hin zur Meditation über die Leerheit.

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Die Hauptanwendung


Im Mittelpunkt der transformierenden Psychologie der Geistesschulung steht die Anwendung des Erweckens des Erleuchtungsgeistes, Bodhitschitta, der wie alle Phänomene zwei Aspekte hat: letztlich und konventionell. Der erste Aspekt beinhaltet das Entwickeln der richtigen Ansicht oder die Realisation der Leerheit (Schunyata). Der zweite Aspekt, der konventionelle Erleuchtungsgeist, ist wiederum zweigeteilt: das Entwickeln des altruistischen Wunsches, den völlig erleuchteten Zustand des Geistes zu erlangen, und die eigentliche Anwendung der Übungen und Meditationen, die zu diesem führen.

Erzeugung des letztlichen Erleuchtungsgeistes


Nachdem du Stabilität gewonnen hast,

erhalte die geheime Lehre.

Bevor man die geheime Unterweisung über den letztlichen Erleuchtungsgeist erhält, ist es wichtig, sich gut vorzubereiten und eine starke Überzeugung und ein vollkommenes Verständnis der grundlegenden Themen wie Handlungen und ihre Resultate, das Leid des Daseinskreislaufes und Vergänglichkeit zu finden. Nachdem man darüber eine feste Gewissheit erlangt hat, kann man in der geheimen Lehre unterrichtet werden. Ohne diese stabile Grundlage besteht die Gefahr, in das Extrem des Nihilismus zu verfallen.

Von allen Lehren Buddha Schakymunis ist die Leerheit am schwierigsten zu verstehen. Jede der vier philosophischen Schulen des Buddhismus (Vaibhaschika, Sautrantika, Tschittamatra, Madhyamika) hat eine unterschiedliche Auffassung der Leerheit, entsprechend dem Grad der Präzision ihres Verständnisses. Die Schule des Mittleren Weges (Madhyamika), die von Arya Nagardschuna gegründet wurde, vertritt die genauste Anschauung. Weil die Leerheit schwer zu verstehen ist und es tückisch ist, sie misszuverstehen, hat Nagardschuna in seiner Wurzel der Weisheit gesagt: «Die Leerheit falsch zu verstehen, ist als fasste man eine Schlange falsch an – es zerstört diejenigen mit geringer Intelligenz.»

Die Periode der Meditation


Das Objekt der Verneinung identifizieren

Innerhalb des Daseinskreislaufes werden unzählige Lebewesen von Leiden gequält, weil sie ständig die Wurzel zahlloser Verblendungen mit sich herumtragen. Die eine Wurzel aller Verblendungen ist die Unwissenheit des Greifens nach den Phänomenen als inhärent oder unabhängig existent. Sie ist als die nach dem Selbst greifende Unwissenheit bekannt (atmagraha-avidhya). Hier wird die Leerheitsmeditation zuerst erklärt, weil sie das direkte Gegenmittel ist, um diese selbstgreifende Unwissenheit zu eliminieren. Im Kampf versuchen Soldaten sich gegenseitig zu töten, aber sie zielen besonders auf den Führer der anderen Partei. Genauso sollte das Hauptziel der Dharma-Anwendung die Zerstörung unserer Unwissenheit des Greifens nach dem Selbst sein, denn sie ist die Wurzel aller Leiden.

Im Grunde spricht man von zwei Arten des Selbstgreifens: die Vorstellung eines Selbst oder einer konkreten Ich-Identität in Bezug auf die eigene Person und die Vorstellung einer inhärenten Identität in Bezug zu anderen Phänomenen.

Meditation über Leerheit bedeutet nicht, unseren Geist einfach frei und leer von allen Gedanken zu machen. Vielmehr müssen wir uns in den Anfangsstadien der Meditation bemühen, die Natur der Unwissenheit, die nach der Vorstellung eines Selbst greift, zu entdecken und genau zu verstehen, wie sie funktioniert. Nur dann können wir die Fehlerhaftigkeit dieser Unwissenheit und die Leerheit erkennen. Es bringt nichts, einen Pfeil abzuschießen, ohne das Ziel zu kennen und es ist ebenso bedeutungslos, über Leerheit zu meditieren, ohne die Vorstellung der Identität des Selbst zu identifizieren.

Nun folgt eine kurze Erklärung über die Art und Weise, in der uns alles aufgrund der Unwissenheit erscheint.

Es mag sein, dass einige von uns bereits ein gewisses intellektuelles Verständnis davon haben, dass unser Geist die Erscheinungen der Phänomene gegenwärtig in einer falschen Weise sieht. Wir machen vielleicht sogar Aussagen wie: «Oh, was ich wahrnehme, existiert in Wahrheit nicht so, wie ich es gerade sehe, sondern anders.» Aber die meisten von uns können die volle Bedeutung solcher Worte nicht wirklich einschätzen und wir glauben weiterhin, dass wir selbst ebenso wie alle äußeren Phänomene als unabhängige Entitäten oder Dinge existieren. Würde uns jemand fragen, ob irgendetwas unabhängig, von seiner eigenen Seite her existieren könnte, wären wir gezwungen zu antworten, dass entgegen der gewöhnlichen Erscheinung nichts wirklich so bestehe. Trotzdem haben wir immer noch zutiefst das Gefühl, dass alles, was wir wahrnehmen, unabhängig von seiner eigenen Seite her existiert.

Wenn wir zum Beispiel die Worte auf dieser Seite lesen, neigen wir automatisch zu der Auffassung, dass sie unabhängig, von ihrer eigenen Seite her bestehen. Wir ziehen nicht ihre Beziehung zu uns selbst, den Faktor unseres Bewusstseins oder unsere Art, sie wahrzunehmen, in Betracht. Während wir an der Vorstellung unabhängiger Existenz festhalten, lesen wir weiter, ohne uns der gegenseitigen Abhängigkeit der Dinge bewusst zu sein. Das gilt für alle Phänomene, die wir wahrnehmen. Aber diese Erscheinung aller äußeren Objekte und unserer eigenen Person, als wären sie unabhängige Wesenheiten, ist nur oberflächlich und hält einer Analyse nicht stand. Wenn wir gründlich nach der zugrunde liegenden Bestehensweise suchen, der tatsächlichen Natur der Wirklichkeit, verliert die Erscheinung der Dinge als unabhängige Entitäten nach und nach an Deutlichkeit, bis sie schließlich verschwindet.

Im Allgemeinen unterscheidet sich die falsche Auffassung, dass die äußeren Phänomene unabhängig existieren, nicht von der Art und Weise, in der die meisten von uns sich selbst sehen, da wir uns für genauso unabhängig halten. Normalerweise ist es uns nicht klar, wie der Glaube in die Ich-Identität unserer eigenen Person arbeitet, aber wenn starke Emotionen wie Freude, Sorge, Hass und Furcht entstehen, ist es leichter zu sehen.

Würde uns beispielsweise die Polizei grundlos festnehmen, würden wir eine intensive emotionale Reaktion verspüren. Bei einer solchen Gelegenheit würden wir ein sehr starkes «Ich» erfahren, das von Gedanken wie «Ich kann nicht so festgenommen werden!» ausgedrückt wird. Wenn das passiert, müssen wir die Ankläger vergessen und stattdessen in uns selbst hineinschauen und dieses «Ich» untersuchen, das von sich selbst her zu existieren scheint, unabhängig von Körper und Geist. Eine solche Situation bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, um unsere Vorstellung von einem «Ich» zu entdecken und zu analysieren.

Indem wir die Funktionsweise unseres Ego regelmäßig beobachten und auch untersuchen, wie wir nach äußeren Objekten greifen, als hätten sie eine Art von Selbstexistenz, werden wir schließlich erkennen, dass die Erscheinung der Phänomene mit wahrer Existenz nur das Produkt unserer Unwissenheit ist, in ihrer Natur wie ein Traum. Deshalb steht im Text:

Betrachte alle Phänomene wie einen Traum.

Träume scheinen manchmal völlig real, besonders Albträume, in denen wir beispielsweise von einem wilden Tier angefallen oder von einer furchterregenden Erscheinung verfolgt werden. Wenn wir träumen, scheint das alles physische Realität zu besitzen und ganz in der Lage zu sein, Nutzen, Leid oder Furcht zu bringen. Tatsächlich kann ein Albtraum so lebendig sein, dass wir plötzlich keuchend und schweißgebadet aufwachen. Alles jedoch, was wir im Traum fühlen und sehen, ist nur illusionär und hat überhaupt keine wirkliche oder wahre Existenz.

In der gleichen Weise bietet sich uns, wenn wir starke Emotionen empfinden, eine besondere Gelegenheit, in uns hineinzuschauen und genau zu beobachten, wie die Erscheinung der Ich-Identität in Bezug zu unserer Person von unserer Unwissenheit aufgefasst wird. Diese Unwissenheit ist selbst wie ein Traum, eine Illusion, die in uns zutiefst verwurzelt ist. Sie hält normalerweise in Bezug zu allem und jedem an der Idee eines Selbst fest, aber unter besonderen Umständen greift sie mit größerer Intensität nach der unabhängigen Identität und kann so klarer beobachtet werden. Unter ruhigeren Bedingungen können wir nicht sehen, wie sie arbeitet, weil sie so subtil ist.

Am Beginn der Meditation über Leerheit verbringt man viele Monate einfach nur mit dem Versuch, das Objekt der Unwissenheit zu identifizieren und zu sehen, wie die Unwissenheit funktioniert und nach dem Selbst greift. Erst mit diesem Verständnis sind wir fähig, dieses Objekt zu widerlegen und nicht vom störenden Einfluss des Greifens nach ihm abgelenkt zu werden. Die Leerheit des Objektes der Verneinung zu sehen, ist der Weg, der zu einem wirklichen Verständnis der Leerheit führt. Man wird niemals zu einer Erkenntnis gelangen, wenn man ohne dieses anfängliche Verständnis meditiert, das Objekt der Verneinung nicht erkennt und denkt, Leerheit sei wie der leere Raum in einem Zimmer, denn das ist keinesfalls die Bedeutung der letztlichen Wahrheit.

Wenn sich ein Dieb unter eine Gruppe von Menschen gemischt hat, müssen wir ihn zuerst identifizieren, bevor wir ihn hinauswerfen und mit Sicherheit sagen können, dass das Haus leer von Dieben ist. In ähnlicher Weise müssen wir, um die Leerheit zu verstehen, die die direkte Negation des Objektes der selbstgreifenden Unwissenheit ist, zuerst das Objekt dieser Unwissenheit erkennen und...



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